MIDNIGHT OIL: Resist

Die Moralisten des Rock sind wieder da: MIDNIGHT OIL haben ein neues Album aufgenommen, womöglich ihr letztes. Ein Album voller Wut, Melancholie: voller Protestsongs über den Klimawandel und die Verwerfungen der Welt. Zur Weltuntergangsstimmung gesellt sich aber auch: Hoffnung. Das Album ist überraschend gut geworden. Sehr gut sogar!

Was macht eigentlich der Protestsong? Songs also, die das Unrecht der Welt anprangern, die auch ein wenig moralisierend sein dürfen, die anklagend und mitunter pathetisch sind? Aber doch auch aufrichtig, hungrig und leidenschaftlich? Überraschung: Es sind diesmal ausgerechnet die Boomer, die sich in diesem Jahr für eine der Protest-Platten des Jahres empfehlen. Die „Grandparents For Future“ sozusagen. Eine Band, die seit 46 Jahren auf der Bühne steht.

Diese Band sind MIDNIGHT OIL. Und ja: wohl jeder, der schonmal eine Dorfdisko in Orten wie Thierbach und Ebersgrün besucht hat (meine Heimat!), kann ihre größten Hits im Schlaf mitgrölen. „How can we dance/ When our earth is turning?/ How do we sleep/ While our beds are burning?“ In den 80er Jahren sangen die Australier gegen Umweltverschmutzung an, gegen die Entrechtung indigener Völker, gegen Atomkraft und gegen Grenzen. Immer ironiefrei, immer mit erhobenem Zeigefinger. Aber auch: aufrichtig, die Messages in kraftvollen, hymnischen Rock verpackt. Protest-Songs, für die man sich nicht schämen brauchte, weil sie eben doch auch -trotz aller Moralapostelei- mitreißend waren.

MIDNIGHT OIL: Zurück an der Front

Nun legen MIDNIGHT OIL ihr mittlerweile 13. Studioalbum vor. Und um es vorweg zu nehmen: Es ist ein gutes geworden. Die Herren sind mittlerweile Ende 60, sie werden schon bald ihren 70. Geburtstag feiern. Und zurecht stellt sich die Frage: Wer braucht das noch? Aber das alte Feeling ist wieder da, der Hunger, ja die Wut und die Verzweiflung. Wer das noch braucht? Im Zweifel bin ich das. Weil es manchmal auch schön ist, wenn nicht hinter jeder Textzeile die Ironie blinzelt, wenn die Musik mit Ernsthaftigkeit und Überzeugung dargeboten wird. Das bekommen selbst die meisten Punk-Bands nicht mehr hin. Und das hier ist ein Rock-Album, das verdammt viel Spaß macht, auch zu berühren weiß. Ein Album voller toller Songs und Hymnen.

Moment: Überzeugungen? Da war doch was. Richtig, Sänger Peter Garrett hatte mittlerweile eine Politik-Karriere gestartet, keine kleine Politik-Karriere. Im Jahr 2007 wurde er für die Labour-Partei zum australischen Minister für Umwelt, Kulturerbe und Kunst ernannt. MINISTER! Er war Teil der Regierung, in wechselnden Funktionen bis 2013.

In diesen Jahren hat er Entscheidungen mitgetragen, die diametral zu seinen Überzeugungen standen. Er hat den Bau einer neuen Uranmine und neuer Atomkraftwerke bewilligt. Die Tötung von Kängurus, die sich in einigen Landesteilen Australiens (sorry, ihr süßen Viecher!) zur Plage entwickelt hatten. Die strenge Migrationspolitik. Frühere Fans liefen Sturm und warfen ihm vor, er habe seine Ideale verraten. Vielleicht nicht zu Unrecht. Wie kann ein solcher -ehemaliger- Politiker nun plötzlich wieder Protest-Hymnen singen? Ist er noch glaubwürdig?

Das ist ein Widerspruch, mit dem vorliegende Platte leben muss. Oder vielleicht auch nicht. Die Realpolitik in Demokratien lebt von Kompromissen: Da gehört es wohl dazu, Entscheidungen mitzutragen, für die man sich an anderer Stelle selbst verachten würde. Um in kleinen Dingen dann doch was bewegen zu können. Mit Blick auf die Uranmine betonte Garrett, dass es ihm wichtig sei, hohe Standards an die Förderung anzulegen: Umweltauflagen, Menschenrechte. Dinge, die in anderen Staaten vielleicht nicht gewährleistet gewesen wären, wenn man das Uran von anderswo bezogen hätte. Vielleicht macht Garrett sein persönliches Scheitern als Politiker umso glaubwürdiger, damit er nun wieder den Prediger für eine bessere Welt geben kann?

Denn keine Sorge, das ist Garrett auf diesem Album: wieder Aktivist, wieder zu 100 Prozent in der Opposition. In den vorab ausgekoppelten Musikvideos steht da dieser groß gewachsene Mann mit Glatze, wild gestikulierend, anklagend. Ein Naturereignis. Die Stimme flehend, manchmal krähend, übersteuert. Berserker für soziale Gerechtigkeit. Es werden in den Videos dokumentarische Schnipsel von „Fridays for Future“ eingeblendet, von „Black Lives Matter“, von blutig niedergeschlagenen Protesten in Belarus. Garrett, so viel kann man sagen, ist zurück an der Front!

Wo nehmen die alten Männer den Hunger her?

Aber natürlich bestehen MIDNIGHT OIL nicht allein aus Frontmann Garrett. Die Gitarren waren bei dieser Band immer wichtig: und die klingen im Zweifel rau, am Postpunk geschult, an Stadionrock. Flirrend, melodisch. Hierfür ist Gitarrist James Moginie zuständig, auch ein Gründungsmitglied der Band, auch schon 66 Jahre alt. Ikone des Indie-Rock in Australien, von jungen Bands verehrt. Hierzulande nahezu unbekannt. Obwohl er den Sound der Band wesentlich mitgeprägt hat.

Das sind Harmonien, die sich auch gern mal in Richtung Surf-Sound verneigen, einer Band wie den BEACH BOYS, die auch Americana zitieren. Viel Hall, aber immer bereit, in kraftvolle Power-Chords zu wechseln. Gibt es das auch auf dem neuen Album zu hören? Ja, gibt es. „Resist“ ist definitiv ein Gitarren-Album. Selbst wenn er die Akustik-Gitarre auspackt (was auf diesem Album mehr als einmal passiert), klingt das nicht nach Schmalz-Ballade: sondern kraftvoll. Auch das Schlagzeug von Rob Hirst soll hier nicht unerwähnt bleiben. Sich dezent zurück nehmend, aber subtil, fast jazzig: ein Könner, der auch in einigen Jazz- und Blues-Bands schon seine Virtuosität zeigte. Seht Euch die aktuellen Videos an: Seht, mit wie viel Leidenschaft und Spaß Hirst trommelt! Und wie druckvoll.

Hier ist alles da: die Hits, die Dringlichkeit!

Denn, ich merke es ja selbst: Ich nähere mich „Resist“ nur über Umwege. Aber hier gibt es sie wieder: die Hits, die Dringlichkeit. Songs mit einfachen, aber einschmeichelnden Melodien, die in den 80ern ziemlich groß gewesen wären. Songs für die Stadien und für die Dorfdisko. Auch wenn das mittlerweile weit weniger Menschen mitbekommen. Ganze 300.000 Klicks hat das aktuelle Video von MIDNIGHT OIL bei YouTube vorzuweisen: für frühere Millionen-Seller, die zeitweilig sogar den Aussi-Export Numero eins in Sachen Verkaufszahlen übertroffen haben: AC/DC, ist das eher mau. Ist die Musik deshalb schlechter? Nö.

Man nehme Song Numero eins, „Rising Seas“, eine wütende Nummer über den Klimawandel. Der beginnt mit einem Keyboard-Intro, der klingt wie eine Kirchenorgel zum Begräbnis, mit Garretts flehender Stimme. „Alle Kinder, legt eure Spielsachen nieder/ Und kommt rein zum Schlafen/ Wir müssen euch in die Augen sehen/ Und sagen: “Wir haben euch billig verkauft”/ Lasst es uns zugeben, wir haben nicht mit der notwendigen Dringlichkeit gehandelt,/ Also öffnet die Schleusen/ Für die steigende See“, singt Garrett. Der Klimawandel am Kipppunkt: keine Rettung in Sicht. Die Regierungschefs wollen nichts dagegen unternehmen, um die Wirtschaft zu schonen. Die Sintflut wird euch alle schlucken.

Es klingt wie eine Selbstanklage Garretts mit Blick auf seinen eigenen Job als Minister. Selbstanklage: Wut auf sich selbst, auf die eigenen Kompromisse. Dann wird der Song zu einer einschmeichelnden Indie-Rock-Nummer, ein ziemlich hittiger Refrain. Starker Einstieg! Das hier ist keine Resterampe-Musik, kein liebloser Nostalgie-Trip. Das hier ist ziemlich gut! „Wir alle sind Flüchtlinge!“, singt Garrett im Refrain. Und öffnet ein Fenster für die existentialistische Not, die jeder angesichts seines eigenen Todes durchstehen muss. Gepackt in bittersüße Harmonien. Ja, was vielleicht neu ist: Es gibt viel Melancholie auf dem Album, fast Resignation. Das kannte man von der Band bisher so nicht. In anderen Songs wird dann doch wieder kämpferisch die Faust in die Luft gereckt. In Sachen Stimmung ist das eher ambivalent. Zaudern und Scheitern: sind hier präsent.

Auch Song Numero zwei, „At the Time of Writing“, ist ein kraftvoller Rocker, der von Garretts charismatischer Stimme und den hallenden Gitarren lebt. Ein locker groovender Indie-Song mit toller Melodie. Und wenn der Opener noch so viel Vergeblichkeit und Weltuntergangsstimmung verströmt, gibt es hier auch wieder Hoffnung: Hoffnung im Angesicht der Katastrophe. „Der Baum im Garten Eden ist karg,/ Es dauert lange, bis die Frucht am Rebstock reift,/ Wir tun uns besser zusammen oder wir enden auf dem Dach mit einer Schrotflinte/ Denn wir haben nur diese eine Chance!“ Die letzte Chance, die letzte Generation. Ist das noch Hoffnung oder schon Panik? Hoffnung gepackt in einen relaxt groovenden Rock-Song, der -wäre es nicht das Jahr 2022- auf die Stadien dieser Welt schielen würde.

Denn das ist ja das Spannende an diesem Album: Wo bitte nehmen denn die alten Herren diesen Hunger und diese Energie her? Woher diese Spielfreude? Würde man niemandem verraten, dass „Resist“ das Album einer altgedienten Band ist, würde man das als Debüt einer jungen Indie-Band verkaufen können. Ich schwöre: keiner würde es in Zweifel ziehen. Und das liegt nicht unbedingt daran, dass MIDNIGHT OIL hier durchgehend rockige Klänge präsentieren. Es gibt Folk-Einflüsse, Balladeskes, es gibt -natürlich- den gewohnten Pathos, die umarmenden Gesten, auf große Bühnen schielend. Aber das alles ist so souverän präsentiert, dass man nur seinen Hut ziehen kann. Boomer-Sound für Hipster und Student*innen? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: Es ist nicht egal, dass es dieses Album gibt. Das hier ist gut, das hier ist -im Zweifel- sogar notwendig.

Weltuntergang trifft Protest trifft Hoffnung

Ja, es gibt Hoffnung! Wollten MIDNIGHT OIL nicht immer schon aufrütteln? Mit Fremdscham gestehe ich, dass mich ein Song wie „To the Ends of the Earth“ erreicht hat: eine pathetische Ballade, wieder mit toller Melodie. Ich zitiere: „Menschen der Welt, erhebt euch!/ Wir sind schon viel zu lange ohnmächtig gewesen/ Jede Kreatur trinkt aus demselben Becher/ Das macht Lust zu tanzen und preise es mit Gesang:/ Jetzt kommt die Freude, also bekennt/ Ihr seid erfüllt von Glück und Dankbarkeit!“ Das alles als Teil eines Songs, der „Das Ende der Welt“ heißt. Optimistischer hat man nie der Apokalypse ins Auge schauen können: Weil die Message ist, dass man immer noch was bewegen kann, immer noch was erreichen kann. Damn, ist das alles dick aufgetragen! Viel Patina! „Ja, finde heraus, was all das Wert ist/ Bis ans Ende der Welt!“ Eine schöne, angenehme Nummer: die Glückshormone freizusetzen vermag.

Das Songwriting hier ist ausgereift, es gibt keine Ausfälle. Stattdessen viele bewegende Momente. Eine Nummer wie der Titelsong „We Resist“? Protest-Ballade, tonnenweise umarmende Gesten für kleine Widerständler. „Putting flowers into guns/ This is not the summer of love“, singt Garrett. Und das ist sympathisch: einerseits vertraut man auf die Kraft des Protests. Andererseits weiß man, dass dies ungebrochen nicht mehr zu haben ist: in Zeiten, in denen zunehmend Rechtsextreme den Protest auf der Straße unterwandern, Thema Sturm aufs Capitol und deutsche Spaziergänger gegen die vermeintliche Corona-Diktatur. Aber die Australier machen deutlich, wo ihr Herz schlägt: im Zweifel links, für Refugees und „Fridays for Future“ und für die Marginalisierten dieser Welt. Es ist ein Angebot, sich den Protest zurückzuerobern: für mehr Gerechtigkeit, für mehr Gleichheit, für Menschlichkeit, für soziale Belange. Wer bitte kann da widersprechen? Das Album kommt genau zur richtigen Zeit.

Yo: Der Sound ist zeitlos, die Produktion angenehm auf das Wesentliche beschränkt. Das Album hat Wayne Livesey produziert, der auch für ihre Hit-Alben in den 80ern zuständig gewesen ist. Er lässt den Pathos nur teilweise zu, platziert Streicher und Keyboards an der richtigen Stelle: Setzt den Fokus auf Stimme und Gitarren und Bass und Drums. Irgendwer muss die Band ja in ihrem Pathos ausbremsen. Und so klingt „Resist“, kein Zweifel: eben modern und hungrig. Vergesst COLDPLAY, vergesst U2: MIDNIGHT OIL sind die Weltretter der Stunde.

Vielleicht ist das hier das beste, das ausgefeilteste Album ihrer Karriere. Kein Scheiß! Es gibt rockige Songs, es gibt folkige Momente, es gibt Songs, die ein bisschen an NEW MODEL ARMY und R.E.M. erinnern. Wobei natürlich die Frage ist, wer hier wen beeinflusst hat: Alle Bands starteten ungefähr zur selben Zeit. Einige Songs auf diesem Album wurden noch von Bassist Dwayne „Bones“ Hilman geschrieben: Er starb 2020 an einer Krebs-Erkrankung. Sein Tod ist ein Grund, weshalb die Band nicht weitermachen will. DAMN! Wir brauchen solche Bands mehr denn je.

Fazit: Setzt MIDNIGHT OIL mit “Resist” auf die Playlist für die besten Indie-Alben des Jahres! Das hier ist groß, ist ausgereift, ist bewegend: wirklich ein tolles Album. Seht Ihr das anders? Dann muss ich meine Political Correctness vergessen: und Euch leider erwürgen. Let’s rumble, Bitches und Bitchers! Gutmenschen, Unite!

Line Up:

Gesang: Peter Garrett
Gitarre: Martin Rotsey
Keyboard, Gitarre: Jim Moginie
Schlagzeug: Rob Hirst

Label: Sony Music Australia

Midnight Oil: Resist Tracklist

 

1. Rising Seas (Video auf Youtube)
2. The Barka-Darling River
3. Tarkine (Official Visualiser auf Youtube)
4. At the Time Of Writing
5. Nobody’s Child
6. To The Ends Of The Earth
7. Reef
8. We Resist
9. Lost At Sea
10. Undercover
11. We Are Not Afraid
12. Last Frontier