INSOMNIUM: Heart Like A Grave

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Wir hatten es nicht leicht miteinander zu Anfang, das neue INSOMNIUM-Album und ich. Mit ihrem Debütalbum „In The Halls Of Awaiting“ zogen mich die Finnen 2002 in ihren Bann (das lag auch daran, dass INSOMNIUM-Sänger Niilo Servanen damals noch sehr nach SENTENCEDs Taneli Jarva klang). Seitdem hat mir jedes Album ihrer Alben mindestens gut gefallen. „Winter’s Gate“, der Vorgänger von „Heart Like A Grave“ sogar besonders gut. Denn mit dem vierzigminütigen Song haben sie nach sechs Alben auch mal neue Wege beschritten. Und konnten, nebenbei bemerkt, das Album und seinen einzigen, überlangen Song auch live (zum Beispiel beim Konzert in Stuttgart im Januar 2017), auf eindringliche Weise umsetzen.

Große Erwartungen an „Heart Like A Grave“

Umso größer waren die Erwartung an „Heart Like A Grave“ – und umso größer die Skepsis nach der ersten Vorabsingle „Valediction“. INSOMNIUM stehen für mich für extrem melodiösen Death Metal, der sich über die Jahre vom Einfluss der finnischen Kollegen von SENTENCED oder AMORPHIS lösen konnte – dabei blieben INSOMNIUM im Kern immer eine Melodic Death Metal Band ohne große Experimente. Die Finnen haben mit ihren herzzerreißenden Melodien einen hohen Widererkennungswert – und gleichzeitig trotzdem eine gewisse Härte, Komplexität und Dynamik. Mit „Heart Like A Grave“ spielen INSOMNIUM diese Stärken gekonnt aus – und liegen trotzdem zwei Mal daneben.

INSOMNIUM probieren was Neues

„Valediction“ startet zwar furios, schlägt dann aber mit mehrstimmigem, klarem Gesang eine allzu gefällige Richtung ein. Verstehe ich nicht, denn Hits, also extrem eingängige Nummern, gibt‘s von INSOMNIUM zuhauf. Zum Beispiel „Daughter Of The Moon“ vom 2013er Album „Since It All Came Down“ oder dem schlichtweg genialen „The Promethean Song“  vom 2014er Album „Shadows Of The Dying Sun“. Nur haben diese richtig tolle, weil eigenständige und auf unnachahmliche Weise erhabene, ja fast gar majestätische Melodien. „Valediction“ hingegen ist mir stellenweise einfach zu cheesy – ungeachtet des schönen Video-Clips, den die Band dazu veröffentlicht hat.  Auch „And Bells They Toll“ kann nicht überzeugen, der düstere Song klingt wie eine Nummer, die es dann doch nicht auf das TYPE O NEGATIVE-Album „October Rust“ geschafft hat.

Ist „Twilight Trails“ der beste aller INSMNIUM-Songs?

Dafür ist das knapp neunminütige „Pale Morning Star“ ein vielschichtiger, grandioser Track und umspannt Raserei mit genau einem dieser mitreißenden Melodiebögen, die zum INSOMNIUM Signature-Sound geworden sind. Auch „Twilight Trails“ ist so dynamisch und opulent wie man sich es von den Finnen wünscht. Da stören auch ein paar Streicher im Hintergrund nicht, im Gegenteil sie sind so geschickt eingesetzt, dass sie den Song unterstützen statt alles zuzukleistern. Zumal die Gitarren mühelos zwischen Akustik-Gezupfe und fast schon russisch-karelischem Klängen mäandern. Der neue (dritte) Gitarrist Gitarrist Jani Liimatainen kam zwar in erster Linie zur Band, da Ville Friman aus beruflichen Gründen nicht immer touren kann. Er ist aber durchaus eine Bereicherung und nicht nur Ersatzspieler.  „Twilight Trails“ ist ein erhabener und erhebender Song und eines der Albumhighlights (vielleicht sogar eines der Highlights der kompletten INSOMNIUM-Diskografie). Und beim Titeltrack „Heart Like A Grave“ zeigen INSOMNIUM dann doch noch, dass sie den mehrstimmigen Klargesang integrieren können – hier passt er nämlich und wirkt nicht so willkürlich dazwischengepackt wie bei „Valediction“.

Unterm Strich ein Album, das viele Melodic Death Metal-Band so nie schreiben können. INSOMNIUM müssen aber auch damit leben, dass die Erwartungen an sie sehr, sehr hoch sind – und „Heart Like A Grave“ kann sie stellenweise nicht erfüllen.

VÖ: 5. Oktober 2019

Label: Century Media Records

INSOMNIUM „Heart Like A Grave“ Tracklist

Wail of the North
Valediction (Video bei YouTube)
Neverlast
Pale Morning Star (Lyrics-Video bei YouTube)
And Bells They Toll
The Offering
Mute Is My Sorrow
Twilight Trails
Heart Like a Grave (Video bei YouTube)
Karelia

Line-up:
Markus Hirvonen – Drums
Ville Friman – Gitarre, Gesang
Niilo Sevänen – Gesag, Bass
Markus Vanhala – Gitarre
Jani Liimatainen – Gitarre, Gesang

 

 

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...