NEUROSIS: A Sun That Never Sets

Wer NEUROSIS hat, braucht keine anderen Drogen!

Der Versuch, eine NEUROSIS-Platte nach gängigen Kriterien besprechen zu wollen, war schon seit den Anfangstagen der Kalifornier stets ein sinnloses Unterfangen. Da macht auch ihr neuestes Werk A Sun That Never Sets keine Ausnahme. Vergleiche mit anderen Bands perlen an den massiven Klangwällen und den zarten, zerbrechlich anmutenden Akustikpassagen ab, und die Schublade, in die NEUROSIS passen würden, muß erst noch geschreinert werden. Die Krachfetischisten gehen ihren Weg langsam, aber mit unnachgiebiger Kraft fernab jeglicher Kategorisierungen.

Leicht macht es einem A Sun That Never Sets nicht, erst nach mehreren Durchläufen lassen sich Einstiege in die tiefe emotionale Klangwelt der zehn Tracks finden. Kaum hat man aber einen solchen Zugang gefunden, wird man überwältigt von der unglaublichen Schönheit kurz aufschillernder Melodien, die sich dann jedoch zu doomigen Gewitterfronten verdunkeln, bis letztlich ein Sturm bedrückendster Gefühle losbricht. The Tide ist so ein Beispiel für das einmalige Talent von NEUROSIS, was Spannungsaufbau angeht. Achteinhalb Minuten vergehen von den ersten ruhigen Klängen bis zum letztlich reinigenden Lärmorkan; achteinhalb Minuten, in denen so ziemlich alle Stimmungen durchlaufen werden, in denen Idylle vorgegaukelt wird, die plötzlich in ein tongewordenes Inferno umschlägt. Doch auch monoton sich dahinschleppende tonnenschwere Monster wie der Titeltrack bohren sich in die Gehörgänge und gehen tiefer, als es dem eigenen bequemen Bewußtsein lieb sein kann.

Der Höhepunkt der Platte ist mit Sicherheit das 13-minütige Falling Unknown, das mit wunderschönen Streicherstimmen – wie immer von Amber Asylums Kris Force beigesteuert – sowie geradezu episch-monumentalen Riffs und der NEUROSIS-typischen, immer am Rande der Kakophonie entlangschlitternden Harmonik besticht. Doch auch der hypnotische Ritualsoundtrack From Where Its Roots Run, das kraftvolle From The Hill und das noch einmal alle Extreme in sich vereinigende Schlußlicht Stones From The Sky bilden zusammen mit den restlichen Songs ein Gesamtkunstwerk, das in seiner Intensität auch von den bisherigen NEUROSIS-Alben nicht erreicht wird. Schade nur, daß die Jungs auf dem kurzen, von mächtigen Glockenschlägen dominierten Instrumental Resound nicht ein vollständiges Lied aufgebaut haben.

A Sun That Never Sets ist keine Platte, in die man mal eben reinhört oder die man als Hintergrundbeschallung laufen läßt. Sie will erobert werden und belohnt den Bezwinger mit einer Achterbahnfahrt durch´s eigene Ich…wobei man nie ganz sicher sein kann, ob man nicht selbst in Wirklichkeit von der Musik unterworfen wurde…

Und nein, ich hab´ keine bewußtsseinserweiternden Kräuterchen beim Verfassen dieser Kritik intus gehabt, wieso fragt ihr? Wer NEUROSIS hat, braucht keine anderen Drogen!

Spielzeit: 68:27 Min.

Line-Up:
Steve von Till – Gesang, Gitarre

Scott Kelly – Gesang, Gitarre

Dave Edwardson – Bass

Noah Landis – Keyboards, Samples

Jason Roeder – Schlagzeug

Produziert von Steve Albini
Label: Relapse Records/SPV

Homepage: www.neurosis.com

Tracklist:
Erode

The Tide

From The Hill

A Sun That Never Sets

Falling Unknown

From Where Its Roots Run

Crawl Back In

Watchfire

Resound

Stones From The Sky