ACCEPT: Symphonic Terror – Live at Wacken 2017

ACCEPT: Symphonic Terror – Live at Wacken 2017

ACCEPT hatten noch gefehlt in der langen Reihe von Metalkapellen, die orchestral gehen. Aber von Anfang an.

2017 trat die Solinger Stahlschmiede (beziehungsweise was von ihr noch übrig ist) auf dem Wacken Open Air mit Symphonieorchester auf. Selbstredend wurde das Ereignis in Bild und Ton für die Nachwelt festgehalten. Drei Akte: Zum Aufwärmen die ACCEPT-Abrissbirne wie gehabt, dann Gitarrist Wolf Hoffmann mit einem Strauß totgenudelter klassischer Melodien (MOZART, BEETHOVEN, VIVALDI) samt klassischer Verstärkung und am Ende noch mal alle schön zusammen.

Leider ist „Symphonic Terror – Live at Wacken 2017“ (erhältlich in allen denkbaren Formaten) so sinnfrei und überflüssig wie 98 Prozent aller Kollaborationen, bei denen sich Rockbands mit einem klassischem Klangkörper zusammentun. 80er Jahre Heavy Metal-Hymnen wie „Breaker“, „Fast As A Shark“ und „Balls To The Wall“ auf einem dicken Streicherteppich – na herzlichen Dank! Da wächst zusammen, was nie zusammen gehörte. Ich kapier’s nicht: Wenn einem der Sinn nach klassischer Musik steht, dann geht man halt einfach in die Oper – das kann man mal machen, das tut auch gar nicht weh. Für die, die’s nicht kennen: Die Klassik-Fraktion ist so geil drauf, die baut sich sogar eigene Häuser für ihre Musik!

Wenn es hingegen unbedingt der Rock-Klassik-X-Over sein muss, warum dann nicht gleich zu Musik greifen, die speziell für Band und Orchester komponiert wurde? DEEP PURPLEs „Concerto for Group and Orchestra“ (1969) wäre hier ein bekanntes Beispiel. Aber lasst Euch bitte kein E für ein U vormachen und auch nicht andersrum. Was ACCEPT in den späten 70er und durch die 80er Jahre hindurch im schönen Solingen ausgeschwitzt haben – zur Erinnerung: bis „Russian Roulette“ (1986) ist die Diskographie dieser Kapelle strahlend und nachgerade makellos –, war nie gedacht für Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass, sondern für zwei fett bratende Stromgitarren plus Bass und Schlagzeug. Klar kann man das klassisch adaptieren und aufbohren, dann spielen halt die Geigen das Riff von „Metal Heart“. Aber: Es macht keinen Sinn. Weil hier kein musikalischer Dialog entsteht, sondern dieses gemeinsame Aufspielen ein bloßes Nebeneinanderher bleibt.

Was da auf „Symphonic Terror – Live at Wacken 2017“ zu hören ist, zeigt, deutet oder erklärt dem Hörer eine der wichtigsten Heavy Metal-Bands Deutschland nicht einen Millimeter neu. Es erklingen – wie fast immer in solchen Angelegenheiten – einfach nur die altbekannten Gassenhauern pseudoklassisch aufgehübscht, sprich: Fett Streicher unter die bekannten Melodien, ein paar Hörner obenauf, schon prangt das Prädikat „orchestral“ darüber. „Symphonic Terror“ braucht kein Mensch.

Aber lasst uns an dieser Stelle noch kurz über ACCEPT an sich sprechen – eine Band, die ich seit meiner frühen Jugend verfolge. Und zu der es noch das ein oder andere zu sagen gibt.

Als ich klein war, dachte ich immer, die einzigartige, für damalige Verhältnisse ganz schön krasse Stimme von Udo Dirkschneider sei ACCEPT. Dann sah ich die Band auf der „Blood of the Nations“-Tour (der ersten mit den aktuellen Sänger Mark Tornillo, der bis heute einen guten Job macht, gleichwohl er zuletzt live ein wenig angeschlagen klang) und verstand, dass der Gesang nur die eine Seite der Medaille war – und dass das in Riffing wie Soli herausstechende Gitarrenspiel von Wolf Hoffmann und der grandios gespielte Bass von Peter Baltes die anderen, nicht minder wichtigen Schlüssel zu dieser Ausnahmeformation sind. Dann Dirkschneider auf seiner „Ein allerletztes Mal spiele ich die alten ACCEPT-Kracher“-Rundreise: Diese unglaubliche Stimme, auch mit Mitte 60 immer noch präsent und für eine Gänsehaut gut … doch seine Begleitband war nicht mehr als eine solide Coverkapelle.

Feststellung 1: Hier (U.D.O./DIRKSCHNEIDER) wie dort (ACCEPT) fehlte immer irgendetwas.

Und dann erinnerte ich mich an mein allererstes ACCEPT-Konzert – erste Reunion, „Objection Overruled“-Tour … und wie ich damals enttäuscht war. Wolf Hoffmann war seinerzeit nämlich der Überzeugung, dass eine Gitarre (nämlich seine) vollauf genüge, getreu dem alten Motto „Du sollst keinen Gott neben mir haben“. Doch wenn immer der Meister zu einem Solo ansetzte, taten sich riesige Löcher (Fachleute sprechen von Kratern) im Song auf, weil das ja klar ist: Wenn es eine Band gibt, die zwingend eine zweite Gitarre braucht, dann ACCEPT – das weiß sogar ein Trottel und Nicht-Musiker wie ich. Selten habe ich auf Metalkonzerten die zweite Klampfe so vermisst wie an diesem Abend des 29. September 1993 in der Fürther Stadthalle.

Feststellung 2: Keine Variation dieser Ausnahmeformation, die ich mir über die Jahre und durch die Jahrzehnte live angehört habe, war so gut, wie sie hätte sein können.

Ich denke, das Problem bei ACCEPT ist Wolf Hoffmann. Nachdem er alle alten Mitglieder entsorgt hat und ihm als letzter nun auch noch Peter Baltes von der Fahne gegangen ist, ist der Mann nun endlich dort angekommen, wo er immer hin wollte: Im Jahr des Herrn 2018 ist die Band ACCEPT glücklich in der WOLF HOFFMANN GMBH aufgegangen. Wir sagen herzlichen Glückwunsch. Haben solche Typen keine Freunde, die einen in einem ruhigen Moment zur Seite nehmen und sagen „Du Wolf: Is’ gut jetzt!“? Die einem wohlwollend erklären, dass eine Ausnahmeband mehr ist als die Summe ihrer Einzelteile? Freunde, die vielleicht mal dezent auf den MISERABLEN KLAMOTTENGESCHMACK der aktuellen Bandbesetzung hinweisen (seid mir nicht böse, aber das sieht doch schon seit Jahren alles nach ganz schlimmer Hardrock-Verkleidung aus, von wegen schnell mal zu EMP und sich dort von Kopf bis Fuß einkleiden lassen)? Oder die ihm flüstern, dass es peinlich ist, den Klangkörper, mit dem es 2019 zu der Platte, die hier eigentlich Thema ist, auf Tour geht, THE ORCHESTRA OF DEATH zu nennen (aber wahrscheinlich hat da eine kreative Task-Force bei Nuclear Blast im Hintergrund wochenlang hart an dieser Namensfindung geschraubt und gebastelt).

Neben MANOWAR und UFO sind ACCEPT für mich ein Paradebeispiel, wie eine talentierte Rockband künstlerisch (nicht ökonomisch!) an sich selbst beziehungsweise an den Egos einzelner Protagonisten scheitern kann. „Symphonic Terror – Live at Wacken 2017“ passt da bestens ins Gesamtbild.

VÖ: 22.11.2018
Label: Nuclear Blast

ACCEPT “Symphonic Terror – Live at Wacken 2017” Tracklist

DVD/Blu-Ray
Part 1: Accept
01. Die By The Sword
02. Restless And Wild
03. Koolaid
04. Pandemic
05. Final Journey

Part 2: Headbanger’s Symphony
06. Night On Bald Mountain
07. Scherzo
08. Romeo And Juliet
09. Pathétique
10. Double Cello Concerto in G Minor
11. Symphony No. 40 in G Minor (Video bei YouTube)

Part 3: Accept with Orchestra
12. Princess Of The Dawn
13. Stalingrad
14. Dark Side Of My Heart
15. Breaker (Video bei YouTube)
16. Shadow Soldiers
17. Dying Breed
18. Fast As A Shark
19. Metal Heart
20. Teutonic Terror
21. Balls To The Wall (Video bei YouTube)
Bonus:
22. Making Of: Wacken
23. Making Of: Headbanger’s Symphony

Tourdaten ACCEPT „Symphonic Terror“-Tour 2019

20.04.19 Wuppertal-Stadthalle
21.04.19 Leipzig-Haus Auensee
22.04.19 Hamburg-Mehr!Theater
23.04.19 Fürth-Stadthalle
25.05.19 Saarbrücken-Congresshalle
27.05.19 München-Circus Krone

gnadiator
Stef (aka “gnadiator”) steuert seit 2002 immer wieder Konzertberichte, Interviews, Reviews oder Filmkritiken bei.