ARROGANZ: Morsus

ARROGANZ: Morsus

ARROGANZ machen es einem prinzipiell ja nicht leicht. Meine erste Berührung mit der Band war das zweite Album „kaos.kult.creation“, welches mir mit seiner Eigenwilligkeit und Intensität zunächst feindlich gegenüber stand, mich auf Dauer aber mit viel intensiver Musik beschenkt hat. Mich hat das Album tief beeindruckt und tut es noch heute. „Tod & Teufel“ war ähnlich brilliant, lediglich das letzte Album „Primitiv“ war etwas weniger intensiv und hat mich nicht vollends erreicht, weswegen ich sehr gespannt auf „Morsus“ war. Und ich sollte nicht enttäuscht werden…

Lustvolles Absinken in die Schwärze

Die Musik der Band ist weder richtiger Death Metal noch Black Metal, noch Death Doom, noch irgendetwas anderes, was einfach zu klassifizieren wäre, sie ist von allem etwas. Das klingt jetzt nach Beliebigkeit, ist es aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Denn ARROGANZ nehmen nicht irgendeinen Teil der genannten Genres, sondern sie nehmen sich die Teile, die Schmerz und Kampf mit sich selbst repräsentieren, denn das sind die zentralen Emotionen der Band und die bestimmen ihre Musik. Und das mischen sie mit ihrer Eigenwilligkeit und mit fast bis zur Entblößung ausgelebter Authentizität, was die dunklen Emotionen angeht, die der Musik zugrunde liegen. ARROGANZ sind Therapie, Aufschrei und gleichzeitig lustvolles Absinken in die Schwärze.

Und so ist natürlich ihre Musik auch nicht oberflächlich und offen, sondern introspektiv, vielschichtig  und erstmal verschlossen. Keine angenehm bekannte Melodie, die dich freundlich aufnimmt, keine genre-typische Produktion, die dich heimisch fühlen lässt, keine verlässliche Struktur, die dich an die Hand nimmt, keine „Hits“ sondern jedes Album ist ein Monolith aus Bekenntnis und Selbstentäußerung. Etwas, das mühsam erschlossen werden will.

Gleichzeitig Düster und Klar

Die Konsequenz der Umsetzung spiegelt sich schon in der Produktion wider, die auch dieses Mal das typische Trademark der Band enthält: einen klaren und gleichzeitig sehr düsteren Sound. Gitarre, Bass und Drums klingen für die heutige Produktionswelt eigentlich sehr roh, sind aber gleichermaßen prägnant wie miteinander verzahnt und schaffen es so, einen differenzierten, fast nackten Sound zu erschaffen, der gleichzeitig rau und ungehobelt klingt. Am ehesten ist das vergleichbar mit NECROS CHRISTOS, die musikalisch und produktionstechnisch einen ähnlichen Weg gegangen sind und damit auch eine Tiefe in ihrer Musik erreicht haben, die auch ohne übermäßigen Hall und Soundmatsch Düsternis vermittelt.

Das Schwarze Loch der Negativität

Mit dem Intro „Andodynon“ und den Worten „Schmerz ist mein Leben, ich reiche ihm die Hand“ wird der Reigen an vertontem Leiden standesgemäß eröffnet. Das direkt ans Intro anschließende Titelstück führt ein weiteres Trademark, den markanten Bass, ein und führt in eine Reise aus Dissonanz und Tempowechsel, die den Hörer direkt in die Mitte der Dichte versetzt, die auch das neue Album der Brandenburger auszeichnet.

Es wird vermutlich auch dieses Mal zwei Fraktionen von Hörern geben. Die eine, die schon bei diesem Song auf Stop drücken und das Album in die Nicht-mein-Ding-Kiste packen wird, und die anderen, die alles andere um sich herum auf Stop drücken und nur noch weiterhören will. Ich zähle bei „Morsus“ eindeutig zu letzteren.

Der Band gelingen auf dem neuen Album wieder und wieder fantastische Songs und Riffs, die weder catchy noch zugänglich sind, einen aber trotzdem nicht mehr loslassen wollen. Das eigenwillige Songwriting ist ohnehin eine der großen Stärken der Band, die dabei aber zu keinem Zeitpunkt progressiv sein will, sondern einfach dem Weg folgt, den die zugrunde liegende dunkle Gefühlswelt vorgibt. Und der ist eben selten geradlinig.

So folgen die Rhythmus- und Tempowechsel in „553“ nicht der – zweifellos vorhandenen – musikalischen Könnerschaft, sondern sind einfach nur geschlagene Haken auf der Flucht, angetäuschte Richtungswechsel auf dem Weg in das schwarze Loch der Negativität.

Feuerwerk aus dissonanter Intensität

So werden die Blastbeat-Attacken in „Sleepless forever“ wunderbar in die typisch dissonanten Riffs und Widerhaken-Rhythmen aufgelöst, um sich am Ende in einem Klavier-Outro völlig zu verlieren, das quasi den nächsten Song „Dead Man Galaxy“ in seiner Schwere und Langsamkeit bereits vorwegnimmt. Das experimentelle „Guillotinen“ klingt wie eine mit der Hammond-Orgel vertonte Panik-Attacke, bevor mit „Sickpeopledie.“ ein fast schon konventionelles Aggro-Abkotz-Stück über Menschen folgt, das im Kontext der gesamten Platte dennoch eine kurze Erholungsphase darstellt. Mit „Aurora Arroganz“ ist sogar ein überraschender Song gelungen, der mit seiner Abgehacktheit wie eine gelungene Death Metal-Version von PRONG wirkt.

„Praise Death = Feast Life“ fasst dann alle Trademarks der Band und die ganze Gefühlswelt der Platte in einem dichten Brocken aus dunklem Ausfluss zusammen, der langsam aus der offenen Wunde der im Kampf mit sich selbst geschundenen Seele fließt. Blastbeats, doom-ähnliche Parts, fiese Riffs, eindringliches Growling/Shouting, eigenwillige Struktur – das könnte man ja doch fast als Hit bezeichnen. Wenn die Band nicht mit „I dealt with the Devil“ noch einen draufsetzen würde und mit einem weiteren Wahnsinns-Song alles in einem Feuerwerk aus dissonanter Intensität untergehen lässt.

Eine wirklich große Platte, die aus genau den Gründen, die sie so groß machen, leider nur ein kleines Publikum finden wird. Absolut empfehlenswert!

Release Date: 02.10.2020

Label: Supreme Chaos Records

ARROGANZ „Morsus“ Tracklist

1.Anodynon
2.Morsus (Video auf Youtube)
3.Pain & Light (Audio auf Youtube)
4.Sleepless Forever
5.Dead Man Galaxy (Video auf Youtube)
6.In$Ide $uicide
7.Aurora Arroganz
8.Guillotinen
9.Sickpeopledie.
10.Next Level Satan
11.553
12.Praise Death = Feast Life
13.I Dealt With The Devil

Line Up:

-K- Vocals, Bass
-P- Gitarren
-T- Drums

https://www.facebook.com/arroganzgermany/

https://www.youtube.com/ARROGANZ666