HEAVEN SHALL BURN: VETO

HEAVEN SHALL BURN: VETO

Es ist der Schild, der jeder Armee widersteht. Die Waffe der Diplomatie, die jede Mehrheit zum Schweigen bringt. Es ist die gebündelte Hoffnung der Minderheit im Kampf gegen die Unterdrückung und für HEAVEN SHALL BURN deshalb von ikonischem Charakter. Das Veto ist der Stock im Getriebe, der Stachel im System und das Wappen, unter dem die Thüringer auf ihrem siebten Album erneut die Randgebiete des gesellschaftlichen und politischen Lebens ausleuchten.

Zwischen schonungsloser Sozialkritik und Erinnerung an politische Helden bleibt „VETO“ auf einer thematischen Linie mit den Vorgängern. Im Unterschied zu „Iconoclast“ und „Invictus“ wurde die thematische Konstanz diesmal auch auf musikalische Ebene transformiert. Der rote Faden, welcher sich durch „VETO“ spannt, erstreckt sich über ein Minenfeld aus Verzweiflung und Wut, aber nicht ohne einen Funken Zuversicht sowie viel Rückgrat in der Präsentation. Die Größe solch besungener Persönlichkeiten wie Victor Jara oder Thomas Sankara spiegelt sich in der Konzeption des Albums: Noch nie agierten HEAVEN SHALL BURN so zielgerichtet und mit derart eisernem Willen.

HEAVEN SHALL BURN füllen ihren rohen Melodic Death Metal mit Leben

Da überrascht es wenig, dass das Quintett mit dem eröffnenden „Godiva“ den vielleicht besten Song seit „Counterweight“ an den Anfang stellt. Die melodiegeschwängerten Arrangements beflügeln den brachialen Unterbau, bringen sogar einen Hauch von Würde ins Spiel. Auch wenn dieser Aspekt schwer in Worte zu fassen ist, stellt er einen zentralen Bestandteil von „VETO“ dar. Der Schwermut und die Resignation der unterlegten Gitarren in „Fallen“ sowie die unterschwellige Hoffnung auf Genugtuung in der „Sea Shepherd“-Hymne „Hunters Will Be Hunted“ füllen den rohen Melodic Death Metal mit Leben. Nach dem emotional unterkühlten „Invictus“ eine Wohltat.

Nichtsdestotrotz weichen HEAVEN SHALL BURN insgesamt nur unwesentlich von ihrer bisherigen Marschroute ab. AT THE GATES-Einflüsse wie in „Godiva“ oder die walzende BOLT THROWER-Keule „Like Gods Among Mortals“ sind schon seit den Anfangstagen die bevorzugten Inspirationsquellen der Deutschen. Insofern sammeln sich mit „Antagonized“, dem teils deutschsprachigen „Die Stürme Rufen Dich“ und „Land Of The Upright Ones“ einige routinierte Nummern auf dem Album. Solide, doch im Osten nichts Neues.

Anders das BLIND GUARDIAN-Cover „Valhalla“, das dank Hansi Kürsch persönlich eine epische Erfahrung verspricht. Leider machen sich Textzeilen Marke „High in the sky, where eagles fly“ im ernsten Grundtenor der Platte ähnlich gut wie die hymnischen Gesänge samt Choralästhetik im Chorus. So bleibt die ansonsten gelungene Adaption ein Fremdkörper auf „VETO“, welcher wohl besser im Bonusteil die Arme gen Asgard gereckt hätte.

Auch „VETO“ leidet unter einer aufgeblasenen Produktion

Der gewichtigste Makel an „VETO“ ist jedoch abermals die soundtechnische Gewandung aus den Händen Tue Madsens. HEAVEN SHALL BURN gaben sich nach dem „Invictus„-Debakel zwar reumütig, in puncto Dynamik war aber diesmal der Wunsch Vater des Gedanken. Zugestanden, die Bässe wurden etwas zurückgefahren, weshalb „VETO“ ein angenehmeres Hörerlebnis verspricht als der direkte Vorgänger. Gerade im Bereich der Mitten und Höhen bleibt der Sound allerdings ungemein gedrungen. So scheppern die Becken in „Land Of The Upright Ones“ bisweilen ganz schön, während Marcus Bischoffs mörderische Screams ab und an etwas verzerrt aus den Lautsprechern schallen. Aus diesem Grund kann sich auch das weitgehend instrumental gehaltene „Beyond Redemption“ nicht angemessen entfalten, wenngleich dessen Finale „VETO“ trotz allem mit einem Lead zum Niederknien beschließt.

Ein versöhnlicher Abschluss für ein Werk, das in den 50 Minuten zuvor eine eiserne Entschlossenheit ausstrahlte. Diese Verbissenheit hebt „VETO“ schließlich deutlich über das uninspirierte Letztwerk, kann die viel zitierten Kritikpunkte an der Band hingegen nicht gänzlich ausmerzen. HEAVEN SHALL BURN variieren ihre stilistische Ausrichtung nur minimal – dezente Synthesizer, überlegte Schwerpunktverlagerungen zwischen den Extremen und ein atmosphärisch umgesetztes Thema zeichnen die Platte aus. Zugleich kann die so geschürte Hoffnung auf erkennbaren Fortschritt nur bedingt erfüllt werden. Weil zudem die Produktion der eigenen Klangwelt stellenweise die Luft abschnürt, ist das konzeptionell gereifte „VETO“ ein ernstzunehmendes Statement, aber kein absolutes Machtwort.

Veröffentlichungstermin: 19.04.2013

Spielzeit: 49:28 Min.

Line-Up:
Marcus Bischoff – Vocals
Maik Weichert – Guitar
Alexander Dietz – Guitar
Eric Bischoff – Bass
Matthias Voigt – Drums

Produziert von Alexander Dietz und Tue Madsen (Mix)
Label: Century Media

Homepage: http://www.heavenshallburn.com
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/officialheavenshallburn

HEAVEN SHALL BURN „VETO“ Tracklist

01. Godiva (Lyric-Video bei YouTube)
02. Land Of The Upright Ones (Audio bei YouTube)
03. Die Stürme Rufen Dich (Audio bei YouTube)
04. Fallen
05. Hunters Will Be Hunted (Video bei YouTube)
06. You Will Be Godless
07. Valhalla
08. Antagonized
09. Like Gods Among Mortals
10. 53 Nations
11. Beyond Redemption

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.