IWRESTLEDABEARONCE: Late For Nothing

IWRESTLEDABEARONCE: Late For Nothing

Nachdem ich dank der Review des Kollegen Captain Chaos anno 2011 auf IWRESTLEDABEARONCEs „Ruining It For Everybody“ aufmerksam wurde, ging alles ganz schnell. Kaum eingetütet, rotierte das gute Stück auch schon eifrig im heimischen CD-Player. Es dauerte nicht lange, schon war die Diskographie mit der „IWRESTLEDABEARONCE EP“ (2007) und „It´s All Happening“ (2009) vervollständigt. Nun gute zwei Jahre später wird mir die Ehre zuteil, mit „Late For Nothing“ den aktuellen Longplayer der von unterschiedlichsten Genres (Deathcore, Alternative, Jazz, Elektro, Pop…) beeinflussten, progressiven Modern-Metal-Band zu besprechen.

Schon nach dem ersten Durchlauf wird klar, dass die Kalifornier mit ihrem neuesten Streich nochmals deutlich an Popularität gewinnen dürften. Die nach wie vor voller Energie strotzenden Herren nebst neuer Frontsängerin machen da weiter, wo der Vorgänger aufgehört hat. Sprich, mehr Eingängigkeit, weniger „Durcheinander“. Dieses Mal nimmt man allerdings gleich zwei Stufen auf einmal. Die fünf „Bartender“ setzen bei ihren Neukreationen zwar weiterhin auf einen Mix aus Härte, melodiöser Schönheit und Wahnsinn, allerdings haben sich die Proportionen verschoben. Und zwar deutlich. Die melodiösen Parts sind wesentlich stärker vertreten, der Wahnsinn zeigt sich subtiler. An Härte hat man indes keinen Deut eingebüßt, jedoch muss sie mit weniger Raum vorliebnehmen.

Der vielseitige Opener (Intro erinnert an „The Quiet Place“ von IN FLAMES, Dancefloor-Break…) „Thunder Chunky“ schwankt zwischen leichter Schwermut, Wut und Hoffnung und erfasst damit sogleich die Grundstimmung des Albums. Im Kontrast zu den garstig gebellten Vocals / Growls stehen die mit Klargesang vorgetragenen, sich neuerdings immer brav wiederholenden, für meinen Geschmack häufig zu langen Refrains / potentiellen Hooks. Aufgrund einer gewissen Gleichförmigkeit landet ein Drittel der Mitsingpassagen bei mir leider nur im Kurzzeitgedächtnis. Trotzdem eine gute Quote, wenn ich auch die völlig unvermittelt einsetzenden Gesangspassagen vermisse.

Auch die total aus dem Kontext gerissenen Intermezzi sind so gut wie passé. „Late For Nothing“ baut auf den (naturbelassenen) Fluss. Das bedeutet schwankende Wasserstände und Strukturvielfalt. Nehmen wir mal eine Passage aus der bärenstarken Vorabsingle „Firebees„. Eine kleine Gitarrenmelodie setzt ein, der rhythmische Unterbau schwenkt schlagartig von heavy zu jazzy um, die Melodie variiert, lässt die Stimmung kurzzeitig ins fröhlich-bes(ch)wingte kippen und ehe man sich versieht, wird auch schon wieder alles in Raserei zu Kleinholz verarbeitet. Am Ende walzt „Rickshaw“ nochmal über das Trümmerfeld. Sicher ist sicher. Das aktuelle Songmaterial ist immer noch weit davon entfernt, Langeweile aufkommen zu lassen – der dicke Ast des bandeigenen Überraschungsei-Faktors ist wegen der leichter vorherzusehenden Songstrukturen zwar angeschlagen, jedoch noch lange nicht abgesägt. Die Gitarrenabteilung trägt ihre, teils herrlich dissonanten, Riff- und Lick-Attacken gewohnt präzise vor, ohne im Zusammenspiel mit der Rhythmusgruppe den Groove zu vernachlässigen. Einer der coolsten Grooves wird im dynamischen „Letters To Stallone“ (das Video dokumentiert die Europa-Tour 2013) aufgefahren, in dessen ausgedehnter Schlussphase sich ein und dasselbe Riff – begleitet von einer Akte-X-artigen Melodie – immer weiter auftürmt, kurz vor Songende in den Lava-Gang runterschaltet und schließlich mit letzter Kraft ins Ziel schleppt. Klasse!

Das Stakkato-Riffing bleibt ebenso wie Mikey Montgomerys Doublebass-Spiel, weiterhin eines der zentralen Soundelemente der Band. Hierzu gehört auch die geschickte Platzierung elektronischer Klänge, die vornehmlich zur atmosphärischen Gestaltung / Verstärkung genutzt werden. Das Spektrum reicht hier von Geisterbahnsounds – wie im brutal-prügelnden „Snake Charmer“ -, düsterem Chorgesang bis hin zu Pianoklängen, die gerade im melancholischen „Inside Job“ eindrucksvoll zur Geltung kommen.

Kommen wir zum Neuzugang. Cortney LaPlante (Ex-UNICRON) ersetzt Gründungsmitglied Krysta Cameron schon seit der Warped Tour 2012 am Mikro – Cameron hatte die Band zuvor aufgrund ihrer Schwangerschaft inmitten der laufenden Live-Aktivitäten verlassen. Was die Unterschiede der Gesangskünste beider Damen angeht, habe ich den Eindruck, dass sich Cortney zwar – gerade bei den extremen Vocals – stärker durchsetzen kann, allerdings ein bisschen weniger Facettenreichtum besitzt als ihre Vorgängerin. Letztere hatte mehr Soul in der Stimme und wies im Clean-Gesang eine Emotionalität und Zerbrechlichkeit auf, die von LaPlante unerreicht bleibt. Kein Grund zum jammern, schließlich haben IWRESTLEDABEARONCE eine Sängerin mit Power und Leidenschaft ins Boot geholt, die sowohl im (extrem) bösen als auch im sanften Klangspektrum eine verdammt gute Figur macht. Letzten Endes entscheidet natürlich wie immer der persönliche Geschmack.

LaPlante hat übrigens einiges mit „How I Met Your Mother“-Star Cobie Smulders aka Robin Scherbatsky gemeinsam:

1. Sie hat eine von fünf Hauptrollen inne.
2. Gesang ist in ihrem Leben(slauf) von entscheidender Bedeutung. 
3. Sie ist Kanadierin. 

Unnützes Wissen macht sich hin und wieder eben doch bezahlt… oder auch nicht.

Steven Bradley (Guitar, Keyboard, Programming, Samples) selbst, äußert sich zu „Late For Nothing“ u.a. folgendermaßen:

„Unserer Meinung nach macht das Hören dieses Albums viel mehr Spaß. Die unerwarteten Wendungen und Wechsel und die arhythmische Härte sind natürlich nicht verschwunden, bereichern die Songs aber mehr als je zuvor. Außerdem spielt Steve Vai ein Solo auf dieser Platte, und das macht sie automatisch zu unserer bisher besten.“ (S. Bradley/ Presseinfo)

Es bleibt offen in welcher Gewichtung hier nerdige Heldenverehrung, Stolz und Humor bezüglich des gelungenen Gastauftritts von Gitarrengott Steve Vai zusammenkommen. Humor zeigt die Band auch im leicht Bluna-mäßigen Video zu „Boat Paddle“, in dem man Superheldengeschichten aufs Korn nimmt. Die Fünf haben sichtlich ihren Spaß. Sympathisch das. Zurück zum prominenten Gastbeitrag. IWRESTLEDABEARONCE zaubern dem halbminütigen Solo des Maestro im schräg-treibenden „Carnage Asada“ mit Piano, Bläsern und Drums / Percussion eine äußerst stimmige Unterlage, die das genial-tänzelnde Saitenspiel wunderbar in Szene setzt und dessen spezielle Aura nochmals verstärkt. Mehr davon! Sehr gerne auch eigene Soli. Der kürzeste Track des Albums verdient eindeutig das Prädikat Highlight und knallt dank der vorausgehenden Verschnaufpause „Mind The Gap“ (Ballade) umso mehr. Die zweite, experimentellere Albumhälfte fällt, mit Ausnahme des bereits genannten, schwer einzuordnenden „Inside Job“ und dem starken Rausschmeißer „It Don´t Make Me No Nevermind“ ansonsten eher durchwachsen aus – das Dreigespann hat durchaus tolle Parts vorzuweisen, kann mich aber nicht richtig überzeugen. Die Suche nach dem episch-melodiösen Höhepunkt wirkt irgendwie unentschlossen.

IWRESTLEDABEARONCE haben wieder einmal bewiesen, dass sie nicht zu den Künstlern gehören die stehen bleiben. „Late For Nothing“ ist ein mutiges Album, dessen deutliche Öffnung hin zu einer größeren Zugänglichkeit, bei Teilen der Hörerschaft garantiert anecken wird. Der vierte Longplayer macht trotz der genannten Kritikpunkte eine menge Spaß und reiht sich bei meinen Bandfavoriten direkt hinter dem großartigen „Ruining It For Everybody“ ein. CU 2015!

Veröffentlichungstermin: 08.09.2013

Spielzeit: 37:55 Min.

Line-Up:
Courtney LaPlante – Vocals
Steven Bradley – Guitar, Keyboard, Programming, Samples
John Ganey – Guitar, Keyboard, Programming, Samples
Mikey Montgomery – Drums
Mike „Rickshaw“ Martin – Bass

Produziert von Steven Bradley
Label: Century Media

Homepage: http://www.iwrestledabearonce.com

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/iwrestledabearonce

Tracklist:
1. Thunder Chunky
2. Letters To Stallone
3. Snake Charmer
4. Boat Paddle
5. Firebees
6. Mind The Gap
7. Carnage Asada
8. The Map
9. That´s A Horse Of A Different Color
10. I´d Buy That For A Dollar
11. Inside Job
12. It Don´t Make Me No Nevermind