DORNBUSCH/KILLGUSS: Es regt sich auch Widerstand

Das Problem der rechten Unterwanderung in der Black Metal-Szene ist in der heutigen Zeit leider nicht mehr weg zu diskutieren. Oft sind die Vernetzungen und Verbindungen auch schwer zu durchschauen. Letztes Jahr hat ein Buch dann diesen Versuch unternommen – und "Unheilige Allianzen" liefert nicht nur einen gut recherchierten Durchblick, sondern präsentiert sich auch als nötiger Denkanstoss…

Das Problem der rechten Unterwanderung in der Black Metal-Szene ist in der heutigen Zeit leider nicht mehr weg zu diskutieren. Oft sind die Vernetzungen und Verbindungen auch schwer zu durchschauen. Letztes Jahr hat ein Buch dann den Versuch einer Analyse unternommen – und Unheilige Allianzen liefert nicht nur einen gut recherchierten Durchblick, sondern präsentiert sich auch als nötiger Denkanstoss. Da Christian Dornbusch und Hans-Peter Killguss mit ihrem Werk keine groß angelegte Europatour unternahmen, bot sich also ein Interview mit den unermüdlichen Forschern geradezu an, um einen Blick hinter die Kulissen von Unheilige Allianzen zu erhaschen.

Nun, erstmals vielen Dank für die Interviewmöglichkeit und natürlich auch für Unheilige Allianzen. Bevor ich auf euer Buch zu sprechen komme, würde ich gerne mehr zu Christians Auftritt im Ragnarök-Festivalsbericht der TV-Sendung Polylux wissen. Darin war sein Gesicht unkenntlich gemacht und darum also meine Frage: Warum? Müsst ihr wegen eurer kritischen Recherchearbeit für Unheilige Allianzen Übergriffe oder Belästigungen aus rechten Kreisen fürchten?

Christian Dornbusch: Bereits letztes Jahr deutete sich an, dass einige Leute vom äußersten rechten Rand des Black Metal gerne unser habhaft werden würden. Offensichtlich passt ihnen nicht, dass wir in unserem Buch beschreiben, wo und wie sie in der Szene agieren; was sie vertonen, verlegen bzw. in Interviews von sich geben.

Habt ihr von Anfang an eure Privatsphäre so gewahrt? Könnt ihr euch weiterhin unbehelligt in der Black Metal-Szene bewegen?

Christian Dornbusch: Ich forsche und publiziere seit den 1990er-Jahren über verschiedene extrem rechte Entwicklungen in Jugendkulturen und Musikszenen. Der Arbeitsschwerpunkt konzentrierte sich lange Jahre auf der neonazistischen Skinhead-Szene. Vor diesem Hintergrund war ich von Anfang an bei unseren Recherchen vorsichtig, da ich um die Bedrohung seitens der neonazistischen Skinhead-Szene wusste und wir uns daher auch nicht blauäugig der Black-Metal-Szene annäherten. Rückmeldungen auf erste Artikel 1999 zu dem entstehenden rechten Rand bestätigten, dass Vorsichtsmaßnahmen angebracht waren und sind.

So kritisch Unheilige Allianzen auch ist, man merkt, dass euch etwas am Black Metal liegt und ihr weist am Schluss ja auch daran hin, dass es an den Metallern liegt, dem rechten Rand das Terrain streitig zu machen. War eine aufklärerische Unterstützung eure Hauptmotivation für das Verfassen dieses Buches oder stand für euch mehr die Forschungsarbeit an sich im Vordergrund? Oder anders gefragt: Was hat euch dazu bewegt, Unheilige Allianzen zu verfassen?

Hans-Peter Killguss: Ausgangspunkt war, dass wir Ende der 1990er-Jahre die Entwicklungen am rechten Rand des Black Metal miterlebten. Nachdem wir zuerst die Hoffnung hatten, dass es sich um einen kurzfristigen Modetrend handeln würde, registrierten wir, dass dieser rechte Rand sich tatsächlich weiterentwickelte. Zunehmend wurde es normal, dass Musiker, Fanzine-Macher und Fans des Genres antisemitische oder rassistische Äußerungen von sich gaben.
Vor ungefähr sechs, sieben Jahren begannen neonazistische Skinheads in ihren Fanzine Black-Metal-Bands vom rechten Rand der Szene vorzustellen und zu interviewen und ihre Platten zu rezensieren. Zugleich konnte man dort nachlesen, wie von Seiten rechter Black-Metal-Fans um Akzeptanz für ihre Musik geworben wurde.
Zu jener Zeit – um das Millenium herum – begannen wir, uns mehr und mehr mit dem Black Metal und seiner Szene zu beschäftigen. Anliegen unseres Buches ist es, die einzelnen Motive im Black Metal zu analysieren und zu zeigen, wo hier ideologische Brücken nach rechts bilden können. Diesem zentralen Teil im Buch ist ein längeres Kapitel über die Geschichte der Musik vorgelagert, damit auch Nicht-Insider verstehen, was Black Metal ist, wie diese Musik entstanden ist. Im dritten Teil von Unheilige Allianzen beschreiben wir, wo und wie Bands, Musikverleger und Fanzine-Macher politische Elemente in die Musik einflechten bzw. verarbeiten. Daran anknüpfen wollen wir gegen Ende des Buches darlegen, wie diese Akzeptanzwerbungskampagne von rechten Black Metallern im Rechts-Rock verlief. Wir hoffen, dass wir kritischen Menschen in der Metal-Szene damit einen Einblick geben können, wie und an welchen Stellen extrem rechtes Gedankengut in die Szene einsickert. Ferner wünschen wir, dass das Buch auch andere gesellschaftspolitisch interessierte Menschen anspricht, die sich gegen das Vordringen extrem rechten Gedankenguts wenden. Und letztlich möchten wir mit der Publikation einen Beitrag zum Forschungsfeld Rechtsextremismus bzw. (jugend-)kulturellen Rechtsextremismus liefern.

Unheilige
Wir wählten das Motiv, da es unseres Erachtens gut die Verbindung von Black Metal und Neonazismus symbolisiert. – Christian Dornbusch über das Cover von Unheilige Allianzen

Ihr habt ja anno 2002 einen Band zum Thema Rechts-Rock veröffentlicht, drei Jahre später erschien Unheilige Allianzen. Wie seid ihr ursprünglich dazu gekommen, euch mit Rechts-Rock zu beschäftigen? War es danach ein logischer Schritt, sich auch mit den rechten Tendenzen im Black Metal zu beschäftigen?

Christian Dornbusch: Ich habe 1990/91 miterlebt, wie Jugendliche und junge Erwachsene durch die Musik neonazistischer Skinhead-Bands wie STÖRKRAFT oder TONSTÖRUNG politisiert wurden. Im Studium begann ich daher, mich im Kontext von Politikwissenschaften und Soziologie damit auseinanderzusetzen und später dann historisch im Bereich der Geschichtswissenschaften. Die Beschäftigung mit Black Metal ist kein zwangsläufiger Schritt. Die Motivation begründet sich durch die Entwicklungen am rechten Rand der Szene.

Angesichts der Fülle von Quellen, die ihr für Unheilige Allianzen nutzt – wie lange hört ihr selber schon Black Metal und wie seid ihr dazu gekommen?

Hans-Peter Killguss: Christian hat Anfang der 1980er-Jahre angefangen Metal zu hören, geprägt und beeindruckt hat ihn als Jugendlicher vor allem das Album At War with Satan von VENOM. Ich selbst habe Ende der 1980er-Jahre meine ersten Metal-Scheiben gekauft und habe schließlich auch ein kleines Metal-Fanzine herausgegeben. In diesem Rahmen kam ich Anfang der 1990er Jahre dann in Berührung mit Black Metal, wie wohl viele andere in dieser Zeit.

Gerade die Quellenfülle von Unheilige Allianzen hat mich sehr beeindruckt, zumal man die erforderlichen Fanzines etc. nicht so einfach mal schnell zusammenkaufen kann. Wie lange habt ihr für die Recherchearbeit gebraucht? Standen euch hierbei irgendwelche Finanzierungsmittel von der FH Düsseldorf zur Verfügung oder habt ihr das Material zuerst komplett auf eigene Faust gesammelt?

Christian Dornbusch: Ich habe 1995 angefangen, Flyer und Fanzines aus dem Black Metal aufzubewahren und zu sammeln. Ferner haben Hans-Peter und ich einen weiten Bekannten- und Kollegenkreis, die uns für unsere Forschung und das Buch viele Kopien von Magazinen und Alben überließen. Finanzielle Unterstützung erhielten wir von Seiten Dritter nicht.

Zum Teil wartet Unheilige Allianzen ja auch mit Quellen auf, die man sich nicht einfach so schnell mal beim Zeitungshändler kauft oder flugs im Netz findet. Inwiefern musstet ihr euch sozusagen in den rechten Rand hineinbegeben, um zu Informationen zu kommen?

Hans-Peter Killguss: Wir finden es wichtig, dass man als Wissenschaftler oder Journalist sich immer auch mit Primärquellen befasst – egal um welches Forschungsfeld es sich handelt. Wie gesagt: Wir haben viele Fanzines, Tonträger und andere Materialien vom neonazistischen Rand der Szene gesammelt, und uns – wenn man so möchte – damit auch in den Rand der Szene hineinbegeben. Dazu muss man jedoch nicht jahrelang Undercover in der Szene leben.

Habt ihr euch hierbei sozusagen als unkritische Fans ausgegeben? War das jemals gefährlich für euch?

Christian Dornbusch: Salopp formuliert, sind wir einfach – wie andere Fans auch – auf Konzerte gegangen, haben uns Bands angeschaut, Platten und Fanzines gekauft und mit Leuten geplauscht. Gefährlich war es meines Erachtens nur einmal, als ein uns bekannter Neonazi auf einem Konzert zugegen war. Als er noch überlegte, woher mich uns kannte, verließen ich das Konzert wieder.

Bei zahlreichen Pseudonymen steht dahinter der echte Name der Person. Warum war es euch wichtig, die Protagonisten auch mit ihrem echten Namen zu nennen? Und wie habt ihr die entsprechenden Infos bekommen? Aufgefallen ist mir in diesem Zusammenhang auch, dass ihr z.B. den Namen von Vratyas Vakyas (FALKENBACH) nicht nennt – wie kommt das?

Hans-Peter Killguss: Wir haben uns lange und sehr genau überlegt, bei wem wir Klarnamen nennen. Das waren zum einen Teil Personen, die sowieso in der Öffentlichkeit stehen. Das trifft beispielsweise auf VENOM oder Protagonisten der skandinavischen Szene Anfang der 1990er zu, deren Namen wir der Vollständigkeit halber genannt haben.
Auf der anderen Seite betrifft das Personen, die schon seit längerem im neonazistischen Underground aktiv sind. Wir möchten in diesem Zusammenhang betonen, dass es uns nicht darum geht, Szenegänger, die in ihrer Jugend einmal einen blöden Spruch getan haben, nun aber erwachsen geworden sind an den Pranger zu stellen, oder – wie uns vorgeworfen wird – Menschen, die nicht unserer Meinung sind, ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren.
Wer aber, wie neonazistische Black Metaller, ständig Migranten und Juden gleiche Rechte verwehrt, oder gar dazu aufruft, diese umzubringen, der kann sich auch nicht auf Meinungsfreiheit oder Schutz durch Anonymität berufen.

Wir hatten hier in der Schweiz ja auch schon einige unrühmliche Veranstaltungen, zuletzt als es anno 2005 ein, nachher abgebrochenes, Konzert der rechten Band ABSURD gab. In der Quellenangabe Nr. 869 in Unheilige Allianzen gebt ihr eine interne Stellungnahme der damaligen Veranstalter an. Wie seid ihr an dieses interne Dokument gekommen?

Christian Dornbusch: Eine Kollegin, die journalistisch an der Story dran war, hat sie uns zukommen lassen. Wir beschäftigen uns eben schon seit einigen Jahren mit dem Thema extrem rechte Tendenzen in Jugend- und Musikkulturen und entsprechend kennt man die Kollegen und Kolleginnen, die auch zu dem Thema arbeiten.

Damals hat die Schweizer Antifa nichts gegen das eindeutig rechte Konzert unternommen. Dieses Jahr hingegen haben sie erfolgreich das dagegen vergleichsweise harmlose Konzert von IMPALED NAZARENE in der Deutschschweiz verhindert, was auch bei den sonst nicht rechts orientierten Metallern für Unmut und Verständnislosigkeit gesorgt hat. Was hält ihr persönlich von diesem aktuellen Aktionismus gegen diese finnische Formation?

Hans-Peter Killguss: Wir würden IMPALED NAZARENE keinesfalls als neonazistische Band einstufen – das haben aber auch nur die wenigsten Kritiker getan (vgl. beispielsweise diese Hinweise). Vielmehr geht es darum, darauf hinzuweisen, dass IMPALED NAZARENE extrem homophobe und sexistische Inhalte vertreten sowie Liedtexte produziert haben, die von einem mit Tötungsphantasien gepaarten Antikommunismus geprägt sind. Natürlich kann man sagen, dass dies alles nur ein extremer Humor sei, der im Black Metal nicht selten auftrete oder letztlich bloße Provokation. Wer allerdings Intoleranz gegenüber Linken, Lesben und Schwulen zum Leitthema erhebt, braucht sich nicht wundern, wenn nun auch IMPALED NAZARENE eine gewisse Intoleranz (in Form von Bitten, dieser Gruppe keine Plattform zu bieten) entgegen gebracht wird.
Darüber hinaus ist die Aussage von Band und Veranstaltern, dass IMPALED NAZARENE die kritisierten Lieder (Total War, Zero Tolerance usw.) nicht mehr spielen würden schlicht und ergreifend unwahr. Ebenfalls unwahr ist, dass sich IMPALED NAZARENE niemals rassistisch geäußert hätten. Klar ist, dass Mikka, was seine Zeit in Belgien angeht, großes Verständnis für rassistische Ausdrucksformen hat.
Ich fordere keine Zensur, finde es aber schade, dass inhaltliche Diskussionen von der Szene abgeblockt werden.

Unheilige Allianzen ist ja in der Reihe antifaschistischer Texte im Unrast Verlag erschienen. Handelt es sich hierbei eigentlich um einen politischen Verlag? Wie ist die Zusammenarbeit mit diesem Verlag zustande gekommen?

Christian Dornbusch: rat – reihe antifaschistischer Texte veröffentlicht Sachbücher über den Nationalsozialismus, dessen Kontinuitäten nach 1945 bis heute als auch Publikationen über die aktuelle extreme Rechte. Dieses Spezialangebot und das hohe Niveau der Veröffentlichungen hat in den letzten Jahren einen hervorragenden Ruf des Verlages begründet.

Schwarze
Die Schwarze Sonne – ein Ersatzsymbol für das Hakenkreuz

Nun ist es ja nicht so, dass sich in der Metalszene keinerlei Widerstand regt, gegen die rechten Tendenzen. So gibt es beispielsweise die Organisation Metalheads against Racism, welche Metal-Konzertorganisatoren Banner für die Flyer zur Verfügung stellt, die klar machen, dass Rassisten unerwünscht sind. Was hält ihr von dieser Initiative?

Hans-Peter Killguss: Das stimmt. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es im Metal trotz einer großen unpolitischen Mehrheit viele gibt, die nicht nur etwas gegen Nazis haben, sondern dies auch nach außen darstellen wollen. Ich finde jede Initiative aus dem Metal-Bereich gegen Rassismus und Faschismus ist begrüßenswert.
Allerdings findet man solche Aktionen im Black Metal nicht, da sich dort immer auf den vermeintlich unpolitischen Charakter der Szene berufen wird.

Auf dem Cover deines Buches befindet sich ja der Leadsänger von KRISTALLNACHT. Wieso gerade er? Und musste er sein Einverständnis geben für diese Abbildung? Wenn ja, welche Beweggründe dazu hatte er?

Christian Dornbusch: Das Foto ist auf einem öffentlichen Konzert aufgenommen worden von einem Musiker, der sich eben der Öffentlichkeit präsentierte. Daher brauchten wir, wie alle anderen Journalisten etc. auch, die Rockmusiker auf öffentlichen Konzerten fotografieren, keine Genehmigung. Wir wählten das Motiv, da es unseres Erachtens gut die Verbindung von Black Metal und Neonazismus symbolisiert. Dass es sich dabei um ein Bild des KRISTALLNACHT-Frontmannes handelte, ist eigentlich nebensächlich.

Ebenfalls auf dem Titelbild befindet sich das Emblem der sog. Schwarzen Sonne. Nun ranken sich um dieses Symbol ja die wildesten Bedeutungserklärungen. Einige sagen, es sei ein altes Symbol aus der nordischen Mythologie, andere, wie etwa das Bündnis-Toleranz.de (2005) halten es für ein von der SS geschaffenes Symbol, welches als Ersatz für die Doppel-Sig-Rune getragen wird. Wie seht ihr es mit der Bedeutung dieses Symbols? War es euch ein Anliegen, dass dieses Symbol, welches ja oft unter rechts Gesinnten als Erkennungszeichen getragen wird, auf dem Cover von Unheilige Allianzenzu sehen ist?

Hans-Peter Killguss: Der Hintergrund ist kurz erzählt. Bei der so genannten Schwarzen Sonne handelt es sich um en Motiv, das in den Gruppenführersaal der Wewelsburg in den Marmorfußboden eingelegt wurde. Die Burg wurde vom Reichsführer SS Heinreich Himmler 1934 als zukünftiges geistig-politisches Zentrum für die SS auserkoren. Damit sie seinen Plänen entsprach, wurde die Burg in den folgenden Jahren umgebaut. Für diese Arbeiten errichteten die Nazis extra ein Konzentrationslager im Dorf. Welche Bedeutung dieses Symbol für die Nationalsozialisten hatte, ist nicht bekannt. Der Name Schwarze Sonne hat es erst nach 1945 verliehen bekommen. Die Rezeptionsgeschichte des Symbols ist lang. Popularisiert wurde es erst in den 1990er Jahren aus rechts-esoterischen Kreisen. Dann fand es Verbreitung am extrem rechten Rand der Darkwave-Szene und wurde schließlich auch von den heutigen Neo-Nazis und Leuten aus der Black-Metal-Szene aufgegriffen. Heute gilt es vielen Aktivisten aus diesem Spektrum als ein Ersatzsymbol für das Hakenkreuz, manche verbinden mit ihm ferner irgendwelche okkulten Bezüge zum Nationalsozialismus.
Es gibt keinen Hinweis darauf, der wissenschaftlich-historisch haltbar wäre, dass dieses Symbol vor dem NS verwendet worden wäre.

Ihr sprecht in eurem Buch ja gegen Ende auch an, dass etwa das PARTY.SAN OPEN AIR dazu übergegangen ist, Besucher mit T-Shirts oder Emblemen gewisser rechter Bands nicht mehr einzulassen. Welche Embleme sprecht ihr hier an? Und gibt es eurer Meinung nach neben dieser restriktiven Möglichkeit noch weitere Möglichkeiten, um Rechte von einem Black Metal-Konzert und der Szene allgemein fernzuhalten?

Christian Dornbusch: Soweit ist weiß, werden Besucher mit eindeutiger extrem rechter Symbolik als auch mit Band-T-Shirts etc. politisch extrem rechter Gruppen abgewiesen. Genaueres müsstest du bei den Veranstaltern des PARTY.SAN OPEN AIR erfragen. Eine andere Möglichkeit hast Du bereits erwähnt, die Metalheads against Racism, die eine Gegenöffentlichkeit herstellen und sich klar positionieren. Wir erachten es für wichtig, dass sich jene Metalheads, die nichts mit Neonazis, Rassisten und Antisemiten zu tun haben wollen, das auch deutlich sagen und dies nach außen dokumentieren.
Ferner ist es unserer Meinung nach wichtig, dass sich Fans von Black Metal schon mal fragen sollten, was ihnen da bei manchen Bands und von Seiten mancher Labels und Fanzines an Inhalten geboten wird. Leider ist es notwendig, wachsam zu sein gegenüber dem, was einem so manche Band in ihren Texten und Interviews verkaufen wollen.

In Unheilige Allianzen schildert ihr ja auch die sog. unpolitische Einstellung vieler Black Metaller, welche sich nicht an der rechten Unterwanderung der Szene zu stören scheinen und diese tolerieren. Was hält ihr von Bands, welche selber keinen NSBM machen, jedoch sog. Split-Alben mit bekennenden rechten Bands auf den Markt bringen?

Hans-Peter Killguss: Ich denke, dass es sich manche Gruppen zu einfach machen. Manchen ist es egal, mit wem sie zusammen auf einem Album erscheinen. Ein Split-Album mit bekennenden Rechten macht eine Band noch nicht zu Neonazis, aber sie setzt sich damit zumindest in einen rechten Kontext.
Mitunter ist es einer Band jedoch gar nicht bewusst, was sie da tut. Beispielsweise DARK FORTRESS, die eine Split mit den Neonazis von BARAD DÜR veröffentlicht und sich später davon distanziert haben. Vielleicht etwas blauäugig, aber das muss man zumindest zur Kenntnis nehmen.

Viele sog. konspirativ organisierte Konzerte von Rechten machen sich das Internet zunutze. Wie schätzt ihr die Wichtigkeit des Internets (z.B. Foren) für die Rechten ein?

Christian Dornbusch: Das Internet bietet niedrigschwellige Kommunikationsmöglichkeiten, mit denen Szenegänger zeitnah miteinander über Entfernungen diskutieren können. Grundsätzlich sind beispielsweise Foren offene Kommunikationskanäle, wo jeder mitdiskutieren kann. Obwohl extrem rechte Fans auch immer wieder auf normalen Seiten mitschreiben und diskutieren, verfügen sie doch auch über eigene Foren usw., in diesen noch einmal spezifischer über Themen gesprochen wird. Wichtig sind sie für das Spektrum, da die Fans einschlägiger Bands dort über ihre Musik, über Konzerte als auch über Inhalte diskutieren können, wie beispielsweise, ob der Musiker XY von der Band WZ Jude sei oder das die völkische Identität durch sonst etwas gefährdet sei etc.

Vor kurzem wurden ja die Äußerungen von Heye zur Fußball WM 2006 diskutiert, da er u.a. afrikanischen Fans geraten hat, keine Fußballspiele in den ostdeutschen Bundesländern zu besuchen. In Unheilige Allianzen fallen immer wieder rechtsextreme Bands aus Thüringen auf. Ist es gefährlicher an Black Metal-Konzerte in Thüringen oder Ostdeutschland allgemein zu gehen als anderswo?

Hans-Peter Killguss: Es gibt gewisse Hochburgen des neonazistischen Black Metals. Die liegen jedoch nicht allein im Osten Deutschlands, sondern ebenfalls im Westen. Auch hier gab es schon gefährliche Übergriffe von extrem rechten Black-Metal-Fans.

Inwiefern denkt ihr werden die rechten Symbole v.a. von jungen Black Metallern nur als Schockwerkzeug ohne wirkliche politische Überzeugung benutzt? Denkt ihr, dass gerade jüngere Fans gefährdet sind, vom Black Metal aus in die rechte Szene abzurutschen?

Hans-Peter Killguss: Gerade jüngere Black Metaller sind in ihren politischen Überzeugungen nicht immer gefestigt. Ein Symbol kann jedoch nur in bestimmten Kontexten als Schockwerkzeug funktionieren (vgl. Nutzung des Hakenkreuzes von Sid Vicious). Wer eine faschistische Ästhetik nutzt ohne diese auch wieder zu brechen, muss sich damit abfinden, dass sie als Ausdruck einer bestimmten Überzeugung verstanden wird.
Der Schockwert eines Symbols verliert sich spätestens dann, wenn die politischen Überzeugungen, die dahinter stehen, von einer Mehrheit geteilt werden. (Überspitzt gesagt: Wenn ich bei einem Konzert vor größtenteils neonazistischen Fans das Hakenkreuz zeige, kann ich mich im Nachhinein nicht auf eine Provokation berufen).
Von dem Symbol als solchem geht ja keine Gefahr aus. Fans rutschen dann in die rechte Szene ab, wenn sie sich in einem Umfeld bewegen, in dem es mehr und mehr normal wird, Christen, Migranten und Juden zu hassen und sie in der Musik / in der Szene ihre Bestätigung finden.

Wie schätzt ihr die Zukunft der Black Metal-Szene ein? Denkt ihr, dass sich die rechte Unterwanderung weiter fortsetzen wird oder seht ihr auch Möglichkeiten zu einer stärkeren Abgrenzung innerhalb der Szene? Oder könnte eine Art Spaltung geschehen wie dies damals in der Skin-Szene der Fall war?

Christian Dornbusch: Ich finde es schwierig, über die Zukunft zu sprechen, weil wir darüber nur spekulieren können. Zunächst einmal werden wir bei unseren Vorträgen zum Buch teilweise mit unseren Analysen von Fans des Genres bestätigt. Aber es regt sich auch Widerstand. Gerade ältere Metaller sind genervt von der Entwicklung und verstehen vielerorts den Rechtstrend nicht. Problematisch ist nur, wenn ihre Argumente von Seiten der Jüngeren nicht gehört werden und sich die nachwachsenden Fans lieber an den Rechten orientieren.

Vielen Dank für eure Antworten!

Christian Dornbusch & Hans-Peter Killguss: Vielen Dank für das Interesse und die Bereitschaft sich mit dem Thema auseinanderzusetzen!