SUZI QUATRO: Musikmachen ist ein Beruf und man geht doch nicht high zur Arbeit!

Äußerst gesprächig, aber doch auch ein wenig angespannt sitzt Suzi Quatro daheim in England und gibt Interviews per Videokonferenz. An Selbstbewusstsein mangelt es der 70-Jährigen nicht. Sie ist mega-stolz auf ihr neues Studioalbum „The Devil In Me“, das zweite, das sie zusammen mit ihrem Sohn Richard Tuckey eingespielt hat. Wie schon der Vorgänger „No Control“ (2019) ist die Scheibe ein wirklich nettes, rundes, gut abgehangenes Alterswerk geworden.

Frau Quatro, zur Vorbereitung für unser Gespräch habe ich mir die Doku „Suzi Q“ bestellt. Als ich die DVD bei meinem Buchhändler an der Ecke abgeholt habe, war die Buchhändlerin entzückt: „Suzi Quatro – das ist ja meine Jugend! Das war meine allererste Party, im Keller, mit tanzen und so richtig headbangen …“ Solche Geschichten hören Sie wahrscheinlich ständig …

Ja, aber es ist immer wieder schön. Davon wird man nicht müde. Zumindest für mich ist das alles nicht selbstverständlich.

„Suzi Q“ ist ein toller Film geworden. Gerne hätten wir die Doku letztes Jahr im Kino geguckt, doch dann kam Corona.

Ich hab’ noch drei Premieren gemacht und es dann gerade noch rechtzeitig vor dem ersten Lockdown zurück nach England geschafft. Der Film war aber auch ohne Kinostart ganz erfolgreich – weltweit. Unter anderem ging er auf Platz 1 in den Amazon- und in den Apple-Charts.

Im Gegensatz zu manch anderem, der in dem Film auftaucht, sehen Sie frisch und fit aus. Entgegen des landläufigen Ansatzes „Sex, Drugs, Rock’n’Roll“ scheint es im Showgeschäft also doch auch ohne Drogen zu gehen …

Mein Wort drauf: Das funktioniert! Musikmachen ist ein Beruf. Und man geht doch nicht high zur Arbeit, wie blöd ist das denn? Meine Art ist das jedenfalls nicht. Ich liebe, was ich tue. Mein Rausch ist es, auf die Bühne zu gehen, und das ist auch noch legal … (lacht)

Am 8. März war Internationaler Frauenkampftag. Ist der immer noch wichtig?

Keine Ahnung. I don’t really do gender. Warum gibt es keinen Internationalen Männertag? (lacht) Ich für meinen Teil glaube an das Individuum: Daran, der Beste zu werden, der du sein kannst. Mann oder Frau, weiß oder schwarz, schwul oder hetero – interessiert mich alles nicht. Für mich ist jeder Mensch. Auch politisch ist bei mir wenig zu holen, wenn ich Interviews gebe und Werbung für mein neues Album mache. In diesem Teil meines Lebens klammere ich das alles aus. Ich bin Künstlerin, keine Politikerin. Würden wir hingegen auf ein paar Bier weggehen, würde ich Ihnen alles erzählen, was ich denke.

Akzeptiert. Lassen Sie uns über Ihr neues Album „The Devil In Me“ sprechen. Religion und die Figur des Teufels sind Themen, die immer wieder in Ihren Texten auftauchen …

Ich wurde streng katholisch erzogen, von einer katholischen Mutter, die mir von klein auf vom Teufel erzählt hat. Sie hatte fünf Kinder. Zu mir sagte sie stets: Du bist das süßeste und schüchternste von allen. Du bist ein Engel, aber wenn Dein Heiligenschein verrutscht, dann wird er zu einer Schlinge. Diese Textzeile in „The Devil In Me“ („when your halo slips it becomes a noose“) geht also auf meine Mum zurück. Trotzdem bin ich kein ultrareligiöser Mensch. Klar, ich habe meinen Glauben und texte auch aus diesem Blickwinkel heraus, aber das macht ja jeder: Man schreibt über das, was man kennt und an was man glaubt. Wenn ich schreibe, dann kommt das von ganz tief innen – und ist immer sehr ehrlich.

Auf Ihrem neuen Album sind sie noch vielseitiger unterwegs als auf dem Vorgänger „No Control“ von 2019. Ein Mix aus vielen musikalischen Stilen.

Es ist ein Mix und es ist auch wieder keiner. Jeder, mit dem ich bislang gesprochen habe, liebt das Album und hält es für eine meiner besten Arbeiten. Es ist 100% Suzi-Quatro-Rock’n’Roll, aber es steht auch für die andere Seite von mir – was mir sehr wichtig ist. Das war auch so geplant. Mein Sohn Richard und ich wollten, dass meine unterschiedlichen Seiten gut zusammengehen. Und das ist uns auch geglückt. Auf der Platte gibt es keinen Song, der nicht passt. Keine Ahnung, wie wir das gemacht haben, aber es funktioniert. Weil das alles aus meinem tiefsten Innersten kommt.

„Get Out Of Jail“ ist fast schon ein Gospel, mit diesen schönen Chören …

Ja, am Anfang ist er tatsächlich ein wenig gospelig. Die Grundidee für die Nummer stand, als ich zu Richard sagte „Grundgütiger, wir leben das ja gerade – wir hocken ja gerade im Gefängnis! Und wir möchten da raus und wenigstens noch ein Konzert spielen, bevor wir sterben …“ (lacht) Die Idee stand also, als wir diesen Chor an den Anfang packten. Der klingt wie eine Chain Gang von Gefangenen, die aneinandergekettet arbeiten müssen. Ich mag die Nummer auch sehr gerne, wenngleich ich im Augenblick noch gar nicht sagen kann, welcher Song auf dem Album mein liebster ist.

„Motor City Riders“ ist eine Hommage an Ihre Heimatstadt Detroit. Die scheint sich ja derzeit wieder im Aufwind zu befinden. In Jim Jarmuschs wunderbarem Film „Only Lovers Left Alive“ (2013) sah sie noch aus wie eine Zombiestadt – wenn man etwa an die Szene denkt, in der die beiden Vampire durch das nächtliche Detroit cruisen und schließlich einem alten Theater landen, das geschlossen und zu einem Parkhaus für Autos umfunktioniert wurde …

Das ist eine lange Geschichte. Da waren die Rassenunruhen in den 60ern, wirklich eine schlimme Zeit. Ich hab das damals miterlebt und erzähle davon in „Motor City Riders“, weil das so beängstigend war. Dabei kamen Schwarz und Weiß in Detroit eigentlich immer gut miteinander aus… Und dann die Autoindustrie. Als es mit der den Bach runter ging, zog das die ganze Stadt mit hinab, weil sich in Detroit alles um Autos dreht. Schließlich macht auch noch das legendäre Motown-Plattenlabel dicht und zog nach Kalifornien. Die Wirtschaft schwächelte, viele Menschen zogen in die Vororte, entsprechend viel Leerstand und Brachflächen gab es in der Innenstadt, wo dann die Fensterscheiben eingeschmissen wurden undsoweiter. Das ist ja alles bekannt. Wer die Nachrichten ein wenig verfolgt hat, weiß das. Seit ein paar Jahren befindet sich Detroit jedoch wieder im Aufwind. Die ganzen wunderschönen alten ikonischen Gebäude gibt es noch, und sie werden gerade alle wieder Stück für Stück hergerichtet. In den letzten zehn Jahren bin ich bestimmt zehnmal in Detroit gewesen und kann sagen: Das wird wieder richtig schön dort. Detroit ist Detroit ist Detroit – die Stadt wird immer wieder aufstehen und zurückkommen.

Wenn Sie die Chance hätten, für einen Tag in ein Jahrzehnt Ihrer Wahl zurückzukehren – welches Jahrzehnt würden Sie wählen?

Ich würde in das Haus zurückkehren, in dem ich die ersten 15 Jahren gelebt habe. Wenn immer ich in Detroit bin, fahre ich dort vorbei und klopfe an der Tür, um einen Blick hinein zu werfen. Das war damals perfekt – ein Idealbild. Als meine Mutter mich zur Welt brachte, hatte mein Vater die ersten drei Geschwister in ein anderes Haus verfrachtet. Zu mir sagte er damals immer: „Das ist Dein Haus“. Wenn ich in eine Zeitmaschine steigen könnte, dann würde ich dorthin zurückkehren – in dieses erste Haus, in den Jahren zwischen 1955 und 1965.

In Ihrer Doku sprechen Sie offen darüber, wie sehr sie diese frühen Kindheitstage vermissen.

Sehr! Sie fehlen mir, weil ich so früh ins Musikgeschäft eingestiegen bin. Während die anderen in Ruhe aufwuchsen, stand ich ja schon auf den Bühnen – in Clubs, in die ich noch gar nicht reingedurft hätte, weil ich so jung war. Aber ich war dort.

In der Doku sieht man außerdem, dass Sie bei sich zu Hause ihren eigenen Raum haben – Suzis Ego Room.

Ich bin Sammler und ein Archivator meiner eigenen Karriere. Ich hab echt alles aufgehoben. Schon immer hatte ich den Traum, das alles irgendwann in einen Raum zu packen: Die Gitarren, die Anzüge, die Auszeichnungen, die CDs, die DVDs, die Konzertpässe, die Sammelalben und die vielen vielen Fotos, die bis unter die Decke reichen. Wenn du den Raum betrittst, ist das erste, was du siehst, das große rote Buch aus der Fernsehserie „This Is Your Life“, und das trifft es auf den Punkt: Das ist mein Leben. Ich mag vor allem, dass alles in einem Raum ist. Es ist der stillste Ort im ganzen Haus – keine Ahnung warum, aber es ist so. Aber wenn man wieder rauskommt, dann kann man die Tür zu machen. Das gefällt mir. Auf diese Art bin ich nie abgehoben, sondern immer ganz normal geblieben: Weil ich mein Ego in einem Raum habe.

Ist Suzis Ego-Room ein Museum oder wird da auch gearbeitet?

Manchmal arbeite ich tatsächlich da oben, wenn ich ein Buch schreibe oder recherchiere und irgendwas aus der Vergangenheit suche. Es steht auch ein Computer dort. Viel witziger ist aber: Jeder, der da hoch geht, kommt nicht mehr runter. Ehrlich wahr. Ich sag’ zu meinem Besuch „Na klar, geht hoch und seht Euch um“ und zwei Tage später rufe ich mal ein „Hallo?!“ nach oben, weil die immer noch nicht zurück sind. Es ist wirklich ein toller Raum. Nicht nur, weil es da um mich und meine Leistungen geht, sondern weil er voller Erinnerungen steckt. Ich bin wirklich sehr froh, dass ich ihn habe.

Haben Sie sich in den letzten Jahren mehr von einer Entertainerin zu einer Musikerin gewandelt?

Nein. Ich schreibe, seit ich klein bin – Gedichte seit meinem achten Lebensjahr. Nachdem es letztes Jahr keine Konzerte gab, ist gerade alles ein wenig schwierig für mich. Naja, was soll ich sagen, ich stehe seit 57 Jahren auf Bühnen. Aktuell schreibe ich für mein nächstes Album. Ich bin schon immer ein sehr produktiver Schreiber gewesen: Bücher, Gedichte, Lieder – wasauchimmer. Ich muss kreativ sein, muss schaffen. Ich bin Künstler durch und durch.

Greifen seit Ihnen mehr Frauen zu einem Instrument?

Na klar. Ich war die erste, ich habe die Tür aufgestoßen – „hallo, here we go!“. Es gibt nicht viele Frauen außer mir, die das getan haben …

 

Warum nicht?

Es ist kein einfacher Job. Jeder denkt, es sei ein großer Spaß, aber es ist harte Arbeit. Richtig harte Arbeit. Schlepp mal 57 Jahre lang einen Bass durch die Weltgeschichte, dann weißt du, was ich meine. Und was man dafür alles aufgeben muss – allen voran ein normales Leben. Es gibt nicht viele Frauen, die sowas machen, aber mehr als zu der Zeit, als ich startete. Auf jeden Fall! Und das ist eine gute Sache.

Wenn Sie nicht Musik gemacht haben, standen Sie als Schauspielerin auf der Bühne. Parallel zu Ihrer Karriere haben Sie zwei Kinder großgezogen. Schlafen Sie eigentlich auch mal?

Ich hab’ meine Ruhephasen, aber generell bin ich schon ein Energiebündel. Wenn ich nicht auf die Bühne kann, werde ich unruhig. Derzeit ergreift mich so gegen sieben Uhr abends eine leichte Niedergeschlagenheit, und dann muss ich etwas machen. Gerade jetzt ohne die Konzerte muss ich mich beschäftigen. Ich muss etwas zu tun haben, sonst drehe ich durch.

Oh je …

Ja. Mein Leben ist nicht mehr dasselbe. Mein Ehemann lebt in Hamburg, ich hocke in England. Normalerweise sind wir lustig hin- und hergependelt oder haben uns bei meinen Konzerten getroffen, weil er ja auch mein Promoter ist. Dieses doch sehr besondere Leben hat sich gerade komplett in Rauch aufgelöst. Aber ich bleibe in Bewegung. Ich bin kreativ und kommuniziere mit Menschen, und zwar ständig – weil es das ist, was mich glücklich macht.

Das Mini-Tattoo auf Ihrem Unterarm – hat das eine besondere Bedeutung?

Der Stern hier? (Sie hält ihn in die Kamera.) Den habe ich mir mit 18 stechen lassen. Außerdem habe ich eine Tulpe auf meiner Schulter, die zur selben Zeit entstand. Ich wollte das haben.

Das Foto in der Tätowierstube, das man kurz in der Doku sieht – das sind Sie?

Ja, da entstand gerade das Schulter-Tattoo. Als ich von meinem ersten Mann geschieden wurde, habe ich mir noch einen Schmetterling auf meinen Knöchel stechen lassen – nach meinem Lied „Free The Butterfly“.

Wir haben sie 2018 live im Serenadenhof in Nürnberg gesehen. Und an diesem Abend etwas gelernt. Bis dahin dachte ich nämlich, die Eröffnungszeilen in „Stumblin’ In“ würden lauten: „Our love is a lie …“

Oh nein! Doch keine Lüge!

Das wurde mir an diesem Abend klar. Es heißt: „Our love is alive …“

Shame on you! SHAME ON YOU! Was für ein großer Unterschied! (Lacht sich halbtot)

Ein klassischer Fall von Misheard Lyrics …

Das glaube ich aber auch. Zum Glück wissen Sie es jetzt ja besser.