RUSH: Hamburg/Sporthalle, 27.09.2004

Als das Konzert nach einigen Zugaben und einer Netto-Spielzeit von fast dreieinhalb Stunden zu Ende ging, dürfte sich jeder Zuschauer/Zuhörer mit der Erkenntnis auf den Heimweg begeben haben, dass es auf absehbare Zeit wohl kaum etwas Besseres auf einer deutschen Bühne geben wird. Es sei denn, RUSH kommen bald wieder auf Tour.

Seit 1982 habe ich viele Festivals und Konzerte besucht. Und obwohl ich schon wirklich (fast) alle meiner Lieblingsbands live bewundern konnte/durfte, gibt es doch noch einige Bands/Künstler, die auf meiner Muss-ich-nochmal-sehen-Liste stehen. Okay, mit dem Besuch eines BEATLES-, BATHORY – oder QUEEN-Konzertes wird es wohl nichts mehr werden, aber ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, eines Tages vor einer Bühne zu stehen, auf der CELTIC FROST, MADONNA, U2 oder TRIO ein Livekonzert geben. Seit dem 27. September kann ich einen weiteren Namen von der oben genannten Liste streichen, denn RUSH kamen nach einer zwölfjährigen Abwesenheit mal wieder nach Deutschland – und machten auch in der Hamburger Sporthalle halt. Diese ist für ihre miserable Akustik mehr berüchtigt als berühmt und ich kann euch versichern, dass ich in der Halle kein Konzert gesehen habe, wo der Sound ohne jegliche Beanstandungen war (und ich habe dort schon Bands wie IRON MAIDEN, AC/DC, BON JOVI, ALICE COOPER, VAN HALEN, MANOWAR oder DEF LEPPARD gesehen). Egal, auch der Gedanke, dass die hanseatische Stippvisite des kanadischen Trios in dieser Lokalität stattfinden sollte, schmälerte meine Vorfreude kaum (würde mir RUSH sogar angucken, wenn sie einer Telefonzelle spielen würden)

Punkt 20 Uhr (nach einer kurzen Ansprache des Veranstalters über den Haftungsausschluß bei Hörschäden aufgrund von zu hoher Laustärke, einem wirklich witzigen Animation-Filmchen, in der viele Symbole der RUSH-Cover eine Rolle spielten, bat schließlich US-Schauspieler Jerry Stiller – Vater von Ben Stiller und bekannt als Darsteller des Arthur Spooner in der TV-Serie King of Queens – die Band auf die Bühne, die mit Waschmaschinen und Gartenzwergen dekoriert war) begann also ein denkwürdiges Konzert vor einem bunt gemischten (aus knapp 3500 Leuten bestehenden) Publikum, das jeden Ton frenetisch bejubelte und auch sonst sehr textsicher war. Klar war, dass Geddy Lee (Bass, Keyboards, Gesang), Alex Lifeson (Gitarre) und Neil Peart (Drums) es nicht jedem anwesenden Fan recht machen konnten, denn in der mittlerweile 30-jährigen Karriere haben sich so viele Songs angesammelt, dass es beinahe unmöglich ist, jedem Fan sein Lieblingsstück zu präsentieren. Aber die Band spielte von jedem Album mindestens einen Song – nur Presto (1989) blieb unberücksichtigt. Auf jeden Fall gewannen die 70er- gegen die 80er-Jahre mit elf zu zehn Songs, die in die Setlist aufgenommen worden. Die Neunziger konnten da mit fünf Songs nicht mithalten und auch das neue Jahrtausend wurde mit drei Songs eher wenig beachtet (was aber sicherlich auch daran liegen dürfte, dass RUSH in den letzten vierzehn Jahren lediglich vier Studioalben veröffentlichten). Doch das Trio löste das Problem der zu vielen Songs auf eine befriedigende Art und Weise: Entweder wurden Songs (2112) gekürzt oder zu einem Medley zusammengefasst (z.B. Finding My Way, Bastille Day, A Passage to Bangkok oder Prelude). Auch (vier) Songs des aktuellen Coveralbums wurden gespielt und es war für mich keinesfalls erstaunlich, dass Seeker, Summertime Blues oder Crossroads so RUSH-ig klingen, dass man fast meinen könnte, es handele sich um Eigenkompositionen. Nach knapp neunzig Spielminuten (und Songs wie The Spirit of Radio, Force Ten, Animate, Subdivisions, Earthshine, Red Barchetta, Roll The Bones, Bravado, YYZ, The Trees oder One Little Victory) gab es dann eine kurze Pause (die man älteren Herren von 51 bzw. 52 Jahren durchaus zugestehen sollte). Nach diesem kleinen Break ging es erstmal auf der Videoleinwand (auf der während beinahe des ganzen Konzertes aktuelle Livebilder, alte Konzertmitschnitte, Fotos und Animationen zu sehen waren) weiter und die Fans wurden mit dem wirklich lustigen Filmchen Darn That Dragon (erinnerte von der Machart her etwas an die Augburger Puppenkiste) auf den zweiten Teil des Konzertes eingestimmt.

Ein zweiter Teil, in dem die Band alles (und noch ein bisschen mehr) gab. Sie spielte sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch Songs wie Tom Sawyer, Dreamline, Secret Touch, Between The Wheels, Mystic Rhythms, Red Sector A, La Villa Strangiato, By-Tor & The Snow Dog, Xanadu oder Working Man und ließ die Münder der mit Sicherheit im Publikum anwesenden Musiker ein ums andere Mal offenstehen. Der schmächtige Geddy Lee, der optisch an eine Mischung aus Joey Ramone, John Lennon und der Hexe Schrumpeldei erinnert, (Sollte man sich Sorgen machen, weil die beiden Erstgenannten schon tot sind? Ich hoffe nicht!) wechselte zwischen Keyboard und Bass-Gitarre hin und her und traf trotz dieser Doppelbelastung jeden gesanglichen und instrumentalen Ton. Neil Pearts Drumsolo kann man mit Worten kaum beschreiben und selbst der Begriff Weltklasse scheint zu wenig für das, was der Herrscher über Becken und Felle hier abzog. Nach diesem Solo gönnte sich Herr Peart eine kurze (wenn auch wohlverdiente) Pause, in der die Herren Lee und Lifeson einen kurzen Akustik-Set mit den Tracks Resist bzw. Heart Full of Soul zum Besten gaben und damit bewiesen, dass ein guter Song ein guter Song bleibt – egal (na ja, fast egal), auf welche Weise man ihn interpretiert. Danach wurde wieder auf höchstem Niveau ge(prog)rockt und als das Konzert (übrigens das 300. das ich besuchte!) nach einigen Zugaben und einer Netto-Spielzeit von fast dreieinhalb Stunden zu Ende ging, dürfte sich jeder Zuschauer/Zuhörer mit der Erkenntnis auf den Heimweg begeben haben, dass es auf absehbare Zeit wohl kaum etwas Besseres auf einer deutschen Bühne geben wird. Es sei denn, RUSH kommen bald wieder auf Tour.