KORN: See You On The Other Side

KORN: See You On The Other Side

Wem soll man glauben? Den süffisant-herablassenden Rundumschlägen der Tagespresse, die KORN mal eben als Hard-Rock-Band verharmlost? Oder den bemüht aufgeschlossenen Ehrerbietungen, die die Fachpresse den durchgeknallten Kaliforniern zuteil werden lässt? Fakt ist, dass KORN auf See You On The Other Side ihren Stil zu großen Teilen komplett durcheinandergewürfelt haben und entsprechend die Meinungen ihres Publikums entzweien. Einzige Überbleibsel aus den alten Zeiten: ein Kind auf dem Cover, das dringend mal zum Kinderarzt sollte, und die einprägsamen psychotischen Gesänge von Jonathan Davis. Gut, die Grooves der Rhythmusfraktion kommen einem auch nicht ganz unbekannt vor, aber schon hier schleichen sich erste Änderungen ein. Drumtier David Silveria agiert viel verhaltener und lässt gelegentlich klinischen Beats den Vortritt. Ein erster Schritt in die neue, Industrial-beeinflusste Richtung – und ein erster Schritt hin zu der erschreckenden Belanglosigkeit, die See You On The Other Side durchdringt. Wie kann man ein derartiges Groovemonster so sträflich in Ketten legen? So fehlt es dem neuen Material von Anfang an an der Durchschlagskraft und der Unwiderstehlichkeit früherer Zappelbudenhits. Zweiter, deutlicherer Einschnitt: Viel wurde darüber spekuliert, wie die Körner den von viel Klatsch und Tratsch begleiteten Ausstieg von Gitarrist Brian Welch verarbeiten würden. Doch niemand hätte wohl vermutet, dass sie es sich derart einfach machen würden. Der Anteil der Gitarrenarbeit wurde schlicht auf die Hälfte reduziert! Konsequenterweise landete die wie immer innovative Gitarrenarbeit vom verbliebenen Griffbrettmeister Munky beim Mix auf den hinteren Plätzen. Dies hat unglücklicherweise zur Folge, dass das Endergebnis noch dumpfer und rumpeliger als sonst klingt und kaum mehr Saft hat, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Denn da ist nichts, was die entstandene Lücke überzeugend schließen würde. Jonathan Davis müht sich redlich, eingängige und doch völlig abgedrehte Gesangslinien zu erschaffen, was ihm zwar prinzipiell gelingt, doch bestand bislang der ganz große Reiz von KORN gerade im Wechselspiel der Dynamik und des Härtegrads. Und genau diese werden völlig vernachlässigt, nicht nur wie erwähnt durch den verhaltenen Mix, sondern eben auch durch die Fixierung von Jonathan auf klare Melodien. Die erfüllen zwar allesamt den KORN-Qualitätsstandard, lungern jedoch fast ausnahmslos auf dem immer gleichen schwachen Energielevel herum. Man kann das Album laut hören, leise hören, morgens hören, abends hören, alleine hören, mit Kumpels hören – es ist und bleibt eine sehr zähe Angelegenheit, da KORN zwar deutlich machen, dass sie nicht länger auf ausgegroovten Pfaden wandeln wollen, im Gegenzug es jedoch versäumen, dem Hörer einen überzeugenden Gegenentwurf zu bieten. Die Industrial-Anleihen alleine können jedenfalls nicht mal im Ansatz den bislang gewohnten nahe gehenden Seelenstrip voller Hass, Wut und Verzweiflung ersetzen, sondern steigern mit ihrer Monotonie nur die Langeweile. Einzelne Songs wie die Singleauskopplung Twisted Transistor können sich zwar immerhin dauerhaft ins Ohr spielen, die Tür zum Herz des Hörers bleibt aber auch ihnen verschlossen. Und so muss das Fazit leider ähnlich niederschmetternd ausfallen wie in der Tagespresse, obwohl KORN keine wirklich schlechten Alben veröffentlichen können: Mit See You On The Other Side ist ihnen ein sehr durchwachsenes Scheibchen gelungen, zu dem man nur mit dem festen Vorsatz, sich darin zu verbeißen, überhaupt Zugang erhält. Spannend oder gar so wegweisend wie das Debüt damals wird´s selbst dann nicht.

Veröffentlichungstermin: 02.12.2005

Spielzeit: 61:08 Min.

Line-Up:
Jonathan Davis – Gesang

Munky – Gitarre

Fieldy – Bass

David Silveria – Schlagzeug

Produziert von The Matrix/Atticus Ross/Jonathan Davis
Label: Virgin

Homepage: http://www.korn.com

Tracklist:
Twisted Transistor

Politics

Hypocrites

Souvenir

10 Or A 2-Way

Throw Me Away

Love Song

Open Up

Coming Undone

Getting Off

Liar

For No One

Seen It All

Tearjerker