BARONESS: Punk und Jugendstil

BARONESS: Punk und Jugendstil

Ist das Weihnachtswunder endlich passiert, oder hat der Promoter BARONESS den Arsch doch so verhauen, dass sie nach knapp drei Monaten die Fragen zu Blue Record beantworten? Egal, denn ein bärenstarkes Album wie dieses ist eine Entschuldigung für so ziemlich alles, vor allem, wenn es in der ersten Hälfte dieses Interviews von Bassist Summer Welch und im Anschluss von Gitarrist, Sänger und Ausnahmevisualist John Dyer Baizley noch so ausführlich und liebevoll per E-Mail erklärt wird.

 

Teil 1: Summer Welch

Hallo Summer, die Farbe blau ist das Gegenteil von rot. Blau beruhigt, steht für Sehnsucht, Hoffnung, den Himmel und Wasser. Passend dazu war Red Album weniger melodiös, hat nicht wirklich als ganzes funktioniert. Das neue Material ist stärker, epischer und hinterlässt einen erfüllten und glücklichen Hörer. Habt ihr deshalb die Musik mit der Farbe blau assoziiert?

Summer: Kurz und knapp: Ja. Blue Record hat uns viel abverlangt, physisch und mental. Wir haben viele persönliche Themen gestreift, die dafür gesorgt haben, dass wir sehr tief graben und sehr sensible Regungen, Gedanken und Gefühle aufdecken mussten. Wir haben schon immer recht vereinfachte Titel für unsere Veröffentlichungen gewählt, und dieses Mal fühlten wir, dass blau für das gesamte Feeling des Prozesses, vom Anfang bis zum Ende, am besten passte.

Blue Record ist das Schwesternalbum, Red Album ist der dazugehörige Bruder.

Summer: Ich würde Blue Record nicht als Schwester bezeichnen. Meiner Meinung, und auch der Meinung der anderen nach, ist dieses Album ein Fortschritt im Vergleich zum letzten Album. Wir haben dort angefangen, wo wir aufgehört haben und haben uns auf die Schwächen früherer Songs fokussiert. Unser Ziel war es, uns in jeder möglichen Art weiter zu verbessern. Wir hätten locker im Stil von Red Album weiter machen können und dann in der Tat ein Schwesternalbum veröffentlichen können. Aus der visuellen Perspektive mögen die beiden Alben sehr ähnlich sein, aber musikalisch haben wir uns bemüht, die Schwächen in Stärken zu verwandeln, anstatt das, was wir bereits können und wissen, dass es funktioniert, wieder aufzupolieren und risikofreie Musik zu schreiben.

Jedenfalls ist Blue Record der konsequente Nachfolger für Red Album, allerdings mit mehr Einflüssen aus Americana und Sevienties-Rock. Eine sehr natürlich Entwicklung?

Summer: Zwischen beiden Alben steht hauptsächlich definitiv eine natürliche Entwicklung. BARONESS stehen diesem Fortschritt positiv gegenüber und heißen ihn willkommen. Generell versuchen wir schon immer auf eine Art zu wachsen, die natürlich ist und nicht erzwungen wirkt. Wir wachsen und reifen auch als Individuen und es ist einfach angebracht, auch als Band reifer zu werden. Wir haben unsere Einflüsse schon immer von dem, was uns in unserem täglichen Leben auf uns einwirkt, bezogen.

Die Produktion ist sehr warm, heavy und originell. John Congleton produziert nicht allzu viele Metalbands, war es daher eine fruchtbare Arbeitsatmosphäre?

Summer: Ich werde mich hier kurz fassen, weil weniger mehr ist. Die Arbeit mit John Congleton war eine fantastische Erfahrung, vom Anfang bis zum Ende.

Die Songs auf Blue Record sind großartig. Ich liebe das Thema des Intros und Outros. Wurde das von einem Tranditional inspiriert?

Summer: Danke! Wir beziehen viele Inspirationen aus Traditionals.

Auch das Semi-Accapella-Stück Steel That Sleeps The Eye klingt etwas nach einem Traditional. Oder wolltet ihr etwas im Stil von alter Americana schreiben?

Summer: Ich glaube, das hat ein bisschen von beidem. In den letzten Jahren haben wir viel neue Musik kennen gelernt und einige Folk-Sänger aus längst vergangenen Zeiten sind wieder zurück gekommen. Ich glaube, wenn man jünger ist, kann man alle Arten von Musik noch nicht akzeptieren, wie sie sind. Mit zunehmendem Alter wird einige Musik, die ich als Teenager verachtet habe, zum einflussreichsten und ergreifendsten überhaupt.

Jake Leg ist eine Erinnerung an eure Wurzeln, ein ziemlich rauer und dreckiger Song, der allerdings mit vielen Leadgitarren gefärbt wurde. Ist das eine Art Abschied für Hardcore?

Summer: Ich würde das nicht als Abschied werten. Jake Leg war eines der ersten Stücke, die wir für Blue Record schrieben. Das Hauptriff wurde vor zwei Jahren geschreiben, zu einer Zeit, als die Dinge etwas rauer und dreckiger waren, wenn ich deine Worte verwenden darf. Damals durchliefen wir eine Art Übergangsphase. John und ich waren rastlos, da Allen, unser Schlagzeuger in New York lebt und wir keine Möglichkeit hatten regelmäßig zu Proben. Wir haben dann mit einem unserer Freunde gespielt, der in einigen sehr einflussreichen Bands aus der Gegend um Savannah aktiv war. Wir haben so viel Material geschrieben, das nicht für BARONESS gedacht war, aber es gab da dieses eine Lied, das unserer Meinung nach doch zu uns gepasst hat. Wir haben es dann Allen vorgespielt und er hat dieser Einzigartigkeit zugestimmt. Jake Leg hat sich sehr seit der ersten Inkarnation gewandelt, aber die durchgehende Sandigkeit besteht noch immer. Meiner Meinung nach ist das ein gutes Portrait davon, was wir zu dieser Zeit fühlten.

 BARONESS
Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas. – Hermann Hesse

Einer meiner Lieblingssongs auf Blue Record ist O´er Hell And Hide, ein starkes Instrumental. Dieses Lied hat einen Text, aber keinen richtigen Gesang, wie kam es dazu?

Summer: Das war das Stück, das keiner von uns wirklich fühlte, als wir ins Studio gingen. Wir haben ein paar unterschiedliche Herangehensweisen ausprobiert, aber keine hat sich richtig angefühlt. Gesang hat dem Song nicht geholfen, es hat viel mehr sein Wachstum gehemmt. Wir waren kurz davor es sein zu lassen, als John Congleton einige Vorschläge gemacht hat und O´er Hell And Hide wirklich neues Leben eingehaucht hat.

So ziemlich jeder Song auf Blue Record ist sehr episch, aber Swollen And Halo ist unglaublich, es vereint die schwersten Riffs und eingängisten Leads, die ich seit einiger Zeit gehört habe. Ist dies das Kernstück von Blue Record?

Summer: Ja, ich denke das war in der Tat die Idee dahinter. Dennoch, als ich die fertigen Masters gehört habe, empfand ich A Horse Called Golgotha als den herausstechenden Track schlechthin. Ich denke, dieser Song fängt alles, was wir tun in einer zusammengefassten Art und Weise zusammen.

The Gnashing ist recht entspannt und stellt den perfekten Weg aus eurem neuen Album dar. Das klingt einfach wie ein Happy End. Kannst du das nachvollziehen?

Summer: Ja, ich verstehe auf jeden Fall, was du meinst. Das ist ein sehr kraftvolles Stück. Das Schlagzeug ist ziemlich roh und, der Song ist recht barsch gespielt. Ein gelungener Gegensatz!

Den größten Schritt in eurer Entwicklung hat der Gesang gemacht. Von Schreien, bis hin zu epischem Gesang gibt es alles, was man braucht, wie den tollen Chorus bei A Horse Called Golgotha. Wie lange hat es gedauert, die Gesangslinien zu schreiben?

Summer: Der Gesang war noch nie der Hauptfokus von BARONESS. Ich glaube, bevor wir ins Studio gingen gab es noch keine niedergeschriebenen Gesangslinien. Wir waren drei Wochen im Studio, pro Tag je sechs bis zehn Stunden. John und Pete (Adams, Gitarrist – Anm. d. Verf.) haben dann jede Nacht stundenlang am Gesang gearbeitet. Das wurde wirklich ganz im Studio realisiert.

Die Riffs und Leadgitarren sind eine Liebeserklärung an den Heavy Metal. Und sie wirken so frisch und leicht, als wäre das Album über kurze Zeit hinweg, als ein Stück geschrieben worden, mit Ausnahme von Jake Leg. Wie lange hat das Songwriting generell gedauert?

Summer: Ja und nein. Viel von dem Material, das wir hier verwendeten, existierte in verschiedenen Formen schon über lange Zeit hinweg. Einige Songs, hauptsächlich The Sweetest Curse, haben wir schon einige Jahre lang live gespielt. Das Groß des Songschreibens fand aber über vier, fünf Monate hinweg statt und wurde mehr und mehr durch das Proben verfeinert. Nichts war endgültig, als wir im Studio aufnahmen, denn sogar dort begannen die Songs neue Formen zu erhalten und veränderten sich. Wir haben schon immer versucht, einen gewissen Raum zu lassen, in dem sich unsere Songs entfalten können. Alles, was wir tun ist konstant in Arbeit. Selbst jetzt verändern sich die Lieder von Zeit zu Zeit noch während unserer Konzerte. Das ist vielleicht nicht drastisch, aber subtile Verbesserungen passieren jedes Mal, wenn wir die Songs spielen.

Würden BARONESS anders klingen, wenn sie nicht in Südstaaten beheimatet wären?

Summer: Ich glaube schon, dass die Umgebung eines Künstlers direkt das beeinflusst, was er hervorbringt. Und Musik ist als Kunstform da keine Ausnahme. Savannah ist ein dichter gedrängter Ort. Es ist schön und hässlich, es ist zart und stumpf. Dort gibt es das offensichtliche, und wenn man gräbt, kann man einige Überraschungen entdecken. Ich bin mir sicher, würden BARONESS an einen ganz anderen Ort umziehen, würde das auch in der Musik zu hören sein.

Apropos Inspiration: Die neuen Songs klingen so, als wären sie eher von Künstlern aus den Siebzigern inspiriert, als von neueren Bands.

Summer: QUEEN waren für mich in den letzten Jahren eine Hauptinspiration und ein großer Einfluss.

Wie sieht es mit MASTODON aus? Ihr klangt zu Beginn eurer Karriere sehr nach ihnen, und es erschien sogar so, als wären sie der Grund gewesen, warum ihr diese Band gegründet habt.

Summer: Da muss ich dir ganz direkt und definitiv widersprechen. Zugegebenermaßen bin ich da etwas befangen, weil ich in unserer Musik etwas ganz anderes höre, als der durchschnittliche Hörer es tut. Ganz einfach weil es mich in einer ganz anderen Art berührt, wenn ich es höre, weil ich eben sehen kann, wo es herkommt und was der Hintergrund davon ist. MASTODON waren sicherlich ein Einfluss, aber nicht auf derart große Art und Weise. Als wir BARONESS gründeten, waren wir direkt inspiriert von der Hardcore-Seite der Szene, von Bands wie HIS HERO IS GONE, KYLESA, MAJORITY RULE und THE FUCKING CHAMPS. Mir kommt es so vor, als käme der Vergleich mit MASTODON daher, dass wir auch aus Georgia sind und auch Musik spielen, die Heavy ist. Jeder hat das recht auf seine eigene Meinung, aber ich habe es niemals so empfunden, dass wir nach MASTODON klingen.

RELAPSE fördern BARONESS momentan extrem, es sieht so aus, als hätten sie große Erwartungen an euch. Ist das für euch zusätzlicher Druck oder gibt euch das mehr Selbstbewusstsein?

Summer: Ich glaube, das passiert beidseitig. Wir haben auch immer für uns geworben. Lange, bevor wir ein Label hatten, das die Absicht hatte uns zu promoten und unsere Musik vielen Menschen zugänglich zu machen, haben wir schon pausenlos getourt und Musik aus Überzeugung und Zuversicht geschrieben. Mit einer Plattenfirma wie RELAPSE hinter uns, wollen wir sogar noch härter arbeiten. Der Respekt besteht sowohl von uns aus, als auch von dem Label. Wir sind sehr glücklich, diesen Respekt zu haben und daher denke ich, dass beide Partien Verständnis füreinander haben. Daraus werden auch weiterhin positive Ergebnisse resultieren.

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Mit zunehmendem Alter wird einige Musik, die ich als Teenager verachtet habe, zum einflussreichsten und ergreifendsten überhaupt. Summer Welch (rechts) reift menschlich und musikalisch.

Teil 2: John Dyer Baizley

John, du hast Dir auch als Maler einen Namen gemacht und zahllose Plattencover und Shirts veredelt. Warum ist deine Art zu zeichnen so beliebt? Ist die Zeit von Photoshop vorbei, und die Leute suchen wieder nach echter Handarbeit?

John: Ich glaube, es hat in den vergangenen Jahren eine Gegenbewegung zur Ausbreitung von mit Photoshop gestalteten Albumcovers gegeben. Ich glaube nicht, dass die Zeit von Photoshop vorbei ist, aber ich bin mir sicher, dass die Leute wieder mehr von Hand gemachte Artworks akzeptieren. Darüber hinaus haben die Computer generierten Arbeiten solche Qualitäten, dass die traditionellen Künstler ihre Techniken verbessern müssen, um auf Augenhöhe zu bleiben. Das hat den Effekt, dass einige wirklich beeindruckende Künstler in diesem Teil der Musikszene aktiv sind. Wir alle müssen themenbezogen und zeitgenössisch im Angesicht einer sich dauernd ändernden Ästhetik sein.

Im November fand deine erste Ausstellung statt, was sicherlich eine große Ehre für dich war. Ich habe mich etwas über den Ausstellungsort Metropolis schlau gemacht, da scheint sich viel um Underground-Kunst zu drehen.

John: Die Show ist nun so gut wie vorbei. Es war eine großartige Erfahrung für mich. Ich habe darauf gewartet meine Arbeiten zu zeigen, bis ich einen Galeristen fand, der meine Arbeit verstand und ihr Respekt entgegen brachte. Angelo von Metropolis wuchs mit Musik aus dem Underground auf und hat eine ähnliche DIY-Methodik wie ich. Meine Arbeiten auszustellen ist neu für mich, das ganze Prozedere hat sich aber wirklich ausgezahlt. Ich freue mich schon darauf, was folgen wird. Derzeit habe ich viele Eisen im Feuer.

Bevorzugst du die Arbeit als visueller oder musikalischer Künstler?

John: Ich bevorzuge es, keinen Unterschied machen zu müssen. Wenn ich gerade in einem Arbeitsfeld ausgebrannt bin, kann ich leicht zum nächsten wechseln. Ich hatte dieses Jahr wirkliches Glück meine Zeit so gleichmäßig zwischen Kunst und Musik zu verteilen zu können. Ich würde beides auch dann machen, wenn es niemanden kümmern würde.

Für BARONESS hast du einige Retro-Artworks für die EPs gestaltet, aber seit der Split mit UNPERSONS, sieht es so aus, als wärst du eher inspiriert von Alfons Mucha und ähnlichen Künstlern.

John: Ich mag es, wann immer es möglich ist, neue Einflüsse einzubauen. Zu der Zeit, als ich das Cover zur Split mit UNPERSONS gestaltet habe, entdeckte ich wirklich die Artworks und Künstler des Jugendstils. Das ist ein Stil, der sowohl symbolische Erzählkunst, als auch musikalische Metaphern vereint.

Die auf dem Cover von Red Album abgebildeten Frauen sehen aus wie Amazonen und Kriegerinnen, während die Frauen auf Blue Record eher Aristokratie und Dekadenz zu symbolisieren scheinen. Der Hahn und die Eier scheinen eine Referenz zu Abraxas darzustellen, auf den sich ein Hermann Hesse-Zitat im Booklet bezieht.

John: Die Frauen, die ich ausgewählt habe sind symbolische Behelfnisse. Ihre Gesten, Verzierungen und Anordnungen sind alle auf das Thema des Albums zu relativieren. In dem Album ist ein Zitat von Hermann Hesse, das meiner Meinung nach den ganzen Entstehungsprozess von Blue Record wiedergibt. In diesem Zitat und durch das Buch, aus dem es entstammt (Demiam – Anm. d. Verf.), gibt es dieses Referenzen zum Charakter des Abraxas. Das wurde zu einem bedeutungsvollen Bild für das Album, und sowohl lyrisch als auch verbildlicht gibt es in Blue Record noch mehrere Referenzen. Aus Respekt vor der Bedeutung dieses Zitats, habe ich es in der deutschen Originalsprache abgedruckt.

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Eine Mischung aus Spontaneität und kritischer Analyse. John Dyler Baizley (zweiter von rechts) kämpft beim Texten mit sich selbst.

Das Artwork ist sehr detailliert und voller kleiner Anspielungen. Zumindest hier ist dein Punk- und Hardcore-Hintergrund noch recht offensichtlich, teilweise sieht das nämlich recht Anarchistisch aus.

John: Ich wuchs mit Punk Rock und Hardcore auf und reagierte darauf. Ich trage einiges von diesem Background immer mit mir herum. Als ich jung, wütend und leicht zu beeindrucken war, half mir Punk Rock, mich selbst zu definieren, da er mich dazu drängte alles zu hinterfragen und zu prüfen. Meine Covers beinhalten immer autobiographische Elemente.

Mir kommt es so vor, als gäbe es auch viel versteckte Sozialkritik in den Texten zu lesen, wie in The Sweetest Curse und Jake Leg. Hast du die Sprache an die Musik und den Gesamteindruck angepasst?

John: Als ich die Texte für Blue Record schrieb, war es mein Ziel, alles nah an mir zu behalten. Viele der Songs sind über einzelne Erfahrungen, oder bestimmte Begebenheiten, die eine ausgeprägte Einwirkung auf mich hatten. Durch die Geschichte einiger Bandmitglieder, und was ich in den letzten Jahren erfuhr, saß der Fokus zeitweise auf sozialen Themen. Nicht in einer didaktischen oder moralistischen Hinsichten, aber durch meine Augen gesehen. Mein Interesse liegt in der Grauzone.

Steel That Sleeps The Eye, unter dessen Lyrics das Zitat von Hesse steht, ist recht mystisch gehalten. Mir kommt es so vor, als handle dieses Stück, zusammen mit Swollen And Halo, über alte Mystik. Als Spiegel der Dekadenz.

John: Steel That Sleeps The Eye und Swollen And Halo sind eigentlich die beiden persönlichsten Songs auf Blue Record. Bei ihnen geht es um Grauen und Verlust. Kein theoretischer Verlust und kein fiktionaler Horror. Echter Schmerz, der physisch, mental und spirituell erleidet werden musste. Wir haben als Band viele Dämonen durch dieses Album ausgetrieben. Ich habe so viel durch diese Texte bloß gelegt, dass ich ihre Stumpfheit durch mystische Poesie verschleiern musste.

Aber die martialischen Seiten von Religion und Krieg scheinen auch ihren Platz auf Blue Record zu haben, wie in A Horse Called Golgotha und War, Wisdom And Rhyme.

John: Wir können als Kollektiv nur gute Songs schreiben, wenn wir die Themen selbst erfahren haben oder verstehen. Glaube mir, BARONESS hat eine weitreichende Geschichte, was Krieg betrifft. Mir wurde klar, wie drastisch der gegenwärtige Krieg uns beeinflusst hat, als wir dieses Album schrieben. Es kam mir so vor, als wäre das ein Thema gewesen, das ich seit Jahren vermieden hatte. Damit musste ich sehr feinfühlig umgehen, aus Respekt denen in unserer Band gegenüber, die davon am meisten betroffen waren. Außerdem sind die Gegenden, aus denen wir stammen, und in denen wir momentan leben, Lexington, Virginia und Savannah, Georgia, schon immer vom Krieg berührt und geformt worden. Es war nur ein natürliches Thema für uns.

Die Bildsprache in den Texten ist sehr stark, kommt das durch die Malerei? Was ist so faszinierend am texten, kannst du dadurch Dinge ausdrücken, die du nicht malen kannst?

John: Jedes Medium hat seine Grenzen. Ich war schon immer eher von einer visuellen und poetischen Gattung, mit Prosa und Erzählung streite ich mich nur schwer herum. Textlich fühlt es sich für mich besser an, die Themen in Anlehnung an meine Kunst auszurichten. Ich präsentiere die Dinge so, dass sie mehrere Bedeutungen haben können.

Mir kommt es beim Lesen der Texte so vor, als wären sie nicht zu harte Arbeit, sondern dass sie aus dir heraus sprudeln. Das ist wirkt so kreativ und verspielt.

John: Das ist falsch. Die Texte verlangen mir viele Gedanken ab und benötigen viel Anstrengung, um sie zusammen zu setzen. Es stresst ziemlich, präzise zu sein und die Worte zu weisen, die meine Ideen am besten erklären. Das ist eine Mischung aus Spontaneität und kritischer Analyse.

Ihr mögt Albumtitel nicht besonders, richtig? Ihr arbeitet eher mit Bildern, Symbolen und Metaphern. Bestehen da schon Pläne für künftige Konzepte und Titel?

John: Da unsere Titel so simpel sind, warten wir bis dieser offensichtlich wird. Daher haben wir noch keine Bezeichnungen für zukünftige Projekte in Aussicht.

Abschließende Frage: Die Bonus-CD beinhaltet euren Auftritt vom ROADBURN FESTIVAL 2009. War das bisher eure beste Show und ihr musstet das mitteilen, oder ist das nur Marketing?

John: Das ist vielleicht ein bisschen von beidem. Wir hatten schon früh die Idee, eine Live-CD mit diesem Album zu präsentieren. Aber wir haben dieses Jahr so viel getourt, dass wir keine Zeit dafür hatten, ein Live-Album zu organisieren. Als die Zeit kam, diese Live-CD zu veröffentlichen, hatten wir nicht viele Optionen. Wir wollten unseren aktuellen Gitarristen Pete auf der CD haben, aber die meisten tollen Liveaufnahmen entstanden mit seinem Vorgänger Brian. ROADBURN war einer der wenigen Auftritte, von dem wir Aufnahmen hatten. Ich finde nicht, dass dies die beste BARONESS-Performance überhaupt ist, aber da ist ein bestimmtes Feeling, das ich sehr mag. Das war der letzte Auftritt nach langen Jahren des Tourens, und wir waren auch auf der Bühne voller Vorfreude für Blue Record.

Bilder: (c) Relapse Records