BIOHAZARD: Reborn In Defiance

BIOHAZARD: Reborn In Defiance

Traurig aber wahr, die wenigen Minuten Veitshöchheim (legendäre Fastnacht in Franken), die ich mir im Rahmen eines Verwandschaftsbesuches notgedrungen reinpfeifen musste, haben bei mir mehr Spuren hinterlassen, als der „Genuss“ der neuen BIOHAZARD-Songsammlung „Reborn In Defiance“. Und das sagt ein bekennender Faschingsmuffel, der BIOHAZARD mal richtig gut fand. So schlimm? Schlimmer.

Schon die personellen Querelen im Vorfeld der Veröffentlichung ließen befürchten, dass BIOHAZARD sieben Jahre nach „Means To An End“, das bessere ihrer beiden („Uncivilisation“ war auch okay) post-90er Durchschnittswerke, wohl nicht ihr bedeutendstes Album eingeprügelt haben. Noch bevor die „Reborn In Defiance“-Torte mit der finalen Kirsche verziert werden konnte, warf Bandurgestein Evan Seinfeld das Handtuch durch den Telefonhörer. Da geht man auf große Reunion-Tour, zimmert nach 18 Jahren wieder eine Platte im Original-Line-up ein und noch ehe das neue Opus von seinen Schöpfern kollektiv bejubelt werden kann, verliert die Band 50 Prozent ihrer Stimme. Da hilft auch kein schweizer Kräuterbonbon mehr.

BIOHAZARD waren mit Scott Roberts am Tieftöner zwar schnell wieder vollständig, mussten durch den Verlust ihres Aushängeschilds in Sachen Bühnen-Power jedoch deutlich Federn lassen. So jedenfalls mein Eindruck bei Sichtung aktueller Live-Videos. Naja, sonderlich laut wäre der Freudentaumel des Fronters wahrscheinlich ohnehin nicht ausgefallen. Mr. Seinfeld macht auf „Reborn In Defiance“ jedenfalls über weite Strecken den Eindruck, als müsste er den Bösen markieren und das obwohl er darauf absolut keinen Bock hat. Hätte er sich mal besser gleich verweigert, vielleicht wäre es gar nicht erst zu diesem zweifelhaften Vergnügen von Album gekommen. Dem betörenden Sirenengesang im weiten, grünen Business-Meer des „The Almighty Dollar“ (OZZY OSBOURNE) erliegen am Ende eben doch (fast) Alle.

Hat sich die Band 2005 mit „Means To An End“, nach dem absolut unterirdischen „Kill Or Be Killed„, als Mittel zum Zweck der Rehabilitierung noch einen echten Gefallen getan hat, sind BIOHAZARD anno 2012 wieder soweit wie vorher.   

Das Kernproblem von „Reborn In Defiance“: Die Platte klingt so mühevoll zusammengeschustert, wie die Konstruktion eines Puzzles im fünfstelligen Teile-Bereich. Wenn hier irgendjemand mit Leidenschaft und Ideenreichtum beteiligt war, hat er es sich jedenfalls nicht anhören lassen.  Es ist ja kein Geheimnis, dass BIOHAZARD ihren Zenit schon lange überschritten haben. Dass es „Reborn In Defiance“ aber nicht einmal mit den Durchschnittserzeugnissen der für die Brooklyn-Boys ohnehin sehr durchwachsen ausgefallenen Nullerjahre aufnehmen kann, überrascht dann doch. Nicht ein Song auf „Reborn In Defiance“ will richtig hängen bleiben.
 
Wenn die gewollte Brachialität nicht gerade den Groove killt, ohne den gerade bei einer Band wie BIOHAZARD ja mal gar nix geht, setzt man die, so krampfhaft wie unbeholfen wirkende Versuchsreihe „wie hauche ich dem schwachen Patienten irgendwie Leben ein“ mit anderen Mitteln fort. Dazu zählen unter anderem auf Eingängigkeit getrimmte Refrains, „große“ Emotionen wo keine sind, in die Länge gezogene Songaufbauten welche die Reise ins Irgendwo keinen Deut spannender machen, ein paar verhaltene Soundspielereien hier und da und Melodien für Melonen….ein hoffnungsloses Unterfangen. Wären die Herren nicht so groß und stark, könnten einem die BIOHAZARD-Musiker fast Leid tun. In „Reborn In Defiance“ steckt schließlich eine Menge Arbeit, nur scheinen die Jungs ihren Kreativfundus, den bandtypischen Groove und die Freude am gemeinsamen Musizieren irgendwie verlegt zu haben. Was bleibt, sind plumpes Selbstrecycling, verkorkste Tricks aus dem Buch für modernes Mainstream-Songwriting und fauler Studio-Zauber. So lässt es die Loudness-War-Produktion an allen Ecken und Enden dermaßen brutal brezeln bzw. clippen, dass es schwer fällt die 13 Songs überhaupt an einem Stück zu hören. 

Alleine das entspannte „Vows Of Redemption“ (mit Piano-Intro/Outro von Billy Graziadei) lässt ein wenig aufhorchen. Keine Großtat, aber hier kann man den reduzierten Strophen wenigstens mal sowas wie Flow und Atmosphäre attestieren. Auch mit dem glattgebügelten Hitrefrain lässt es sich leben. Hätte man die Testosteron-Keule bei Minute zwei einfach mal stecken lassen…wie jetzt, du Blümchenjäger…irgendwann musset doch endlich knallen hier! Ähem. Auch ohne die notwendige Konsequenz der einzige Albumsong, den ich als Bonustrack auf eine Best Of-Compilation gepackt hätte. Mich würde es jedenfalls nicht wundern, wenn Letztgenannte rechtzeitig zum nächsten Weihnachtsfest ins Haus steht und es das dann endgültig war aus Brooklyn…jedenfalls bis zur nächsten Reunion im Original-Line-Up – ob und wann es dazu kommt, hängt wohl maßgeblich von Seinfelds Stehvermögen im harten Filmbusiness ab. 

Selbst langjährige BIOHAZARD-Fans sind gut beraten, hier vor dem Kauf mal reinzuhören. Sollten dabei vornehmlich nostalgische Gefühle an bessere Brooklyntage wach werden, empfiehlt sich als Ersatzhandlung die Vervollständigung der eigenen BIOHAZARD-Sammlung, am besten um ein Werk aus der unerreichten Bandhochphase von 1992 bis 1999 („Urban Discipline“, „State Of The World Address“, „Mata Leão“, „New World Disorder“). Gleiche Empfehlung an alle, die (so) nicht wissen (können), dass BIOHAZARD mal richtig wichtig waren.

Ansonsten gibt es ja noch andere Hardcore-Metal-Hip-Hop-Crossover-Unternehmen die eine Investition lohnen…lass mal in Ruhe überlegen…

Veröffentlichungstermin: 20.01.2012

Spielzeit: 55:08 Min.

Line-Up:
Evan Seinfeld – Vocals, Bass
Billy Graziadei – Guitars, Vocals
Bobby Hambel – Guitars
Danny Schuler – Drums

Produziert von Toby Wright
Label: Nuclear Blast

Homepage: http://www.biohazard.com
Mehr im Netz: http://www.myspace.com/biohazard

Tracklist:
1. 9:IIIX6.941 (Intro)
2. Vengeance Is Mine
3. Decay
4. Reborn
5. Killing Me
6. Countdown Doom
7. Come Alive
8. Vows Of Redemption
9. Waste Away
10. You Were Wrong
11. Skullcrusher
12. Never Give In
13. Season The Sky (Instrumental)

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