SPOCK´S BEARD: Einer für alle, alle für einen

SPOCK´S BEARD: Einer für alle, alle für einen

Während ihr ehemaliger Bandchef Neal Morse wahlweise betet oder sich musikalisch lediglich wiederholt, haben SPOCK´S BEARD sich mit Octane erfolgreich selbst neu erfunden. Die Mischung aus eingängigen Melodien und vertrackten Progrock-Ausflügen, mit der die Band einst viele Musikfans begeistern konnte, hat scheinbar einen zweiten Frühling erlebt und wirkt anno 2005 frischer denn je. Nick D´Virgilio, Sänger und Schlagzeuger in Personalunion, spricht über Sägen, Kuhglocken sowie seine Wandlung zum Ausnahmesänger und die damit verbundenen Herausforderung der anstehenden Tour.

Was ist mit Dave passiert!?

Was meinst du damit?

Zuerst hat er das wunderschöne Ghosts of Autumn auf euerm letzten Album geschrieben und jetzt hat er einen Großteil von A Flash Before My Eyes beigesteuert…

Yeah, he´s kicking ass! Er hat endlich die Gelegenheit genutzt, sich musikalisch auszudrücken in der Band. Es ist eine tolle Sache! Wir sind alle sehr glücklich darüber.

Hättet ihr je gedacht, dass er solche Stücke schreiben kann? Oder kam das aus heiterem Himmel?

SPOCK´S
Dave Meros (Bass) war auf Octane mehr denn je am Songwriting beteiligt. He´s kicking ass!, meint Schlagzeuger Nick D´Virgilio dazu.

Das kam aus dem Nichts. Keiner von uns hatte in der Vergangenheit die Möglichkeit zu hören, was er drauf hat. Ich wusste, dass er ein großartiger Musiker ist, und dass er wahrscheinlich ein gewisses Schreibtalent besitzt. Aber wir haben es erst jetzt zu hören bekommen.

Was ist mit dir, oder besser gesagt, mit deiner Stimme passiert? Ich finde, der Gesang spielt auf dem neuen Album eine wichtigere Rolle. Ist deine Stimme besser geworden oder habt ihr das Songwriting verändert?

Ich denke, meine Stimme wird mit Sicherheit besser, je älter ich werde und je mehr Erfahrung ich als Sänger sammle. Nur jetzt gerade ist meine Stimme etwas angeschlagen, weil es hier sehr windig ist. Ich habe hart an meiner Stimme gearbeitet, viel gesungen, geübt und andere Leute studiert. Ich strenge mich sehr an, der beste Sänger zu sein, der ich sein kann. Das Songwriting hat sich nicht verändert. Ich schätze, ich werde als Sänger besser. Ich verstehe besser, wie meine Stimme funktioniert, was gut klingt, was ich kann und was ich nicht kann – all solche Sachen. Niemand kennt meine Stimme besser als ich!

Habt ihr einen großen Plan gehabt, als ihr mit der Arbeit an Octane begonnen habt?

Es gab eigentlich keinen großen Plan. Wir wollten so viele Lieder wie möglich schreiben und dann die besten daraus auswählen. Wir mussten ein besseres Album als das letzte machen. Wir wollten es so stark wie möglich machen, nicht so lang – wir wollten kein sehr langes Album machen. Wir wollten es in dieser Hinsicht etwas old-schoolig haben: stark von Anfang bis Ende. Deshalb haben wir eine Menge Material geschrieben, mehr als auf eine CD draufpassen würde, und dann eine Auswahl getroffen.

Mir gefallen besonders die Flash Before My Eyes-Stücke. Wie ist dieses Epos entstanden? Gab es zuerst die Texte oder war es das musikalische Thema oder die einzelnen Songs?

Es ist mit der Zeit gewachsen. Wir haben einfach Sachen geschrieben. Dave und unser Kumpel John Boegehold komponierten zusammen Songs via Email. Sie schickten sich gegenseitig MP3-Dateien mit Riffs. John hatte die Idee für eine Rahmenhandlung. Nach einiger Zeit fingen wir an, die Stücke einzupassen. Am Anfang hatten wir die Geschichte noch nicht. Die entwickelte sich vielmehr aus den Songs. Lied Nummer 2, I Wouldn´t Let It Go kam von Alan. Das war eine zeitlang ein separates Stück. Wir dachten dann aber, dass es cool wäre, es mit reinzunehmen. So ist es dann unterwegs gewachsen.

Du hast John Boegehold erwähnt. Er hat bei fast allen Liedern mitgeschrieben. Hat er sich in erster Linie an den Texten beteiligt oder hat er auch Musik beigesteuert?

Er schrieb größtenteils Texte. Aber er hat mit Sicherheit auch einige musikalische Ideen beigetragen, viele Sachen bei dem Epos. Das erste Stück Ballet Of The Impact und das letzte, Of The Beauty Of It All kamen von ihm. Der Anfangsteil von She Is Everything ist ganz klar ein Boegehold-Teil. Er hat uns in vielerlei Hinsicht geholfen.

Ich persönlich halte She Is Everything für das beste Lied der Platte. Ich mag besonders das Gitarrensolo von Alan. Was musstet ihr mit ihm anstellen, dass er so eine brillante Leistung abliefert?

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Alan Morse (Gitarre) wuchs mit traditioneller Rock-Musik auf und steuerte zu Octane knackige Riffs und geniale Solos bei.

Als wir das Demo des Songs aufgenommen haben… Er hat zu Hause ein Studio, wo wir viel geschrieben und geprobt und an den Songs gefeilt haben. Das ursprüngliche Solo klang ähnlich. Es gab Momente, in denen er dieses Aufnahme für das Album verwenden wollte. Aber als wir das Album aufnahmen, hat er einen Haufen Takes aufgenommen und wir haben es dann zu einem Solo zusammengeschnitten. Er hat bei dem Solo wirklich eine Menge Gefühle aus sich herausholen. Es ist mit Sicherheit eins der besten, die er je gespielt hat!

Ein weiteres Lieblingsstück von mir stammt aus der Feder von Alan: There Was A Time. Wie kam es dazu, dass ihr wieder vermehrt eingängige Songs gemacht habt, nachdem das Material von Feel Euphoria doch eher sperrig ausgefallen war?

Ich bin mir nicht sicher. Wir haben einfach viele unterschiedliche Sachen geschrieben. Wir haben nicht groß darüber nachgedacht, was wir davor gemacht haben. Es hängt von unseren Einflüssen ab, davon, welche Musik uns gefällt. Alan hat diesbezüglich einen großen klassischen Rock-Hintergrund. Er ist schon als Kind mit dieser Musik aufgewachsen. Er ist in der Lage, solche kurzen, satten Akkordfolgen und Gitarrenriffs zu schreiben, die einfach dieses Feeling haben. There Was A Time, As Long As We Ride – das ist alles reiner Alan! Das ist einfach sein Stil.

Ein Stück, das es nicht aufs Album geschafft hat, ist When She´s Gone. Obwohl auch das restliche Material der Bonus-CD seinen Reiz hat, frage ich mich persönlich, warum ihr es nicht genommen habt.

Es wahr schwierig, eine Auswahl zu treffen. Wir wollten eine kürzere CD haben. Einer der Gründe, warum dieses Lied es nicht geschafft hat, ist, dass es so heavy ist und diese TOOL-Schlagseite hat. Auf dem Album gab es bereits eine Menge Rock-Sachen. Das Stück war dagegen fast schon eine Metal-Nummer. Wir es haben es ja auf die Bonus-CD getan, wobei es sicher eine schwere Entscheidung war.

Habt ihr in der Band viele Diskussionen gehabt?

Natürlich! Alle Bandmitglieder, dann die Leute von der Plattenfirma und all die anderen Leute.

Haben sie auch die Songauswahl beeinflusst?

Jeder hat seine Meinung beigetragen. Ich habe dann die endgültige Entscheidung getroffen.

Du bist also jetzt der Chef in der Band!?

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Nick D´Virgilio (Gesang, Schlagzeug) sieht sich nur sehr bedingt als Bandchef: Wir sind prinzipiell alle gleichberechtigt.

Eigentlich nicht. Aber jemand muss letztlich die Entscheidungen treffen. Wir sind prinzipiell alle gleichberechtigt. Nur wenn niemand eine endgültige Entscheidung trifft, wird man nie fertig.

Ich schätze mal, dass ihr euch inzwischen gegenseitig sehr gut kennt.

Ja!

Habt ihr euch eigentlich schon gekannt, bevor es mit SPOCK´S BEARD losging?

Nein, nein. Ich lernte Alan und Neal in einer Bluesbar kennen. Sie kannten Dave; ich glaube, Alan kannte Dave irgendwoher. Dave empfahl uns dann schließlich Ryo.

Kannst du es dir überhaupt noch vorstellen, eine fünfte Person in der Band zu haben?

Ich weiß nicht. Wir werden sehen, was die Zukunft so bringt. Ich finde es gut, so wie es momentan läuft. Es klappt einwandfrei und werden nichts daran ändern, solange wir gute Musik machen können.

Ihr geht in Kürze auf Tour…

Ja, wir werden eine kurze Tour im März machen.

Es sind neun Konzerte ohne einen day off dazwischen…

Oh Gott. Ich weiß nicht, wie das wird. Wir werden sehen, was passiert.

Ich hoffe, dass es gut geht. Ich habe vor, das letzte Konzert zu besuchen!

Das wird gut gehen. Es kommt nur darauf an, dass ich meine Stimme in Form halte. Abgesehen davon ist es eher gut, wenn man zwischendurch keine Pause macht. Man kann durcharbeiten, ein bisschen Geld verdienen. Der einzige schwierige Teil ist das Singen. Die anderen spielen ihre Instrumente jeden Tag. Die könnten jederzeit mit verbundenen Augen spielen. Wir müssen nur sicherstellen, dass ich immer singen kann. Ich denke aber, dass das klappen wird. Ich muss nur meine Kräfte einteilen und darf meine Stimme nicht ruinieren, wenn ich am ersten Abend aufgeregt und voller Energie bin. Ich muss eben auf mich aufpassen. Aber es sollte gut gehen.

Habt ihr schon begonnen, euch auf die Tour vorzubereiten?

Ja, auf jeden Fall! Wir sind fast jeden Tag am Üben, lernen die Songs und so weiter.

Mit acht Studioalben in der Hinterhand ist es sicherlich nicht leicht, Lieder auszuwählen.

Ja! Es ist wirklich zuviel Musik. Es wird immer etwas fehlen, was jemand gerne gehört hätte. Aber wir werden viele von den neuen Sachen spielen. Wir werden aber sicherlich auch einige alte Stücke einstreuen, ein paar Sachen, die wir schon lange nicht mehr gespielt haben. Es sollte also auch den Fans der alten Sachen Freude bereiten.

Ihr habt auf Octane viel Mellotron verwendet. Habt ihr vor, ein echtes mit auf Tour zu nehmen?

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Ryo Okumoto (Tasteninstrumente aller Art) bringt kein Mellotron mit auf Tour. Dafür wird möglicherweise eine Säge zum Einsatz kommen…

Nein, das bezweifle ich! Sie sind einfach zu heikel und zu schwer zu bedienen. Selbst im Studio! Also nein, wir werden Sampler nehmen.

Wird Alan seine Säge mitbringen?

Ich werde es versuchen! Ich weiß aber nicht, ob wir das durch den Zoll ins Flugzeug bekommen. Aber vielleicht besorgen wir einfach eine in Europa. (lacht) Wir werden sehen. Das wäre jedenfalls lustig!

Wart ihr je versucht, eine große Konzeptaufführung auf die Bühne zu bringen, gerade für Snow? Mit Requisiten und Videos, ähnlich wie GENESIS in den 70ern?

Ja, schon. Der einzige Grund, warum wir es jetzt nicht machen, ist das schlechte Timing mit der kurzen Tour. Aber wir haben vor, später dieses Jahr erneut auf Tour zu gehen. Das wird eine längere Tour werden. Wir werden dann mehr Zeit für die Vorbereitung haben. Wir werden Aufnahmen für eine DVD machen, weshalb es auf jeden Fall Pläne für eine größere Produktion gibt. Jetzt im Moment ist es eben eine Frage des Timing und des Geldes, weshalb wir einfach rausgehen und unsere Lieder spielen werden, so gut wir können, mit dem was in den Clubs steht. Wenn wir im Laufe des Jahres dann wieder auf Tour gehen, werden wir eine möglichst große Show abliefern. Wir haben da einige Pläne für die Zukunft.

Vor ein paar Jahren bist du mit Neal durch die Pubs getingelt. Besteht die Möglichkeit, dass du und vielleicht Alan, das in der Zukunft erneut machen?

Die Möglichkeit besteht sicherlich. Wir sind für solche Sachen immer offen. Das hat wirklich eine Menge Spaß gemacht.

Das wäre dann das direkte Gegenteil zu einer Großproduktion…

Ich weiß, das hat auch seine Vorteile. Man nimmt ein paar Gitarren für den Auftritt und hat eine schöne Zeit. Wir werden sehen.

Noch eine persönliche Frage, weil Calling All Stations mein Lieblingsalbum von GENESIS ist: Du hast ja bei ein paar der Stücke Schlagzeug gespielt – wie bist du damals eigentlich dazu gekommen?

Ich spielte zusammen mit meinem Kumpel Kevin Gilbert. Ihm war zu Ohren gekommen, dass Phil Collins ausgestiegen war, und dass sie möglicherweise Schlagzeuger suchen würden. Er Bescheid gesagt, als ich gerade auf mit TEARS FOR FEARS auf Tour war. Ich war zufällig gerade in London, als ich davon hörte. Ich habe dann herausgefunden, wo das Management sein Büro hatte. Damals hatten SPOCK´S BEARD lediglich das erste Album veröffentlicht, The Light. Deshalb habe ich die CD genommen, bin mit dem Taxi zu diesem Büro gefahren und habe sie abgegeben. Ich erzählte der Sekretärin, dass ich am Wochenende mit TEARS FOR FEARS spielen würde, und lud sie alle zum Konzert ein. Ich sagte, das wäre die CD meiner Band, und falls es eine Möglichkeit gäbe einen Vorspieltermin zu bekommen, wäre das toll! Ich hörte dann eine ganze Weile, ich glaube es waren sechs Monate, nichts mehr von ihnen. Dann rief mich der Produzent zu Hause an und bat mich, ihm weitere Aufnahmen zu schicken, um noch mehr von meinem Stil zu hören. Das tat ich, worauf sie mich anriefen und zum Vorspielen nach England flogen. Es war kaum zu fassen, dass das wirklich geschah! Ich spielte dann vor und sie nahmen mich für die Aufnahmen. Erstaunlich, wie sich das entwickelt hat! Es hat viel Spaß gemacht. Ich durfte in ihrem Studio in England aufnehmen mit den ganzen Gold- und Platinschallplatten an den Wänden. In den Räumen hatte schon Phil all die großartigen Songs eingespielt. Das war cool; mit Tony und Mike rumhängen… Sie waren meine Lieblingsband als kleiner Junge. Dass mein Name auf einem ihrer Alben steht ist einfach unglaublich! Ich hätte das nie im Leben für möglich gehalten.

Etwas ganz Anderes: Bist du immer noch von deiner Kuhglocke besessen?

(Lacht) Ein kleines bisschen. Ich sehe zu, dass ich sie immer mal wieder einsetze.

Du wirst sie also auf Tour mitnehmen?

Ich denke schon. An besonderen Stellen werde ich sie dann hier und da verwenden.

SPOCK´S
SPOCK´S BEARD 2005: Ryo Okumoto, Alan Morse, Dave Meros (oben), Nick D´Virgilio (unten)

Bilder: Plattenfirma

Jutze
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