SHIVA IN EXILE: Ethnic

SHIVA IN EXILE: Ethnic

Werter Stefan, werte Shivas, leider ist es mir nicht möglich, Euer Album „klassisch“ zu reviewen. Ich habe mir sicherlich einen schweren Broken einverleibt was „Ethnic“ angeht, aber die Tragweite dieses Albums ist immens, unbeschreiblich, beängstigend. Aber meinen Eindruck möchte ich Euch dennoch nicht vorenthalten.

Es gibt selten ein Album, was mich an die Küste treibt (vorteilshalber wohne ich dort), es gibt kaum ein Album was soooo viel fordert, Aufmerksamkeit und Zeit – viel Zeit. Passenderweise synchronisiert „Nightheat“ meinen etwas beschwerlichen Aufstieg zum höchsten Punkt der Klippe, auf welchem die betonernen Überreste einer uralten Flagstation thronen, verwaschen vom Zahn der Zeit und übersät mit Moos. Im Zeitlupentempo neigen sich die Gräser im seichten Abendwind dem Sonnenuntergang entgegen. Der Himmel bäumt sich zu seinem letzten farbenfrohen Spektakel des Tages auf und zaubert unglaubliches an den Abendhimmel. Wolken malen die unglaublichsten Dinge in den Himmel.

„Floating“ beginnt und legt mir den Blick auf eine Küstenregion frei, welche ebenso gut irgendeiner mediterranen Insel hätte entrissen worden sein können. Mich überzieht dieser kalte Schauer, den man verspürt, wenn etwas sehr intensiv zu werden droht. Neben mir landet eine Horde Wildgänse und nimmt mich wohlwollend in ihre Mitte auf. Die Kulisse scheint perfekt..

Mich hat letztens jemand zum Thema Gott gefragt, wo er denn nun sei, wie er denn all diese Ungerechtigkeiten so hinnehmen könne usw., blabla. Ich wußte damals keine Antwort auf seine Frage. In diesem Moment fiel sie mir ein: Es ist nicht „Gott“ der sich von uns entfernt, wir sind es. Tag für Tag ein Stückchen mehr. Gott ist nicht im Exil, wir haben das moralische Exil für uns gewählt! Ich schaue mich um und spüre zum ersten Mal seit langer Zeit so etwas wie tiefe Dankbarkeit, die Sonne sehen zu dürfen. Ich sitze mit den Nomaden der Lüfte vor einem unglaublichen Sonnenuntergang irgendwo in der Ägäis. Diese fast schon beängstigende Ruhe macht sich in mir breit. „Floating“ wird repeated, denn jetzt beginnt der „Flow“ erst richtig und führt mir auf erschreckende Art und Weise vor Augen, wie viel Zeit ich schon wieder die letzten Wochen verschenkt habe, wie lange ich nicht mehr hier war. Die Menschen besetzen mich mit ihrer surrealen Art von Realität. Meine gefiederten Freunde kümmert das wenig…

Ein älteres Pärchen gesellt sich etwas ab von mir im hohen Gras. Ich muß schmunzeln und stelle fest, dass wir fast alle Werte gegen Illusionen getauscht haben. Der Begriff Liebe bekommt eine neue Bedeutung fernab von schnellebigen One-Night-Stands, Silikon-Titten und immer wiederkehrenden Beziehungsdramen. Unsere Art zu leben zerreißt uns innerlich viel stärker als wir es zu realisieren vermögen.

„Manju“ treibt die Atmosphäre auf die Spitze und reißt ein fettes Loch in die Wolken, aus welchem die Sonne noch brachialer herausbricht, um einen letzten goldenen Schleier über das Meer zu werfen. Der Himmel färbt sich blutrot und umhüllt das Land und meine gefiederten Freunde in einen warmen Schleier aus purer Symbiose. Wir verschmelzen alle zu einem einzigartigen Szenario, welches nur einer göttlichen Laune entsprungen sein dürfte – fantastisch und absolut atemberaubend. „Shaman fever“ leitet den Schlußakt der Sonne ein, sie verschwindet hinter den Hügeln der Landzunge und läßt alle „Beteiligten“ mit einem gigantischen „P“ im Kopf zurück. Was tun wir? Was tun wir Tag für Tag, wenn uns die Scheiße schon einholt, bevor wir nur einen Fuß aus dem Bett gesetzt haben? Was tun wir, wenn wir unsere in Form gepresste Wurst aus Lebewesen hergestellt in riesigen Vernichtungslagern auf unser mühselig erspartes Brot klatschen? Steigen wir in unsere Autos um das Klima bewußt zu verpesten oder einfach nur um schneller vor UNS selber fliehen zu können? Schauen wir jeden Abend Fern, um von uns selber abzulenken und das Leid des Einzelnen in der Masse besser genießen zu können? Wer sind wir??? SHIVA IN EXILE haben mich diesen Fragen wieder ein Stück näher gebracht und mir einen fantastischen Abend beschert. Danke Stefan, danke Christian und danke Dr. Phil. Rätsch… Ich denke ihr habt etwas geschaffen was in unserer heutigen Zeit mehr als fällig war und IST!!!

LINE-UP:

Stefan Hertrich

Christian Bystron

Dr. Phil Christian Rätsch

TRACKLIST:

Odysseia

Breathing

Dragon Dance

Nightheat

Floating

Manju

Shaman Fever

Oriental Distortion

Hollow Earth

Nomad

Ethnosphere

Aldebaran

Akasha

Myingmar

LABEL:

Trostlos Records

PRODUZENT:

Stefan Hertrich, Christian Bystron

SPIELZEIT:

61:55 Min.

Homepage: http://www.shiva-in-exile.com