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GORGUTS: Colored Sands

GORGUTS: Colored Sands

Vier mal vier. Vier Sekunden einatmen, vier Sekunden die Luft im Körper lassen, vier Sekunden ausatmen, vier Sekunden den Körper leer lassen. Eine Atemübung, die Meditation erleichtern kann, etwas dass die Welt entschleunigt, etwas, das hilft, den Fokus von Unwesentlichem auf Wichtiges zu lenken. Colored Sands zu hören, ist wie die Übung eine Stunde lang zu machen. GORGUTS sind zurück und wie wir es erwarten durften, ist ihre Rückkehr nichts anderes als ein Triumphzug. Allerdings treten GORGUTS nicht mit einem Waffenarsenal und barbarischen Kriegern in die Schlacht, sie sind nur mit ihrem Geist bewaffnet. Colored Sands ist konzeptionell und musikalisch vollkommen stimmig. Ein Konzeptalbum über das geheimnisvolle Dach der Welt, über Tibet und seine Facetten, über Legenden, die spirituelle Welt und die Unterdrückung des Volkes. Dazu passt keine Effekthascherei.

Die Neuformierung von GORGUTS lässt nun keine Kopie von Obscura oder From Wisdom To Hate zu, es ist auch nicht das, was man von dem reinen Zusammenspiel der Musiker Luc Lemay, Kevin Hufnagel, Colin Marston und John Longstreth erwarten dürfte. Colored Sands ist eine Neudefinition von GORGUTS einerseits, eine behutsame Modernisierung der alten Qualitäten andererseits. Colored Sands klingt dabei völlig unverkrampft. GORGUTS haben neun Songs mit epischer, erdrückender Heaviness parat, mit irrwitzigen spielerischen Einfällen, mit nicht zu verachtender Brutalität, mit dynamischen, spannenden Momenten und einer tiefen, allgegenwärtigen Spiritualität. Wie gut das zusammenpasst, kann sich jeder vorstellen, der GORGUTS kennt und schätzt. Statt sich den Standards im Death Metal anzupassen bietet Colored Sands das Grundgerüst des Death Metal mit dessen Instrumentierung, wildert aber kompositorisch gesehen ebenso in klassischer Musik wie im Progressive Rock.

Nachdem wir nun alle begriffen haben, dass GORGUTS vielleicht Death Metal spielen, aber dass sich ihre Form und Vorstellung des Genres signifikant von dessen Großteil unterscheidet, sind wir auf alle Eventualitäten vorbereitet. Es verwundert somit nicht, dass Le Toit Du Monde mit dissonanten Riffs und einem Donnerschlag beginnt, dann gleich ruhig und bedrohlich wird und Kräfte sammelt, bevor es explodiert, in Myriaden von Farben, in zahllosen Tönen, die aber alle zusammenpassen – es ist eine Bestätigung der kühnsten Träume. Und wenn GORGUTS plötzlich Ideen parat haben, die dem entrückten, epischen Dissonanzchaos von DEATHSPELL OMEGA ähneln, begreifen wir, dass sich Luc Lemay und seine Mannen nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen, sondern nach wie vor offen für neue Einflüsse sind.

An Ocean Of Wisdom mit seinem wuchtigen Beginn und seiner schier endlosen Kraft, das brodelnde, beinahe ruhige Titelstück, das treibende Enemies Of Compassion, sie alle hinterlassen einen bleibenden Eindruck beim Hörer und jeder neuerliche Durchgang ist faszinierend. Es ist schier unglaublich, welche Fülle an Ideen und Details sich überall wiederfindet. In der Mitte von Colored Sands thront das neoklassische Stück The Battle Of Chamdo für ein Streicherquintett, das einerseits Zeit zum Luftholen lässt, andererseits ebenfalls fordernd und in gewissem Sinne heavy ist und sich somit gut in das Album einfügt. Gegen Ende werden GORGUTS immer abstrakter, Embers Voice klingt wie eine Meditation mit rhythmisch bizarren Unterbrechungen, während das von Hufnagel geschriebene Absconders schleppend und spastisch zuckend in gut neun Minuten immer wieder 180-Grad-Wendungen hinkriegt, ohne planlos zu wirken. Der Plan, mit Reduced To Silence ein vergleichsweise direktes Stück an das Ende von Colored Sands zu platzieren, geht voll auf, vor allem da in den letzten zwei Minuten des Album noch das beste Riffs zelebriert wird, das ein Death-Metal-Album in den letzten Jahren bekommen hat.

Spielerisch ist bei GORGUTS die Premiumliga versammelt, Luc Lemay hat in den zwölf Jahren seit From Wisdom To Hate nichts verlernt, sondern hat sich noch mehr geöffnet und hart an sich gearbeitet, sein Gesang ist ebenfalls brutaler als in der Vergangenheit. Kevin Hufnagel unterstützt Lemays Gitarrenarbeit, fügt eine weitere Facette hinzu und passt exzellent in das Bandgefüge. Bassist Colin Marston liefert tadellose Arbeit ab, scheut sich nicht selbst, herbe Akkorde anzuschlagen, wenn es heavy wird und hat komplexe, nachvollziehbare Basslinien parat. Am Schlagzeug beeeindruckt John Longstreth mit schnellem und kompaktem Spiel, das im nächsten Moment wieder irre Fills und Breaks sowie beherzte Schläge auf die Toms beinhalten kann. Longstreth ist mit seiner beeindruckenden Performance ganz klar das Rückgrat von Colored Sands.

Vier mal vier. Vier Sekunden einatmen, Luft im inneren lassen, ausatmen und leer bleiben. Der Beginn der Entschleunigung, der Beginn des Sichöffnens und des Verstehens. Vielleicht solltest du vor dem ersten Hören zehn Minuten lang diese Übung machen, um gleich besser in Colored Sands hineinzufinden. Davon abgesehen haben GORGUTS eine nichts als fantastische Rückkehr zu vermelden und zeigen souverän, dass musikalische Brutalität, visionäres Songwriting und ein tiefer beruhigender Gesamteindruck sehr wohl harmonieren können. Colored Sands ist Death Metal für Fortgeschrittene, für Hörer die keinen Bedarf an den Klischees des Genres haben, für anspruchsvolle Geister, die sich gerne fordern lassen. Und zweifellos, diese Formation berührt mit Colored Sands alle Sinne und die Seele derjenigen, die sich darauf einlassen.

Veröffentlichungstermin: 30. August 2013

Spielzeit: 62:44 Min.

Line-Up:
Luc Lemay – Guitar, Vocals
Kevin Hufnagel – Lead Guitar
Colin Marston – Bass
John Longstreth – Drums

Streicher in The Battle Of Chamdo:
Joshua Modeney – Violin
Emily Holden – Violin
Victor Lowrie – Viola
Isabel Castellvi – Cello
Gregory Chudzik – Bass

Produziert von Colin Marston & Luc Lemay
Label: Season Of Mist

Homepage: http://www.gorguts.com
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/GorgutsOfficial

Tracklist:
1. Le Toit Du Monde
2. An Ocean Of Wisdom
3. Forgotten Arrows
4. Colored Sands
5. The Battle Of Chamdo
6. Enemies Of Compassion
7. Ember´s Voice
8. Absconders
9. Reduced To Silence