DISPARAGED: Eine Welt ohne Bassisten ist unlustig!

DISPARAGED sind seit 1999 ein fixer Bestandteil der Schweizer Death Metal-Szene. Mit «For Those Enslaved» laufen DISPARAGED erneut zu Höchstform auf und kombinieren walzenden Death Metal mit schneidigen Thrash-Riffs und perlenden Gitarrensoli. Eigentlich ist «For Those Enslaved» Grund genug für ein Interview mit der Schweizer Truppe, die in ihren 22 Jahren Existenz nur wenige Line-Up-Wechsel zu verzeichnen hatte. Just ein solcher seltener Wechsel hat indes am Tieftöner stattgefunden und so darf das frischeste DISPARAGED-Mitglied Hardy (Ex-PUNISH) dieses Mal als Sprachrohr fungieren. 

Du bist auf “For Those Enslaved” zum ersten Mal als DISPARAGED-Bassist auf einem Album verewigt. Wie war die Arbeit an diesem Album für dich? 

Ahoy, Arlette. Ich habe sehr gute Erinnerungen daran. Ich wurde ja anfangs 2016 kurzfristig angefragt, um “nur für drei Gigs” auszuhelfen und habe danach irgendwie verpasst, den Absprung zu machen, mea culpa, haha. Aber dann schneiten nach einer Durststrecke der Band plötzlich immer mehr Gig-Anfragen rein und wir erhielten mit den alten Songs von den Konzertbesuchern viel Energie. Von Seiten der Fans tauchte dann mit der Zeit jedoch derart oft die Frage nach neuer Musik auf, dass uns schlichtweg die Ausreden ausgingen und wir uns richtig reinknien mussten. 

Da Ralph mit viel Elan das Ashburn Productions Studio betreibt, waren wir in der komfortablen Lage, zwar mit geplantem Endtermin, aber in aller Ruhe an den Songs herumbasteln zu können. Das war eine tolle, komprimierte und hochkreative Phase, welche einige Ventile zum pfeifen brachte und wir zum Teil ziemlich hitzig, aber immer sehr effizient (und natürlich erwachsen) über Stilausrichtung, Sounds und Mix gestritten debattiert haben. Mit dem Endergebnis bin ich persönlich das erste Mal in meiner “Musikerkarriere” fast vollständig zufrieden, auch wenn man im Nachhinein natürlich immer noch etwas ändern möchte. Der old schoolige, warme, druckvolle Sound und vor allem der kompromisslose Vibe der Gesänge macht mich nach so langer Zeit endlich extrem glücklich.

Du warst vor deiner Zeit bei DISPARAGED ja lange bei PUNISH. Was ist jetzt anders in deinem Bassistendasein?

Puh, ist ja auch schon wieder 10 Jahre her… ich bin älter und entspannter geworden, habe eine solide Grundlage, weiss was ich kann und/oder nicht kann und vor allem, was ich nicht will. Wir proben mittlerweile meistens privat und nur noch vor wichtigen Terminen gemeinsam. Die Zeiten als der Proberaum nicht nur der Musik gewidmet, sondern auch als Partyraum und Rückzugsort gedient hat, sind (leider) vorbei. Aber wir können uns aufeinander verlassen und wollen primär einfach eine gute Zeit haben, wenn wir dann endlich wieder mal auf einem Haufen sind. 

Darüber hinaus lerne ich immer noch den Bass als jenes Instrument einzusetzen, welches dafür verantwortlich ist, das Publikum zum Tanzen zu bringen, ohne dass es diesem bewusst ist. Eine verdammte Kunst, welche viel Selbstbeherrschung verlangt und welche ich hoffe irgendwann in Zukunft auch nur ansatzweise meistern zu können. Weniger ist meistens mehr. Darüber hinaus sollte sich aber jede Band gesegnet fühlen, einen Bassisten in ihren Reihen zu haben. Denn sind wir mal ehrlich; ohne Bassisten wäre nicht nur das Chaos vorprogrammiert, sondern diese Welt auch ein verdammt unlustiger Ort.

Das ist natürlich wahr und Bassisten werden oft völlig ungerechtfertigterweise marginalisiert. Aber jetzt eine typische DISPARAGED-Frage: Welches ist dein Lieblingssong von SLAYER und warum? 

Ganz ehrlich, ich war nie der Thrashhead. Der musikalische Sprung ging bei mir von den KROKUS, SCORPIONS und RUNNING WILD direkt zu SEANCE, MALEVOLENT CREATION und BOLT THROWER. Deshalb sind mir nur einige wenige Perlen dieses “Übergangsgenres” unter die Haut gegangen. DEMOLITION HAMMER mit “Epidemic of Violence” oder SADUS mit “A Vision of Misery” etwa. 

Von SLAYER besitze ich nur die “Decade Of Aggression”-Live-Doppel-CD, welche aber zugegebenermassen einen verdammt beklemmenden Aufwachmoment für einen 16jährigen vom Lande darstellte und mir zu Beginn einige Fieberträume über Verdammnis, Höllenfeuer und Hufe bescherte! Darauf sind für mich eigentlich alle Songs vertreten, die man von dieser Truppe kennen muss, und die fiebrige, zwingende Aura dieser Aufnahmen empfinde ich bis heute nahezu unerreicht.

Ihr habt auf “For Those Enslaved” ja auch eine Coverversion von JUDAS PRIESTs “Monsters of Rock”. Was ist also deine Antwort auf die Frage “IRON MAIDEN oder JUDAS PRIEST”?

IRON MAIDEN UND JUDAS PRIEST natürlich! Und zwar alles bis 1990! Jedes dieser 21 Alben hat für einen bestimmten Lebensabschnitt seine Berechtigung, bringt mir Energie und ist ein Quell von Anekdoten, Gefühlen, Orten, Kameraderie und sowohl guten wie auch schlechten Erinnerungen. Zum Teufel, mein Herz ist zu voll, um auch nur annähernd beschreiben zu können, wie dankbar ich für die Existenz dieser Aufnahmen bin. Egal ob “Killers”, “Rocka Rolla”, “Somewhere In Time” oder “Defenders Of The Faith”, ich liebe sie alle. Und dass ich mich in den Charakter eines Extrem Metal Rob Halford versetzen und auf “Monsters Of Rock” sogar gesanglich austoben konnte, war ein kleiner Meilenstein für mich. Ich phantasiere mittlerweile sogar davon, die meisten Tracks von “Ram It Down” in unserem Stil zu covern. “Under Blood Red Skies” wäre mein Favorit, Killersong!

Sehr geiler Plan mit dem «Ram it down»-Coverexkurs. Wer ist denn dein Lieblingsbassist und warum? 

Ich habe eigentlich keinen Lieblingsbassisten um des Bassisten Willen. Aber ich neige dazu, gewisse Typen zu idolisieren, die ich im Kontext mit ausgewählten Alben einfach schweinecool finde. Steve Harris bis 1992, Steve DiGiorgio mit SADUS, DEATH und CONTROL DENIED, Sean Malone mit CYNIC, Magnus Olsfelt mit THE CROWN (von “Deathrace King” bis “Crowned Unholy”), Pasi Hakuli mit TOTAL DEVASTATION (“Wreck“), Peter Steele mit TYPE O NEGATIVE, Flea mit ANTEMASQUE oder Taneli Jarva mit SENTENCED und THE BLACK LEAGUE. 

Ich bevorzuge aktuell aber die richtige Mischung aus leidenschaftlicher Aggression und technischem Können, daher erwähle ich Magnus Olsfelt zu meinem heutigen Lieblingsbassisten. Das ändert sich aber alle paar Tage. Ausserhalb von Bandgefügen bin ich jedoch ebenfalls fasziniert von Künstlern wie z.B. Charles Berthoud oder Remco Hendriks, welche dieses grossartigste aller Instrumente mit viel Hingabe bewerben und mich immer wieder darin bestätigen, meine Waffe gut gewählt zu haben.

Wer sind deiner Meinung nach “…those enslaved” in der heutigen Zeit? Auf wen bezieht sich der Titel eures Albums

Mir fällt gerade auf, dass ich mich selbst noch gar nicht dafür interessiert habe und deshalb keine fundierte Antwort geben kann… aber Albumtitel und Lyrics entsprangen dem instinktiven Geiste von Tom und ich bin mir absolut unsicher, auf welcher Seite der Genie/Wahnsinn-Grenze er manchmal seine Texte empfängt, haha. Auf alle Fälle lassen seine bauchgeführten Satzkreationen mit ihrer Mischung aus poetischer Lyrik, eloquenter Stumpfheit und kryptischen Manifestationen, viel Freiraum für Interpretation. Jeder darf sich also zu seiner eigenen Geschichte inspirieren lassen.

Auf welcher dieser Seiten Tom ist, habe ich bis auch noch nicht herausgefunden. Welcher Song von “For those enslaved” ist für dich am anspruchsvollsten vom Spielerischen her? 

Überraschenderweise war die Neueinspielung von “Salvation” (vom ’02er “Deathtrap”-Debüt) der härteste Brocken. Denn obwohl der Song rifftechnisch mit Abstand der simpelste ist, bin ich fast verzweifelt bis das Stück endlich richtig tight sass und sich damit auch der erwünschte Groove entwickelte. Ich musste einmal mehr auf die harte Tour erfahren, dass es die einfachen Songs sind, welche am schwierigsten umzusetzen sind. 

“Tormented Suicide” ist ebenfalls ein potenter Knorpelbrecher, welcher mit seinen vielen, kleinen Wechseln und dem schnellen Stakkatoanschlag eine Komposition darstellt, die geübt werden will. Vor allem da alle vier Instrumente entenarschtight gespielt werden müssen, um die Darbietung nicht in Matsch abdriften zu lassen zudem auch gesanglich ziemlich viel passiert. Das geht dann nur noch über ein grundsolides Muskelgedächtnis und das bedeutet üben, üben, üben.

2020 hatte ja einiges an starken Metalalben zu bieten. Wer hat dich letztes Jahr besonders überzeugt und warum? 

Jetzt wird es bitter… 2020 war für mich eher Rückbesinnung als Neuentdeckung, sowohl in egoistisch persönlicher wie auch in musikalischer Hinsicht. Mehr Konzentration auf Bestehendes wie meine persönlichen Ziele, meine Frau, meine überlastete Geduld für Energiezecken oder mein grundsätzliches Wohlgefühl. Daher ist die jüngste Auslese an aktueller Musik quasi inexistent. Ich möchte jedoch mitteilen, welche Alben ich (wieder) entdeckt habe und/oder mich endlich abgeholt haben; THIS GIFT IS A CURSE – “All Hail The Swinelord”, MEAT LOAF – “Bat Out Of Hell“, KING WITCH – “Shoulders Of Giants”, LANA DEL REY – “Born To Die”, ALBEZ DUZ – “Wings Of Tzinacan”, VULTURE INDUSTRIES – “The Malefactor’s Bloody Register” oder DISPARAGED mit “For Those Enslaved“. Und ich bin mir vollkommen bewusst, dass die letzte Erwähnung vor lauter Eigenlob geradezu obszön stinkt, aber diese EP ist gemäss meinem elektronischen Zähler eines der meistgehörten Alben des letzten Jahres… und nein, ich schäme mich nicht dafür. Es mag mir vielleicht ein kleines bisschen peinlich sein, aber ich bin sehr stolz darauf, einen kleinen Part zu diesem Mikrokosmos beigetragen zu haben.

Das kann ich gut verstehen. Nun bist du ja schon länger in der Metallerwelt unterwegs. Gibt es einen aktuellen “Trend”, der dich besonders nervt? Wenn ja, welcher? 

Immer noch das übliche… Loudness War statt Dynamik, alles tönt gleich, Überheblichkeit, Arroganz, schnelle Kohle anstatt Respekt, billiges 80g-Vinyl, keinen Downloadcode… und vor allem diese verfluchte Pay-to-Play-Politik um als kleine Band überhaupt auf eine Tour aufspringen zu können, obwohl soviel mehr Potential existiert, welches nur darauf wartet, gefördert und fair bezahlt zu werden. Der schnöde Mammon regiert wohl noch lange Zeit… 

Ja, das wird sich in absehbarer Zeit kaum ändern. “For Those Enslaved” erscheint ja “nur” als digitales Album. Ist eine Vinylversion geplant? Das schöne Cover würde dies ja nahelegen…

Aaargh! Mit dieser Frage reibst du salzige Glassplitter in eine offene Wunde! Ich habe es mir so sehr gewünscht. Denn nur schon das Artwork schreit ja wirklich geradezu danach (danke fürs Bestätigen!). Wir haben auch intensiv darüber gesprochen. Eine 7″-Single war ebenfalls sowohl ein Thema, wie auch ein persönlicher Traum, welchen ich mir gerne endlich mal erfüllt hätte. Aber Offerten wurden eingeholt, Bandfinanzen geklärt und letztendlich geschäftliche Entscheide gefällt. Das letzte Wort ist jedoch noch nicht gesprochen. Vinyl wird es geben, einfach zu einem späteren Zeitpunkt, Daumen drücken.

Dann hoffe ich ganz fest darauf! Welche Pläne haben DISPARAGED für 2021? 

Ich glaube wir alle wollen doch das Gleiche. Gesund und glücklich sein, lieben/bangen und geliebt/gebangt werden. Dazu wünschen wir uns natürlich baldmöglichst wieder live und laut spielen zu können. Und zwar für Leute, die uns so nahekommen dürfen, dass wir ihren endorphingetränkten Glücksschweiss riechen können. 

Wir wollen nach der langen Veröffentlichungspause mit der Ende letztes Jahr erschienenen EP “For Those Enslaved” eine Zuckerspur zur kommenden LP legen, welche aktuell in der Kompositions-Endphase ist und hoffentlich noch dieses Jahr erscheinen wird. Wir wollen, dass unser erstes(!) offiziell veröffentlichtes Video zu “Coffin In The Wasteland” mehr Klicks erreicht als “Gangnam Style”. Wir wollen, dass die Szene wiedererwacht und sich selbst heilt, die Spreu sich vom Weizen trennt und Kunst/Kultur wieder als der Grundpfeiler unser aller Weltanschauung entdeckt wird. Wir wollen, dass Qualität wieder über Quantität gesetzt wird und der Fokus auf “Perfektion” wieder verblasst, da Groove und Eier einfach viel mehr Charme und Sexyness besitzen. Wir wollen touren, sowohl Konzerte geben wie auch besuchen, uns mit Gleichgesinnten zusammenrotten, austauschen, lachen, lernen, philosophieren und schlussendlich in einem heissen, lauten, farbenfrohen Feuerwerk explodieren… das wäre schön.