Coming Out

Coming Out

Mir gefällt die letzte CD von NIGHTWISH, Century Child. Ja, wirklich.

Ich kann es nicht mehr länger leugnen. Es muss jetzt einfach raus. Natürlich ist mir das peinlich. Und hätte ich die Wahl, würde ich mich viel lieber als DIETER BOHLEN-Leser oder JOHNNY CASH-Fan outen. Aber das Schicksal meint es hart mit mir. Wobei Century Child selbst nicht sonderlich hart ausgefallen ist. Slaying The Dreamer verkürzt freilich die Wartezeit auf das nächste METALLICA-Album. Doch ansonsten ist die CD geradezu kuschelig. Zumindest dann, wenn man sich davor eine Dosis MACABRE gegönnt hat.
Zum Glück ist Vampster aber ein Magazin, das nichts gegen einen gelegentlichen Blick über den Tellerrand hinaus einzuwenden hat. Deshalb will ich an dieser Stelle ausführlich über meine Verwandlung schreiben.

Ich erinnere mich noch an meine erste Begegnung mit der Musik von NIGHTWISH. Ich hörte damals den Song Stargazers. Mein erster Gedanke war, dass RIOT schon früher die Idee gehabt hatten, die Melodie aus dem Film Der Letzte Mohikaner aufzugreifen. Schon bald stellte sich aber heraus, dass das Stück sich gar nicht als Coverversion verstand. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Viel schlimmer.

Zwei Worte: Tarja Turunen.

WishmasterIn der Folgezeit entwickelten sich NIGHTWISH zu dem, was sie heute sind. Im Zuge dieser Veränderung veröffentlichten sie zunächst ein Album mit dem Titel Wishmaster. Mein Entsetzen hatte sich in der Zwischenzeit in eine Art morbide Neugier verwandelt. So lieh ich mir die CD von einem Freund aus. (Was hast du denn für Freunde, wird sich manch einer jetzt vielleicht fragen. Doch dazu gebe ich hier keinen Kommentar ab.)
Ich hörte mir das Album an. Das heisst, ich versuchte es. Ich kam etwa bis Stück Nummer vier; wohlgemerkt unter Verwendung der Skip-Taste. Was ich hörte, hatte ungefähr dieselbe Wirkung wie damals Monthy Pythons Witz zum Totlachen auf seine Übersetzer. Ich hätte das gesamte Album nicht überlebt.

Fortan war ich vorsichtiger. Einmal, als ich in der Ludwigsburger Rockfabrik, vernahm ich die Anfangstakte von GARY MOOREs Over The Hills And Far Away. Hoppla, seit wann spielen die hier Popmusik, wenn der Laden voller Metaller ist, fragte ich mich. Gerade noch rechtzeitig erkannte ich den wahren Urheber der Musik und stürmte ohne Rücksicht auf Verluste zum Ausgang. Hinter mir vernahm ich noch das Splittern von Glas, ehe ich mich endgültig außer Hörweite und somit in Sicherheit befand.

CenturyBis vor einem knappen Jahr führte ich so ein ruhiges und entspanntes Leben. Allerdings war es scheinbar etwas zu ruhig und zu sicher. Anders kann ich mir nicht erklären, was an einem vermeintlich harmlosen Sommertag im Konstanzer MediaMarkt geschah. Ich stöberte durch die CD-Regale und trauerte gerade um WARLORD. Da fiel mein Blick auf die aktuellen Chartalben, wo auf Platz nochwasfünfzig ein Album mit dem N-Wort auf dem Cover stand.
Warum ich mir dann an der Information Plastikhandschuhe holte und mit einem Exemplar von Century Child zur Hörbar ging, kann ich mir bis heute nicht erklären. Hätte ich etwas Aufregung und Abenteuer in mein Leben bringen wollen, hätte ich einfach Boxhamster eine Mitgliedschaft im Janick Gers-Fanclub oder Fierce ein Kicker-Abo schenken können. Mein Gehirn war wohl ausgeschaltet oder Außerirdische hatten Teile meiner Identität vorrübergehend an Bord ihres Raumschiffs übertragen.

Nachdem ich mit John Cyriis eine Partie Schach gespielt hatte, widmete ich meine Aufmerksamkeit dann wieder der Erde, genauer gesagt der Musik, die über Kopfhörer an mein Ohr drang.
Schöne Musik, dachte ich mir nach dem ersten Lied. Cooles Intro, dachte ich mir zu Beginn des zweiten Stücks, das leider nicht auf ganzer Linie überzeugen konnte. Gefällt mir, zog ich nach zwei weiteren Nummern eine erste Zwischenbilanz.
Dann kehrten mein Verstand und mein Wertesystem – und mit ihnen mein Überlebensinstinkt – endgültig in meinen Körper zurück. Die Erkenntnis traf mich mit der Wucht einer MACHINE HEAD-Ballade. Nicht nur hatte ich eine Viertelstunde lang NIGHTWISH angehört (und überlebt), nein, ich hatte sogar Gefallen an der Mucke der finnischen Chartbreakern gefunden! Scheiße.

Auf dem Heimweg versuchte ich einige Male zu fliegen und über Wasser zu laufen. Allerdings schien nach dem Weltuntergang das Meiste noch wie früher geblieben zu sein. Mit nasser Hose und verstauchtem Knöchel kam ich nach Hause, wo ich noch einmal all meinen Mut zusammen nahm und den undenkbarsten aller Gedanken dachte. Sollte ich mir Century Child kaufen? Ich verlor das Bewusstsein.
Als ich wieder zu mir kam, hegte ich die Hoffnung, dass alles nur ein Traum gewesen war. Doch die Hörproben auf www.nightwish.com belehrten mich rasch eines Besseren.

In den folgenden Monaten verdrängte ich diese traumatischen Erlebnisse, kaufte das neue Album von SHANIA TWAIN und verabschiedete mich von meinen beiden letzten Milchzähnen. Doch auf Dauer konnte es so nicht weitergehen. Ich musste mich meinen Ängsten und Gefühlen stellen. Ich musste mir Century Child ein weiteres Mal anhören.
Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? Für eine kleine Weile hatte ich Aufschub. Denn ich wollte nicht einen weiteren Ohnmachtsanfall riskieren, indem ich ernsthaft an den Kauf des Albums dachte.

Heute habe ich mir nun endlich die CD von einer Mitstudentin ausgeliehen. (Was hast du denn für Mitstudenten, wird sich manch einer jetzt vielleicht fragen. Es sieht fast so aus, als würde ich solche seltsamen Gestalten anziehen.) Und während ich nun diese Zeilen tippe, lausche ich mit Freude den Klängen von Dead To The World.
Das Album kann freilich nicht mit vergleichbaren Meisterwerken wie Awaken The Guardian, And Then There Was Silence oder Dahmer mithalten. Aber ich finde es über weite Strecken wirklich gut. Selbst der weibliche Gesang gefällt mir und klingt nur noch vereinzelt wie das Bremsgeräusch einer altersschwachen Regionalbahn!
Sobald ich diesen Artikel online gestellt habe, werde ich einen weiteren Versuch unternehmen, über den Kauf von Century Child nachzudenken.

Jutze
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