SOILWORK: Hirnforschung mit Pawlow

SOILWORK gehören zu den Bands, die seit Jahren im Geschäft sind, sich bereits eine beachtliche Fangemeinde erspielt haben und doch immer wieder für eine Überraschung gut sind. Die letzte war nicht unbedingt das neue Album "The Panic Broadcast", das erneut gekonnt alle Trademarks der Schweden in sich vereint, sondern die Rückkehr von Gitarrist und Gründungsmitglied Peter Wichers, der nach drei Jahren Abstinenz wieder im Melodic Death Metal mitmischen will. Folglich gibt es mit Sänger Björn Strid viel zu bereden. Über Peter, über den BP-Boykott und natürlich über das neue Album.

SOILWORK gehören zu den Bands, die seit Jahren im Geschäft sind, sich bereits eine beachtliche Fangemeinde erspielt haben und doch immer wieder für eine Überraschung gut sind. Die letzte war nicht unbedingt das neue Album “The Panic Broadcast“, das erneut gekonnt alle Trademarks der Schweden in sich vereint, sondern die Rückkehr von Gitarrist und Gründungsmitglied Peter Wichers, der nach drei Jahren Abstinenz wieder im Melodic Death Metal mitmischen will. Folglich gibt es mit Sänger Björn Strid viel zu bereden. Über Peter, über den BP-Boykott und natürlich über das neue Album.

Hi, Björn! Ich finde “The Panic Broadcast” ist wirklich gut geworden. Vor dem Release sprach vor allem Peter (Wichers, Gitarre – Anm. d. Verf.) darüber, dass ihr beim Schreiben des neuen Albums einen etwas anderen Ansatz verfolgt habt. Hattet ihr den Eindruck, dass die Fans von “Sworn To A Great Divide” enttäuscht waren, oder was war der Grund für dieses Umdenken?

Ich glaube nicht, dass die Fans enttäuscht waren, aber ich hatte das Gefühl, dass wir mit dem Album zu sehr auf Nummer sicher gingen. Ola Frenning, der nicht mehr in der Band ist, hatte die Idee, unseren Sound mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren und nicht so technisch werden zu lassen. Ich hatte das Gefühl, dass das insbesonderes Dirk (Verbeuren, Schlagzeug – Anm. d. Verf.) ausgebremst hatte. Das neue Album fühlt sich wie die Antwort auf all das an: Es ist verspielter, technischer und intensiver, aber dennoch eingängig. Genau so, wie ich SOILWORK gerne haben möchte.

Wo wir gerade davon sprechen, würde ich auch sagen, dass “The Panic Broadcast” technischer als seine Vorgänger ausgefallen ist. War es – besonders in Hinblick auf die Gitarren – eine Herausforderung, bei gleichzeitiger Beibehaltung des eingängigen Gesamtbilds das technische Niveau eurer Songs zu erhöhen?

Nun, wir alle erreichten musikalisch ein ziemlich hohes Niveau mit diesem Line-Up. Es ist unser bestes Line-Up und sehr nah an der Urbesetzung. Es gab wirklich keine Beschränkungen in spieltechnischer Hinsicht und das Ergebnis ist letztlich auf sehr natürlichem Weg zustande gekommen.

War dieser neue Ansatz dann auch eine Art natürlicher Prozess, oder habt ihr euch neue Songwriting-Methoden ausprobiert? Habt ihr euch bewusst auf einen technischeren Sound fixiert, oder ist dieser das bloße Ergebnis von Jamming-Sessions im guten alten Proberaum?

Wir haben seit den letzten zwei Alben schon nicht mehr geprobt, da wir über die ganze Welt verteilt leben. Aber wir hatten in musikalischer Hinsicht eine sehr lebendige Kommunikation und schickten uns Dateien hin und zurück, was zwar nicht sehr sexy sein mag, aber für uns in jedem Fall funktioniert hat. Es war auch eine Sache, die Atmosphäre einzufangen, die wir in der “Natural Born Chaos“-Ära hatten und sie auf ein neues Level zu bringen.

“Wir sind der Meinung, es ist das beste und das letzte Line-Up, entweder das hier oder keines.”

Die vielleicht wichtigste Nachricht SOILWORK und The Panic Broadcast” betreffend war natürlich die Rückkehr von Peter Wichers. Warum hat er sich dazu entschlossen, nach drei Jahren zur Band zurückzukehren. War ihm die alleinige Arbeit als Produzent auf Dauer zu eintönig, oder fehlte ihm einfach das Gefühl, vor einem großen Publikum auf der Bühne zu stehen?

Er brauchte einfach die Pause. Er befand sich künstlerisch und mental in einer Sackgasse und brauchte Zeit, um herunterzukommen. Er tat dies, fühlte sich dadurch neu inspiriert und konnte sich vorstellen, wieder zur Band zurückzukehren. Wir beide fühlten, dass etwas gefehlt hatte, als er weg war. Es ist wirklich schön, dass er wieder dabei ist und so viel Inspiration hat!

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Es ist jetzt genauso wie SOILWORK sein sollte und schließlich starteten Peter und ich diese Band.

Ist Peters Rückkehr gleichzeitig ein Symbol für Stabilität, da es ja in der Vergangenheit einige Line-Up-Veränderungen gegeben hat. Zumindest kamen und gingen viele Gitarristen in den letzten Jahren…

Auf jeden Fall! Es ist jetzt genauso wie SOILWORK sein sollte und schließlich starteten Peter und ich diese Band. Wir sind der Meinung, es ist das beste und das letzte Line-Up, entweder das hier oder keines.

Peter produzierte sogar The Panic Broadcast. Ist es für dich ein Luxus, alles selbst machen zu können? Wäre es nicht manchmal besser, jemand anderen zu haben, der für die Aufnahmen verantwortlich ist, so dass man sich komplett auf die Musik konzentrieren kann?

Nun, wir dachten wirklich darüber nach, aber waren auch der Meinung, dass es komisch wäre, wenn wir Peters Fähigkeiten nicht nutzen würden. Schließlich lieben wir alle seine Produktionen. Es war wirklich seine Entscheidung, ob er das auf die Reihe kriegen würde oder nicht. Er traute sich diese Aufgabe zu, also ließen wir ihn ran und zack, das Ergebnis war absolut fantastisch!

Um ehrlich zu sein, bin ich mit dem finalen Mix nicht vollends zufrieden. Während das Album zweifellos modern und professionell klingt, vermisse ich die Ecken und Kanten. Der Gesamtsound ist meiner Meinung nach etwas glattgebügelt, weshalb “The Panic Broadcast” die Wildheit eines Albums wie DARK TRANQUILLITYs “Character” vermissen lässt.

Ich weiß nicht, ob ich dir da zustimmen kann. Ich finde der Mix ist sehr detailverliebt, aber hat schon seine Kanten und eine gewisse Rauheit. Er hat einen atmosphärischen Charakter, der zu SOILWORK passt.

“Es ist immer sehr schwierig, den ersten Song festzulegen.”

Wie auch immer, Dirk Verbeurens Schlagzeugspiel ist beizeiten absolut wahnsinnig und wild. Es scheint als würde er versuchen, die fehlende Rohheit des finalen Mixes zu kompensieren. Im Ernst, Ich finde, er hat großartige Arbeit geleistet!

Er ist wirklich fantastisch! Er ist absolut wahnsinnig auf dem Album und zeigt wirklich, was für ein wandelbarer Schlagzeuger er ist. Ich meine, er hat sogar Groove, wenn er Blastbeats spielt. Auf jeden Fall eine großartige Leistung…

Einer der besten Songs auf “The Panic Broadcast” ist der Opener “Late For The Kill, Early For The Slaughter”. Der erste Song des Albums ist gleichzeitig der aggressivste, so als ob ihr sagen wolltet: Wir sind zurück und dieses mal meinen wir es verdammt ernst! Habt ihr den Song als Eröffnungstitel ausgewählt, um euren Fans zu sagen, dass ihr immer noch so hungrig seid wie früher und weit davon entfernt seid, eine weichgespülte Pop Metal-Band zu werden?

Nun, es ist immer sehr schwierig, den ersten Song festzulegen, aber wir waren der Ansicht, dass “Late For The Kill, Early For The Slaughter” eine Aussage ist, die für sich selbst spricht und zudem gut als der so genannte Flaschenöffner passte. Mitten ins Gesicht eben!

Ich persönlich würde gerne mehr Songs ohne klar gesungene Vocals auf euren Alben hören. Obwohl du ein wirklich guter Sänger bist und die eingängigen Refrains ausgesprochen viel Spaß machen, würde es doch das Gesamtspektrum SOILWORKs erweitern. Versteh mich bitte nicht falsch, meine größte Sorge ist nur, dass es andernfalls auf lange Sicht zu vorhersehbar werden könnte, wenn man dieselben Strukturen immer und immer wieder verwendet. Sie nur, was aus KILLSWITCH ENGAGE geworden ist…

Obwohl wir klar gesungene Vocals verwenden, finde ich, dass wir das in einer sehr einzigartigen Weise tun. Ja, in der Vergangenheit hatten wir ein recht vorhersehbares Schema, aber auf dem neuen Album geben wir den Songs das, was sie verdienen und es hört sich nicht so gezwungen an: Einige Songs haben durchgehend Screams und andere fast ausschließlich Clean Vovals. Wiederum andere Stücke sind deutlich experimenteller, weshalb ich den Eindruck habe, dass es im Großen und Ganzen nicht unbedingt vorhersehbar ist.

“Ich weiß, dass KILLSWITCH ENGAGE stark von “Natural Born Chaos” beeinflusst wurden, als es erschien.”

In dieser Hinsicht stimme ich dir zu, “The Panic Broadcast” ist in der Tat ein Schritt in die richtige Richtung. Wo wir gerade bei KILLSWITCH ENGAGE waren: “Let This River Flow” erinnert mich stark an die Amerikaner, besonders was das Schlagzeug und die Gitarren betrifft. Hat euch diese Band in jüngerer Zeit irgendwie beeinflusst, oder ist die Ähnlichkeit purer Zufall?

Schwer zu sagen, ich weiß, dass KILLSWITCH ENGAGE stark von “Natural Born Chaos” beeinflusst wurden, als es erschien. Also war es in gewisser Weise anders herum, aber es gab definitiv auch einen Ausstausch. Sie sind eine großartige Band und tolle Musiker, da sind wir uns alle einig!

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Wir waren der Meinung, dass es wichtig sei, Stellung zu beziehen und dass sich große Unternehmen nicht immer alles erlauben können.

Offensichtlich wurden die Keyboards und Synthesizer dieses mal mehr in den Hintergrund gemischt. Obwohl man sie manchmal kaum wahrnimmt, bin ich sicher, dass etwas fehlen würde, wenn man sie komplett herausnehmen würde. War es eure Entscheidung, euch diesmal mehr auf die Gitarren zu konzentrieren, oder ist das einfach so gekommen?

Das hat sich wirklich einfach nur so entwickelt. Sven (Karlsson, Keyboards – Anm. D. Verf.) konzentrierte sich mehr auf Samples und Effekte. Er verleiht den Songs so viel Tiefe. Man nimmt sie vielleicht manchmal nicht so stark wahr, aber wie du gesagt hast, würde man definitiv einen Unterschied hören, würde man sie einfach entfernen!

Lass und über den Albumtitel sprechen. Eure neue Platte heißt “The Panic Broadcast“. Beschreibt er den Einfluss, den die Medien heutzutage auf uns haben? Sie sind ein mächtiges Werkzeug, die dazu verwendet werden können, die Massen zu mobilisieren oder eine Hysterie auszulösen – zum Guten wie zum Schlechten… Gibt es sogar vielleicht ein Konzept hinter dem Titel?

Die Texte auf dem Album befassen sich mit unterschiedlichen Zuständen von Panik, falschen Auffassungen und Sinnestäuschungen. Ziemlich persönliche Themen, die hoffentlich zum Denken anregen.

“Falls du etwas Traumatisches erlebt hast, kann dein Gehirn diesen Zustand in sekundenschnelle wieder einnehmen, falls dich irgendetwas daran erinnert.”

Das Artwork ist fantastisch! Es gibt einige asiatische Elemente wie die Drachen, aber auch Bilder aus dem fernen Osten, wie die Turbans und die Kleidung der beiden Wächter zeigen. In der Mitte sitzt eine Art Tyrann auf einem Thron, der von schwarzem Rauch umgeben ist. Ist das, was “The Panic Broadcast” sein soll? Mächtige Führungskräfte, vielleicht sogar Diktatoren, die ihr Volk manipulieren, um ihre (finsteren) Ziele zu erreichen? Zumindest gibt es augenscheinlich immer noch viel Zensur und Propaganda in China, dem Iran oder in Nordkorea…

Nicht wirklich, wir betrachten den Mann in der Mitte als den Wächter, der die Schwelle zur Panik bewacht. Im Hintergrund siehst du, wie das ganze Chaos hereinzubrechen droht.

Ha ha, okay, dann war ich wohl auf einem ganz falschen Weg. Ich denke, “Deliverance Is Mine” greift ein wenig das von mir beschriebene Motiv auf. Ich würde sagen, es geht darum, deinen eigenen Weg zu finden, indem man alle Fesseln sprengt, die dich davon abhalten, die Wahrheit zu finden – über die Welt und über dich selbst.

Hier geht es im Grunde um Manipulation und wie Menschen manchmal ein Teil deines Lebens sein wollen und dir erklären wollen, was du verdienst.

Artwork
Wir betrachten den Mann in der Mitte als den Wächter, der die Schwelle zur Panik bewacht.

Der Text von “Enter Dog Of Pavlov” ist ziemlich interessant. Pawlow betrieb viel Forschung auf dem Gebiet der Konditionierung. Es scheint, dass die Person in diesem Song kurz davor ist, herauszufinden, dass sie selbst konditioniert wurde – vielleicht sogar bei einer höheren Autorität (wie in “1984”). Und nun versucht sie zu widerstehen und aus diesem Zustand auszubrechen, obwohl es nicht so leicht ist wie es scheint. Mir liegen die Texte zwar nicht vor, aber meine Interpretation wäre, dass der Song genau diesen Moment der Offenbarung beschreibt.

Ich selbst wollte damit einen Bezug dazu erstellen, wie Pawlow seine Hunde beim bloßen Klang einer Glocke zum Sabbern bringen konnte. Das Gehirn funktioniert auf die exakt gleiche Weise: Falls du etwas Traumatisches erlebt hast, kann dein Gehirn diesen Zustand in sekundenschnelle wieder einnehmen, falls dich irgendetwas daran erinnert.

Nun zu etwas anderem. Ihr habt kürzlich bekannt gegeben, dass ihr dem BP-Boykott während eurer Nordamerika-Tour beitreten werdet. Was war das entscheidende Argument für diese Entscheidung? Ist es richtig, nur BP für diese Katastrophe verantwortlich zu machen? In der Tat war es ja Barack Obama, der dem Druck der Lobbyisten im März nachgegeben hat. Ich finde, er sollte in erster Linie verantwortlich gemacht werden.

Das ist richtig, wir waren allerdings der Meinung, dass es wichtig sei, Stellung zu beziehen und dass sich große Unternehmen nicht immer alles erlauben können. Betrachte uns nicht als eine politische Band, aber wir halten das für sehr wichtig.

Damit hast du natürlich vollkommen recht. Wird es nach der US-Tour auch eine durch Europa geben? Vielleicht gegen Ende des Jahres?

Auf jeden Fall! Höchstwahrscheinlich im November 2010!

Habt ihr darüber nachgedacht, auf dieser Tour eine Live-DVD aufzuzeichnen? Zumindest ist das etwas, was eure Fans sicherlich gerne haben würden!

Ich weiß, wir arbeiten momentan an einem Plan für eine DVD. Diesmal wird es eine geben!

Meine letzte Frage wäre: Stell dir vor, ein Zombie lebt in deinem Schrank und er fängt langsam an lästig zu werden, da er ständig versucht, dein Gehirn zu essen. Also willst du ihn töten, aber alles was du hast ist eine Karotte, ein Stück Schnur, einen schizophrenen Hamster und einen schottischen Dudelsack. Was machst du?

Wie wäre es damit, den Zombie mit dem Hamster zu ersticken? Können Zombies überhaupt ersticken?

Pressefotos © Hannah Verbeuren
Cover-Artwork © Nuclear Blast