HEAVEN SHALL BURN: Man wächst an seinen Aufgaben

HEAVEN SHALL BURN sind wieder zurück in der Spur. "VETO" erschließt für die Thüringer Band vielleicht keine neuen Welten, bringt alle Stärken der vergangenen Alben dafür auf einen gemeinsamen Nenner. Der Elan und die Energie des Werks reißen mit, die kontroversen Themen auf lyrischer Seite werfen einige Fragen auf. Um die zu klären, haben wir auf elektronischem Weg mit Schlagzeuger Matthias gesprochen, der einiges zu erzählen hatte – über das aktuelle Album "VETO", über gesellschaftliche Streitfragen und über seine Gesangskunst auf der neuen Platte.

HEAVEN SHALL BURN sind wieder zurück in der Spur. “VETO” erschließt für die Thüringer Band vielleicht keine neuen Welten, bringt alle Stärken der vergangenen Alben dafür auf einen gemeinsamen Nenner. Der Elan und die Energie des Werks reißen mit, die kontroversen Themen werfen auf lyrischer Seite einige Fragen auf. Um die zu klären, haben wir auf elektronischem Weg mit Schlagzeuger Matthias Voigt gesprochen, der einiges zu erzählen hatte – über das aktuelle Album “VETO“, über gesellschaftliche Streitfragen und über seine Gesangskunst auf der neuen Platte.

Hallo, Matthias! Das Veto ist ein ambivalentes Instrument. In der Politik kann es Minderheiten als Mittel dienen, ihre Rechte zu verteidigen. Auf der anderen Seite birgt das Vetorecht auch Missbrauchspotenzial auf Seiten der Mächtigen. HEAVEN SHALL BURN scheint “VETO” mehr einem Einspruch gleichzukommen – ein mahnender Fingerzeig auf Ungerechtigkeiten und Missstände. Ist das der Auftrag, den ihr euch selbst gegeben habt?

Was bei HEAVEN SHALL BURN geschieht, passiert meist ohne einen großen Masterplan. Es ist aber eben so, dass uns soziale Missstände oder Ungerechtigkeiten beschäftigen und wir dem durch die Band irgendwie Ausdruck verleihen. Es gibt da kein ausgesprochenes Konzept, sondern eher ein Verhaltensmuster, was unsere Äußerungen und unser Auftreten angeht. Das ist aber eine ganz natürliche Reaktion unsererseits und kein Rucksack, den wir uns irgendwann einmal selbst aufgeladen haben.

Wenn uns mal nach etwas komplett anderem sein wird, dann werden wir das sicherlich auch ohne große Gedankenverschwendung durchziehen.  Das mit dem Fingerzeig oder der gelegentlichen Erinnerung ist schon ein Trademark von HEAVEN SHALL BURN, aber es wurde nie beschlossen.

Der Albumtitel “VETO” passt aber in der Tat ganz gut zu unserem permanenten Kluggescheiße… (lacht)

Hat der Titel “VETO” in diesem konkreten Bezug auch symbolischen Charakter, etwa als lautstarke Stimme für all jene, die sonst nicht gehört werden?

Wir sehen uns nicht als Stimme der Stimmlosen, wenn du das meinst. Jeder hat die Möglichkeit, selbst seinen Protest zu formulieren und sich dafür den bestmöglichen Kanal auszusuchen. Die Dinge, die wir ansprechen, wählen wir selber aus. Das ist keine Auftragsarbeit in dem Sinne.

Textlich – und auch das ist fast schon Tradition – stehen wieder viele bemerkenswerte Persönlichkeiten im Fokus. Einer Legende habt ihr sogar das Frontcover gewidmet. Gerade das Würdevolle, das Lady Godiva in John Colliers Gemälde jenseits aller Glorifizierung bewahrt, hinterlässt Eindruck. Wie wichtig war die Bildsprache für euch bei der Wahl des Motivs?

Wir wollten schon immer ein klassisches Gemälde haben und nun hat es sich endlich auch angeboten. Als es um die Auswahl des Covers ging, hat unser Gitarrist Maik das Ding quasi auf den Tisch geknallt und jeder durfte sagen, ob er die Idee mag oder nicht. So läuft das meist bei uns ab. Es wird dann abgestimmt und wer möchte, kann neben dem JA oder NEIN auch noch seine Argumente vortragen. Allerdings war das hier gar nicht notwendig, da wir uns alle einig waren. Die Gründe für die Wahl waren vielleicht sogar unterschiedlicher Natur. Für mich war es in erster Linie die Atmosphäre, die durch dieses Bild erzeugt wird und weniger die Story dahinter. Manche Dinge kann man da einfach nicht erklären. Entweder es macht klick oder eben nicht.

Ich war auch schon immer beispielsweise ein Freund von italienischer Freskomalerei und Renaissance wie Botticelli oder Raffael, ohne mich da wirklich auszukennen. Wenn ich als Kind in einer Galerie war, dann haben mich die realistischen Darstellungen und die Farben immer sehr in ihren Bann gezogen. Da gab es für mich am meisten zu entdecken. Der Stil von John Collier hat sehr viel davon, auch wenn er natürlich aus einer anderen Zeit und einem anderen Land stammt. Dementsprechend war ich bei der Frage nach dem Cover auch sehr einfach ins Boot zu holen… (lacht)

Am meisten fasziniert mich an Persönlichkeiten wie Lady Godiva oder Victor Jara, dem “Die Stürme rufen dich” gewidmet ist, die Form ihres Widerstandes: gewaltfrei, entschlossen, standfest – braucht es zwingend extreme Zustände, um solche Gestalten hervorzubringen?

Ich glaube nicht. Es wird immer und überall Leute geben, die für ihre Ideale einstehen. Bei Victor Jara waren das einfach humanistische und er war nicht nur politisch aktiv, sondern hat den Leuten auch so aus dem Herzen gesprochen. Das hat ihn so einzigartig gemacht. Er wäre sicherlich auch ohne die politischen Umstände zu einer Ikone geworden, wenn auch auf andere Art und Weise. Ein Großteil seiner Werke war gänzlich unpolitisch und er hatte unter seinen Anhängern sicherlich nicht nur politische Weggefährten. Er war kein Widerstandskämpfer in dem Sinne. Er war nur ein Unterstützer von Salvador Allende. Bis wenige Tage vor seiner Ermordung war Allende im Amt und damit war Jara nicht im Widerstand. Der Mythos Victor Jara existierte auch schon vor dem Militärputsch in Chile. Es war zwar mit Sicherheit eine angespannte Situation, aber keine extreme. Pinochet war zu dem Zeitpunkt schließlich auch schon Armeegeneral.

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Wir wollten schon immer ein klassisches Gemälde haben und nun hat es sich endlich auch angeboten.

Die zuvor genannten Attribute und damit insbesondere Rückgrat und Aufrichtigkeit zeichnen “VETO” auch musikalisch aus. Dieser eiserner Wille, den HEAVEN SHALL BURN als Band verkörpert, fehlte mir zuletzt auf “Invictus“. Nun scheint ein neuer Elan zu herrschen. War “Invictus” rückblickend zu sehr von eingefahrenen Strukturen geprägt?

Das glaube ich nicht. “Iconoclast” und “VETO” haben beispielsweise, meiner Meinung nach, ziemlich viel miteinander gemeinsam. “VETO” ist eben nur zu Ende gedacht, während man bei “Iconoclast” einfach noch nicht so weit war und auch nicht so entspannt arbeiten konnte. Die Vorproduktion und der größte Teil der Aufnahmen von “VETO” fanden ja in den Chemical Burn Studios unseres Gitarristen (Alexander Dietz, Anm. d. Verf.) statt.

Bei “Invictus” war es vielmehr so, dass wir etwas zu viel wollten und es vor allem beim Sound ziemlich übertrieben haben. Da ging jegliche Dynamik flöten. Das hört sich vielleicht nur nach einem Detail an, aber es hat bei dieser Platte wirklich wahnsinnig viel verdorben. Die Songs auf “Invictus” finden wir nach wie vor gut und eigentlich auch ziemlich abwechslungsreich, aber durch den Sound wirkt alles wie ein einziger Brei, um es mal überspitzt auszudrücken. Da gehen Details eben sehr unter und es wird eine Herausforderung, die Platte beispielsweise am Stück zu hören. “VETO” ist deswegen für mich der logischere Schritt nach “Iconoclast“. “Invictus” passt da irgendwie nicht so dazwischen.

Nichtsdestotrotz war “Invictus” ein wichtiger Zwischenschritt für uns, nicht ganz unerfolgreich und auch weitere Erfahrung, die wir auf dem Weg zu “VETO” machen mussten.

VETO” ist natürlich keine Abkehr vom gewohnten HEAVEN SHALL BURN-Sound. Mir erscheint es aber, als sei in den letzten Phasen des Songwritings vor allem darauf geachtet worden, die lyrischen Inhalte atmosphärisch adäquat zu transportieren. Zwischen Verzweiflung, Zorn und Mitgefühl kommt das jeweils vorherrschende Thema stets zur Geltung. Zufall?

Gute Frage. Verzweiflung, Zorn und Mitgefühl sind ja auch Stimmungen, die eigentlich in den meisten unserer Songs mitschwingen. Ich denke, dass eigentlich jeder unserer Songs von allem etwas hat und man das gar nicht so genau, Song für Song, abgrenzen kann.

Die endgültige Version der Texte entsteht auch immer erst, wenn die Songs quasi fertig sind und das geschieht dann oft erst ziemlich spät. Aber, wie gesagt, die Grundstimmung ist immer in diese Richtungen interpretierbar. Das ist ja auch eine subjektive Wahrnehmung und wenn man die Texte kennt, deutet man die Atmosphäre der Songs vielleicht auch anders.

Also hundertprozentig bewusst ist das nicht so gewesen, aber es schwingt natürlich immer mit, in welche Richtung es lyrisch und auch musikalisch gehen soll.

“Godiva” ist ein gutes Beispiel: Das unnachgiebige Drumming, die hämmernde Doublebass, sprechen für Entschlossenheit, während die Leadgitarren einen klagenden Ton annehmen. Steckt da wirklich viel Kopfarbeit dahinter oder fügen sich die Elemente weitgehend aus dem Bauch heraus ineinander?

Im Grunde genommen entstehen die Ideen aus dem Bauch heraus. Man jammt einfach los, aber die Details sind mittlerweile schon recht akribisch herausgearbeitet. Das geschieht dann bei der Vorproduktion, wenn die Ideen zusammengefügt werden.

Das entwickelt sich über die Jahre immer besser und man weiß heutzutage auch schneller, was passt und was eben nicht. “Godiva” ist aber in der Tat etwas anders als frühere Songs von uns. Trotzdem denke ich, dass es sofort nach HEAVEN SHALL BURN klingt.

Besonders die deutlichen AT THE GATES-Zitate verleihen dem Song etwas Hymnisches. Wie viel Inspiration zieht ihr denn überhaupt aus dem Göteborg-Sound? Meist liest man bezüglich eurer Einflüsse ja von ungleich härteren Death Metal-Acts…

Ich glaube Göteborg spielt da wirklich eher eine kleinere Rolle bei uns. Natürlich mögen wir alle alte IN FLAMES, AT THE GATES, DARK TRANQUILLITY oder EUCHARIST, aber es sind eher Bands wie EDGE OF SANITY bzw. generell Dan Swanö und sein Schaffen, das uns da beeinflusst hat, oder auch Stockholm-Bands wie DISMEMBER. UNANIMATED haben auch Eindruck bei uns hinterlassen. Zumindest was Schweden angeht, ist das so.

Bei “Godiva” finde ich eher, dass man am ehesten IN FLAMES zu “The Jester Race“-Zeiten heraushören kann. Wie gesagt, der Göteborg-Sound hat uns auch beeinflusst, aber die Melodien und Harmonien kommen eher aus der Nachbarschaft… (lacht)

Ich glaube generell auch nicht, dass man alle Einflüsse wirklich bei uns heraushört. Manchmal geht es da nur um Breaks oder Übergänge in Songs, die vielleicht anfangs von den härteren Bands etwas abgeschaut und modifiziert wurden. Beim Riffing selbst hört man das vielleicht nicht mehr so. Das sind oft auch Einflüsse, die wir von Anfang an hatten und die immer Bestandteil von uns sein werden, egal, was jetzt noch oben drauf kommt. Man hört ja auch immer mal wieder neue Musik.

“Hunters Will Be Hunted” dreht sich um die Organisation Sea Shepherd, die unter anderem aktiv gegen Walfang vorgeht. Eine Frage, die der Organisation immer wieder entgegenschlägt, ist allerdings die nach der Selbstjustiz. Auch wenn Sea Shepherds Wert nicht hoch genug eingeschätzt werden kann – wo muss man bezüglich der Methoden deiner Meinung nach die Grenze ziehen?

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Es ist niemals schlau, wenn man Texte aus dem Zusammenhang reißt und sich damit weit aus dem Fenster lehnt.

Sie sabotieren lediglich das Abschlachten von Meerestieren. Das ist keine Bestrafung im Sinne von Selbstjustiz, sondern Sabotage und damit ein riesiger Unterschied. Selbstjustiz wäre es wohl, wenn sie Leute selbst festnehmen würden, die teilweise gegen bestehendes Recht verstoßen. Das tun sie aber nicht.

Sie greifen auch keine Menschen an oder versuchen, sie zu verletzen oder gar zu töten. Wir reden hier von Störmanövern auf See, bei denen versucht wird, die Jagd auf Meerestiere durch Beutel mit Buttersäure oder Ketten in Schiffsschrauben zu verhindern oder zu erschweren. Das ist maximal Sachbeschädigung, während sie selbst teilweise mit Harpunen beschossen werden. Erst letzte Woche wurde ein Aktivist auf Costa Rico umgebracht, weil er sich für die Rettung von Schildkröten eingesetzt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob der Mann auch mit Sea Shepherd verbandelt war, aber man sieht hier deutlich, mit welchen Leuten man es auf der anderen Seite zu tun hat, wenn man gegen diese Art der Jagd vorgeht.

Es geht hier nicht einfach um den Gerechtigkeitssinn oder die Tierliebe einiger Aktivisten, sondern darum, dass industrieller Fischfang, Walfang und Ähnliches die Ozeane aus dem Gleichgewicht gebracht haben und es nicht besser wird. Teilweise gibt es schon Gesetze, diese werden aber selten konsequent durchgesetzt und die Politik schaut gerne weg. In diesem Fall ist Sachbeschädigung für mich ein legitimes Mittel. Wenn ich lese, dass Japan in der letzten Saison nur 16% ihrer Walfangquote erreichen konnte, weil Sea Shepherd die Aktionen erfolgreich sabotiert hat, dann ist das mit Geld nicht zu bezahlen.

Gewalt gegen Menschen ist natürlich ein No-Go, aber diese Gewalt geht von Sea Shepherd auch nicht aus. Das Aggressionspotential liegt eindeutig bei der anderen Seite.

Eine Boulevardzeitung hat aus den Linernotes im Booklet, das den Song auch als Statement gegen komplexgesteuerte Hobbyjäger erklärt, einen Skandal gestrickt; der deutsche Jagdverband sah sich persönlich angegriffen. Ohne das Ganze erneut breitzutreten, scheinen wir uns in Deutschland auf der anderen Seite in eine Situation gebracht zu haben, in der es ohne Bestandsregelung in den Wäldern nicht mehr zu gehen scheint, um Wald und Tiervielfalt zu erhalten. Ich sehe mich da selbst vor einer schwierigen Frage – kann man in eurer Position überhaupt eine befriedigende Antwort auf den Jägerberuf finden?

Na ja, damit haben sie aber eher zur Belustigung beigetragen, als wirklich einen Skandal aufgespürt. Dieser CDU-Typ und ein paar andere Knalltüten waren die einzigen, die sich am Text gestört haben. Klar, dass ein solches Blatt das trotzdem aufschnappt.

Die Leute sind aber eben manchmal doch schlauer, als viele denken, und kaum jemandem ist entgangen, dass es sich im Text um das Stilmittel einer Metapher handelt und dass wir sicherlich niemanden tot sehen wollen. Was würde das auch für einen Sinn machen, wenn man Tierleben schützen will, aber Menschen den Tod wünscht? Wie gesagt, das ist wie beim Lesen von Gedichten. Eine gewisse Bildung setzt es eben voraus, wenn man so etwas verstehen will. Das klingt jetzt vielleicht etwas arrogant, aber was soll man sonst dazu sagen? Es ist niemals schlau, wenn man Texte aus dem Zusammenhang reißt und sich damit weit aus dem Fenster lehnt. Sowohl für die Zeitung als auch für den Politiker, war die ganze Aktion ein ziemlicher Rohrkrepierer. Für uns war es irgendwo schon Werbung, auch wenn ich nicht glaube, dass sich das wirklich sehr auf die Verkäufe ausgewirkt hat.

Du hast natürlich Recht, wenn du sagst, dass wir in Deutschland oft in Situationen sind, in denen ein Ungleichgewicht in der Natur herrscht, allerdings schaffen Jäger diese Ungleichgewicht größtenteils selbst. Große Raubtiere hat man quasi ausgerottet und wenn ein Bär nach Deutschland kommt, dann wird er zum Problembär und abgeknallt. Der Wolf kommt langsam wieder nach Deutschland zurück und die Jäger bangen schon um ihre Abschussquoten. Was der Wolf reißt, kann der Jäger schließlich nicht mehr schießen. Außerdem werden die Tiere hier durch den Winter gefüttert. Das macht natürlich nur Sinn, wenn man die Bestände hoch halten will. Und so schafft man sich größere Probleme, als man eigentlich hätte.

Meine Familie verfügt selbst über ein bisschen Wald, in dem früher auch ohne Einverständnis gejagt werden durfte. Ich kann mich noch daran erinnern, wie mein Vater ein Fass aufgemacht hat, weil sie dort eine Futterstelle aufgebaut hatten und die Tiere dann beim Fressen abgeknallt haben. Jagd hat hier natürlich eine gewisse Tradition und deswegen wollen auch viele Menschen daran festhalten. Deswegen gehe ich auch davon aus, dass es wirklich Menschen gibt, die denken, dass sie der Natur etwas Gutes tun, wenn sie für das Gleichgewicht sorgen. Allerdings gibt es auch genügend Grünröcke, die sich besoffen bei der Treibjagd gegenseitig über den Haufen schießen. Es gibt schon genügend Jäger, denen es einfach nur ums Rumballern geht und um Trophäen. Um die geht es uns auch hier.  Auch wenn es schwer fällt, wollen wir da gar nicht alle in einen Topf werfen.

Nebenbei bemerkt – der Medienrummel hat euch bei den Verkaufszahlen sicherlich nicht geschadet: “VETO” stiegt auf Platz zwei in die Charts ein. Euren Facebook-Nachrichten zufolge scheint ihr den Sensationsjournalismus für eure Zwecke zu instrumentalisieren, spielt ihm dabei aber durch Klickzahlen gleichzeitig in die Hände. Wäre es nicht besser, so etwas vollständig auszublenden, dem entsprechenden Verlag keine Plattform zu bieten?

Geschadet hat es mit Sicherheit nicht, aber auch nicht sonderlich genützt. Auch wenn wir immer etwas damit kokettieren, hat uns sicherlich kein Zeitungsartikel die ganz guten Verkäufe beschert. Der Artikel kam am 19. April, also am Tag der Veröffentlichung und da waren die meisten CDs mit Sicherheit schon durch Vorbestellungen gekauft. Schließlich ist die erste Woche ja meist die stärkste, wenn in dieser sämtliche Vorbestellungen rausgehen. Bei uns war das mit Platz 2 nicht anders.

Es stimmt aber schon, dass es gute Werbung für uns war. Nur auf die Verkäufe wird es nicht so den riesigen Einfluss gehabt haben. Wäre der Artikel zwei Wochen vorher aufgetaucht, hätte man vielleicht davon reden können – doofes Timing der Zeitung und des CDU-Mannes… (lacht) Dem Verlag keine Plattform zu bieten wird schwierig, wenn man auch im Metal Hammer präsent ist… (lacht)

Das Ganze ist doch mit einem Augenzwinkern geschehen und der Artikel war eher lustig als alles andere. Eigentlich wird man ja nie gerne im Zusammenhang mit einem Aufruf zum Mord erwähnt, aber der Artikel war so rotzehohl.  Wir sind nun auch keine Band, die zum Lachen in den Keller geht, und wenn man mit so einem Quatsch in DIESER Zeitung auftaucht, dann darf man auch ruhig mal den Stock rausnehmen und sich darüber lustig machen.

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Leider besteht das ganze Leben aus Kompromissen, bei denen man nie so richtig weiß, ob man sich auf die Informationen verlassen kann, die einem vorliegen.

Damit liegst du natürlich auch nicht falsch! Aber zurück zum Song: Im Mittelpart ist  im Hintergrund Walgesang zu hören. Sind das echte Aufnahmen oder musstet ihr da etwas tricksen?

Mein Backgroundgesang für “Valhalla” hat sich aufgenommen zwar ähnlich angehört, aber ich glaube schon, dass das dann doch echte Wale waren.

(lacht) Zu “Hunters Will Be Hunted” entstand auch ein interessantes Musikvideo. Wer hatte denn die Idee für das Drehbuch? Gab es noch andere Kandidaten aus der Band für die Hauptrolle oder war Marcus der einzige, der sich freiwillig durch den Schnee schleppen wollte?

Das war von Anfang an so mit Marcus geplant. Der Schnee stand aber nicht im Drehbuch. Das hat sich zum Glück so ergeben. Die Idee stammt von Philipp Hirsch von Film-M, mit dem wir das Video gedreht haben. Das Endzeit-Video, der Clip zu Black Tears und auch unsere Doku-DVD haben wir mit ihm gemacht. Das ist immer eine gute Zusammenarbeit, weil wir uns jetzt auch schon wirklich gut kennen. Einmal war die DVD eine ziemlich intensive Angelegenheit, zum anderen war er dadurch mit uns auch immer zu vielen Konzerten unterwegs.

“Beyond Redemption” ist nicht der erste Song, der euch von einer atmosphärischen Seite zeigt. Ich finde, dass dieser zurückgenommene Ansatz eine schöne Facette in eurem Sound darstellt. Ist das ein Aspekt, den HEAVEN SHALL BURN womöglich in dosiertem Maß ausbauen könnten?

Das wird man sehen, aber jetzt auf “VETO” ist der Track quasi das Outro und kein richtiger Song. Die Stimme wird ja hier beispielsweise auch nur sehr sparsam eingesetzt und sogar eher als weiteres Instrument. Aber diese atmosphärischen Parts werden sicherlich immer mal wieder auftauchen, also je nach Lust und Laune dosiert.

Ein wenig unglücklich finde ich die Position des BLIND GUARDIAN-Covers “Valhalla” auf dem Album. Obwohl mir die Neuinterpretation an sich gut gefällt, reißt sie mich doch aus dem sonst dichten Grundtenor des Albums. Stand für euch von Anfang an fest, dass Valhalla einen festen Platz auf der CD bekommen sollte, anstatt den Song als Bonus hinten anzuhängen?

Ich weiß jetzt nicht, ob das von Anfang an feststand, dass der Song wirklich inmitten der anderen Songs stehen würde. Dass er in der regulären Version auftauchen würde, war auf jeden Fall sehr schnell klar.

Ich persönlich finde “Valhalla” echt gut platziert. Das haben auch viele Leute so gesehen. Es klingt nicht wie ein kompletter Stilbruch, aber es lockert die Scheibe doch ungemein auf. Ich kann aber gut nachvollziehen, wenn es für den einen oder anderen Hörer nicht so passt.

Wie schon “Invictus” ist “VETO” sehr laut produziert. Zugegeben, es ist nicht mehr ganz so schlimm wie auf dem Vorgänger, dennoch bleibt die Dynamik im Sound etwas auf der Strecke. Ist das ein Zugeständnis an die iPod-Generation oder entspricht ein solcher Ansatz einfach euren Hörvorlieben?

Es ist schon wirklich so, dass viele Kids nicht mehr die Platte als Ganzes hören, sondern nur einzelne Songs und dass es von Vorteil ist, wenn keine einzelnen Songs im Sound abstinken. Ich weiß nicht, ob das wirklich der Grund in der Vergangenheit war, dass wir die meisten Songs immer am Limit hatten, aber bei “Invictus” war es definitiv so, dass es zu viel war. Vielleicht hat man aber solche Dinge unterbewusst im Kopf.

Bei “VETO” haben wir aber auf Albumlänge gemixt und auch immer mal etwas zurück genommen. Das entspricht schon auch unseren Vorlieben und auch dem, was HEAVEN SHALL BURN ausmacht. Eine glasklare und glatte Produktion würde auch nicht zu uns passen.

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Eine glasklare und glatte Produktion würde nicht zu uns passen.

Die LP-Fassung sowie die Deluxe-Auflage von “VETO

enthalten außerdem den alternativen Blizzard Over England Mix, der ohne euer Beisein entstanden ist. Es gibt hierfür leider keine Hörproben, aber verschiedenen Meinungen zufolge ist der Mix etwas klarer als Tue Madsens Arbeit. War der Mix von vornherein für die Vinyl-Version geplant oder warum gibt es überhaupt zwei Abmischungen?

Colin Richardson hat ja nun schon so einige Klassiker und auch viele unserer Favoriten gemixt. Ob das nun CARCASS, BOLT THROWER, MACHINE HEAD oder FEAR FACTORY waren. Ich glaube, es gibt auch viele Platten, die ich mag und bei denen mir gar nicht bewusst ist, dass er damit zu tun hatte.

Er hatte uns kontaktiert und Interesse gezeigt, die Platte zu mixen. In so einer Situation ist man natürlich selber sehr gespannt, wie HEAVEN SHALL BURN denn klingen würden, wenn er Hand anlegen würde. Auf der anderen Seite wussten wir schon, dass Tue Madsen eine Top-Arbeit abliefern würde beziehungsweise schon abgeliefert hatte. Es war also kein Risiko, mal etwas anderes zu probieren. Wir wollten dann am Ende sehen, welchen Mix wir nehmen wollen.

Da unsere Gitarristen aber wegen der Wetterlage in England nicht zum Mix anreisen konnten und die Zeit dann auch drückte, weil dieser Mix ja anfangs gar nicht geplant war, mixte Colin die Platte alleine, mit Absprachen via Mail oder Telefon. Deswegen sind in den Mix weniger unsere eigenen Ideen eingeflossen.

Im Tue Madsen-Mix steckt mehr von HEAVEN SHALL BURN drin und deswegen hat die reguläre Version auch diesen bekommen. Die Colin Richardson-Version gefiel uns aber auch so gut, dass wir sie den Leuten nicht vorenthalten wollten. Es sind eben zwei unterschiedliche Herangehensweisen mit verschiedenen Ideen. Das ist in erster Linie für Leute interessant, die sich für solche Dinge interessieren. Wer also die LP kauft, bekommt auch die reguläre Version als CD dazu und bei diesem Deluxe-Set sind auch beide Exemplare inklusive. Wenn man sich dafür interessiert, verpasst man also nichts.  Also geplant war das alles nicht, aber wir fanden es am Ende eine nette Idee.

Das auf jeden Fall! Aus aktuellen Anlass: Nach dem Einsturz eines Textilfabrikgebäudes in Bangladesh vor wenigen Wochen sind Sweatshops und dortige Arbeitsbedingungen wieder in aller Munde. Auch Gildan, deren Shirts als Träger für HEAVEN SHALL BURN-Merch fungieren, produziert unter anderem in Bangladesh, Honduras und Haiti. Obwohl Gildan in den vergangenen Jahren aufgrund öffentlicher Kritik viele Anstrengungen unternommen hat und seit ca. 2007 Partner der Fair Labor Association (FLA) ist, liest man immer wieder Meldungen, die von Unterdrückung von und Gewalt gegen potenzielle Gewerkschaftsgründungen berichten. Welchen Stellenwert hat dieses Thema für euch als Band?

Das ist natürlich ein schwieriges Thema. Man kann da nur nach bestem Wissen und Gewissen handeln und eben auf Hersteller zurückgreifen, die sich offiziell an bestimmte Richtlinien halten. Wie die Realität aussieht, kann man schlecht beurteilen. Auf der einen Seite sollte man nicht allen Gerüchten glauben, auf der anderen Seite nicht allen Siegeln oder Etikettierungen blind vertrauen. Es ist also schwierig, aber man muss sich da auch etwas auf die offiziellen Informationen verlassen, weil man sonst beispielsweise gleich sämtliche elektrische Geräte verschenken und in den Wald ziehen kann.

Wir vewenden auf jeden Fall lieber Produkte von Herstellern, die sich an die Spielregeln halten, wissen aber auch, dass da viel Augenwischerei dabei ist.

Zumindest im Falle von Gildan werden, bezüglich der Gerüchte um Verstöße, NGOs (non-governmental organizations; Nichtregierungsorganisationen – Anm. d. Verf.) eingesetzt, die ja per Definition unabhängig sein sollten. Ob das wirklich so ist, wissen wir nicht. Wir müssen da einfach so leichtgläubig sein.

Leider besteht das ganze Leben aus solchen Kompromissen, bei denen man nie so richtig weiß, ob man sich auf die Informationen verlassen kann, die einem vorliegen. Das betrifft ja jeden Menschen, alle Lebensbereiche und nicht nur unser Merch. Dass man bei uns als sozialkritischer Band da schon mal eher nachfragt, haben wir uns ja selbst eingebrockt und das ist auch so in Ordnung. Wie gesagt, für uns ist das ein Thema und wir handeln da ganz nach unserem Informationsstand und vertrauen da auch auf korrekte Angaben.

Danke für diese ehrliche Antwort. Ich nehme an, nach der Festivalsaison steht im Herbst / Winter eine Tour an. Kann man sich als Fan auf Besonderheiten freuen wie etwa den einen oder anderen selten gespielten Klassiker?

Die Setlist steht noch nicht, aber mal sehen. Da es die Tour zur Platte ist, wird man sicher vier bis fünf Songs von “VETO” hören und der Rest wird sicherlich auch mal mit ein paar älteren Songs versehen. Unsere Spielzeit ist ja auch nicht mehr so gering und es wird genügend Platz für viele Songs sein. Die Tour wird übrigens im November und Dezember stattfinden und HYPOCRISY werden als Special Guest mit dabei sein. (zu den Tourdaten bei vampster – Anm. d. Verf.) Support wäre da wohl nicht der richtige Ausdruck, da die Band eine lebende Legende und auch ein riesiger Einfluss von uns ist. Wir sind uns also schon durchaus bewusst, dass es Leute geben wird, die die Konstellation so nicht nachvollziehen können, aber bekanntlich wächst man ja an seinen Aufgaben…(lacht)
Wir freuen uns auf jeden Fall sehr auf die Tour und den Leuten wird auf jeden Fall auch etwas geboten werden.

Matthias, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Zum Abschluss etwas leichte Kost: Stell dir vor, ein Zombie lebt in deinem Schrank und er fängt langsam an lästig zu werden, da er ständig versucht, dein Gehirn zu essen. Also willst du ihn beseitigen, aber alles, was du hast, ist eine Banane, ein Stück Schnur, einen dreibeinigen Hund und einen schottischen Dudelsack. Was machst du?

Ich spiele auf dem Dudelsack bis das Vieh freiwillig abhaut.

Cover-Artwork © Century Media
Pressefotos © Christian Thiele
Live-Fotos © Tatjana Braun (http://www.tati-net.de)