EXCITER: ein Klassikerinterview mit John Ricci

EXCITER: ein Klassikerinterview mit John Ricci

Diese Band hat Klassiker fabriziert. Noch bevor Bands wie Slayer oder Metallica
ihre Debütalben veröffentlichten, legte das kanadische Trio EXCITER
1983 mit „Heavy Metal Maniac“ ein Album vor, das sicherlich als eines
der ersten Speed Metal-Alben dieses Planeten bezeichnet werden kann. Das 1984
folgende „Violence & Force“ gehört ebenfalls in jede auf
Qualität bedachte CD-Sammlung. Wer hat in seiner Jugend nicht zu Stücken
wie „Stand up and fight“, „Blackwitch“, „Pouding Metal“
oder „Saxons of the Fire“ abgebangt. Zwar ist auch das dritte Werk
„Long live the Loud“ (1985) als gutklassig zu bezeichnen (Anspieltipps:
Titeltrack, „I am the Beast“, „Born to Die“), aber bandinterne
Grabenkämpfe sorgten für den Ausstieg von Gitarrist und Hauptsongwriter
John Ricci. Das hatte zur Folge, daß die beiden folgenden Alben „Unveiling
the Wicked“ (1986) und „EXCITER“ (1988) keinen EXCITER-Fan ernsthaft
begeistern konnten, wobei ich sagen muß, daß ich zumindest mit der
erstgenannten Scheibe doch einiges anfangen kann. Zwar immer noch heavy, aber
doch hörbar melodischer können mich auch heute noch Tracks wie „Breakdown
the Walls“, „Mission Destroy“ oder „School Rules“ begeistern.
Das selbstbetitelte „EXCITER“-Album allerdings ist Kacke. Nicht nur,
daß Sänger und Trommler Dan Beehler (eine bis dato wohl einmalige
Kombination) das Mikro aus der Hand legte bzw. an einen gewissen Rob Malnati
übergab (ein guter Sänger, das stimmt schon…), auch das Songwriting
war geprägt von akuter Zahn-, Saft- und Kraftlosigkeit. 1992 war John Ricci
zwar wieder zurück in der Band, doch den verlorenen Boden konnte man nicht
wieder gutmachen. Die Musiklandschaft hatte sich verändert, der Grunge
rulte und das mit einem schrecklichen Sound versehene „Kill after Kill“-Album
(ich verstehe bis heute nicht, wie in der „Rock Hard Enzyklopädie“
behaupten werden kann „die Scheibe klingt superfett“) konnte nicht
ernsthaft überzeugen – was allerdings das 1993 veröffentlichte
Livealbum tat. Hier gab es alle Highlights der ersten drei Scheiben, doch dieses
Mal waren es Business-Probleme, die der Band den Hahn zudrehten. Dann wurde
es lange still um die Band – bis 1997 das Comeback-Album „The Dark
Command“ erschien. Neben John Ricci gab’s mit Jacques Belanger (Vocals),
Marc Charron (Bass) und Rik Charron (Drums) neue Gesichter. Doch die Band schien
erstarkt, wovon sich auch die Fans auf dem 98er Wacken-Open-Air ein Bild machen
konnten, denn die Band überzeugte auf ganzer Linie. Vor kurzem erschien
das mittlerweile achte Studioalbum „Blood of Tyrants“, erneut ein
Muß für alle Metal-Fans. Sicher, die Band klingt nicht modern, aber
auch nicht verstaubt oder antiquiert. Mein Gesprächspartner war übrigens
ein sehr netter und redseliger John Ricci, der sich als erstes die Frage stellen
lassen mußte, wie es die Band geschafft gleichzeitig alt, aber nicht veraltet
zu klingen, denn mich erinnerte nicht nur „The Dark Command“, sondern
natürlich auch das neue Album an die guten, alten Zeiten…


Wir sind an dieses Album auf die Art und Weise herangegangen, wie wir das damals
bei Scheiben wie „Heavy Metal Maniac“ oder „Violence & Force“
getan haben. Nur ist heute das Songwriting much much better, wodurch das Album
sehr frisch klingt. Ich erinnere mich an einen Kommentar, der unsere Musik als
„Fresh Old Metal“ beschrieb. Eine recht zutreffende Beschreibung…

Finde ich auch. War EXCITER
immer eine existierende Band oder gab es auch mal eine Zeit, wo man die Band
als aufgelöst betrachten konnte?

Nein, die Band existierte immer. Ich war zwar für fünf Jahre –
von 1985 bis 1990 – out of the Band, doch 1990 traf ich mich mit unserem
alten Drummer und Sänger Dan Beehler und schrieb mit ihm das „Kill
after Kill“-Album, das von Noise veröffentlicht wurde. 1993 kam zwar
das Livealbum, doch Dan hatte die Schnauze vom ganzen Business voll und verließ
die Band wieder. Ich glaubte, er würde nur eine kurze Pause brauchen, doch
es war ihm wirklich ernst. Ich wartete zwar zwei Jahre auf ihn, entschied mich
aber 1996 die Band mit neuen Mitgliedern fortzuführen. Ich schrieb Songs
über Songs, als ich einen Anruf von Hervé, dem Boss von „Osmose“-Records
aus Frankreich, erhielt. Ich erzählte ihm von meinen Plänen und erhielt
– ohne, daß sie überhaupt einen Ton der neuen Songs gehört
hatten – einen Plattenvertrag. Sie vertrauten darauf, daß wir mit
einem starken Album aufwarten würden. Ich selbst war allerdings ein bißchen
nervös, denn ich wußte nicht, ob die alten EXCITER-Fans
das neue Line-up akzeptieren würden. Ich war schließlich das einzige
Original-Mitglied…

Und, ist die Akzeptanz mittlerweile da?

Sicher, viele Fans fragten nach Dan oder Allan Johnson. Doch die Band ist mittlerweile
akzeptiert. Dan hat wirklich mit der Musikgeschichte abgeschlossen, so als die
Vergangenheit für ihn gar nicht existieren würde. He’s very bitter
against the music-business because I feel and he feels that EXCITER
should be a bigger Band than we acutally are. Wir hatten immer eine große
Unterstützung in Europa, doch hier in Kanada waren wir immer mehr oder
weniger auf uns alleingestellt…

Ist das ein typisch kanadisches Problem, da wir Musiker von Anvil oder Razor
ähnliches erzählten?

Kanada ist ein sehr konservatives Land ohne eine besonders ausgeprägte
Musikkultur. They are not Risk-Takers. Die kanadische Musikindustrie hängt
sich an Trends. Wenn eine kanadische Band in den USA oder in Europa Erfolg hat,
dann okay. Aber eine einheimische Band erfolgreich machen? Keine Chance. Wir
sind hier als lausige, laute Band verschrien. Ein Beispiel : Wir hatten eine
Show in Ottawa und ich mußte dem Clubbesitzer 200 Dollar zahlen, damit
wir da spielen konnten. ICH MUSSTE FÜR MEINE EIGENE SHOW ZAHLEN. Das Gute
ist, wir den den Club restlos ausverkauft haben.

Ich hab‘ gehört, daß Sänger Jacques Belanger kurzzeitig
aus der Band draußen war. Was war genau passiert?

Er war tatsächlich für ein halbes Jahr draußen. Die Bandmitglieder
EXCITER’s
haben unterschiedliche Persönlichkeiten. Es war so, daß Jacques immer
mehr das diskutieren anfing. Nicht über musikalische, sondern über
persönliche Dinge. Jedes Gespräch artete in eine große Diskussion
aus. Hinzukommt, daß er einige Male nicht zur einer Probe kam. Das häufte
sich zum Ende. Nach einer erneuten Diskussion verließ er dann wieder grußlos
unseren Proberaum, doch dieses Mal sagte ich mir „That’s it! Dieses
Mal hole ich ihn nicht zurück!“. Das Material für „Blood
of Tyrants“ war zu diesem Zeitpunkt schon geschrieben und wir holten uns
mit Steve Carter einen neuen Sänger, der für ungefähr ein halbes
Jahr bei uns blieb. Leider war es so, daß er sich in diesem Zeitraum nicht
weiterentwickelte. Er kam einfach nicht an Jacques‘ Standard heran. Wir
mußten ihn einfach feuern. Gleich am nächsten Morgen rief ich dann
bei Jacques an. Er war sehr happy über meinen Anruf. Wir setzten uns zusammen,
klärten einige Dinge und nun ist er wieder in der Band. And now everything‘s
fine…

Was gibt’s über die Texte zu sagen? Ihr habt typische Metal-Songtitel
wie „Metal Crusaders“, „Rule with an Iron Fist“, „War
Cry“ oder „Predator“…

Es sind sehr Metal- und EXCITER-typische
Themen. War, Destruction und Violence. Für uns sind die „Tyrants“
die Mächtigen dieser Welt, die für Krieg, Zerstörung und Gewalt
verantwortlich sind. Wir wollen das Blut dieser Tyrannen. Wir wünschen
uns doch alle Frieden auf dieser Welt, oder? Die Texte sind eine Mischung aus
Reality- und Fantasy-Stuff. Die aggressiven Lyrics gehen einher mit der aggressiven
Musik. Wir sind aber keine politische Band…

Schon mal daran gedacht, einen alten Song mit Jacques und den anderen neuen
EXCITER-Guys
neu aufzunehmen?

Als
wir „Blood of Tyrants“ aufnahmen, wollte Jacques unbedingt „Blackwitch“
aufnehmen, aber ich wollte keinen alten Song auf einem neuen Album haben. Wir
werden entweder ein neues Live-Album aufnehmen oder vielleicht eine EP mit vom
aktuellen Line-up eingespielten alten Stücken, denn Jacques ist ein sehr
guter Sänger, der es schafft, seinen persönlichen Stil mit dem alten
EXCITER-Stil
zu vermischen.

Du sagtest vorhin, daß
Du wegen der Erwartungshaltung der Fans ein „bißchen“ nervös
warst. Wann warst Du denn nervöser? Als Du nichts von den Erwartungen der
Fans wußtest oder jetzt, als Dir klar war, welche Art von Musik die Fans
von Dir erwarten?

Ganz klar, als ich „Blood
of Tyrants“ schrieb, weil ich zu dem Zeitpunkt ja wußte, was die
Fans erwarten. Wir bekamen für „The Dark Command“ gute Kritiken
und das Line-up wurde akzeptiert. Doch auch das neue Album kommt sehr gut an.
Ich hab‘ zum Beispiel in den letzten zwei Wochen etwa vierzig Interviews
gegeben.

Wieso bist Du eigentlich damals – nach dem Album „Long live the
Loud“ (1985) – aus der Band ausgestiegen?

Puh, das ist eine etwas längere Story. Im Sommer 1985 waren wir zusammen
mit Megadeth auf US-Tour. Am Ende dieser Tour bekamen wir einen Anruf von unserem
Label-Chef, der uns das Angebot machte, zusammen mit Slayer und ein paar kleineren
Bands auf einem Riesenfestival in Montreal zu spielen. Ich warhappy und erzählte
Dan davon. Doch Dan drehte völlig durch und bestand darauf NACH Slayer
auf die Bühne zu gehen und das Festival zu headlinen. Er würde nicht
spielen, wenn wir nicht headlinen. Ich rief zurück und teilte dem Label
unsere Entscheidung – von der ich wußte, daß sie völlig
falsch war – mit. Nach zwei Tagen kam es zu einem Sinneswandel Dan‘s
und ich rief erneut beim Label
an. Doch die einzige Antwort, die ich erhielt war : „You can go to Hell.
I don’t wanna see or talk to you again“. Natürlich verloren wir
unseren Deal, zumal die Werbekampagne schon auf vollen Touren angelaufen war.
Aber so war Dan, mit dem ich immer Machtkämpfe auszutragen hatte. Ich habe
die Band gegründet, doch Dan wollte immer mehr zu sagen haben und bei Business-Entscheidungen
mitreden. Es ging immer nur „ich, ich, ich“. Das wurde mir irgendwann
zuviel, denn komischerweise waren alle auf seiner Seite. Ich verlor die Kontrolle
über meine Band. Schau, ich schrieb 95% des Songmaterials, also what the
Hell is going on…

Deine Meinung zu den Alben „Unveiling the Wicked“ und „EXCITER“.
Auf beiden Album bist NICHT Du, sondern ein gewisser Brian McPhee, zu hören!

Es soll nicht überheblich klingen, aber der EXCITER-Sound
war immer der Gitarrensound und das Songwriting von John Ricci. Brian war sicherlich
ein hervorragender Gitarrist, doch spielte er viel melodischer und technischer
– nur eben nicht so heavy. Als Brian in die Band kam, merkten die Fans
schnell, das irgendwas nicht stimmte. Die Band war nicht mehr heavy genug. Sie
war too wimpy and too melodic. Die Band ging den Bach runter, denn die Verkäufe
und die Popularität ließen nach. Sie veröffentlichte noch das
EXCITER“-Album,
brach dann aber 1988 auseinander….

Auf dem Album sang erstmalig NICHT Dan Beehler…

Richtig, aber es immer so, daß wir über all die Jahre nach einem
Sänger suchten. Dan war immer nur eine Notlösung, der auf diesem Album
von Rob Malnati ersetzt wurde. Sie spielten noch eine kleine Tour, die aber
in einem finanziellen Disaster endete und zum Split der Band führte.


Wie fühlt man sich, wenn man zu Hause mit ansehen muß, wie andere
Leute das eigene „Baby“ mißhandeln? Warum hast Du den Bandmitgliedern
den Namen „EXCITER
denn nach deinem Ausstieg überlassen? Was hast Du eigentlich nach Deinem
Ausstieg in musikalischer Hinsicht getrieben?

Wir hatten eine Abmachung, daß derjenige, der mit der Band weitermacht,
den Namen EXCITER
benutzen darf, aber es tat schon weh und war sehr enttäuschend, daß
sie einfach die typischen EXCITER-Elemente
entfernten. Nach meinem Ausstieg gründete ich eine Band namens Blackstar.
Diese Band existierte für etwa ein Jahr und der Sänger hieß
– Jacques Belanger. Er war auch die erste Wahl, als es darum ging, EXCITER
wiederzubeleben.

1992
erschien das mit Slogan „The Maniac is back“ beworbene „Kill
after Kill“-Album, das nur von Dan und Dir als EXCITER-Line-up
eingespielt wurde (mit Unterstützung eines nie zur Band gehörenden
David Ledden). Bis heute das EXCITER-Album,
das ich mir aufgrund seines miesen Sounds einfach nicht anhören kann, auch
wenn die Songs okay sind…

Da stimme ich dir zu. Wir hatten zuwenig Zeit. Das Studio war einfach zu teuer,
so daß wir die Scheibe sehr schnell einspielten. Es war auch das erste
Mal, daß ich mit Manfred Leidecker, der auch „Blood of Tyrants“
und „The Dark Command“ produzierte, zusammenarbeitete.

Das Album enthielt zwar einen Livetrack („Born to Kill“), doch
das erste „richtige“ Livealbum erschien dann kam 1993 und hieß
„Better Live than Dead“…

Noch so’ne lange Geschichte. Wir hatten ein Master-Tape mit diesen Aufnahmen.
Dieses schickten wir dann an Eric Cook, den ehemaligen Venom-Manager und Chef
von „Bleeding Heart“-Records. Er schickte uns einen Scheck über
zweitausend kanadische Dollar. Doch dieser Scheck war nicht gedeckt, was wir
merkten, als wir ihn einlösen wollten. Ich rief ihn immer wieder an. Er
vertröstete uns immer wieder. Als ich ihn nach über einem Jahr dann
endlich traf, erzählte er mir, daß er mittlerweile bankrott sei…

Tja, dieses Schicksal wird „Osmose Productions“ – Bands wie Immortal
sei Dank – wohl nicht so schnell ereilen. Wir können uns also noch auf
weitere EXCITER-Alben
freuen. Oder John?

Interview: Oliver Loffhagen
Layout: Alex C.