SCHANDMAUL: Knüppel aus dem Sack

Natürlich schwingt auf SCHANDMAULs elftem Album auch ein wenig Nostalgie mit, aber dennoch verkommt “Küppel aus dem Sack” nicht zur Selbstkopie. Vielmehr geht es größtenteils locker und unbeschwert zu – mit Charme und Charakter.

„Ich will nirgendwo hin“, erklärte ein unbeschwerter Thomas Lindner im Jahr 2005 in der munteren Orchester-Single „Bin unterwegs“. Eine Hymne auf die Freiheit, das unbeschwerte Leben auf den Straßen dieser Welt. Weit herumgekommen sind SCHANDMAUL seitdem allerdings auch ohne konkretes Ziel: in alle Ecken des Landes und mit „LeuchtFeuer“ (2016) sogar bis an die Spitze der Charts, bevor die Pandemie schließlich auch die Folk-Rock-Urgesteine zwangsläufig ausbremste.

Das muss doch eigentlich an den Kräften zehren, möchten wir meinen. Und dennoch ist davon anno 2022 kaum etwas zu spüren. „Knüppel aus dem Sack“ knüpft vielmehr an die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Werte SCHANDMAULs an, die schon „Artus“ (2019) ausgezeichnet hatte: Die Münchner haben ihre Lockerheit wiederentdeckt, verirren sich nur noch selten in Schlager-Eskapaden, die dann aber fast immer von unwiderstehlichen Folk-Arrangements ausgestochen werden.

Auf “Knüppel aus dem Sack” geht es größtenteils locker-flockig zu

Dabei beginnt alles zunächst ganz anders: Der Titeltrack startet mit einem herrlichen Metal-Intro, das uns tatsächlich an SLAYER denken lässt, bevor die tief brummende Stimme Lindners einen Hauch Neue Deutsche Härte hinzuaddiert – unerwartet und genau deshalb so frisch. Sackpfeife und Drehleier bieten dem satten Rockfundament derweil dank der transparenten wie druckvollen Produktion Paroli, wodurch das Album nie die Balance verliert.

Im Großen und Ganzen geht es aber ähnlich fröhlich und locker-flockig zu wie auf dem Frühwerk der Münchner Band: In der Mitsing-Hymne „Königsgarde“ lässt die Akustikgitarre etwa kurz an „Drachentöter“ vom „Wie Pech und Schwefel“-Album (2004) denken, während das federleichte Zusammenspiel von Flöten, Pfeifen und Drehleier in „Der Pfeifer“ und dem tanzbaren „Das Gerücht“ eine Schnittmenge aus „Anderswelt“ (2008) und „Narrenkönig“ (2003) repräsentiert.

Natürlich schwingt auf SCHANDMAULs elftem Album auch ein wenig Nostalgie mit

Ein bisschen Nostalgie schwingt also mit, wenn SCHANDMAUL mit ihrer gesamten Routine aus dem kompletten Instrumentarium schöpfen. Und doch verkommt „Knüppel aus dem Sack“ nicht zur Selbstkopie, da das Sextett zwischen „Tatzelwurm“, dem geradlinigen „Der Flug“ und dem naiv-verschmitzten „Der Quacksalber“ auch rhythmisch wie inhaltlich unterschiedliche Akzente setzt. So schwingt beispielsweise im unschuldigen Folk-Rocker „Luft und Liebe“ sogar etwas subtile Gesellschaftskritik mit.

Dass es auf der Zielgeraden mit „Glück auf!“ und „Irgendwann“ kurzzeitig etwas beliebig wird, können wir dagegen ganz gut verkraften, weil SCHANDMAUL im Anschluss nochmal Gas geben: Das nachdenkliche „Der elfseitige Würfel“ und die gemütliche Kneipenhymne „Long John Silver“ mögen Bonus-Dreingaben der limitierten Auflage sein, erweitern „Knüppel aus dem Sack“ aber ihrerseits um ein paar zusätzliche Facetten.

SCHANDMAUL haben weiterhin Charme und Charakter

Keine Frage, das elfte Studioalbum der Folk-Rock-Institution ist ein wahres Potpourri aus Eindrücken und Stimmlagen, die SCHANDMAUL im Laufe der letzten Jahre in allen Ecken des Landes und auf den Straßen dieser Welt gesammelt haben. Das war vielleicht ursprünglich gar nicht das erklärte Ziel der Band, fungiert nun aber als größte Stärke: „Knüppel aus dem Sack“ hat Charme und Charakter, eben weil es sich zwischendurch auch mal treiben lässt.

Veröffentlichungstermin: 10.06.2022

Spielzeit: 41:38 / 49:30 (inkl. Bonustracks)

Line-Up

Thomas Lindner – Gesang, Akustikgitarre, Akkordeon, Klavier
Saskia Forkert – Geige, Drehleier, Gesang
Birgit Muggenthaler-Schmack – Flöten, Schalmeien, Dudelsäcke, Akkordeon, Backing Vocals
Martin Duckstein – E-Gitarre, Akustikgitarre, Cister, Laute, Banjo, Backing Vocals
Matthias Richter – Bass
Stefan Brunner – Drums

Produziert von Simon Michael

Label: Napalm Records / Universal Music

Homepage: https://www.schandmaul.de/
Facebook: https://www.facebook.com/Schandmaul

SCHANDMAUL “Knüppel aus dem Sack” Tracklist

1. Knüppel aus dem Sack (Video bei YouTube)
2. Königsgarde (feat. Saltatio Mortis, Ben Metzner) (Video bei YouTube)
3. Das Gerücht (Video bei YouTube)
4. Der Pfeifer
5. Tatzelwurm
6. Der Flug
7. Der Quacksalber
8. Luft und Liebe
9. Glück auf! (feat. Fiddler’s Green)
10. Irgendwann
11. Niamh (Video bei YouTube)
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12. Der elfseitige Würfel (Bonus Track)
13. Long John Silver (Bonus Track)