BOKOR: Anomia1

Eine aufregende, musikalische Reise – ein mehr als nur gelungenes Debütalbum.

Es ist wieder passiert! Eine Band veröffentlicht ihr erstes, beeindruckendes Lebenszeichen auf einem renomierten Label. Dieses Mal heißt diese Band BOKOR. Hype? Mitnichten. Das Quintett aus Schweden ist laut Biografie eine Heavy Metal-Band. Korrekt. Aber sie sind nicht irgendeine Metal-Band, sie sind eine Progressive-Band, die schwer zu kategorisieren ist und doch wieder nicht. Auf jeden Fall ist Anomia1 eine skurille, bizarre Reise durch musikalische Gebilde und vergisst nebenbei auch das richtige Bauchgefühl nicht.

Seien wir ehrlich, einige Songs auf „Anomia1“ sind ausbaufähig. Hier und da fehlt das gewisse Etwas, hier und da sind BOKOR ein wenig konfus oder das Gegenteil tritt ein und die Band plätschert etwas dahin, so gehört in Crawl – The Sermons and Dreams of John Duncan Thunstall oder The Island of St. Menée (Beach of the Living Dead). Das Gegenteil tritt aber zum Glück öfter ein, denn BOKOR reißen über weite Strecken ihres Debüts so gnadenlos mit, dass selbst ihren – teils offensichtlich angebeteten – Vorbildern die Kinnlade nach unten knallen dürfte. Gemeint sind hiermit TOOL und MASTODON, aber auch PORCUPINE TREE haben ein paar dezente Spuren in den sechs Songs des Debüts hinterlassen.

Das klingt verdammt aufregend und ist es auch. Großspurig eingesetzte Dynamik in Convert Into, riesengroße Refrains wie in Best Trip und erdiger Rock wie in Avert Your Eyes lassen Anomia1 zu einem spannenden, unberechenbaren Album werden. Das absolute Highlight der Scheibe ist jedoch das knapp 15minütige Migrating, das wirklich alles besitzt, was großartige Musik ausmacht. Dieser Song baut sich langsam auf, so wie es sein muss, entwickelt sich von einer dezenten Nummer zu einer großen Progressive-Hymne und verliert sich in obskuren Spielereien, um mächtig am Thron von TOOL zu sägen. Ohne Witz, zumindest dieses Lied steht den Klangkünstlern aus den Staaten in absolut nichts nach.

Was BOKOR auszeichnet ist die enorme Dichte, mit der sie beim Songwriting vorangehen. Auch wenn nicht alles qualitativ auf einer Ebene ist, so wirkt das Album dennoch wie aus einem Guss und erscheint wie ein von vorne bis hinten durchdachtes Konzeptalbum, das eine Geschichte erzählt. Ich kenne die Texte nicht, aber wahrscheinlich tut Anomia1 genau das. Eine Geschichte erzählen. Der Name BOKOR steht für einen Schwarzmagier im Voodoo und das führt wiederum hin zur Musik, denn die klingt irgendwie schwer nach Karibik. Die Songtitel verstärken diesen Eindruck und oftmals werden orientalische Harmonien eingebunden, die sich jedoch gut einfügen und dem Gesamtsound deutlich helfen.

Die Musiker liefern eine reife Leistung ab, allen voran die Gitarristen, die mit ihrem vorwärts denkenden, aber nicht zu verkopften Spiel die Musik zwar nicht hundertprozentig eigenständig werden lassen, aber trotzdem würzen sie die Musik so, dass nur wenige Bands als Vergleich in Frage kommen. Sänger Lars Carlberg schwebt mit seiner Stimme zwischen Maynard James Keenan und Chris Cornell, weshalb neben der Stimmgewalt auch viel Seele und ungewöhnliche Vibes in den Songs leben. Dennoch – ich glaube in allen Bereichen können sich BOKOR noch verbessern, Ecken und Kanten sind notwendig, aber etwas runder könnte der Nachfolger dieser Scheibe doch werden.

Seis drum, Anomia1 ist ein beachtliches Debüt. Eines, bei dem sich jede Band schwer tun wird, es zu übertrumpfen, insofern bleibt es spannend um BOKOR, wobei ich guter Dinge bin, dass sie dem noch eins draufsetzen werden. Das jedoch ist nicht wichtig – Fans von oben genannten Bands werden ihr blaues Wunder erleben, selbst wenn BOKOR den Referenzbands mit einer 15minütigen Ausnahme nicht gefährlich werden – und darüber müssen sich die Hörer auch im Klaren sein, sonst droht eine Enttäuschung –, für viele spannende Stunden sorgt dieses Album ohne Wenn und Aber. Und da das Januar-Gehalt bald auf eurem Konto sein wird, spreche ich eine klare Kaufempfehlung für dieses Album aus.

Veröffentlichungstermin: 26. Januar 2007

Spielzeit: 44:27 Min.

Line-Up:
Lars Carlberg – Vocals
Tomas Eriksson – Guitar, Backing Vocals
Fredrik Johansson – Guitar
Rickard Larson – Bass, Backing Vocals
Erik Wennerholm – Drums, Percussion

Produziert von BOKOR
Label: Scarlet Records

Homepage: http://www.bokor.se

Email: info@bokor.se

Tracklist:
1. Crawl – The Sermons and Dreams of John Duncan Thunstall
2. Best Trip
3. The Island of St. Menée (Beach of the Living Dead)
4. Convert Into
5. Migrating
6. Avert Your Eyes