LAST CHANCE TO REASON: Level 2

LAST CHANCE TO REASON: Level 2

Die Vision einer virtuellen Realität, ein Leben im Datenstrom, die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und digitaler Zuflucht. Was ist überhaupt Realität? Wo beginnt sie und wo hört sie auf? Was nach Cyberphilosophie und nerdigem Utopia klingt, ist nicht nur das zentrale Thema von „Level 2“, sondern tatsächlich ein hochinteressanter Fragenkomplex, den LAST CHANCE TO REASON aufwerfen. Um die grundlegende Problematik erst recht zu verdeutlichen, lassen die Amerikaner diese Fragen von einer künstlichen Intelligenz erforschen, die im Laufe des Gesamtkonzepts vor allem eines immer wieder reflektiert: „Is there truth to this digital life?“

Definitiv alles andere als Illusion sind hingegen die Hingabe sowie der Sachverstand, mit dem LAST CHANCE TO REASON ihrem künstlichen Universum Gestalt verleihen. Als ob BETWEEN THE BURIED AND ME mit den CYNIC-Musikern ein bis dato geheimes Nebenprojekt betreiben würden, breitet sich „Level 2“ aus und spaziert mit Leichtigkeit auf dem schmalen Pfad zwischen diesen beiden Haupteinflüssen, ohne je ins Straucheln zu kommen. Die Härte und Komplexität von BETWEEN THE BURIED AND ME erreichen LAST CHANCE TO REASON zwar nie, verlieren sich dafür aber ebenso wenig in immer vertrackteren und unübersichtlicheren Arrangements.

„Level 2“ gleicht einem unablässigen Datenstrom

Vielmehr geben sich verschachtelte Riffs und eingängige bis sphärische Gesangslinien die Klinge in die Hand; dezente MESHUGGAH-Rhythmik samt brutalen Growls trifft auf verträumte Passagen im schwerelosen Datenspeicher. Um die Illusion der digitalen Welt aufrecht zu erhalten, sind die Synthesizer von Brian Palmer ein zentraler und essentieller Baustein. Obwohl allgegenwärtig, treten die Keyboards nie zu dominant in Erscheinung, spielen vielmehr immer exakt die Rolle, die von ihnen bei der Erschaffung einer glaubwürdigen, virtuellen Realität erwartet wird.

Diese gleicht im Übrigen einem unablässigen Datenstrom, welchen ich nur ungern auseinander reißen möchte. Level 2 umfasst einerseits zehn Tracks, doch sind diese eigentlich einzelne Kapitel eines allumfassenden Songs, der optimalerweise am Stück gehört werden sollte. Dabei ist es letztendlich irrelevant, ob nun „Upload Complete“, „Programmed For Battle“, „Coded To Fail“ oder „Portal“ als stellvertretender Ausschnitt herangezogen wird – die spieltechnische Leistung ist durchgehend auf hohem Niveau und reicht von versierten Bassläufen („Coded To Fail“), über verquere Keyboardspiralen („Programmed For Battle“), bis hin zu Finger brechenden Riffkonstrukten („Portal“). Wo ein vergleichbares Universum wie „Tron“ auf visueller Seite mit stilvoller Sterilität besticht, sind die Wahrnehmungsorgane bei LAST CHANCE TO REASONs musikalischer Datenwelt bis zum Äußersten gefordert, ohne das schöpferische Dreieck aus Anspruch, Kreativität und Balance je aus den Fugen zu reißen.

Die virtuelle Suche nach der Realität

„Level 2“ gehört demzufolge zu den rar gesäten Ausnahmealben des Jahres 2011 und dürfte nicht nur Nerds, sondern vor allem auch Liebhaber von originellem Progressive Metal mit Death-Einschlag ansprechen. Ob die virtuelle Suche nach der Wirklichkeit gelingt, dürfen Fans im Übrigen selbst erproben, denn als besonderes Alleinstellungsmerkmal erscheint Level 2 mit etwas Verspätung als 2D Jump’n’Shoot im Stil von Klassikern wie „Metroid“ und „R-Type“, dessen ersten Level man über den Band-Blog kostenfrei herunterladen und antesten kann. Damit hat man es am Ende also doch selbst in der Hand.

Veröffentlichungstermin: 27.05.2011

Spielzeit: 43:48 Min.

Line-Up:
Mike Lessard – Vocals, Harmonies
AJ Harvey – Guitar
Tom Waterhouse – Guitar
Brian Palmer – Keyboards
Chris Corey – Bass
Evan Sammons – Drums, Programming

Produziert von Jamie King und LAST CHANCE TO REASON
Label: Prosthetic Records

Homepage: http://www.lastchancetoreason.com

LAST CHANCE TO REASON „Level 2“ Tracklist

01. Upload Complete (Video bei YouTube)
02. Coded To Fail
03. Taking Control
04. Temp Files
05. Programmed For Battle
06. Portal
07. The Parabolic
08. The Linear
09. The Prototype
10. Apotheosis

Florian Schaffer
Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.