THE JON SPENCER BLUES EXPLOSION, 1. September 2008 in Nürnberg im K4

THE JON SPENCER BLUES EXPLOSION, 1. September 2008 in Nürnberg im K4

Vor Jahren hat er sich mal zu Rock im Park verlaufen. Spielte auf der kleinsten Bühne vor einem Häuflein Fans, Fachjournalisten und vor allem Musikerkollegen, von denen sich keiner das rare Gastspiel eines der ganz großen Namen im ewigen Untergrund entgehen lassen wollte. Im Festsaal des Nürnberger K4 gab es nun ein Wiedersehen mit THE JON SPENCER BLUES EXPLOSION – neben Frankfurt dem einzigen Deutschland-Gastspiel auf der laufenden Europatour.

Bluesrock ist das Thema des schon heute legendären New Yorker Trios, das mit diesem Erbe im Spannungsfeld zwischen Elektronik und Soul, Psychedelica, Space Rock und Hip-Hop(!) unterwegs ist. THE JON SPENCER BLUES EXPLOSION nimmt uns dorthin mit, wo alle Musikfreunde und Mainstreamverächter hinwollen: Zurück zu Hendrix, zu THE KINKS und THE STOOGES in die Garage.

Den Blues ins Hier und Jetzt zu katapultieren, vorbei an allen Klischeefallen; Retro zu sein, ohne im Zitat zu verharren – all dies geht hier so leicht und makellos von der Hand, dass einem die Luft weg bleibt. Vorneweg Sänger, Gitarrist und Bandkopf Jon Spencer, der Diva und Dandy, Generaldirektor und Geschichtenerzähler in einem ist. Wo sich andere sofort in musikalischem Autismus verlieren, spielt dieser wütende junge Mann nie nur für sich allein. Blickt er eben noch entrückt seinen eigenen Schweißtropfen nach, wie sie links und rechts zur Seite fliegen, so ist er schon im nächsten Augenblick hellwach zur Stelle, um einen Fan in der zweiten Reihe persönlich die Hand zu schütteln, als dieser ein beherztes Blues Explosion Number 1! gen Bühne brüllt.

JONArbeite, als wenn du das Geld nicht brauchen würdest, liebe, als hätte man dich niemals verletzt, tanze, als würde dir keiner dabei zusehen – kaum einer folgt der alten Weisheit des Holländers Herman Brood so aufrichtig und konsequent wie diese drei Wunderknaben aus New York City. Jawohl, es ist eine Schau, im vollbesetzten Festsaal des Nürnberger K4 mitzuerleben, wie Spencer, Gitarrist Judah Bauer und Schlagzeuger Russell Simins explodieren. Wie sie zu ihren kurzen, wuchtigen Bluespunk-Eruptionen über die Bretter zucken, sich die Ideen und Riffs zuwirbeln und im blinden Verständnis agieren, als gäbe es kein Morgen.

In kompakten 75 Minuten wird die Populär-Musikgeschichte von hinten neu aufgerollt und die Konkurrenz so gnadenlos degradiert, dass einem der Mund scheunentoroffen stehen bleibt. Hier stehen sie alle in zweiter Reihe bis zum Horizont, die ganzen Langeweiler, mit denen man sich das Jahr über sonst so herumschlagen darf. Bei THE JON SPENCER BLUES EXPLOSION indes kommt man nicht mal dazu, sich ein frisches Bier zu holen, so gefesselt ist man von dem, was da auf der Bühne passiert.

In dieser Nacht ist Nürnberg definitiv die coolste Stadt der Welt, und es bleibt nur schwer vorstellbar, dass irgendwo anders auf diesem Planeten zeitgleich ein noch großartigeres Konzert über eine Bühne gegangen ist.

gnadiator
Stef (aka “gnadiator”) steuert seit 2002 immer wieder Konzertberichte, Interviews, Reviews oder Filmkritiken bei.