DESTILLAT: Under Black Horizons [Eigenproduktion]

Aus den Katakomben des Leipziger Undergrounds entspringen DESTILLAT mit ihrem Debüt „Under Black Horizons“. Geboten bekommt man melodischen, sehr amtlich vorgetragenen Melo-Death und Black Metal, der vielversprechend und hörenswert ist. Und den man hierzulande vermutlich selten in einer derart hohen Qualität dargeboten bekommt. Geheimtipp!

Yo, Freunde, Support the Local Underground! Unterstützt ihn vor allem dann, wenn Ihr das Gefühl habt, dass hier große Dinge passieren. Wenn eine lokale Band ein Album aufgenommen hat, das bitte nicht in den Grenzen zwischen Machern und Delitzsch (Provinznester im Umland von Leipzig) untergehen soll. Weil Ihr das Gefühl habt: Geilo! Ich möchte bitte, dass mehr Hörer von dieser Band erfahren, dass sie bitte in Wacken spielen. Ich bin voreingenommen, ich bin der einzige Ossi in der Redaktion von VAMPSTER. Aber genau deshalb möchte ich Euch dieses Juwel vorstellen: „Under Black Horizons“, das Debüt von DESTILLAT. Lokalmatadore, sicher. Aber mit so viel Potential, dass ich ehrfurchtsvoll mein Haupt verneigen muss.

Per Zufall entdeckt: und direkt für gut befunden

Ich gebe es ja zu: Dass ich diese Band überhaupt entdeckt habe, von ihrer Existenz weiß, ist eher dem Zufall geschuldet. Du kommst aus dem Schwimmbad, hast routiniert deine 30 Bahnen gezogen und schaust im Veranstaltungskalender, wo vielleicht noch was gehen könnte. Okay: Release-Party von DESTILLAT in Leipzigs Kult-Location Moritzbastei. Nie von der Band gehört, aber da steht was von Metal. Also hin gegangen: eigentlich ohne große Erwartungen. Am Ende kommst du raus, bist glücklich, hast fünf Bier getrunken und dein Geld in CDs und Merch investiert. Denn das, was du zu hören bekamst, ist amtlich: Und war jeden Cent der 70 Euro wert, die du – aus Versehen – Upps! zusätzlich ausgegeben hast.

Und, was soll ich sagen? Mit DESTILLAT haben wir einen der Hoffnungsträger in Sachen deutscher Melodic Death/ Black Metal vorliegen. Ist so! Wunderbar harmonische Gitarren, die gern auch mal in akustische und progressive Gefilde abbiegen. Durchdachte Songs, die klug komponiert sind und einige Überraschungsmomente offenbaren. Orchestrale Parts, viel Atmosphäre. Whoa, der Gedanke: Leute, kommt diese Musik wirklich aus Sachsen und nicht aus Göteborg oder Stockholm? Kann das sein? Und immer wieder kleine Ausflüge in rasende Black-Metal-Gefilde. Nicht die harsche Version. Sondern jene, die Schicht auf Schicht übereinander türmt, eher mit Stimmung zu überzeugen weiß.

Technisch versiert und kompositorisch ausgereift

Denn, verdammt, es ist so: Michael Kretschmer sei mein Zeuge. In dieser Perfektion habe ich diesen Sound schon lange nicht mehr auf einem deutschen Debüt gehört. Da türmen sich Gitarren-Harmonien auf, so melodieverliebt und gekonnt, dass man an frühe DARK TRANQUILLITY denken muss. Oder UNANIMATED, ebenfalls Virtuosen des deftig-melodischen Gitarrensounds. Dazu ein Gesang von Steve „Stiffler“ Baldrian, der zwischen hohem Gekreische und tiefen Growls wechselt: aber doch stets songdienlich bleibt, selbst harmonische Akzente zu setzen weiß. Dazwischen immer wieder auch hart groovende Passagen, damit das Haupthaar was zu kreisen hat.

Live funktionierte das schon wunderbar: Und ich gebe ja zu, dass zwei oder drei Bier einen in Euphorie-Stimmung versetzen können. Aber auch nüchtern betrachtet ist ein Song wie „Black 47“ eine amtliche Ansage in Richtung nationale und internationale Konkurrenz. Da türmen sich Gitarrenwände auf, da bohren sich Harmonien in die Gehörgänge. Geshouteter Refrain, der von wunderbar melodischen Leads gebrochen wird. Das folgende „The Forgotten Sons, Pt. II“? Wieder eine amtliche Hymne, schreitende Midtempo-Passagen im PRIMORDIAL-Stil wechseln sich ab mit kontrolliertem Ausbruch. Und wieder diese melodischen Zwischenspiele, wieder ist das wunderbar durchdacht und überlegt umgesetzt. Das hier ist mehr als Regionalliga! So ausgefeilt, dass man zweifelt, ein Debüt-Album vor sich zu haben.

Nope: DESTILLAT erfinden diese Musik nicht neu. Aber sie präsentieren ihre eigene Interpretation technisch versiert und kompositorisch auf einem hohen Niveau. Immer wieder gibt es melodische Zwischenspiele, die komplett unpeinlich sind und mit viel Atmosphäre zu überzeugen wissen. Immer wieder melodische Leads, die sich einprägen. Kluge Rhythmus-Verschiebungen. Viel Power. Auch textlich zeigen sie sich ambitioniert und heben sich von der Masse vergleichbarer Bands ab. Ob Völkermord („Black 47“), Verlust („The Forgotten Sons Part I + II”) oder Apokalypse („The Last Chapter“): Das hier ist ausgefeilt und weiß zu überzeugen.

Auch der Sound ist fett, klingt organisch, lässt wenig Wünsche offen. Produziert in den hiesigen Off Road Studios Leipzig. Detailreich umgesetzt der Schlagzeug-Sound, wo man Snare und Cymbals heraushören kann. Hier gibt es keinen “Loudness War”, jedes Instrument ist in all seinen Facetten gut und differenziert in Szene gesetzt. Liebe Metal-Bands, wenn Ihr einen differenzierten, druckvollen Klang haben wollt, der nicht künstlich nach Botox klingt wie aktuell so viele Produktionen: Ich wüsste da eine gute Adresse.

Fazit: DESTILLAT sind Hoffnungsträger des hiesigen Extreme Metal. Geheimtipp! Ich fresse meine Luftgitarre, wenn sie nicht auch über die Grenzen von Leipzig hinaus bald für viel Wirbel sorgen werden. Ach ja: Das hier ist eine Eigenproduktion. Schon deshalb, weil sie kein Label im Rücken haben, klappt meine Kinnlade bewundernd nach unten. Geiles Teil!

Label: Eigenproduktion
Veröffentlicht am: 10. Dezember 2021
Spielzeit: 41:18

Lineup:
Steve “Stiffler” Baldrian: Vocals
Lucas Falk: Bass
Nick Steinbeißer: Guitar
Christian “Schweiner” Heine: Guitar, Backing Vocals
Oliver Ruß: Drums

mehr im Web:
DESTILLAT auf Facebook
DESTILLAT auf Bandcamp

DESTILLAT „Under Black Horizons“ Tracklist:

1. Broken Chalice (Video bei Youtube)
2. Black 47 (Video bei Youtube)
3. The Forgotten Sons Pt. II
4. The Forgotten Sons Pt. I
5. Black Horizons
6. Last Chapter
7. Lost Chapter