LAMB OF GOD: Walk with me in Hell

LAMB OF GOD: Walk with me in Hell

Man muss sich wohl daran gewöhnen, dass DVD-Veröffentlichungen mittlerweile etwas vollkommen Normales darstellen und eher turnusmäßig anstehen, als zu besonderen Gelegenheiten oder nach mindestens 666jähriger Band-Karriere. Mir, als Kind der 80er, in denen die Veröffentlichung eines VHS-Videos nur den ganz großen Bands vorbehalten war und auch dort nur alle Jubeljahre vorkamen und somit besondere, ehrfurcht-auslösende Ereignisse darstellten, drängt sich natürlich die Frage auf , ob das denn alles sein muss und ob man wirklich von jeder Hüpf-Teenie-Band eine drei-stündige Tourdokumentation der Tour zum ersten Album braucht, dann zur zweiten Tour noch eine und zur dritten, so es diese denn überhaupt gibt, natürlich ein Box-Set mit dem bisherigen Bühnen-Schaffen.
Aber im Zeitalter sinkender CD-Verkäufe sind DVDs natürlich ein willkommener Ausgleich und von Seiten der Band ein Vehikel, um Identifikation zu schaffen und aktive Fan-Bindung zu betreiben, wenn man es mal positiv betrachten möchte.
Und schließlich gibt es noch Bands, auf die das alles nicht zutrifft und die es schaffen, mit genau diesem Konzept trotzdem etwas wirklich Wertiges und Interessantes zu schaffen. Zum Beispiel LAMB OF GOD . Aber die hüpfen schließlich eher selten und sind beileibe auch keine Teenies mehr.
Auf zwei DVDs kommt mit einer längeren Dokumentation, einem kompletten Konzert vom Download-Festival, dem Making of zu Sacrament und dem Video zu Redneck (+ Making of) immerhin eine Spielzeit von knapp 300 Minuten zusammen, was auf jeden Fall schonmal Value for Money darstellt.
Das Konzert ist recht gut gefilmt, die Track-List ist ok, der Sound ziemlich gut und es entspricht somit dem Standard, den man an so etwas mittlerweile stellen muss, wenn auch nicht mehr. Dasselbe gilt für das Musik-Video und das dazugehörige Making of.
Das Kernstück und wirklich Glanzstück der DVD sind allerdings die sehr gelungene Dokumentation und das Making of zum letzten Album, welches erstaunlicherweise die Phase der Pre-Production in den Vordergrund stellt und somit nicht mit für Nicht-Musiker uninteressantem Technik-Gelaber überfrachtet ist. Stattdessen erhält man interessante Einblicke in den Songwriting-Prozess, kleine Eifersüchteleien, Schreib-Blockaden und der Tatsache, dass man den Sänger ab und zu erst zwei Mal um den Block jagen muss, bevor DER Take zustande kommen kann. Sehr gut!
Hier zeigt sich schon eine relativ schonungslose Ehrlichkeit und Authentizität in der Darstellung auch der eigenen Schwächen, die allerdings in der fast zweistündigen, sehr professionell gemachten Dokumentation über die letzten Tourneen der Band noch weiter zum Tragen kommt und erstaunliche Einblicke gewährt.
Wenn man sich nämlich nicht mit Drogen oder willigen Frauen ablenkt, ist eine Tour nämlich vor allem eines: Langweilig. Die verschiedenen Versuche der Musiker, sich zu beschäftigen, wie etwa durch das Erlernen des Peitschenknallens, bieten da die einzige Abwechslung und bieten dem Fan erstaunlicherweise trotzdem beste Unterhaltung jenseits debiler Guck mal!-Ich-Lass-die Hose-vor-allen-Leuten-runter!-Klischees.
Zusätzlich wird der, zumindestens in den USA, große Erfolg der Band thematisiert und auch hier zeigen sich die Jungs sehr geerdet und sympathisch.
Die Dokumentation hält tatsächlich das, was viele ähnliche versprechen, nämlich einen wirklichen Einblick in die Charaktere der Musiker und den Zustand der Band. Frei von fader Abfeierei der eigenen Egos und der eigenen Genialität gelingt ein interessantes Porträt der Band in einer Phase des Aufstiegs, nach langen Jahren der Plackerei im Untergrund, das eine sympathische und selbstbewusste Band beim Einfahren der Ernte zeigt, die ihnen wirklich jeder gönnen kann. Zumal auch der Erfolg für LAMB OF GOD immer noch eine Aneinander-Reihung von Pannen und mittleren Katastrophen zu sein scheint, wie der Teil über den Auftakt der Europa-Tor in Italien zeigt, aber auch das wird souverän gemeistert und zeigt die Qualität der Band aufs Neue. Auch das Privatleben der Band zwischen den Tourneen wird in seiner ganzen unglamourösen Weise beleuchtet, was aber nicht ausbleibt, wenn man Hobbies wie Veranda bauen und Poker spielen hat.
Was jetzt vielleicht langweilig klingt, ist es für den Zuschauer aber keineswegs, denn genau diese Normalität macht die Band so sympathisch und interessant. Ausgeflippte Stars, die pausenlos Bockmist erzählen, oder Jungspunde, die sich überschätzen, hat man schließlich schon genug gesehen. Da macht es wirklich Spaß, auch mal echten Typen bei ihrem Leben, das sie eben zufällig als Metal-Musiker verbringen, zuzusehen. In punkto Identifikations-Mögllichkeit ist diese DVD somit auf jeden Fall ein voller Erfolg.
Außerdem ist diese Dokumentation auch von der Machart und vom Aufbau her außergewöhnlich gut und stellt eine echte Ausnahme im Wust von zusammengeschnipselten Steady-Cam-Wackeleien ohne Sinn und Verstand dar.
Von der filmischen Qualität her könnte das Ding durchaus mal Spät-Abends bei arte laufen und auch den ein oder anderen Nicht-Metal-Fan in seinen Bann schlagen.
Fazit? Als Fan ist Walk with me in Hell ein Pflichtkauf, aber man sollte es auch als Nicht-Fan mal gesehen haben.
P.S.: Standesgemäß für eine US-Band gibt es natürlich auch eine Baller-Szene in der Wüste und aufgemotzte Autos, aber doch eher am Rande.

Veröffentlichungstermin: 27.06.08

Spielzeit: 246 Min.

Line-Up:
Randy Blythe – Vocals
Mark Morton – Gitarre
Will Adler – Gitarre
John Campbell – Bass
Chris Adler – Drums

Label: Roadrunner Records

Homepage: http://www.lamb-of-god.com/

Tracklist:
DVD 1:
Walk with me in Hell – Dokumentation 117 Min

DVD 2:

The Making of Sacrament 77 Min.

Download Festival Performance 40 Min
– Laid to Rest
– Again we rise
– Walk with me in Hell
– Pathetic
– Now you´ve got something to die for
– Blacken the cursed Sun
– Redneck
– Black Label

Deleted Scenes 40 Min

Redneck Music Video (+ Making of) 9 Min.