NICODEMUS: The Supernatural Omnibus

Wenn eine amerikanische Band sich von Acts wie Dimmu Borgir und T.O.T inspiriert fühlt und das mit Einflüssen des klassischen Metals mischen will, um so etwas wie progressiven Gothic Metal zu machen, ist das sicherlich ein ambitioniertes Vorhaben – aber vielleicht ist es einfach keine gute Idee…

Nachdem ich den Promotext gelesen hatte, wusste ich: Da kommt etwas Interessantes auf mich zu. Oder habt Ihr schon einmal von einer amerikanischen Band gehört, die Inspirationen von THEATRE OF TRAGEDY und DIMMU BORGIR mit Einflüssen von klassischen Metal-Acts wie KING DIAMOND, IRON MAIDEN und QUEENSRYCHE verbinden will? Wer nach Lektüre des vorangegangenen Satzes jetzt denkt `Das KANN doch eigentlich nicht funktionieren`, der stimmt in diesem Punkt schon mal mit meiner Wenigkeit überein. Aber keine Angst; niemand muss sein Weltbild jetzt neu zusammensetzen, denn: Es funktioniert auch nicht.
Mal abgesehen davon, dass es schon ernsthafter Wahrnehmungsstörungen bedarf, um den Geist von Genregrößen wie KING DIAMOND oder MAIDEN durch die Musik von NICODEMUS wabern zu sehen, wird hier auch einfach so manches zusammengesetzt, was nicht so recht passen will.
Zum einen ist da der Gesang zu nennen: Vielfalt gibt es eigentlich genug (Growls, gesprochene Passagen sowie männlicher und weiblicher Klargesang), aber was nützt das, wenn in jeder Disziplin bestenfalls Durchschnitt geboten wird? Schlimmer noch: Der klare Gesang beider Beteiligten klingt leiernd, undifferenziert und manchmal richtig schön schief (beabsichtigterweise??); dabei wird auch die Tonlage nicht groß variiert, vermutlich, weil Christophers und Tamars Stimmen eben auch so schon an der Grenze angelangt sind.
Die Songs selber sind insgesamt eher zäh und schleppend, auch wenn der Opener zunächst noch recht flott daherkommt (kein Wunder: es ist das einzige Lied, an dessen Komposition auch Gitarrist McGee beteiligt war!). Dem Album merkt man an, dass die übrigen Lieder allein auf dem Keyboard komponiert wurden, denn auch wenn die Gitarrenfraktion nicht gerade arbeitslos bleibt, wirken doch alle anderen Elemente, als hätte man sie auf diese Keyboardgrundlage aufgesetzt. Weder Stimme noch Gitarren betätigen sich großartig melodieführend, diese Rolle ist den Tasten vorbehalten. Das Schlagzeug ist über weite Strecken doch arg einfallslos, und überhaupt wird des öfteren ein Thema einfach zu lange ausgewalzt.
Ein gutes Beispiel ist der zweite Song, bei dem sich zum… äh… suboptimalen Gesang viel Geklimper, Gitarren fast nur als Rhythmusinstrumente und darüber hinaus über lange Zeit stur durchgehaltenes `eins-zwei-eins-zwei`-Schlagzeug gesellen.
Dazu kommen des öfteren (z.B. Lied Nr. 7) im Hintergrund futuristisch oder einfach nur skurril anmutende Keyboardklänge, die so gar nicht zum musikalischen Vordergrund passen und im Prinzip völlig überflüssig, weil absolut nicht songdienlich sind, aber trotzdem kaum verstummen.
Was hier fehlt, ist einfach ein bisschen Kontrast: Den ruhigen Passagen werden keine echten Ausbrüche gegenübergestellt, die Keyboards verstummen viel zu selten, die anderen Instrumente kommen kaum zur Entfaltung, die gelegentlichen Gitarrensoli wirken aufgesetzt, und man sehnt sich einfach nach einer Stelle, an der mal ein kraftvolles, melodisches Gitarrenlead die Initiative ergreift oder nach einer ganz ruhigen, zähen Passage mal eine Stimme alleine einsetzt und mit einem schönen Melodiebogen alles rausreißt, aber leider wirkt alles als ein großenteils monotoner musikalischer Brei, bei dessen Zubereitung dann auch noch auf Biegen und Brechen Zutaten verwendet wurden, die man besser außen vor gelassen hätte. Atmosphäre entsteht unter solchen Bedingungen denn auch nur in einigen wenigen guten Momenten, die dieses Album durchaus auch hat. Es sind aber einfach zu wenige, um einen Kauf empfehlen zu können. Bemüht, aber letzten Endes verkrampft und im Songwriting einfach zu verzettelt, sollten die Amis ihren Sound zum nächsten Mal erst einmal entrümpeln und an ihrer Gesangsdarbietung etwas arbeiten. Währenddessen lassen wir die Luftblase `Theatre of Tragedy meets Iron Maiden` mal wieder ganz schnell mit dem `Supernatural Omnibus` ins Reich der Träume entschweben, wo sie vermutlich auch hingehört.

Spielzeit: 58:36 Min.

Line-Up:
Christopher Morris – vocals, bass guitar, keyboards
Tamar Yvonne – vocals
Matthew McGee – lead & rhythm guitars
Andrew Greene – drums & percussion

Produziert von Christopher Morris & Andrew Greene
Label: Dark Symphonies

Homepage: http://www.nicodemus.us

Tracklist:
Something In the Walls
Nightfall Bares My Burden
Afterglow
Harlot
Of Pride & Necessity (interlude)
The Lazarus Syndrome (instrumental)
Within the Glow of Embers
Deepening
Shards of a Bitter Night Wept
Benedetto Sia