EXTREME COLD WINTER: World Exit

Ha nein, ich werde nie vergessen, wie ein Teil der Doomsters aus der Chapel geflüchtet sind, weil da die böse Death Metal Band BEYOND BELIEF auf der Bühne unseres DOOM SHALL RISE stand. Gar mit bedrohlichen BC Rich-Gitarren bewaffnet! Egal, so hatte ich meinen Spaß und viel Platz vor der Bühne zu den fetten Dampfwalzen von „Rave The Abyss“ und zähem Gedröhne von „Towards The Diabolical Experiment“. Passiert einem als Veranstalter auch nicht oft. Na ja, OFFICIUM TRISTE waren Dauergast auf dem DSR, auch Ed Warby´s THE 11TH HOUR gaben sich die Ehre. Warum ich hier in Erinnerungen schwelge? Das passiert halt, wenn man die neue Scheibe von alten Vertrauten in den Händen hält.

EXTREME COLD WINTER bieten eisigen Doom/Death der ganz alten Schule

Die Niederländer EXTREME COLD WINTER melden sich nach der 2015er Debüt EP „Paradise Ends Here“ nun mit ihrem ersten Longplayer zurück, der „World Exit“ steht bevor. Eben ein Projekt mit namhaften Helden der Szene aus Rotterdoom. A.J. van Drenth (BEAST OF REVELATION, TEMPLE, THRONE, ex-BEYOND BELIEF, ex-LEGION, ex-ASPHYX) sorgt für fette Gitarren. Seth van de Loo (CTHULUMINATI, VOODOO GODS, ex-SEVERE TORTURE, ex-DEICIDE) macht es sich an den Drums gemütlich und Pim Blankenstein (OFFICIUM TRISTE, THE 11TH HOUR, ex-CLOUDS) liefert bezaubernde Growls aus tiefsten Tiefen der Holländischen Unterwelt. Unterstützung gabs von Produzent Hans Pieters am Bass und Carsten Altera (THE MONOLITE DEATHCULT) an den Keyboards.

„World Exit“ lebt von A.J.s fetten Gitarren und Pims derben Vocals

Name, Schriftzug und Albumtitel lassen es vermuten, das diese wunderschöne Platte in „Gold In Swamp Green“-Vinyl keine echte Partymucke bietet. Was so nicht stimmt, für mich geht nach wenigen zähen Takten die Doom-Party los. Das typische Gitarrenspiel von A.J. treibt mir gleich ein Grinsen ins Gesicht, hier klingt alles nach den guten alten BEYOND BELIEF. Das Grinsen friert kurz ein, die derben Growls von Pim legen sich über den Song. Auch er hat eine recht eigene Stimme, die man im Pool der Grunzbären sofort wiedererkennt. Das Druming hält sich und den Song zurück, herrlich! Bei mir brauchen EXTREME COLD WINTER nur einen Song, um mir wohlig eisige Schauer zu verpassen. Der Song zieht sich zäh und fast monoton wie ein Spaziergang am mächtigen Rotterdamer Frachthafen im eisig-windigen Winter. Das zieht sich durch das ganze Album, man bedient den wirklich urzeitigen Doom/Death, der heute nahezu ausgestorben scheint. Früheste PARADISE LOST, die erste Scheibe von ANATHEMA und CATHEDRAL oder frühe MY DYING BRIDE, als jede Band noch ihre eigene Handschrift hatte.

Die haben auch EXTREME COLD WINTER, vor allem durch die Gitarrenarbeit und natürlich Pims derben Vocals. Hier verzichtet er auf klaren Gesang wie bei OFFICIUM TRISTE, der würde auch nicht passen. Bei „Time Space World“ geht die Faust nach oben, ok ganz langsam. Wieder BEYOND BELIEF-Riffs, der Kopf wippt langsam mit, zarte sphärische Töne aus dem Keyboard. Lässt man sich in die zähen Themen reinziehen, dann entgeht einem durchaus, dass die Jungs die Parts geschickt ausgearbeitet und passend zusammengefügt haben. Nur mal eben gehört als kleinen Doom-Ausflug macht sich eine erdrückende, gewollte Monotonie breit, auf die man sich gerne einlässt. Wer mag fühlt sich hier und da auch festgefroren. Gern auch bei „Permafrost Entombment“ mit flirrenden Gitarren.

Fernab jedem Zeitgeist, unfassbar oldschool und absolut gefühlsecht, wenn man denn auf so kalten, zähen Doom steht

Bei „Pharmakia“ ist komplett Schluß mit lustig, viel tiefer kann eine Stimme nicht runter gehen und garstig knurren. Da kriegt man echt Angst vor diesem echt netten Kerl. Auch instrumental wird alles zurückgezogen, dass es eine wahre frostige Freude ist. Klar ist man fast gezwungen, auch mal an die grandiosen WINTER zu denken. Aber die sind unantastbar, und da wollen EXTREME COLD WINTER sicher auch gar nicht dran kratzen, auch wenn der Bandname in die Richtung deutet. Hier machen Genre-Veteranen genau das, worauf sie Lust haben. Das ist fernab jedem Zeitgeist, unfassbar oldschool und absolut gefühlsecht, wenn man denn auf so kalten, zähen Doom steht. Das belegen auch nochmal „Serpent’s Seduction“, das gar mit ein paar einschmeichelnden Tönen daher kommt und „Cursed Like Cain“, das als fetteste Doomwalze nochmal alles platt macht inklusive Black Metal-Schrammelei.

Wer frühen Doom/Death mag, der bekommt von EXTREME COLD WINTER eine Vollbedienung

Ob man sich einzelne herausragende Songs merken kann, das wird bei diesem zähen frostigen Gesamtwerk schwer. „World Exit“ macht sich als Gesamtwerk breit und wird bei Nicht-Doomdeathern die Stimmung garantiert einfrieren. Als Fan wippen permanent der Kopf und der Fuß langsam mit und live sind die Songs sicher ein Fest. Wer diesen Stil des frühen Doom/Death mag, der bekommt von EXTREME COLD WINTER eine Vollbedienung von Männern, die nunmal wissen wie das geht. Das betont melodische Instrumental „The Sea Taketh“ wirkt da fast fremd, bringt aber etwas Wärme rein, dazu passt sicher auch ein Glühwein mit Pim und Simone.

Veröffentlicht am 15.10.2021

Spielzeit: 50:40 Min.

Lineup:
Pim Blankenstein – Vocals
A.J. van Drenth – Guitar
Seth van de Loo – Drums
Hans Pieters – Bass
Carsten Altera – Keyboards

Label: Hammerheart Records

Mehr im Web: https://www.facebook.com/Extreme.Cold.Winter

https://extremecoldwinterhhr.bandcamp.com

Die Tracklist von “World Exit”:

1. Animals in Wintertime
2. Time Space World
3. Permafrost Entombment
4. The Sea Taketh
5. Pharmakia
6. Serpent’s Seduction
7. Cursed Like Cain