UNEXPECT – Fables of the Sleepless Empire [Eigenproduktion]

Progressiv technisches Avantgarde Chaos…das kann so nur aus Kanada kommen!

Wenn man sich in einem Minimumsicherheitsabstand zu einem schwarzen Loch befindet und die Macht hat, drei Stereoanlagen inklusive Musik gleichzeitig reinzuschmeissen, während diese je einmal La Masquerade Infernale von ARCTURUS, Miss Machine von THE DILLINGER ESCAPE PLAN und den Soundtrack von Beetlejuice spielen, dann würde – wenn es in so einem Raum den Sound gäbe – am ehesten UNEXPECTs Fables Of The Sleepless Empire zurückschallen.

Nach der Veröffentlichung und den Gigs von In A Flesh Aquarium konnten sich die Kanadier über reichlich positive Rückmeldungen von Presse, Musikern und Fans erfreuen. So schön das ist, macht es doch das Schreiben des Folgealbums schwerer. Schon manche Band ist über dieses Problem gestolpert, indem sie entweder mit einer neuen Gangart enttäuschte oder eine schwache Kopie des Erfolgsalbums ablieferte. Wenige Bands schaffen es, was komplett Neues folgen zu lassen, das klar zeigt, dass sie ihren eigenen Weg gehen und sich nicht reinreden lassen – und dann trotzdem (oder gerade deswegen) erfolgreich sind.

UNEXPECT zeigen mit Fables Of The Sleepless Empire, dass sie nicht zu den Bands gehören, die an der Aufgabe gutes Folgealbum nach erfolgreichem Album machen scheitern. Die Kanadier schaffen es, sich selber nochmals ein Stückchen weiter zu pushen und damit die Latte für progressive, technisch versierte Musik höher zu legen – in eine Höhe, die für die meisten Bands eh schon unerreichbar ist. Das Gesamtpaket Fables Of The Sleepless Empire war irgendwie vorauszusehen, wenn man die Band mag: Sie überzeugt auf visueller, produktionstechnischer und musikalischer Seite von A bis Z.

So zeigen sich UNEXPECT gereift und führen gleichzeitig die Tradition ihrer großen Landsmänner RUSH und VOIVOD weiter – mit einer zusätzlichen Portion Adrenalin, welche Fables Of The Sleepless Empire wie eine Lewis Carroll-Halluzination oder die metallische Version des Soundtracks von La Cité des enfants perdus erscheinen lässt. Gitarren, Drums, Keyboards, Violine, ein neunsaitiger Bass und sowohl männliche wie auch weibliche Vocals (sowohl clean als auch rau) kredenzen diesen surrealistischen Sound, der keine handwerklichen Fehler erkennen lässt. Die Produktion lässt allen Instrumenten genug Raum und besticht durch Transparenz, so dass man sich diese kontrollierte Musikanarchie mit stellenweise zigeunerhaften Gefühlsausbrüchen genussvoll mehrere Male anhören kann – und auch muss. Einzelne Songs herauszupicken fällt hier entsprechend schwer, da sie schlicht zu komplex sind – Höhepunkte für mich sind auf jeden Fall Orange Vigilantes und The Quantum Symphony. Tiefpunkte gibt es jedoch keine zu verzeichnen.

Trotzdem scheiden UNEXPECT natürlich die Geister, denn nur wer einen sehr offenen Geist hat für progressive und technische Musik, der wird an diesem Album Gefallen finden. Fast kann man Fables Of The Sleepless Empire bescheinigen, dass es wohl ein ähnliches Schicksal wie CYNICs Focus haben wird: Lange verkannt, Jahre später erst als wegweisendes Werk erkannt. Das Verkennen – oder besser: nicht bemerken – könnte bei UNEXPECT jedoch auch einen nicht-musikalischen Grund haben. Denn die Kanadier haben sich im Zeitalter von Myspace, Facebook und Onlinemusikkanälen dazu entschieden, ihr Album ohne ein Label im Rücken zu promoten und unter die Leute zu bringen. Dies ist zwar bewundernswert, aber man fragt sich, ob ihr Bekanntheitsgrad für so einen Schritt schon ausreicht. Die andere Frage ist, ob UNEXPECT sich nach Fables Of The Sleepless Empire noch steigern können. Das können wohl nur sie selbst in ihrem komplexen musikalischen Universum beantworten – wir können nur hören…

 

Veröffentlichungstermin: 31.05.2011

Spielzeit: 55:46 Min. 

Line-Up:
Syriak – Gitarren, Vocals
ChaotH – neunsaitiger Bass
Landryx – Drums
Artagoth – Gitarren, Vocals
Borboen – Violine
Leïlindes – Vocals
ExoD – Keyboards, Sampling

Label: Eigenproduktion / Independent

Homepage: http://www.unexpect.com

Mehr im Netz: http://www.myspace.com/unexpect

Tracklist:
1. Unsolved Ideas of a Distorted Guest
2. Words
3. Orange Vigilantes
4. Mechanical Phoenix
5. The Quantum Symphony
6. Unfed Pendulum
7. In the Mind of the Last Whale
8. Silence this Parasite
9. A Fading Stance
10. When the Joyful Dead Are Dancing
11. Until Yet a Few More Deaths Do Us Part