NECROPHOBIC: We are Legion

NECROPHOBIC haben mit “Dawn of the Damned” mal rasch das Melodic Black / Death-Metal Album des Jahres veröffentlicht. Viel Zeit haben sich die umtriebigen Stockholmer dafür nicht genommen – “Mark of the Necrogram” erschien 2018 und wurde natürlich auch live fleissig promotet. 2020 ist alles anders – aber NECROPHOBIC schwelgen noch immer unbeirrt in ihren dunklen Klängen und so ist es an der Zeit, Sänger Anders Strokirk zu “Dawn of the Damned” und seiner ganz speziellen Geschichte als NECROPHOBICs Sänger zu befragen. 

Euer letztes Album “Dawn of the Damned” hat viel weltweit viel positives Feedback erhalten. Einige der raren Vinylversionen sind schon ausverkauft, noch dazu seid ihr in mehreren Ländern in die Charts gekommen mit eurem aktuellen Album. Wie wichtig sind Dir persönlich Chart-Positionierungen?

Nun, es ist natürlich kein Kampf um Chartpositionierungen bei NECROPHOBIC. Aber Chartpositionierungen fühlen sich ein bisschen so an, als bekäme man ein Diplom dafür, dass man etwas “gut” gemacht hat. Es ist gut, wenn man viele Leute erreicht mit seiner Musik. Und es gibt einem natürlich einen gewissen Status. Aber Chartpositionierungen sind nicht unser Hauptziel. Wenn das dein Hauptziel ist, dann musst du andere Musik machen. Für uns ist es ein Bonus und es ist toll. 

Also waren die Charts nicht das Ziel? 

Nein, unsere Hauptfokus ist, dass wir uns ausdrücken können und das machen können, was wir wollen. Wir wollen uns musikalisch weiterentwickeln und die Charts zeigen einfach, dass wir offenbar etwas richtig machen. Die Fans mögen es und die Charts sind einfach ein Leistungsausweis. 

Erinnerungen an die Death Metal-Community in Stockholm

Du warst ja schon in den Anfangstagen in der Stockholmer Death Metal-Szene aktiv. Was ist deine beste Erinnerung an diese Zeit? 

Es war eine neue Bewegung, wir waren an Death und Black Metal interessiert und das war unser Ding. Die Leute um uns herum kannten uns, wir alle kannten einander. Es war eine Community – Bands wie GRAVE, ENTOMBED, DISMEMBER, wir waren alle miteinander befreundet. Es war eine wachsende Community, die sich gegen den Rest der Welt stellt. Wir waren einander stark verbunden, wir waren alle gegen die gleichen Regeln und die gleichen Dogmen. Wir mussten etwas Neues kreieren und wir hatten viel Energie. Wir gegen den Rest der Gesellschaft – das war die Idee.

Alle hörten die Demotapes voneinander an und soffen zusammen. Es war die beste Zeit unseres Lebens und ich habe nur gute Erinnerungen daran. Wir sind noch immer eng befreundet. Vor ein paar Jahren reiste ich nach New York, um Fred Estby (DISMEMBER) und seine Frau zu besuchen, die dort wohnen. Wir tranken Bier in einer Brauerei und redeten über die alten Zeiten. Wir sind enge Freunde und wir sind sozusagen “instant”-Freunde. Selbst wenn wir uns Jahre nicht gesehen haben, ist es so, als hätten wir unsere letzte Konversation vor ein paar Tagen beendet.

Die Zeit nach „The Nocturnal Silence“

Aber du warst ja irgendwie weg aus der Szene nach “The Nocturnal Silence”.

Nein, war ich nicht.

Aber du warst nicht mehr bei NECROPHOBIC. Und du hast nicht die Band verlassen und zum Beispiel ARCH ENEMY gegründet. Ich fand es ungewöhnlich, dass du nach 20 Jahren (1994 – 2014) zurückgekehrt bist. Das passiert sonst kaum jemals. 

Ich spielte damals mit einer Band namens HETSHEADS. Als mich NECROPHOBIC fragten, ob ich auf “The Nocturnal Silence” die Vocals übernehmen wollte, sagte ich zögerlich ja – wir fürchteten, dass die beiden Bands – HETSHEADS und NECROPHOBIC – einander in die Quere kommen könnten. Damals gab es eine grosse Freundschaft zwischen Bands – aber gleichzeitig war man auch loyal zu “seiner” Band, man spielte also nicht in zwei Bands gleichzeitig. Es gab einfach diese Vision, als wären wir mit der jeweiligen Band verheiratet. Es fühlte sich einfach merkwürdig an, nicht bei HETSHEADS zu sein, und ich wollte meiner Band sozusagen nicht untreu werden. 

Bei HETSHEADS wollten mehr experimentieren und andere Arten von Musik erschaffen. Wir hatten das Gefühl, dass wir nichts Neues mehr zum Genre des Death Metals beitragen konnten – also entschied ich mich damals, in diese “neue” Richtung zu gehen und nicht bei NECROPHOBIC zu bleiben. Ich wollte clean singen und wir änderten die Stilrichtung zum Genre Heavy Metal. Fortan waren wir unter dem Namen BLACKSHINE unterwegs. Wir gaben vier Alben raus mit BLACKSHINE und tourten mit U.D.O., BRUCE DICKINSON, LACUNA COIL und SENTENCED. Es war eine gute Entwicklung und wir hatten Spass. Dann wurden wir älter, hatten Kinder – aber wir tourten nicht mehr mit BLACKSHINE. Am Ende machten wir alles selber und ich nahm noch ein paar Alben auf mit der progressiven Death Metal-Band MYKORRHIZA auf. 

Zurück zu NECROPHOBIC – nach 20 Jahren

Necrophobic 2020: Johan Bergebäck (Gitarre), Allan Lundholm (Bass), Anders Strokirk (Vocals), Joakim Sterner (Drums), Sebastian Ramstedt (Gitarre)

2013 hatte ich das Gefühl, mit BLACKSHINE alles erreicht zu haben. Es war keine Energie mehr da, als hätte man die Kerze an beiden Enden angezündet. An einem Gig traf ich Alex Friberg und er fragte mich, ob ich wieder bei NECROPHOBIC einsteigen wolle. Ich dachte mir – warum nicht? Es war irgendwie eine natürliche Entwicklung. Ich war frei und ich dachte, ich kann es machen. Natürlich hatte ich meine Zweifel, ob ich wieder bei NECROPHOBIC mitmachen könnte. Stimmlich und von den Lyrics her. Ich hatte seit Jahren BLACKSHINE-Texte geschrieben, die völlig anders waren als die Texte bei NECROPHOBIC, deswegen meine Zweifel. Es war schwierig, wieder in diese Band einzusteigen vom kreativen Bereich her. Ich musste meinen Position wieder finden. Ich habs geschafft und es geht wieder. 

Es war nur natürlich, wieder bei NECROPHOBIC einzusteigen. Selbstverständlich gab es einige Hürden. Ich musste bezüglich Black / Death Metal-Vocals wieder fit werden. Es war ein bisschen, als müsste ich plötzlich wieder Einrad fahren, nachdem ich jahrelang mit einem normalen Fahrrad unterwegs gewesen war. Du hast es noch immer im Rückgrat, aber du musst diese Fähigkeiten wiederauferstehen lassen. Das Schreiben der Lyrics bei NECROPHOBIC war eine separate Herausforderung für sich. Es sind anspruchsvolle, intelligente Texte. Und offenbar kann ich das auch wieder tun. 

Joakim ist das Herz von NECROPHOBIC

War etwas an NECROPHOBIC fundamental anders, als du wieder in die Band gekommen bist 2014?

Ja, David Parland (R.I.P.) war nicht mehr da. Und Tobias Sidegård auch nicht. Aber Joakim Sterner war noch immer da und er ist seit jeher das Herz von NECROPHOBIC. Wir waren in all diesen Jahren stets befreundet geblieben, wir waren immer gute Freunde. Fredrik Folkare (UNLEASHED) war an der Gitarre und das war das, was gleich war wie zu “The Nocturnal Silence”-Zeiten: Wir waren nur vier Leute und es gab “nur” einen Gitarristen. 

Sie fragten mich, ob ich Gitarre spielen wolle. Ich lehnte ab, ich wollte mich nur auf die Vocals konzentrieren. Und so wurde es auch. Es war kein Problem, obwohl sie zuerst natürlich wissen wollten, ob ich noch singen konnte. Joakim wusste, dass ich ein guter Sänger bin, aber Fredrik und Alex hatten mich noch nie singen gehört. Also kam ich zu einer Probe vorbei, hatte einen brutalen Kater und vergass einige Textstellen beim Vorsingen. Keine sehr überzeugende Vorstellung! Das Ganze endete mit “Okay, wir lassen von uns hören!” und ich fand das okay. Aber Joakim nahm mich danach zur Seite und sagte mir “Das war nicht gut! Du hast sie nicht überzeugt! Ich schaue, dass du noch eine Chance bekommst, aber du musst dich wirklich vorbereiten darauf.” Ich war erstaunt, aber beim zweiten Mal machte ich meine Hausaufgaben und trank keinen Alkohol am Abend zuvor. Und das war ein Unterschied von Nacht zum Tag. Sie sahen mein Potential und so war ich zurück! Ich hatte es geschafft. 

Und wie! Wenn wir grad schon vom Metal sprechen – gibt es einen momentanen Trend in der Metalszene, den du nicht ausstehen kannst?

Oh, schwierig. Nicht verabscheuen, aber es gibt eine Metalrichtung, die ich nicht sonderlich interessant finde. Ich mag nicht alles. Einige Bands geben sich einfach keine Mühe, sie machen “easy Punk” oder aber sie machen zu viel und sind “super progressiv”. Mich interessiert das nicht. Musik muss mich begeistern, mich einfangen. Wir diskutieren immer darüber, was wir an Musik gut finden und welche Musik uns begeistert. Unser gemeinsames Fundament ist alter Hårdrock. Davon kommt eine Grundregel bei unseren Texten: Wenn du einen Songtitel hast, muss dieser Titel auch im Refrain des Textes vorkommen. So hält der Titel mit dem Refrain den Song zusammen und ist nicht einfach arbiträr oben hingeklatscht. 

Das machen IRON MAIDEN auch so und es funktioniert. Wenn du zu viel in einen Song packst, wird es uninteressant. Bei einem langen Song – “The Return of a Long Lost Soul” – braucht es tiefgründige Lyrics und wir mussten vier oder fünf verschiedene Versuche machen, um herauszufinden, wie das Arrangement aussehen muss, damit du dem Song trotz der Länge gut folgen kannst. Das Feeling muss stimmen. Du kannst nicht einfach Samba reinflechten, nur weil du Lust dazu hast.

Einige Bands verlieren sich ja auch in zu langen Songs und dann erinnert man sich beim Anhören auch nicht mehr an den Beginn des Liedes. 

Früher konnte man sich auch längere Songs leisten, weil die Leute sich ein Album kauften und dann nur dieses Album hörten. Unabgelenkt. Heute klickt man sich auf YouTube rein, hört ein paar Sekunden eines Songs an und klickt wieder weg, wenn es einem nicht gefällt. Es ist so einfach, zu einem anderen Song zu wechseln. Du hast 10000 Alben. Früher musstest du ein einziges Album ohne Ablenkung anhören und du konntest dadurch auch deine eigenen musikalischen Fähigkeiten entwickeln. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wie die Zukunft der Musik aussehen wird, wenn es so weitergeht wie jetzt. Schnell, schnell, aber alles ist flüchtig. Eine Reklame hier und da. Am Ende gibt es nur noch TikTok-Videos. Man hört Musik, wie man früher Fernsehen geschaut hat. Man zappt einfach weiter. 

Kein Black Metal zum Staubsaugen

Ich sehe die Tendenz allerdings auch bei einigen neuen Alben. Die Bands geben sich mit den ersten vier bis fünf Songs Mühe, danach flacht die Qualität merklich ab, weil die Band davon auszugehen scheint, dass sowieso niemand das Album in voller Länge anhört. 

Das ist allerdings das Gute beim Black und Death Metal – die Fans wollen das ganze Album anhören. Sie wollen die ganze Story hören. Sie hören das Album nicht zum Staubsaugen. Sie hören die Musik, weil sie sie in ihrem Herzen haben und wirklich das ganze Album hören wollen. Ich mache das auch so, wenn ich mir ein neues Album kaufe. Ich suche nach dem perfekten, ungestörten Moment und setze mich in mein Musikzimmer. Und ich höre es mir von A bis Ö an, wie wir in Schweden sagen. Ich möchte die ganze Geschichte hören, gerne auch mehrmals. Es ist wie, wenn man ein Buch liest. Es ist wichtig. 

Ja, ich habe mir auch bewusst Zeit genommen, “Dawn of the Damned” anzuhören. Fürs erste Mal spazierte ich die erste Etappe des Roslagsleden. Es fühlte sich einfach richtig an, “Dawn of the Damned” allein und ungestört in einem schwedischen Wald anzuhören, draussen in der Natur. Es war die richtige Atmosphäre. 

Du hast deinen Spot gefunden, um das Album zu hören. 

Genau. Ungestört und mehrmals. Der Song, der sich bei mir am meisten festgekrallt hat und sofort eine magische Wirkung auf mich ausübte, war “Darkness be my guide”, vor allem die Zeile “I am on my final journey / with the Devil by my side”. 

Ja, die Lyrics sind von Sebastian. Es ist ein eingängiger Song, der Beginn der Reise in dieses Album. Der Song basiert auf den Erfahrungen aus einem Ritual in die dunkelsten Ecken seiner Seele, eine ganz spezielle Reise in sein Innerstes. Er wollte erforschen, was auf der anderen Seite ist und weswegen alle so Angst haben davor. Und diese Reise ist in diesem Song.

Sebastian hat die meisten Lyrics auf “Dawn of the Damned” geschrieben, ich habe “Return of a long lost soul” geschrieben und die Hälfte von “Dawn of the Damned”. Es war zuerst schwierig, etwas Sinnvolles beizutragen, weil es sozusagen Sebastians Textreise war. Aber er hat mich instruiert – er hat ja eine starke pädagogische Ader – und hat sich in mich hereinversetzt, um mich auf den richtigen Weg für die Lyrics zu leiten. So verstand ich seine Gedanken und seine Reise. Und ich sagte ihm “Ja, ich verstehe” – und so wurde “The Return of a long lost soul” richtig gut. 

Bei “Dawn of the Damned” war es ähnlich. Sebastian hatte die Musik zum Song, der irgendwie “Song 2” als Arbeitstitel hatte. Er fragte mich, was ich bezüglich der Lyrics machen wollte und ich meinte einfach “Dawn of the Damned”. Wir merkten sofort, dass das ein grossartiger Titel für einen Song war – ja sogar für ein ganzes Album! Und die anderen dachten genauso – ich fühle mich wie ein Seher und sie bestärkten mich in meinem Glauben. Sebastian kennt uns sehr gut und bringt das Beste in uns hervor. So kommt man automatisch zum Aha-Erlebnis. 

Das Erlebnis war ähnlich wie beim ersten Song, den ich für NECROPHOBIC schrieb – “Tsar Bomba” (auf “Mark of the Necrogram”). Als wir in St. Petersburg waren, hatte Sebastian ein Riff, Johann hatte eins und ich hatte auch eins. Wir wollten unbedingt einen Song über Russland und ich platzte einfach mit “Tsar Bomba” heraus. Es war eine Instant-Inspiration, so viel Energie. Sebastian “necrophized” den Song und uns war klar, dass es einfach ein toller Song geworden war. Die Vocals nahm ich in meinem Keller auf – nicht zu viel Echo – und ich schrieb die Lyrics innerhalb von zwei Tagen. 

Und “Tsar Bomba” hatte ja echt dieses “Hitpotential” als Song.

Wir haben ja eben diese Regel, dass der Titel im Refrain des Songs gesungen werden muss. Und viele Black und Death Metal-Bands haben diese Regel nicht, weil es weniger progressiv ist. Aber man muss das Publikum ja fangen – so wie IRON MAIDEN. Man muss das Publikum fangen und die Energie auch. Der Song wird mehr zu einer Einheit und die Band wird eins mit dem Publikum. Wir werden zur Legion. 

Und NECROPHOBIC haben ja immer ihr Ding gemacht. Wir sind nicht in einer einzigen Genre-Schublade, z.B. “Death Metal” oder “Black Metal”. Ich denke in diesem Zusammenhang etwa an DARK ANGEL. DARK ANGEL sind auf der Schwelle zwischen Death Metal und Thrash Metal. Und das ist eine eigene Richtung, die niemand sonst verfolgt. Sie haben ihre eigene Richtung gefunden. Bei NECROPHOBIC ist das auch so. Wir sind in der Kreuzung zwischen Black und Death Metal und niemand sagt uns, was wir machen sollen. Wir können tun, was wir wollen. Wir haben unsere eigene Schublade.

Ja, das hat was. Als ich vor 20 Jahren eine Genrediskussion über NECROPHOBIC mit einem Freund hatte, der eher eine Vorliebe für amerikanischen Death Metal hat, definierte er euch als “NECROPHOBIC sind die besseren DISSECTION”. 

Haha! Aber schon etwas merkwürdig.

Na gut, er ist ein Drummer. Da muss man schon vorsichtig sein mit Aussagen zu gitarrenorientierten Bandbelangen. Aber nichts gegen Schlagzeuger!

Ja, kennst du Animal aus der Muppet Show? Drummer sind fucking Animals. Bei NECROPHOBIC haben wir ein Herz hinter dem Schlagzeug und einen Animal für die Vocals, haha. Die Kombination funktioniert. 

Leider kann man sich ja momentan nicht live davon überzeugen. 

Ja, Covid ist kompliziert. Zuerst dachte man, es gehe bis Juni 2020. Damit kann man sich engagieren. Danach hiess es – bis Ende 2020. Und mittlerweile sind wir soweit, dass Konzerte im gesamten Frühling 2021 unrealistisch sind. Der ganze Frühling 2021 ist schon weg. Unsere Show in Göteborg wurde auf den Oktober 2021 verschoben. Und das Problem ist ja, dass man Shows nicht am Abend vorher planen kann, man braucht eine gewisse Vorlaufzeit. 

Diese Zeit braucht ja auch eine Impfung – selbst wenn man eine findet, dauert es sicher ein halbes Jahr, bis man sicher ist, dass man sie anwenden kann. Und wenn man sieht, wie die Situation momentan ausschaut, fühlt es sich an, als hätten wir in dieser ganzen Zeit noch nichts erreicht – die Covid-Fälle nehmen zu und wir stehen relativ machtlos daneben. Jetzt ist es schon ein ganzes Jahr, das weg ist.Und dieses Jahr fehlt natürlich auch den Organisatoren. Flüge buchen, Konzerte organisieren – das braucht Zeit. Man weiss ja nicht mal, ob die Airlines überleben. 

Naja, ihr könnt nach Trelleborg fahren und mit der Fähre nach Deutschland rüber…

Haha, ja genau, auf einem Boot!

Aber daraus wird momentan nichts wegen Covid.

Nun ja, ich hatte Covid damals im Juni 2020. Eine Woche lang war ich krank – Schmerzen und Verlust des Geruchsinns inklusive. Aber jetzt habe ich immerhin Antikörper. Covid hat auch den Videodreh zu “Mirror Black” negativ beeinflusst. Ich war nach einer Hochzeit infiziert und wir wollten das Video in einem Dachstock aufnehmen. Ich war am Dienstag krank, die Filmcrew war auch krank. Aber am Samstag meinte die Filmcrew, es wäre kein Problem. Ich fühlte mich gut – abgesehen vom Geruchsverlust – also drehten wir am Samstag. Wir hielten einen enormen Abstand zueinander – die Filmcrew war krank, ich war krank, der Rest von NECROPHOBIC war nicht krank. Am Ende steckte ich jedoch Sebastian an – er trug eine Maske, aber als er mich mit Corpsepaint bemalte, kriegte er von mir Covid trotz der Maske. Zum Glück hatte er keinen schweren Verlauf. Und ich hatte auch Glück. Das Risiko war uns einfach nicht klar gewesen.

Meinst du, dass 2021-Konzerte realistisch sind?

Ehrlich gesagt tippe ich eher auf 2022. Ich war schon immer ein Pessimist. Vor allem wenn es um Gigs in den USA und Südamerika geht – da bin ich echt pessimistisch. Aber man muss ja auch Pessimist sein, damit man sich positiv überraschen lassen kann. 

Experiment Streaming Konzert 2.0?

Da es ja doch noch so lange dauern könnte, stellt sich die Frage, ob NECROPHOBIC sich nochmals dem Experiment “Streaming Konzert” widmen werden.

Wir müssen. Wir arbeiten daran. Viele Bands machen das momentan und zum Teil wird es etwas langweilig. Wir hatten bei unserem ersten Versuch massive Computerprobleme, beim zweiten Mal wollen wir etwas machen, was spannender ist. WACKEN hat ja damit begonnen, alte Festivalmitschnitte zu zeigen. Und ich schaute den alten NECROPHOBIC-Gig auf dem WACKEN und war echt begeistert. Der Sound war auch gut. 

Aber wir müssen auf jeden Fall die neuen Songs spielen, eine Bühne haben und mehrere Kameras. Wir arbeiten also definitiv daran, etwas Spannendes in Sachen Stream-Konzert auf die Beine zu stellen. 

Vermisst du das Publikum?

Ja. Sehr. Wirklich. Man pusht sich natürlich durch diese schwere Zeit, aber in Wirklichkeit ist es ein Gefängnis, aus dem man nur noch raus will. Und man könnte seine Verwandten oder seine Freunde verlieren. Und aus diesem Grund ist es das Beste, diesen “Lockdown” zu behalten fürs erste. Aber es wird alles zurückkommen. Alle Konzerte. Wir werden zurückkommen. Es ist ein bisschen wie ein Krieg. Während der Weltkriege gab es keine Konzerte, es gab nur den Krieg. Aber wenn die Impfung da ist und funktioniert – dann öffnet sich wieder alles und wir kommen alle zurück. 

Manchmal denke ich auch, dass Covid wohl der “Weltkrieg” unserer Generation ist. Und er umspannt wirklich die ganze Welt.

Ja, aber wir sitzen auf dem Sofa und trinken, das ist schon ein grosser Unterschied. Und machen wir uns nichts vor – Covid wird uns sicher noch zwei bis drei Jahre beschäftigen.

Ein Weltkrieg geht ja jeweils auch mindestens vier Jahre. Und Schweden steht wieder daneben.

Genau, wir sind wieder einmal neutral. Wir stehen daneben und wundern uns, was die anderen machen. Und damals konnte man wirklich an jeder kleinen Infektion oder anderen Krankheit auch noch sterben. 

Stimmt, da sind die Hygieneverhältnisse heutzutage schon besser, zumindest in Europa.

Ein weiterer Unterschied ist, dass wir dieses Mal – anders als in den Weltkriegen – alle den gleichen Feind haben: Covid. Es gibt keine länderspezifischen Allianzen, es sind wir gegen das Virus. Vielleicht ist das das einzig Gute an Covid. Wir kämpfen alle zusammen gegen den einen Feind – vereint als Welt.

Genau, es gibt keine Achse des Bösen.

Es ist der Weltkrieg gegen den fucking Virus. Das Virus ist zudem kein Mensch, sondern eher wie ein Alien. Niemand verbündet sich mit dem Virus, alle Menschen kämpfen zusammen gegen das Virus. Und das könnte dazu führen, dass wir endlich als Weltcommunity wachsen. Die Grenzen werden sich öffnen und wir haben endlich ein Verständnis dafür, dass wir eines sind. We are legion. 

Wir müssen auch die gute Seite sehen dieser Schlacht – wir kommunizieren breiter miteinander, mit Zoom, mit Skype. Das Virus kann Leute zusammenbringen, auch über Grenzen hinweg. Metal hat diese Fähigkeit ja auch – der Metal vereinigt die Metalheads, egal woher sie kommen. Und jetzt vereinigt der gemeinsame einzige Feind alle Menschen gegen ihn. Statt dass sich die Menschen gegenseitig umbringen, kämpfen sie gegen das Virus und begreifen vielleicht endlich, dass es gut für sie ist, miteinander verbunden zu sein. Das ist das Gute an dieser schlechten Situation, selbst wenn wir natürlich in einem privilegiertem Land leben. 

Aber ich warte auf diesen Tag, an dem wir die Covid-Situation besiegt haben, und wir alle wieder zusammen kommen. Wir kommen dann als Menschheit weltweit zusammen. Was für ein Rush. Es wird besser sein als jede Droge, die Menschen je erfunden haben. Ich hoffe auf diesen Tag und ich freue mich auf diese Zukunft – mit Festivals und Metal.

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.