LOCKERBIE: Verträumt, hell und nostalgisch

Nicht nur Islandfetischisten und SIGUR RÓS-Freunde werden diese junge Band aus Reykjavík lieben: LOCKERBIE klingen märchenhaft isländisch, verzaubern mit ihrem fröhlichen Post Rock-Album aus dem Stegreif und haben von eingängigen, kurzen Songs bis hin zu kleinen Epen alles parat, was das Herz erfreut. Das Debütalbum "Ólgusjór" ist so ungezwungen und unschuldig, so leichtfüßig und doch so schlau komponiert, dass auch die Hörerschaft von BEIRUT und HER NAME IS CALLA die Ohren spitzen sollte. Wir klopfen bei dem freundlichen Keyboarder und Songwriter Davíð an und gehen mit LOCKERBIE auf Tuchfühlung.

Nicht nur Islandfetischisten und SIGUR RÓS-Freunde werden diese junge Band aus Reykjavík lieben: LOCKERBIE klingen märchenhaft isländisch, verzaubern mit ihrem fröhlichen Post Rock-Album aus dem Stegreif und haben von eingängigen, kurzen Songs bis hin zu kleinen Epen alles parat, was das Herz erfreut. Das Debütalbum Ólgusjór ist so ungezwungen und unschuldig, so leichtfüßig und doch so schlau komponiert, dass auch die Hörerschaft von BEIRUT und HER NAME IS CALLA die Ohren spitzen sollte. Wir klopfen bei dem freundlichen Keyboarder und Songwriter Davíð an und gehen mit LOCKERBIE auf Tuchfühlung.

Ist Island ein Teil eurer musikalischen Identität? Würdet ihr anders klingen, wenn ihr aus beispielsweise New York oder Berlin stammen würdet?

Ja, ich glaube, das kann man sagen. Die isländische Musikszene ist wirklich aktiv und ich denke, wir sind definitiv von vielen isländischen Bands beeinflusst. Ich bin mir sicher, man kann den isländischen Sound in unserer Musik ein wenig hören.

Glücklicherweise, habt ihr euch vor ein paar Jahren nicht aufgelöst, sondern stattdessen bei einem Wettbewerb mitgemacht, woraus Ólgusjór resultiert. Kannst du uns bitte die ganze Story erläutern?

Wir entschieden uns nie dafür, eine Pause zu machen, es passierte einfach so. Es gab ein paar Gründe dafür. Unser Sänger und Gitarrist Doddi trat einer Band namens SOUNDSPELL bei und ich habe mich an neuen Dingen in unserer Musikschule versucht, indem ich mit einem Streichquartet arbeitete. Wir haben von diesem Projekt drei unserer Songs auf Ólgusjór verwendet: Gengur í garð, Kjarr und Síðsumar, wobei letzterer nur auf der Japanischen und der deutschen Vinylversion steht. Der Hauptgrund für die Pause war ein Mangel an Motivation. Wir haben einige Konzerte in Reykjavík gespielt und zwei Demos aufgenommen, aber mehr als das war es nicht. Wir waren einfach vier siebzehn Jahre alte Jungs, die gerne Musik spielten, aber keine Pläne hatten. Das änderte sich im Sommer 2008. Ich fuhr von der Arbeit nach Hause und hörte eine Werbung im Radio über einen Songcontest bei Rás 2. Ich schickte einfach eines unserer Demos ein, aber erzählte den anderen gar nichts darüber. Wir wurden schließlich ausgewählt, in Sýland, das eines der größten Studios in Island ist, einen Song aufzunehmen. Danach waren wir sehr aktiv und kreativ, was wirklich wichtig ist.

In Deutschland habt ihr einen Vertrag mit KAPITÄN PLATTE abgeschlossen, die Olgusjór fast ein Jahr nach der Veröffentlichung in Island raus brachten. Warum dauerte das so lange?

Der erste Schritt, nachdem wir Ólgusjór fertig gestellt hatten war, dass es in Island veröffentlich werden sollte. Danach kam es in Japan über das Label RALLYE heraus. Wir haben mit KAPITÄN PLATTE Ende 2011 einen Vertrag abgeschlossen, aber sie wollten das Album erst im März veröffentlichen. Ein Hauptanteil der Entscheidung lag dabei, dass es eher ein Frühlings- als Winteralbum war. Es war keine Eile geboten, also blieben wir bei März.

Es gibt einige offensichtliche Gemeinsamkeiten in der Musik von LOCKERBIE und SIGUR RÓS. Ist es eine einfache Option für eine isländische Band von SIGUR RÓS beeinflusst zu sein, oder ist das nur ein Zufall?

Ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich eine Wahl hatten, es ist einfach passiert. SIGUR RÓS sind natürlich große Vorbilder für eine junge Band wie uns, vor allem da wir ja auch eine Art von Post Rock spielen.

Davon abgesehen mag ich es, wie ihr Streicher und Bläser in eure Musik einbaut. Dadurch wirkt die Musik nicht melancholisch, sondern klingt wie die erste Frühlingsbrise, die den Schnee schmelzen lässt. Geht es bei LOCKERBIE eher um die sonnige und weniger um die dunkle Seite des Lebens?

Ja, definitiv! Wir sind vier fröhliche junge Leute, und ich denke, das kann man in unserer Musik auch hören!

Die Songs sind recht eingängig und kompakter, als es ansonsten im Post Rock üblich ist. Ironischerweise sind die Streicher- und Bläserarrangements so mit der Musik verwoben, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, dass ihr nur mit Gitarre, Keyboard, Bass und Schlagzeug auftretet. Ist das eine Falle, die ihr euch selbst gestellt habt?

Ja, so in etwa. Wie du schon erkannt hast, sind die Streicher und Bläser ein großer Teil unserer Musik und es klingt etwas anders, wenn wir ohne sie spielen. Wie auch immer, es muss nicht schlecht sein, wenn es live anders klingt. Die Songs in einer anderen Version zu hören kann auch interessant sein, wie ich finde.

 LOCKERBIE
Ich bin mir nicht sicher, ob wir wirklich eine Wahl hatten. Davíð ist sich bewusst, dass Paralellen zu einer anderen, großen isländischen Band bestehen.

Obwohl ihr recht jung seid, klingt die Musik recht reif, vor allem die Arrangements, die von dir stammen. Schreibst du Musik auch auf einer professionelleren Ebene, also studierst du etwas mit Kompositionen?

Ja, ich bin an einer Musikschule und habe Komposition und Jazzpiano studiert, was viel geholfen hat, als ich die Streicher und Bläser arrangierte. Þórður war auch auf einer Musikschule und hat dort Jazzgitarre gelernt.

Es gibt einige verschiedene Ausrichtungen in den Songs. Manchmal ist die Musik poppig wie Reyklykt, manchmal wird es episch und gleichermaßen kompakt, wie Gengur, es kann ausufernd werden wie der Titelsong und Snjóljón und schließlich gibt es akustische Momente wie Esja. War es schwierig, all diese Facetten in 40 Minuten zu bringen und einen geschlossenen Gesamteindruck zu haben?

Nein, nicht wirklich. Wir haben niemals auf diese Art und Weise darüber gedacht. Ich denke, dass gute Musik nichts weiter als gute Musik ist, also verwendeten wir das, was wir mögen. Vielleicht hat dieser breit gefächerte Eindruck auch damit etwas zu tun, dass wir an Ólgusjór über eine lange Dauer hinweg gearbeitet haben.

Die Musik klingt jedenfalls, als wären die Ideen für die Songs recht schnell gestanden, dafür hat es aber länger gedauert, an den Details zu arbeiten. Stimmt das?

Ja, so ziemlich. Aber eigentlich ist das von Song zu Song verschieden. Manchmal entstehen die Lieder ganz natürlich, wie Snjóljón. Da ich es auf dem Klavier geschrieben habe, stand das Grundgerüst dazu schon nach ein paar Stunden. Aber bei Laut hat es beispielsweise sehr lange gedauert, bis wir damit zufrieden waren. Auch Laut II und Sumar waren nicht fertig, als wir mit der Aufnahme begannen. Wir wollten es etwas offen halten und sehen, wie sich die Stücke im Studio entwickeln.

Gerade im Titelsong und Reyklykt” hören ich ein wenig BEIRUT heraus, diese schönen, nach Vagabundendasein klingenden Folklieder. Sind BEIRUT ebenfalls ein Einfluss für LOCKERBIE?

Haha, es ist ziemlich witzig, dass du BEIRUT erwähnst, da wir alle wirklich große Fans von dieser Band sind. Ich habe jedenfalls bisher noch keine derartigen Vergleiche gehört, kann diesen aber nachvollziehen. Die Bläser spielen in diesen Songs eine große Rolle, aber ich glaube, das kann auch an Þórðurs Stimme liegen. Es ist ziemlich witzig, wenn er versucht, Zach Condon nach zu machen, denn Þórður kann wirklich genauso singen wie er!

Zwei Dinge an Ólgusjór könnten meiner Meinung nach verbessert werden. Einmal die Produktion, die etwas drucklos klingt. Außerdem mag ich Þórðurs Stimme sehr, aber hier und da hätte er gerne etwas selbstbewusster singen dürfen. Seht ihr das auch so, oder seid ihr rundum zufrieden?

Als wir anfingen das Album aufzunehmen, waren wir nur vier sechzehn Jahre alte Schüler, die eine Platte machen wollten, aber kein großes Budget hatten. Der Mangel an Geldmitteln mag damit zusammenhängen, dass die Produktion etwas besser hätte sein können, wir haben sogar einen Teil des Albums in meiner Musikschule aufgenommen, um Geld zu sparen. Im Bezug auf Þórðurs Stimme glaube ich, ist da schon etwas dran. Als wir das Ólgusjór aufnahmen haben wir noch nicht viel live gespielt, also hatte Þórður damals noch nicht so große Erfahrung – und vielleicht auch Selbstvertrauen – um seine schöne Stimme so einzusetzen, wie wir wissen, dass er es kann. Wir haben im letzten Jahr viel live gespielt, und er ist jetzt ein besserer Sänger als vorher. Auch wenn wir wirklich zufrieden mit dem Ergebnis des Albums sind, es gibt natürlich Dinge daran, die wir verbessern können und das werden wir auch auf dem nächsten Album tun!

Das Cover sieht so aus, als würdet ihr euch nicht so sehr ernst nehmen. Andererseits gibt es darin auch ein gewisses nostalgisches Element. War das eure Absicht? Visualisiert das Artwork außerdem den Albumtitel, von dem ich nicht weiß, was er bedeutet?

Ja, das war wirklich unsere Absicht. Es sollte ein wenig verträumt aussehen, hell und nostalgisch wirken. Ich würde jedoch nicht behaupten, dass wir durch das Cover den Albumtitel wiedergeben. Ólgusjór ist ein altes und etwas episches isländisches Wort, das soviel bedeutet wie stürmende See.

Die isländische Sprache ist wirklich schön und passt zur melancholischen, märchenhaften Musik perfekt. Habt ihr also keinen Grund, Englisch zu singen? Um was drehen sich eure Texte?

 LOCKERBIE
Wir sind vier fröhliche junge Leute, und ich denke, das kann man in unserer Musik auch hören! …und anhand des Artworks zu Ólgusjór auch sehen.

Nein, wir haben keinen Grund, die englische Sprache zu verwenden. Isländisch ist unsere Muttersprache, also war das die naheliegende Wahl für uns. Auch wenn wir Englisch sprechen und verstehen, ich denke man kann seine Gefühle immer am besten in seiner eigenen Sprache ausdrücken. Die Texte handeln von ziemlich unterschiedlichen Dingen. Manchmal ist es eine kleine Reise, mit der wir versuchen die Atmosphäre des Songs wieder zu geben.

Mit Esja gibt es ein Stück auf dem Album, dessen Text vom isländischen Schriftsteller Halldór Laxness stammt. Von was handelt dieses Stück?

Ja, da gibt es ein Gedicht von ihm das Únglingurinn í Skóginum heißt. Es stammt aus seinen frühen Tagen und war sehr kontrovers. Die Regierung versuchte es damals zurück zu halten, da ein paar Leute durchdrehten, als er es veröffentlicht hat. Dieser Text war eines der ersten surrealistischen Gedichte in Island und zu dieser Zeit (1950er Jahre – Amn. d. Verf.) waren die Menschen sehr konservativ in Bezug auf Kunst, also sah sich die Regierung gezwungen, Zahlungen an ihn einzustellen. Wie auch immer, er wurde zum größten Schriftsteller, der jemals aus Island kam und war der einzige Isländer, der einen Nobelpreis besaß.

Ihr habt kürzlich ein schönes Video zum Lied Laut gemacht. Ich mag die Idee und die spielerische Ausführung daran sehr. Wer hat den Clip gedreht?

Arnar Halldórsson und Sverrir Brynjólfsson haben das Video gedreht. Sie nennen sich selbst Next Floor und sind Freunde unseres Managers Hörður. Sie haben auch das Albumcover gestaltet. Die beiden sind sehr talentiert, es war eine Freude im Video zu spielen. Keiner von uns hat so etwas schon einmal gemacht, also war das sehr aufregend für uns. Arnar und Sverrir haben viel mehr Erfahrung in so etwas, also haben sie uns sehr geholfen. Wir haben ihnen zu einhundert Prozent vertraut, da sie sehr professionell sind.

Habt ihr aktuell Pläne für eine Europatour? Werdet ihr mit dem großen Ensemble auftreten, oder bleibt ihr zu viert?

Wir arbeiten gerade an einer Tour für Europa im Sommer 2012. Wir werden dann nur zu viert sein, weil es sehr teuer ist, mit vielen Leuten zu reisen, aber wir würden das liebend gerne tun. Wenn wir live spielen sind wir sehr viel energetischer als auf dem Album und unsere Freude, auf der Bühne zu sein, kommt da wirklich durch, wie ich finde.

Wie sieht es mit den weiteren Plänen für LOCKERBIE aus? Schreibt ihr schon neues Material, oder werdet ihr vielleicht sogar SIGUR RÓS als Support begleiten?

Ja, seit wir das Album veröffentlicht haben schreiben wir neue Songs. Wir haben momentan sechs Stücke in Arbeit, einige sind schon fertig, andere sind es noch nicht ganz. Für SIGUR RÓS zu eröffnen wäre natürlich ein Traum, aber man weiß nie, was die Zukunft bereit hält. Das soll jetzt nicht heißen, dass ich das erwarte, aber wenn man hart arbeitet, ist vieles möglich. Unsere Freunde FOR A MINOR REFLECTION haben auf der letzten Tour für SIGUR RÓS eröffnet und dabei tolle Arbeit geleistet.

Zum Abschluss eine kleine Bonusfrage: Meine Frau und ich verbrachten unsere Flitterwochen in Island und verliebten uns völlig in diese Insel, wir werden sicherlich wieder kommen. Hast du ein paar Tipps für unsere Rückkehr, wo wir hingehen können, was Touristen normalerweise nicht sehen? Und ja, das Phallus Museum haben wir schon besucht.

Nun, das hängt davon ab, was du sehen willst. Wenn du in der Stadt bleiben willst, gibt es ein paar sehr interessante Museen in Reykjavik, und auch das Nachtleben hier ist fantastisch. Wenn du aber wie ich vom Land stammst, dann ist das interessanteste einfach um die Insel zu fahren und zu sehen, wie schön alles ist. Die Fjorde im Westen und Osten sind wundervoll und ich finde, dass sie viel isländischer sind, als die Stadt. Aber Reykjavik ist trotzdem großartig.

Bilder: (c) LOCKERBIE