WAVE GOTIK TREFFEN 1999

WAVE GOTIK TREFFEN 1999

Freitag, 21. Mai

Der Flug hätte nicht besser sein können: gerade mal vier Leute waren nebst mir noch als Passagiere an Bord, und wir alle hatten das Wave Gotik Treffen als „final destination“. Beim Werk II, dem „Bändchen“-Pick Up und Treffenstartpunkt war die schwarze Gesellschaft bereits morgens um zehn präsent, auch der Regen brachte sie nicht aus der Fassung, brav wurde vor geschlossenen Toren angestanden und gewartet. Erst etwa eine halbe Stunde nach 12 (planmässige Öffnungszeit) wurden einige Stimmen gepflegt laut und verlangten nach dem Treffenarmbändchen, ohne das einem der Zutritt zum Campingplatz verwehrt blieb. Um 14 Uhr bequemte sich der Sprecher vom Organisationsteam zu erscheinen und der schwarzen Wolke zu verkünden, dass ihre drei (!!) Informatikspezialisten schlicht und einfach ein technisches Problem (der Pfingstvirus oder eine Hackeraktion vom Papst??) hätten bei der Erfassung der Besucherzahlen und Abschätzung der Anzahl falscher Tickets. Um das „Werk II“ auszulasten wurden wir zum Agrapark gewiesen, wo man dann nach erneutem Anstehen mit dem blossen Ticket doch auf den Zeltplatz durfte und das schwarze Bändelchen später ergattern konnte. Beim Schlangestehen kam mir auch das Zitat des Freitags zu Ohren: „Wir wollen nur saufen, partymachen – die Gruftscheisse geht uns gar nichts an“—der Sprecher war allerdings merkwürdig gekleidet, weisse Turnschuhe und blaues Shirt kennzeichneten ihn als eher untypischen Besucher…Leider war die schlechte Organisation nicht bloss ein anfängliches Übel, sondern ein schlechtes Omen, das an den folgenden Tagen wieder auftauchen sollte.

Nach erfolgreicher Errichtung der Schlafstatt und Verpflegung (billiger, sehr leckerer Veggie-Nudelsalat) wurde der „Nachtmarkt“ ausreichend inspiziert und beshoppt, nebst Kleidern wurden auch Liebestränke, Bücher, Platten und Schmuck von verschiedenen Händlern feilgeboten. Gleich nebenan ging die Eröffnungsveranstaltung über die Bühne, unter anderem mit Loom & Orchestra. Kurz nach eins verzog ich mich in mein Iglu, noch war der Zeltplatz nicht allzu dicht besiedelt und vor den Toiletten (richtige Toiletten, nicht nur die Dixies, von denen ich seit dem Dynamo Alpträume habe) zeigten sich noch keine schwarze Warteschlangen.

Samstag, 22. Mai

Morgens wurde ich von den Trommeln der Mittelaltermarschteilnehmern geweckt, der erste Bathroom-Besuch markierte bereits den „wirklichen“ Beginn des Festivals (als Frau bekommt man das ja besonders zu spüren…), denn ab jetzt war Schlangestehen an der Tages-und Nachtordnung. Den Vorsatz zu duschen wurde somit ebenfalls verschoben. Das erste Konzert in der grossen Festivalhalle stand an, Diamanda Galas um 12:00 Uhr, deren Performance als aussergewöhnlich angekündigt wurden, da sie sowohl durch klassisch-jazzige Klavierexzesse als auch durch die blutbeschmierte und halbnackte Künstlerin bestechen würden. Leider erinnerte das Ganze schon nach fünf Minuten an eine Art „Tina Turner nach einer Überdosis Crack „-Musikerfahrung. Nach einer Gnadenzeit (Intros können ja manchmal ein bisschen vom sonstigen Sound abweichen—man denke nur an die unzähligen Regen-Donner-Intros von Blackmetal Bands, die danach nur noch rumscheppern) wanderte ich Richtung Strassenbahn, vorbei an zahllosen kriechenden Gruftautos (vom Trabbi bis zum Leichenwagen war alles vertreten). Mein Ziel war der Markt Neun, ein Café in der Innenstadt, wo um 14:00 Uhr die Lesung von Andrea Nebel Haugen, Sängerin von Hagalaz Runedance und Seidr-Schamanin stattfinden sollte. Dank freundlicher Hilfe von leipziger Passanten fand ich das Lokal (auch ein Landkartenleser-As hätte das Café nicht gefunden ohne fragen!) sogar rechtzeitig. Der Markt Neun war zum bersten voll, doch auch hier fand es die Festivalleitung wie bereits am Vortag erst um ungefähr 15:00 Uhr für nötig, das schwarze Publikum darüber zu informieren, dass die Lesung nicht stattfände. So trottete ich zum Bahnhof zurück mit dem Vorsatz, die Parkbühne (eine kleine Zahl in einem grossen grauen Feld auf der Karte—aber man darf ja kein Pessimist sein) zu finden. Die Belohnung dieser Expedition war das „Parkbühne Festival“ mit Anathema, Lore of Asmody und Weltenbrand auf dem Programm. Natürlich war es unmöglich, das Ziel der Expedition auszumachen mit dem rudimentären Plänchen, so verliess ich mich auf die Schlauheit der Masse und schwamm mit dem Strom. Tatsächlich führte die Nachläufertechnik zum Erfolg, sprich zur Parkbühne, wo Whispers of the Shadow gerade ihr Set beendeten (mit dem Strom schwimmen garantiert nicht unbedingt Schnelligkeit).

Nach Still Patient?, die mich durch coole Keyboardpassagen und Industrialeinfluss zum tanzen brachten und Scream Silence, beeindruckten Lore of Asmody unter anderem mit einer eigenwilligen Interpretation von Paul Célans Gedicht „Todesfuge“, dessen Zeile „Schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich morgens…“ die nötige Gänsehaut an diesem strahlend-sommerlichen Nachmittag bescherte. Gänsehäutig genährt wuchs die Vorfreude auf Anathema, da auch die Akustik der Parkbühne ein Schmankerl fürs Gehör darstellte. Leider wurde Anathemas Auftritt einfach übergangen, ein erneuter Fall von Festivalunorganisationitis, Gerüchten zufolge waren Anathema zu teuer gewesen um auch noch mit einer Gage beglückt zu werden. Proteste von Seiten des Publikums wurden jedoch keine laut, Inkubus Sukkubus lenkten mit ihrem groovigen Mittelaltermetal jegliche Trauer auf fröhlichere Bahnen. Just bei Sonnenuntergang betraten die liechtensteinischen Darkwaver Weltenbrand die Stage, die ihren ursprünglich schlichten Darkwave mit Live Streichern anreicherten und ihr ganzes neues Album durchspielten—bei der Zugabe handelte es sich somit um einen bereits präsentierten Song, was die Begeisterung der Menge jedoch nicht schmälerte.

Auf darkwavigen Wolken schwebend, wurde mir nach und nach bewusst, dass das tolle Festivalplänchen in der Nacht keinen Deut besser war als am Tag—ziemlich orientierungslos wanderte ich also im nun riesig wirkenden, düsteren und vor allem unbeschilderten Park herum, auf der Suche nach der Strassenbahnhaltestelle, bei der ich am Nachmittag ausgestiegen war. Jenes Abenteuer verlief weit weniger nachläuferfreundlich als das vorherige, es wurde zum Survival Trip, inklusive Autostoppen (so fangen doch alle schlechten Krimis an—mit dubiosen Autostoppern und VW-Bussen) mit einigen Mit-Gotherinnnen. Vier Gothic-Frauen an einer nächtlichen Strasse am Daumen hochhalten—definitiv der Traum für jeden Serienkiller (sass einer im Organisationskomitee?). Zur Belohnung gönnte ich mir noch eine kleine Shoppingtour in der Halle 1, und konnte so meinen Schmerz über das Nichterscheinen Anathemas mit Konsumsucht dämpfen—und ruhig einschlafen.

Sonntag, 23. Mai

Gut ausgeruht machte ich mich morgens auf den Weg Richtung Stadtzentrum, wo ich im Bagelworld ein anständiges Frühstück und eine Toilette ohne endlose Warteschlange und geprägt von Sauberkeit genoss. Die Parkbühne fand ich heute ungefähr fünf Minuten früher als gestern (ja, ich weiss, dass ich diese Leistung meinem inneren Kompass verdanke), doch verspätete sich der Einlassbeginn, was Musse verhiess auf den umliegenden Wiesen. Es wurden sogar Wesen gesichtet, die ein Sonnenbad nahmen, obschon bleich ist beautiful vorherrschte und schwarze Sonnenschirmchen ein Bild wie aus dem 19.Jh. vermittelten. Um etwa 14:30 Uhr hatte das Warten ein Ende, Forseti beglückten uns mit deutsch-gesungener, Antikriegsfolk-Music, die von der anspruchsvollen Musik von Backworld gefolgt wurde. Ataraxia brachte anschliessend das Publikum in Wallung, die in ein Woge der Begeisterung ausartete, als die norwegische Band Hagalaz Runedance ihr Trommelspiel eröffnete. Getragen von Andrea Haugens Stimme entwickelten die Songs ihre eigene Laufbahn in die Gehörgänge der Zuhörer, die sie wohlwollend aufnahmen. Noch ganz hingerissen von der Darbietung machte ich mich nach dem letzten Song auf zum Schauspielhaus und fand den Weg hinaus diesmal in Windeseile, noch vor Dunkelheit.

„Deutschlands einziger Minnesänger“ Nikolai de Treskow gastierte im Schauspielhaus, einen Auftritt, der von vielen als „must“ angesehen wurde. Atypisch für den Rest des Festivals mussten Rucksäcke und Jacken an der Garderobe abgegeben werden, die Sitze waren noch dazu numeriert. Nikolai de Treskow stellte uns nun in fast schon selbstparodischen Art und Weise seinen „Minnesang“ vor, der sich jedoch näher am Techno-Minnegesang als am traditionellen Minnegesang (wie z.B. von Hartmann von Aue) befand. Da er den Techno-Minnegesang als zukünftiger Hitparadedominanz unserer Kinder (zum Glück wissen wir jetzt alle, dass sie uns nicht mit den BackStreet Boys foltern werden, und auch DJ Bobo als Quälgeist passé composé wird) anpries, wurde ein Bleiben bereits zu einer notwendigen Sache. Nikolai beminnte gleich drei Frauen aus dem Publikum und sang sogar a capella als ein Mikrophon in die ewigen Tongründe einging (bis dahin wusste ich nicht, dass sie im Mittelalter Miks hatten—wurden auch Hexenfolterschreie aufgenommen, die als Sample dienen könnten??? The Truth is out there).

In der Nacht träumte ich zu meiner grossen Erleichterung von keinen Minnesängern, doch wachte ich um 2:30 auf und kann nun aus eigener Erfahrung sagen: frau steht beim Duschen nicht an und hat genügend warmes Wasser um 2:30 morgens, also ist dies die ideale Zeit zum Duschen!!! Ob soviel Gnade der Sauberkeitsgottheit fiel ich rein in einen traumlosen Schlaf…auch auf Festivals gibt es also eine Sauberkeit.

Montag, 24. Mai

Der morgendliche Besuch des Aborthauses illustrierte bereits den Fakt, dass dies der letzte Tag des Festivals war, da de Dreckquotient doch einen relativ hohen Level erreicht hatte. Angespornt vom Gedanken, dem Dreck zu entkommen und etwas für die Kultur zu tun begab ich mich zur Michaeliskirche um dem Orgelkonzert des Tages beizuwohnen. Zusammen mit etwa 100 anderen klassisch-orientierten Gruftis betrat ich die Kirche, eine musikalische Andacht ohne Priester, nur mit der Orgelstimme, die über uns hinwegbrauste – erst mit barocken, dann mit Klängen der modernen Klassik (Arvo Pärt, ein wirklich cooler finnischer „Export“, auch wenn’s kein Metal ist!). Der Fortsetzung meines „Kulturtages“ stand nichts im Wege nach dem halbstündigen Konzert, um 14:00 begann die Lesung von Andrea Nebel Haugen im heidnischen Dorf, das sich am einen Ende des Zeltplatzes bei der Wassermühle befand. Nach einem Glas Met (definitiv DIE Alternative zu Bier – schon nur wegen dem tollen Honiggeruch…. wie war das mit Kim Basinger in 9 ½ Weeks….?) liess ich mich zusammen mit 50 anderen Heidentuminteressierten auf der Wiese neben dem heidnischen Dorf nieder, um Andrea Haugen zu lauschen, die auf Deutsch über die altgermanischen Bräuche, Magie und Geschichte aufklärte, und sich ganz klar als Heidin von den kirchenverbrennenden Satanisten distanzierte. Wie bereits in der vampster-Kritik vor ein paar Wochen zu lesen war, empfahl auch sie, „Hagalaz’ Runedance“-Musik in der Natur anzuhören und auf sich einwirken zu lassen….

Jetzt wissen wir auch non-vampster-reader um diese Alternative an lauen Sommerabenden ;-).

Gestärkt von diesem heidnischen Impact gab ich mich dem Heidendorf hin, wo man nebst Met und Gewändern auch Tees und Liebestränke erstehen konnte. Nach einem Mahl (wieder dieser leckere Vegi-Nudelsalat, diesmal runtergespült mit Met) besuchte ich nochmals den Nachtmarkt und begab mich in die Festivalhalle um den Black Monday zu geniessen.

Evereve’s Auftritt war einer der ersten, ganz klares Highlight trotz der miesen Akustik (schliesslich wurde man in der Michaeliskirche und bei der Parkbühne doch sehr verwöhnt in dieser Hinsicht) war „Downfall“.

Bei Subway to Sally verlor die Bühne und die grosse Halle ihre Anonymität, die Stierschädel garantierten eine mittelalterlich-düstere Atmosphäre, die der Musik würdig war und die Menge zu begeisterten Bewegungsausbrüchen animierte.

Ruhiger aber nicht weniger sphärisch gestaltete sich der Auftritt von the Gathering, Anneke war schon vom Styling her ein helle Punkt des Festivals, im gelblichen Minikleidchen (sie erinnerte mich daran, dass es die Farbe Gelb noch gibt) besang und bezirzte sie die schwarze Masse und man glaubte sich in einer anderen Galaxie.

Therion brachten uns auf die Erde zurück, die Gatheringelfchen verschwanden und machten ihrer Majestät Therion Platz. Moshpits formten sich, statt träumerischem Tanzen war höllisches Headbangen angesagt. Schon während „To Mega Therion“ bekam ich die Nachteile davon physisch zu spüren,, mit dem metal-krasseren Teil des Publikums, das eine Vorliebe für stachelige Armbänder hat, in einer Halle zu sein.

Bei Dimmu Borgir war dann Corpsepaint, Kriegsgeschrei und Moshen angesagt, ein netter schwedischer Burzumfan stellte mich bei „Mourning Palace“ seinem Nietenarmband vor, nur eine von den Blackmetallischen Bekanntschaften, die ich an diesem letzten Abend machte. Nach Mitternacht kroch ich müde und zerschunden in meinen Schlafsack, viele der Festivalbesucher begaben sich bereits auf die Heimreise, ein Gedanke, der bei mir noch nicht existierte oder von der Frage „Ist eine meiner Rippen gequetscht oder nicht?“ verdrängt wurde.

Dienstag, 25. Mai

Mit offensichtlich nicht gequetschten Rippen erwachte ich diesen Morgen, dafür war ich mit Kopfschmerzen gesegnet. Der Verwüstungsfaktor war gering, ruhig besuchte ich das schlangenlose Badehaus, vorbei an vielen leeren Orten, wo am Vorabend noch Zelte gestanden hatten. Im Gegensatz zum Dynamo, das zeitgleich stattfindet, befand ich mich in einer Mr. Proper-sauberen Umgebung und mir wurde klar, dass Leipzig mehr als Lifestyle-Event denn als Musikfestival gesehen werden muss – nur schon wegen der miesen Organisation des musikalischen Wohlergehens.

Erst zurück and der Uni in Zürich fühlte ich mich wieder als einsames schwarzes Schaf, in Leipzig konnte man sich als Mainstreamer und nicht-abartig fühlen – That was cool for a change….

Arlette