NOVEMBRE:

NOVEMBREs Sänger Carmelo entpuppte sich als anfangs etwas scheuer Mensch, der aber irgendwann dann doch munter draufloserzählte, was ziemlich interessant war, da er weitaus weniger abgeklärt wirkt als andere Musiker. Lest selbst was er zum aktuellen Album "Classica" und der bevorstehenden Tour mit Moonspell zu Protokoll gab.

Italien und November, das passt ungefähr so gut zusammen wie Straciatella und Parmesan. Doch auch im Land der Sonne und des leckeren Essens gibt es Menschen, die düstere November-Musik machen. Novembre gehören zu der Gruppe der anscheinend depressiven Italiener – doch wie sich im Interview mit Carmelo Orlando, den Sänger, Gitarristen und Hauptsongwriter herausstellte, spiegelt die Musik nicht immer die Lebenseinstellung wieder. Von Traurigkeit war nichts zu spüren… Carmelo entpuppte sich als anfangs etwas scheuer Mensch, der aber irgendwann dann doch munter draufloserzählte, was ziemlich interessant war, da er weitaus weniger abgeklärt wirkt als andere Musiker. Lest selbst was er zum aktuellen Album Classica und der bevorstehenden Tour mit Moonspell zu Protokoll gab.

„Classica“ besteht aus vielen verschiedenen Fragmenten: Neben Death-Metal insprierten Vocals finden sich klassische Elemente genauso wie sehr ruhige, melodische Sequenzen. „Die Songs spiegeln einfach all die Musik wieder, die ich mir gerne anhöre. Black- und Death Metal gehört genauso dazu wie ruhigere Stücke. Die Songs entstehen dann einfach,“ erklärt Carmelo. Inspiriert werde ich durch allgemeines Interesse an Musik, doch es gibt auch spezielle Bands, die für mich viel bedeuten. Dazu gehören Pink Floyd, die eigentlich jeder mag. Sie haben einfach ein paar unglaubliche Alben gemacht. Ein weitere wichtige Band für mich waren Paradise Lost. „Gothic“, das war ein sehr einflussreiches Album. Als es rauskam hat sich einiges geändert, sie brachten Melodien in den Deathmetal.“ Dass er, wenn er von Paradise Lost spricht, das Wörtchen waren verwendet, hat seine Gründe: Die neueren Alben und das neue Image der Briten mag er nicht besonders. „Ich bin zwar nicht so kritisch wie die Presse, aber ich vermisse die alten Paradise Lost. Ich verstehe nicht, warum sie neuerdings ihre Wurzeln verleugnen.“

Den Anspruch, bestimmte Gefühle oder Stimmungsschwankungen mit seiner Musik auszudrücken hat Carmelo nicht. „Wir wollen keine besonderen Emotionen mit unserer Musik ausdrücken, wir beabsichtigen nicht, etwas zu transportieren. Es ist nur die Musik, die ihre Wirkung auf den Hörer hat.“ Vom üblichen Musikergerede a la das Leben ist so traurig und die Musik ist ein Ventil für mich hält der Sänger wenig. „Ich finde das Leben nicht traurig. Ehrlich gesagt, denke ich, dass Musiker nur eine Art Türe sind, durch die man hindurchgehen kann. Wo der Hörer dann hinkommt, das können wir nicht bestimmen. Wir versuchen einfach, das Tor so weit wie möglich zu öffnen. Musik ist eine eigene Einheit, die durch den Musiker lediglich vermittelt wird.“ Der Hörer hat also selbst die Freiheit, zu bestimmen, was die Musik für ihn bedeutet.

Obwohl in manchen Songs die Stimmung von Aggression in Melancholie abrupt umschlägt, hat Carmelo keine Probleme damit: „Mir fällt das überhaupt nicht schwer. Wir machen einfach diese Musik. Wir wollen auch nicht so traurig oder aggressiv klingen wie irgend möglich, vielleicht haben wir deshalb keine Probleme damit. Wir lassen einfach die Musik fließen, es sind auch keine beabsichtigten Kontraste darin. Es gibt kein Schema in der Art aggressiv – ruhig- wir planen zumindest nicht in dieser Art.“

Seine Persönlichkeit sieht er in seiner Musik nicht reflektiert “ich neige nicht zu Stimmungsschwankungen, ich bin nicht instabil. Allerdings ich kann sehr schnell sehr ärgerlich werden. Doch das hat nichts mit meiner Musik zu tun.“

Bei Novembre drängt sich der Vergleich zu Bands wie Opeth oder Anathema förmlich auf, Carmelo hat damit kein Probleme, im Gegenteil: „Ich liebe diese Bands. Besonders Judgement von Anathema ist ein unglaublich gutes Album. Ich denke, dass beide Bands die selben Wurzeln haben wie wir. Ich vermute, wir hören ähnliche Musik.“ Zu Opeth hat der Italiener eine besondere Beziehung: „Ich hatte das Glück, bereits 1992 die ersten Songs von Opeth zu hören, als sie noch keiner kannte. Ich war damals in Schweden und haben die Band getroffen und sie haben mir ihre Proberaum-Aufnahmen vorgespielt. Damals klangen sie noch ziemlich nach Therion, ich war sofort begeistert.“ Ob zwischen den Musikern von Opeth und ihm eine bestimmte Beziehung besteht, kann er nicht beantworten: „Nun, so gut kenne ich sie nicht, aber vielleicht ist eine Art von Seelenverwandtschaft da, schließlich ist die Musik ähnlich.“

Opeth, Katatonia und vielleicht auch Anathema scheinen im Moment everybody’s darling zu sein. Novembre passen sehr gut zu diesen Bands, besteht da ein wenig die Hoffnung, im Kielwasser dieser Bands mitzuschwimmen? „Ich bin mir nicht sicher, ob Opeth und Katatonia im Moment so viel populärer sind als früher. Da beide Bands aus Stockholm stammen, waren sie in der schwedischen Szene nicht sonderlich beliebt. Sie kamen eben nicht wie die meisten anderen aus Göteborg und spielten auch keinen Death Metal. Keiner hat sich für sie interessiert. Im Moment redet jeder über diese Bands. Nun scheint jeder aufzuwachen… keine Ahnung, woran das liegt. Ich glaube aber nicht, dass sie jemals so richtig berühmt werden.“

„Classica“ wurde in Göteborg von Andy LaRocque, der bei King Diamond spielt und eigentlich mehr für typische Göteborg-Bands arbeitet, abgemischt. „Andy ist selbst ein Musiker, er weiß genau, wie Metal-Bands klingen müssen. Er kann dir einen richtig guten, kräftigen Sound verschaffen. Als wir mit den Tapes ankamen, dachten wir eigentlich, der Sound sei gut genug. Er aber machte noch viel mehr daraus. Er hat das ganze Album in nur vier Tagen abgemischt. Dafür ist es fantastisch. Es störte uns nicht, dass er sonst andere Musik macht, damit gab es keine Probleme“

Die eigene Musik bezeichnet Carmelo als Frozen Music. Das ist ein Ausdruck, der meiner Meinung nach ziemlich gut ausdrückt, worum es bei Novembre geht. Der Song „Cold blue Steel“ zum Beispiel handelt davon, dass ein Mikrochip zwar das Leben erleichtern kann, dass er aber trotzdem tot ist – es ist kein Leben darin. Wenn du dir vorstellst in einen solchen Chip gefangen zu sein, du hast viele Leiterbahnen um dich herum, es passiert auch viel und es verändert sich dadurch einiges, aber das, was passiert, ist eben kein natürliches Leben. Es geht darum, sich in einer Umwelt zurechtfinden, in der es kein Leben gibt. Unsere Musik drückt für mich diese Kälte aus. Wer diese Erklärung nicht nachvollziehen kann, der kann auch die Alternative progressive Death Metal“ verwenden, witzelt der Italiener weiter.

Hinter den mehrsprachigen Titeln wie My starving bambina, Nostalgiaplatz oder L´Epoque Noir verbirgt sich ein interessanter Gedanke: „Ich will viele europäische Sprachen in den Titeln verwenden. Dabei versuche ich solche Worte zu verwenden, die man auch versteht, wenn man die Sprache nicht spricht. Bambina zum Beispiel ist italienisch und ich glaube, viele wissen einfach, dass es kleines Mädchen bedeutet. Die bekanntesten italienschen Wörten sind nun mal Pasta, Spaghetti, Pizza und bambina. Es gibt auch einen französichen Titel: L’epoche noir und auch einen deutschen: Notalgiaplatz. Ich will etwas anderes machen, als nur in Englisch zu singen. Vielleicht bringe ich Länder ein wenig näher zusammen damit.“

Inspiration für die Texte holt sich Carmelo aus seinen Träumen und Erinnerungen, allerdings spielen Texte eine nicht allzu große Rolle: Ich denke, dass die Texte auch nicht so wichtig sind. Die Musik ist das wesentliche“. Der Klang fremder Sprachen hat aber schon einen gewissen Reiz auf den Italiener: „Wenn die Songs stehen, die Texte aber noch nicht fertig sind, dann singe ich irgendetwas, was eben gut klingt. Wenn ich dann den Text zu einem Song schreibe, suche ich schon ein wenig nach Wörtern, die von Klang her zu der Melodie passen. Der Klang der Texte sollte die Musik unterstützen.“

Warum der heftigste Track des Albums ausgerechnet „Love Story“ heißt, hat eine simple Erklärung: „Als wir den Song geschrieben haben, fiel mir auf, dass die Hauptmelodie des Songs an die Musik aus dem Film Love Story erinnert. Als der Song noch keinen Titel hatten, nannten wir den Song einfach Love Story – irgendwann beschloss ich dann, den Song auch offiziell so zu nennen.“

Der Internetauftritt der Band ist ebenso wie das Cover ziemlich ansprechend gestaltet. „Wir haben das Cover zwar nicht selbst gemacht, aber ich denke, dass es wichtig ist, auch optisch gut repräsentieren. Niclas Sundin, der auch das Cover für Projector von Dark Tranquility gemacht hat, hat einen guten Job erledigt, er ist sehr talentiert.“ Die Kirchengemälde im Hintergrund haben jedoch keinen tieferen Sinn: „Ich bin kein religiösrer Mensch. Da war die Idee des Malers.“

Die Songs werden „meist von mir und Massimiliano geschrieben. Ich überlege mir am Anfang, wie der Song werden soll. Dann lege ich mich mit meiner Akkustikgitarre auf mein Bett und mache den Song fertig. Die meisten Song sind fertig, wenn ich sie im Proberaum vorspiele. Wir machen dann gemeinsam die Arrangements.“

Novembre scheinen entgegen der allgemeinen Entwicklung in eine härtere Richtung zu gehen: „Classica ist um einiges härter als der Vorgänger Arte Novecento. Arte Novecento war viel düsterer, der Gesang bestand nur aus klaren Vocals. Arte wurde 1996 aufgenommen, wir hatten uns 1995 dazu entschieden ein ruhigeres Album zu machen. Ich glaube, wir haben es genau anders herum als viele Bands gemacht. Doch auf dem neuen Album findest du Songs wie Nostalgiaplatz, was ohne Growls auskommt und Cold blue steel, der nur aus Growls besteht. Wir haben aber nie darüber nachgedacht. Es war zu keiner Zeit eine bewusste Entscheidung oder Berechnung.“

Ab Februrar sind Novembre mit Moonspell auf Tour, Carmelo sieht der Sache ziemlich gelassen entgegen, hat aber ein kleines Problem: „Live wird der Gesang schon relativ schwierig, wenn du schreist und direkt danach einen bestimmten Ton treffen musst, ist das nicht einfach. Dazu kommt, dass ich nie irgend welchen Gesangsunterricht hatte, es wird schon eine Herausforderung. Tourerfahrung haben Novembre noch so gut wie keine: 1992 haben wir in Rom vor Carcass gespielt, ich weiß also wie es ist, live vor vielen Menschen zu stehen. Allerdings ist die Tour mit Moonspell unsere erste, und wir wissen, dass es recht hart werden wird. Als Opener hast du weniger Zeit für Soundcheck, und nur wenig Zeit zum Spielen. Ich denke, ich sollte viel nervöser sein, ich bins aber nicht. Leider werden wir keine aufwendige Live Show machen können – als Opener musst du dich beeilen. Vielleicht benutzen Moonspell ja wieder diese aufblasbaren Weltkugeln und wir dürfen sie mit Luft füllen, hahaha“

Das Billing sorgte schon bei manchem für Stirnrunzeln: Moonspell, Kreator, Witchery, Novembre (die erste Hälfte der Tour wird jedoch nicht von Novembre sondern von Manic Movement eröffnet). Auch Carmelo wundert sich ein wenig: „Wahrscheinlich werden zwei Gruppen von Leuten da sein. Kreator-Fans und Moonspel-Fans.” Doch live zu spielen hat für die Italiener nicht den Stellenwert wie für andere Metal Bands, was sicher auch an seiner Musik liegt, die man sich wohl „am besten alleine zuhause in einer ruhigen Stunde anhört“. „Wir haben ja noch nicht so viele Live-Shows gespielt. Wenn wir Urlaub hatten, dann waren wir nur für ein paar Gigs in Italien unterwegs. Für mich bedeutet live zu spielen auch nicht viel mehr als Promotion für das Album zu machen, so meine bisherige Erfahrung. Ich bin gefühlsmäßig nicht so involviert. Ich habe Gitarrespielen nicht gelernt um mich auf eine Bühne zu stellen und bewundern zu lassen, sondern um Musik zu machen – auch wenn es nur zuhause oder im Studio ist.

So, nun noch die Standard-Fragen: Was waren die drei letzten Alben, die du dir gekauft hast?

„Beyond Dawn – ich liebe das Album, Dream Theater, Opeth und Katatonia – die habe ich alle auf einmal gekauft“

Internet und Musik:

„Ich mag das Internet, aber ich chatte eigentlich nur. Es ist halt so furchtbar unübersichtlich.“

Wen willst du mal treffen?

Götter wie Pink Floyd oder U2. Dafür würde ich fast alles geben. Ich glaube ich würde weinen, wenn ich sie treffen könnte. Ich hatte die Gelegenheit Voivod zu treffen und das war großartig, ich habe den Drummer gesehen und war furchtbar aufgeregt, ich habe gezittert und war kurz davor wie ein kleines Kind in Tränen auszubrechen. Voivod sind großartige Musiker.“