OBSCURA: A Valediction

Für diese Review hat mir die Redaktion offiziell das Verbot erteilt, das Wort „Gefrickel“ zu verwenden. Aber braucht es ja zum Glück auch gar nicht. Denn die Griffbrett-Akrobatik (Moment, ich schaue mal: Das Wort steht auch auf der Verbotsliste!) von OBSCURA hat kein anderes Ziel, als verdammt geilen und klugen Death Metal zu servieren, der auf diesem Niveau aktuell von kaum einer anderen Band kredenzt wird. Auch das neue Album ist wieder Feinkost für alle Headbanger, die es gern ein wenig anspruchsvoller mögen.

Wow, was für ein Brett ist bitte „A Valediction“, das neue Album von OBSCURA? Und ja, ich wähle den Begriff „Brett“ bewusst als Einstieg. Um gleich all jenen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, die den Landshutern (mit internationaler Besetzung) allzu viel Kopflastigkeit und Komplexität vorwerfen. Denn es ist nicht zu leugnen: Wer mit dem Gesamtwerk der Band vertraut ist, wird bestätigen können, dass Progressivität hier groß geschrieben wird. Häufige Tempowechsel, pfeilflinke Soli, jazzige Bassläufe, Widerhaken. Man sitzt mit offenem Mund vor der Anlage und staunt. Die Musik ist so trickreich und voller Überraschungsmomente, wie sonst nur Lionel Messi seine Gegner auszudribbeln weiß.

Wer lieber super eingängige, hymnenhafte Songs mag, steht hier auf verlorenem Posten. Ich mag ja auch die Bierbank-Hymnen von AMON AMARTH oder UNLEASHED, Mitgröhlnummern und Geballer. Aber OBSCURA verwahren das Erbe jener Bands, die zeigen wollten, dass die extremste aller musikalischen Spielarten – eben Death Metal – so viel mehr sein kann. Virtuos. Stilbrechend, an Jazz und Avantgarde anknüpfend. Klug und reflektiert. Es ist das Erbe des Urvaters aller Death-Metal-Sounds, von Chuck Schuldiner. Er hat mit DEATH eben jenen Sound begründet: um sein blutiges Gemetzel später mit jenen feinen Zutaten anzureichern, die nun auch auf vorliegendem Album zu finden sind. Krach für Gourmets, sozusagen.

OBSCURA: Technik trifft Kraft

Doch um das Klischee gleich wieder auszuhebeln: Das neue Album von OBSCURA kommt sehr kompakt daher. Eigentlich. Die Songs sind allesamt nachvollziehbar, klar gegliedert: strukturiert. Und es ist heavy, das Aggressionslevel bleibt hoch. Wo sich andere Technical-Death-Bands in virtuoser Selbstbefriedigung verlieren, hat man hier das Gefühl: Das muss so. So und nicht anders. Das hat alles Hand und Fuß: Wenn die Hand auch auf dem Griffbrett kleine Kunststückchen vorführt, bei denen sich andere Bands die Finger brechen würden.

„A Valediction“ ist Neuanfang und Rückbesinnung auf alte Zeiten. Die Band hat ihre alte Plattenfirma Relapse verlassen und ist zum Indie-Krösus Nuclear Blast gewechselt. Zugleich kamen alte Wegbegleiter zurück, nachdem drei Mitglieder die Band zuvor verlassen haben: Gitarrist Rafael Trujillo, Bassist Linus Klausenitzer und Schlagzeuger Sebastian Lanser sind nicht mehr dabei. Mit anderen Worten: Plötzlich stand Bandkopf und Hauptsongwriter Stefan Kummerer allein da. Trennung aufgrund von musikalischen Differenzen.

Doch schon innerhalb von zwei Wochen sei die Besetzung wieder komplett gewesen, wie Kummerer im Interview mit „Deaf Forever“ berichtet. Der niederländische Fretless-Bass-Virtuose Jeroen Paul Thesseling ist nun wieder mit an Bord, er gehörte bereits von 2007 bis 2011 zur Band. Und Gitarrist Christian Münzer, der ebenfalls bereits auf den OBSCURA-Alben “Cosmogenesis” (2009) und “Omnivium” (2011) zu hören gewesen ist. Studierter Sechssaiter im Bereich Jazz-Fusion, Gitarrenlehrer. Alles Könner ihres Faches. Das Schlagzeug malträtiert nun David Diepold, zuvor bekannt von den britischen Death-Metal-Hopefuls COGNIZANCE. Ich formuliere es mal vorsichtig: Auch die zweite Band des Schlagzeugers ist jetzt eher nicht für drei Akkorde und Mitgröhl-Nummern bekannt.

Die Besetzungswechsel führen zu dem Paradox, dass „A Valediction“ wieder eine ganze Ecke brutaler und kompromissloser aus den Boxen dröhnt als der – starke – Vorgänger „Diluvium“ (2018). Und das Virtuositäts-Level dennoch unschlagbar hoch ist. Man habe wieder Songs schreiben wollen, die auch live funktionieren, berichtet Kummerer. Also Stoff für Headbanger und Kuttenträger. Dennoch eröffnet der Opener „Forsaken“ mit einem fast lieblichen Akustik-Intro, Gitarre und Bass, wandelt sich zu einer melodischen Progressive-Death-Nummer, atmosphärische Keyboards und ein eingängiges Solo, und dann: Blastbeats, Explosion. Kummerer keifert amtlich. Der Sound ist brutal. Es gibt mehr Abrissbirne als auf dem Vorgänger, weniger sphärische Elemente.

Ich bin ja jetzt in Musiktheorie nicht so bewandert. Aber habt Ihr mal verfolgt, wie Weitsprung-Olympiasiegerin Malaika Mihambo vor einem Sprung Maß nimmt, Laufbahn und Absprunglinie vermisst, das Publikum anfeuert: um dann genau in dem Moment, in dem es auf alles ankommt, ihre ganze Energie in den Lauf und den Sprung zu legen? Technik trifft Kraft: Ja, so ähnlich fühlt sich für mich ein OBSCURA-Song an (PS: Wer jetzt sagt: „Du hast doch von Weitsprung genauso wenig Ahnung wie von Musiktheorie”: ja sorry, der hat vermutlich auch Recht). Starker Einstieg!

Das Virtuose findet eher im Subtext statt

Wie schon erwähnt: Es gibt hier klare Strukturen, es gibt einprägsame Refrains: ordentlich reitende und groovende Nackenbrecher-Death-Metal-Riffs. Ich wage mich nicht ganz, das Wort „Hooks“ in den Mund zu nehmen. Okay: Es gibt Hooks. Wiedererkennungswert. Das Virtuose findet eher in den Zwischentönen statt, quasi im Subtext. Die Songs sind durchzogen mit Soli, die gerade da platziert sind, wo man sie im Metal eher nicht erwartet. Das Gitarren-Duo Kummerer und Münzer liefert sich effektvolle Duelle. Ohne das ist eine Band wie OBSCURA nicht zu haben. Aber auch diese Kabinettstückchen sind eben melodisch und harmonieverliebt. Pfeilflink. Das ist kein – sorry, ich darf das Wort nicht benutzen – Gegniedel, kein Mackertum. Melodische Soli, abstrakte Rhythmen: songdienlich.

So ist Track Numero zwei, „Solaris“, eher eine straighte Nummer. Eine, die dich überfallartig umfährt und wegwummst. Klar: Einstieg mit virtuosem Solo. Und auch textlich sind OBSCURA eher nicht mit den klassischen Death-Metal-Standards verrechenbar: Das wissen Kenner der Band ohnehin.

„A Valediction“ ist ein Album über Abschiede und eher bittere Momente im Leben, keine Schlachtplatte mit Massenmörder-Kreissäge im Anschlag. „Ich bin der gefallene leuchtende Stern/ Eine beschworene flammende Narbe/ Wir sind in Einsamkeit entstanden“, singt und keifert Kummerer in „Solaris“, nur um dann in die Meta-Ebene zu wechseln: „Der Usurpator allwissend im Tal/ Verkrustet, wir kollaborieren!“, von mir frei übersetzt. Huh! Klar, es wirkt ein bisschen manieriert, dass die Band im Inlay zum Album ihre eigenen Songs erklärt. Als würde man sich nicht darauf verlassen, dass sich Songs und Lyrics von selbst erklären. Jungs, das habt Ihr nicht nötig! Von „einschmeichelnden Gitarren“, „drängendem Schlagzeug“ und „überschallartigen Leads“ ist da unter anderem die Rede. Ja, passt schon. Man kann das Selbstlob bedingungslos unterschreiben.

Song Numero drei, der Titelsong, ist dann eine klassische OBSCURA-Wundertüte: und eben auch ein kleiner Hit. Einprägsamer Refrain, ordentliches Headbang-Futter: ja klar, gespickt mit virtuosen Soli und Breaks. Man muss an dieser Stelle auch die Produktion von Fredrik Nordström loben. Sehr druckvoll, luftig und transparent hat der Starproduzent (AT THE GATES, ARCH ENEMY, IN FLAMES) den Trademark-Sound der Brutalo-Virtuosen auf Band gebannt. Und, das ist keine Selbstverständlichkeit: ohne den Raffinessen zu schaden. Jedes Instrument kann auf dieser Platte glänzen, jeder Musiker bekommt seinen Raum, die Details sind gut heraushörbar. Ein Album, das pulsiert und atmet. Schlagzeug, Bass, Gitarren: Der Sound wird dem individuellen Können der Beteiligten gerecht. Und doch groovt das Ganze brutal und nachhaltig, eine Belastungsprobe für jede Musikanlage. Ein Balance-Akt, das derart ausgewogen einzufangen: stark!

Eine kleine Hit-Single im Gepäck

Eine kleine Überraschung ist „When Stars Collide“, denn hierbei handelt es sich vielleicht um die eingängigste Nummer in der bisherigen Band-Historie. Ich will nicht übertreiben, aber: OBSCURA haben hier eine kleine Hit-Single im Gepäck. Vielleicht keine, die es entsprechend den Streaming-Zahlen mit Justin Bieber und Capital Bra aufnehmen kann. Das wollen sie ja im Zweifel auch nicht. Die Band ist schon Nische, Futter für Nerds. Aber ein Song, der mit überraschend eingängigen Hooks glänzt.

Für den Refrain hat man sich die Dienste von Björn Strid gesichert, seines Zeichens Sänger der neuen Label-Kollegen SOILWORK und THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA. Mit seinem Klargesang verleiht er der Nummer eine ordentliche Portion Catchyness und 80s-Vibe. „When Stars Collide“ ist die Himbeereis-Variante des OBSCURA-Sounds, mit Zucker angerührt und Sahne: schön, dass die Band auch das beherrscht. „Jenseits der Sterne und des endlosen Himmels/ Wie ein Schatten wirst du vorbeigehen/ Ich höre dich auf Wiedersehen sagen“, singt Strid. „Ein letztes Lebewohl, wir leuchten göttlich/ Wenn Sterne kollidieren, überlebe ich“. Oh, hier ist fast ein bisschen Melodrama am Start. Prog-Death als schmerzvolle Umarmungs-Geste!

Fast, als wäre ihnen die Sache ein wenig peinlich, packen OBSCURA anschließend erneut den Vorschlaghammer aus und erkunden neue Härtegrade. Hast du dich grad in die Melodie von „When Stars Collide“ verliebt, präsentiert die Band wieder technischen Death Metal, um ihn dir gnadenlos über den Schädel zu ziehen. „In Unity“ startet mit melodieverliebten Leads, um dann ohne Kompromisse nach vorn zu brettern: Hier gibt es viel Brutalität, Blastbeat, sich überschlagende Akkorde und Rhythmen. Ein Song über Migration und Flucht: Kummerer berichtet davon, wie seine Familie aus der DDR nach Westdeutschland geflohen ist, von Null anfangen musste: von den Verwandten losgelöst, Repressalien ausgesetzt. Es ist eine Stärke der Band, dass sie sich auch solcher Themen annehmen kann. „Wir gehen, wir verlassen diese zerrüttete Erde/ Im Elend entfliehen wir diesem verdorbenen Ort/ Wir verlassen, wir verlassen diese untergegangene Welt/ In Qualen treten wir ab und fallen in Ungnade“, singt Kummerer (von mir wieder recht frei übersetzt).

„Devoured Usurper“ ist anschließend gar ein sehr klassisches Old-School-Death-Metal-Brett, auf dem der Bandleader untypisch tief grunzt und gurgelt: Während normalerweise seine Stimme zwar aggressiv ist, aber immer klar artikuliert und verständlich. OBITUARY und BLOODBATH werden als Einfluss genannt, der Rhythmus dröhnt teilweise verschleppt und doomig: um dann doch wieder im Überschall-Tempo loszubrechen. Auch dies eine eher untypische Nummer für OBSCURA. Funktioniert aber. Während die folgenden Songs dann wieder alle Trademarks der Band vereinen:

Virtuose Soli in „The Beyond“, fast an Power-Metal der Sorte DRAGONFORCE gemahnend. Dennoch ein reitender, schneller Death-Metal-Song ganz im OBSCURA-Stil. „Orbital Elements Part II“ entpuppt sich anschließend als Instrumental-Nummer, die mit melodischen Leads und virtuosen Soli alle Gitarrenschüler verzweifeln lässt, aber sehr stimmungsvoll IRON MAIDEN, RUSH und auch Fusion Jazz zitiert. Stimmungsvoll, atmosphärisch. Ich wiederhole mich: kein Gegniedel.

OBSCURA haben sich von ihren Vorbildern längst emanzipiert

Ach, diese Musik ist einfach nicht zu fassen. Man muss aufpassen, dass man sich nicht im Namedropping verliert, ständig neue Referenzen heraufbeschwört: weil die Vergleiche fehlen und man danach sucht. Und doch klingt die Band immer nach sich selbst, hat sich längst von Vorbildern wie DEATH oder CYNIC emanzipiert. Wer die Geschichte der Band verfolgt hat, wird feststellen: Auf “A Valediction” sind alle Trademarks der Historie vorhanden. Aber besser, ausgefeilter als bisher. Wenn ich auch ein wenig die melodischen Vocoder-Gesänge des letzten Albums vermisse. Aber: Die virtuosen Momente glänzen mehr und wirken überlegter, die brutalen Parts grooven so eindringlich und brutal wie nie. Und wie kompakt sich der Sound trotz aller Kunstfertigkeit zeigt, ist meisterhaft.

Abschließend gibt es mit “Heritage” noch einen epischen Track, der mit melancholischer Atmosphäre glänzt: und wieder mit Akustik-Gitarre endet. So schließt sich nach elf Songs der Kreis. Kummerer erwähnt im Interview mit “Deaf Forever”, wie wichtig ihm die Dramaturgie eines Albums ist: wechselnde Stimmungen, Rhythmen, Atmosphären. Das funktioniert hier gut. Man muss schon Zeit investieren, um festzustellen, dass es sich bei “A Valediction” um eines der besten Death-Metal-Alben des Jahres handelt. Aber das ist es zweifellos. Wer damit nichts anfangen kann, greift dann eben doch besser zu AMON AMARTH: Auch wenn ich insgeheim hoffe, dass deren Fans ebenso zu OBSCURA-Ultras werden. Man schwenkt das Bierhorn dann eben ein wenig vertrackter und prostet sich polyrhythmisch zu.

OBSCURA: A Valediction
Veröffentlichung: 19.11.2021
Label: Nuclear Blast

Lineup:
Steffen Kummerer – Gesang und Gitarre
Jeroen Paul Thesseling – Bass
David Diepold – Schlagzeug
Christian Münzner – Gitarre

OBSCURA “A Valediction” Tracklist

1. Forsaken
2. Solaris (Clip auf Youtube)
3. A Valediction (Clip auf Youtube)
4. When Stars Collide (Clip auf Youtube)
5. In Unity
6. Devoured Usurper (Clip auf Youtube)
7. The Beyond
8. Orbital Elements II (Instrumental)
9. The Neuromancer
10. In Adversity
11. Heritage

Offizielle Band-Webseite: https://realmofobscura.com/
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