TRISTANIA: Ashes

"Ashes" ist eine stilistische Umorientierung der Norweger, besitzt den Suchtfaktor der Vorgängeralben aber leider nicht!

Lange mussten die Fans der Norweger TRISTANIA auf den neuen Output warten: Nach dem letzten Album World Of Glass genehmigten sich die Musiker um Frontfrau Wibeke eine fast dreieinhalb-jährige Pause, die man sonst höchstens von BLIND GUARDIAN gewöhnt ist, und lassen in diesen Tagen das neue Werk Ashes vom Stapel. War die Musik der siebenköpfigen Combo in den Anfangstagen noch stark an die großen Geschwister THEATRE OF TRAGEDY angelehnt, konnte sich die Band besonders auf besagtem letzten Longplayer vom offensichtlichen Vorbild lösen – die Band entwickelte ihren Gothic-Metal in eine genauso innovative wie vielversprechende, mit Bombast-, Klassik- und Elektro-Einsprengseln angereicherte Richtung und erzeugte durch geniale Kompositionen wie You Make My Tired Heart Sing… oder auch Crushed Dreams Suchtfaktor! So war man im Vorfeld natürlich auch sehr gespannt, inwiefern TRISTANIA diesen interessanten Stilmix auf dem neuen Machwerk verfeinern können…

Um eines vorweg zu nehmen: Ashes besitzt den angesprochenen Suchtfaktor der vergangenen Alben leider nicht! Die Bombast-Elemente deutlich zurückgefahren, widmet sich der Sound auf diesem Longplayer vorwiegend dem Wechselspiel der mittlerweile drei Vokalisten (Wibeke wird gelegentlich von den beiden Shoutern Osten Bergoy und Kjetil Ingebrethsen assistiert) und verstärkt auch den Gitarren, die allerdings die fehlenden Chöre nicht adäquat ersetzen können. Natürlich sind TRISTANIA auch anno 2005 immer noch eine Band, die aus der Veröffentlichungsflut im Gothic-Bereich positiv heraussticht, natürlich sind zumindest die charakteristischen Merkmale des gewohnten Sonors erhalten geblieben und selbstverständlich gehört Wibeke zu den emotional aussagekräftigsten Goldkehlchen im gesamten Genre. Auch einzelne Songs, wie z.B. das phänomenale Cure (zum Heulen schön!) oder auch das spannungsreiche Shadowman, knüpfen nahtlos an die Klasse der vorausgegangenen Veröffentlichungen an – allerdings auch meist aus dem Grund, dass Wibeke im absoluten Mittelpunkt steht. Was mich über weite Strecken des neuen Albums nämlich einfach stört, ist der schier krampfhaft erscheinende Drang der Band (vornehmlich der beiden männlichen Sangeskünstler), ganz besonders düster klingen zu wollen. Oftmals verhält es sich dadurch leider so, dass die Musik Extreme auslotet, die irgendwie einfach nicht in die Songstruktur passen wollen und dadurch weniger das erhoffte Maß an Abwechslung als eine ordentliche Portion Belanglosigkeit erzeugen – als Hörbeispiel dient hier der schwerfällige Opener Libre. Zugegeben, der viereinhalb-minütige Song klingt zu keiner Sekunde befremdlich, was ich hier jedoch einfach anprangern muss, ist das unausgegorene Songwriting, welches das Stück wie eine offene Frage im Raum stehen lässt, ohne im weiteren Kontext des Albums eine passende Antwort darauf finden zu können. Trotzdem gibt es im Folgenden immer wieder einzelne, gut bis sehr gut gemeinte Versuche, so demonstriert Equilibrium auf hervorragende Art und Weise, was mich in jüngster Vergangenheit so sehr an TRISTANIA begeistern konnte: hier besitzt der wechselnde Gesang nämlich wieder die gewohnte Effektivität, es entsteht über knapp sechs Minuten ein wunderschöner Spannungsbogen und es gibt sie endlich wieder: Die unsäglichen Gänsehautmomente, welche die Band (nicht nur für mich) schon immer zu etwas ganz besonderem gemacht haben!

Meine Damen und Herren, so ungern ich dieses Fazit auch ziehe, so komme ich nach unzähligen Durchläufen von Ashes einfach nicht darum herum, letzlich von einer Enttäuschung zu sprechen, auch wenn es die erwähnten einzelnen Lichtblicke definitiv gibt. Vielleicht waren die Erwartungen nach dem grandiosen World Of Glass einfach etwas zu groß oder vielleicht ist es auch einfach Wibekes neue Haarfarbe, welche die Schönheit nicht so bezaubernd wie noch vor drei Jahren aussehen lässt – ich glaube aber zu wissen, dass vornehmlich der zu sehr in düstere Gefilde abdriftende Bandsound und die sperrig wirkenden Songstrukturen ausschlaggebend dafür sind, dass TRISTANIA mit diesem Album einen deutlichen Rückschritt verzeichnen müssen. Ich für meinen Teil hoffe jedenfalls, dass sich die Band für das nächste Album wieder auf ihre Stärken besinnt, auch wenn die Wartezeit wieder mehr als drei Jahre betragen sollte…

Veröffentlichungstermin: 24.01.2005

Spielzeit: 47:50 Min.

Line-Up:
Vibeke Stene – vocals

Osten Bergoy – vocals

Kjetil Ingebrethsen – vocals

Kenneth Olsen – synth & programming

Rune Osterhus – bass

Anders Hoyvik Hidle – guitars

Produziert von Tristania & Borge Finstad
Label: SPV

Homepage: http://www.tristania.com

Tracklist:
01. Libre

02. Equilibrium

03. The Wretched

04. Cure

05. Circus

06. Shadowman

07. Endogenisis

08. Bird