HEAVEN SHALL BURN: Of Truth & Sacrifice

HEAVEN SHALL BURN: Of Truth & Sacrifice

In Zeiten wie diesen müssen wir alle Opfer bringen, sei es etwa zum Schutz der Allgemeinheit wie in der aktuellen Krise um das Virus Sars-CoV-2 oder um inmitten politisch motivierter Desinformationskampagnen für die Wahrheit einzutreten. Dass HEAVEN SHALL BURN zu den Ersten gehören, die ihre Stimme gegen gesellschaftliche Missstände erheben, wissen wir nicht erst seit der Dokumentation „Mein grünes Herz in dunklen Zeiten“ (2020). Doch anders als einige politische Quertreiber, die das Spannungsverhältnis zwischen Ost und West nutzen, um Land und Menschen entzwei zu treiben, stehen die haltungsstarken Thüringer für Dialog.

Und Redebedarf gibt es einigen: Mit einem Doppelalbum – 19 Tracks bei rund 97 Minuten Spielzeit – melden sich HEAVEN SHALL BURN nach ihrer Live-Abstinenz zurück, um unserer Apathie ein Ende zu setzen. Klar ist schnell: „Of Truth & Sacrifice“ unternimmt was auch immer nötig ist, um seinen Botschaften Gehör zu verschaffen. Das zeigt sich in zahlreichen Experimenten und Abstechern in fremde Genres, die den klassischen Sound des Quintetts tatsächlich um frische Ideen erweitern.

Natürlich behalten HEAVEN SHALL BURN ihr breites Rückgrat bei

Das Herz von „Of Truth & Sacrifice” schlägt derweil musikalisch kraftvoll und lyrisch progressiv. Wie einst Antigone im alten Griechenland stellen HEAVEN SHALL BURN in der „Sea Shepherd“-Hymne „My Heart And The Ocean“ ihr Gewissen im Zweifelsfall über womöglich geltendes Recht, während sich eingängiges MeloDeath-Riffing über die donnernde Doublebass ausbreitet. Keine Frage, die klassische HEAVEN SHALL BURN-Rezeptur zwischen dem viel zitierten BOLT THROWER-Fundament und den aufrüttelnden Gitarren-Harmonien im Fahrwasser von AT THE GATES, EDGE OF SANITY oder frühen IN FLAMES bildet immer noch das breite Rückgrat von „Of Truth & Sacrifice“.

Tatsächlich könnte es nach dem Instrumental-Intro „March Of Retribution“ mit „Thoughts And Prayers“ weder klassischer noch besser losgehen. Das massive Riffing überrollt unsere Erwartungen ohne mit der Wimper zu zucken, bevor die Leadgitarre im Refrain genau im richtigen Maß Dramatik einstreut. Offenbar sind im Vorfeld unsere Gebete keineswegs auf taube Ohren gestoßen – so verbissen, mitreißend und leidenschaftlich wie in der ersten Viertelstunde haben wir HEAVEN SHALL BURN lange nicht mehr erlebt. Nach dem unerbittlichen „Eradicate“ und der melodischen Single „Protector“ ist unser Adrenalinpegel am Anschlag und bereit für alles, was dieses Doppelalbum im Folgenden für uns bereithält.

„Of Truth & Sacrifice“ spielt teils mit unseren Erwartungen

Dass im Anschluss “Übermacht“ zunächst mit Synthesizern und einem NDH-Riff ködert, bevor sich der Track in eine Modern Death Metal-Walze verwandelt, ist nur der Anfang. Es ist nicht das erste Mal, dass HEAVEN SHALL BURN mit Synthesizern experimentieren. Was in „La Résistance“ passiert, stellt jedoch die Spielereien auf „Invictus“ (2010) in den Schatten. Obgleich wir wegen des stampfendem Computer-Beats und der omnipräsenten Trance-Einflüsse zunächst skeptisch sind, kapituliert der letzte Widerstand in uns spätestens dann, wenn Marcus Bischoff über diesen Trance Metal-Verschnitt mit der gleichen Leidenschaft schreit wie zuvor beim eher traditionellen „Children Of A Lesser God“.

Wo „Of Truth & Sacrifice“ mit unseren Erwartungen an die Band spielt, eröffnen sich auch neue Chancen wie die Kollaboration mit LORD OF THE LOST-Frontmann Chris Harms. Selbiger hüllt „The Sorrows Of Victory“ mit seiner tiefen und vereinnahmenden Stimme in Erhabenheit, während sich der nachdenkliche Gothic Rock über acht Minuten hinweg immer mehr in das typischen Death Metal-Klangbild der Thüringer einwebt.

Die stilistische Vielfalt auf „Of Truth & Sacrifice“ fordert unsere Aufmerksamkeit ein

Das kompromisslose „Stateless“ mit seinen Thrash-Gitarren ist wiederum ein Statement: Es braucht für HEAVEN SHALL BURN nicht einmal große Innovation, um nach drei Jahren wieder den Genrethron zu erklimmen – unangefochten und natürlich unbezwungen. Vielleicht schüttelt das Quintett auch deshalb mal eben einen waschechten Hardcore-Abriss wie „Critical Mass“ aus dem Ärmel – aus dem Fanlager ist angesichts der schön dreckigen Straßenkante schließlich kein Veto zu erwarten.

Von uns übrigens auch nicht, denn wir fühlen uns teilweise wie Wanderer zwischen den Welten angesichts der stilistischen Vielfalt, mit der „Of Truth & Sacrifice“ unermüdlich unsere Aufmerksamkeit einfordert. „Expatriate“ etwa ist mehr als eine neunminütige ‚Spoken Word‘-Predigt, die mit Streichern und Piano unterlegt wurde. Es ist ein Appell an die demokratische Gesellschaft, sich rechten Strömungen entschlossen entgegenzustellen. Bei so viel Hingabe überhören wir dann auch gerne, dass die Band für „Eagles Among Vultures“ wohl nochmals tief in der „Antigone“-Riffkiste (2004) gegraben hat.

HEAVEN SHALL BURN glänzen kompositorisch, nicht aber bei der Produktion

Wobei dies nach 16 Jahren gut und gerne als Hommage durchgehen darf. Ein kurzer Blick in die Vergangenheit, bevor uns das von Streichern getragene „Weakness Leaving My Heart“ in einen zauberhaften Schlussakt entführt, dessen Finale so emotional wie ergreifend ist. Hier zeigt sich zudem, wie weit HEAVEN SHALL BURN in über zwei Dekaden Bandhistorie kompositorisch gekommen sind.

Daher ist es einmal mehr ein Jammer, dass „Of Truth And Sacrifice“ in produktionstechnischer Hinsicht so einfühlsam ist wie eine Schlagbohrmaschine. Natürlich klingt das Album ‚fett‘, Dynamik oder Transparenz werden jedoch unter dem typischen Tue Madsen-Mix vergraben, welcher den Instrumenten kaum Raum lässt, sich zu entfalten. Bei einer Spielzeit von nahezu 100 Minuten wird das mitunter zur echten Herausforderung – das ist wahrlich ärgerlich, angesichts der sonst schlagkräftigen Argumente HEAVEN SHALL BURNs aber ein Opfer, das wir gerne in Kauf nehmen.

Veröffentlichungstermin: 20.3.2020

Spielzeit: 97:23

Line-Up:

Marcus Bischoff – Vocals
Maik Weichert – Guitar
Alexander Dietz – Guitar
Eric Bischoff – Bass
Christian Bass – Drums

Produziert von Alexander Dietz und Tue Madsen

Label: Century Media

Homepage: http://www.heavenshallburn.com
Facebook: https://www.facebook.com/officialheavenshallburn

HEAVEN SHALL BURN “Of Truth & Sacrifice” Tracklist

CD1

01. March Of Retribution
02. Thoughts And Prayers
03. Eradicate (Video bei YouTube)
04. Protector (Video bei YouTube)
05. Übermacht (Video bei YouTube)
06. My Heart And The Ocean (Video bei YouTube)
07. Expatriate
08. What War Means
09. Terminate The Unconcern
10. The Ashes Of My Enemies

CD2

01. Children Of A Lesser God
02. La Résistance
03. The Sorrows Of Victory
04. Stateless
05. Tirpitz
06. Truther
07. Critical Mass
08. Eagles Among Vultures
09. Weakness Leaving My Heart (Video bei YouTube)

 

Florian Schaffer
Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.