L.A. GUNS: Checkered Past

Die L.A. Guns zählten einst zu den rattigsten und räudigsten Hardrock-Bands, die unter der Sonne Kaliforniens je gedeihen konnten: rau, punkig, ungehobelt. Auf ihrem neuesten Werk „Checkered Past“ zeigen sie sich teils altersmilde, verneigen sich auch vor Classic Rock und Blues. Macht nichts: noch immer sind die Krallen scharf genug, um vielen Nachahmern das Gesicht zu zerkratzen.

Yo, ich gebe es ja zu: Ich bin heimlicher Fan von Sleaze Rock und Hair Metal. Daran ist vorliegende Band aus Los Angeles nicht ganz unschuldig. Was die L.A. GUNS auf ihren ersten beiden Alben, dem selbstbetitelten Debüt von 1988 und dem folgenden „Cocked and Loaded“ von 1989 abgeliefert haben, ist einfach feinster Schmutz. Poser? Vergesst es. Rauer Sound, punkige Fuck-off-Attitude und Texte über Menschen, die eher nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Und immer wieder auch rührende Balladen wie “One Way Ticket” über eine Liebe, die an den Härten des Lebens und – im Zweifel – an der Drogensucht zerbricht. Das war großes Kino, eine herzzerreißende Großstadt-Romanze: auch wenn die meisten Kenner eher Party-Nummern wie das treibende „Sex Action“ oder „One More Reason“ im Kopf haben. Auch diese Nummern waren so treffsicher wie eine Gerade mit dem Totschläger in die Fresse.

Im Schatten der GUNS N’ ROSES

Klar: Die L.A. GUNS standen immer im Schatten ihrer größeren Schwestern, den GUNS N’ ROSES. Ein gewisser Axl Rose gehörte einst zu der Urbesetzung: und sie haben nie ein „November Rain“ abgeliefert, auch kein „Paradise City“. Nie hatten sie ähnlichen Erfolg. Der Fokus lag auf straighten, simplen Hardrock-Nummern. Aber das präsentierten sie mit so viel Attitüde, dass einem die Zahnlücken aus dem Mund fielen. Moment, was habe ich grade geschrieben? Schiefes Bild? Ich bleibe dabei: Wenn Hair Metal das lächelnde Gesicht des Metal war, mit toupiertem Haar und perfekt gestylt, waren die L.A. GUNS die Zahnlücken unter diesen Bands:

Wie Sänger Phil Lewis seine Songs herauskreischte, immer leicht übersteuert und neben der Spur, wie der Sound rumpelte und die Gitarre von Tracii Guns simple, aber wirkungsvolle Licks in den Äther schickte, so locker wie ein auf die Straße gespuckter Kaugummi: Das war groß. Und ich merke gerade, dass ich verdammt viel in der Vergangenheits-Form schreibe. Das WAR? Moment, festhalten: Die L.A. GUNS gibt es immer noch. Sie haben mit „Checkered Past“ gerade ein neues Album via Frontiers Records released. Es ist das mittlerweile fünfzehnte (!) Album ihrer Karriere. Und wie bei fast allen ihrer späteren Alben stellt sich die Frage: Kann das neue Werk auch nur halbwegs gegenüber ihren Klassikern aus den 80er Jahren bestehen? Braucht man dieses Album überhaupt?

L.A. GUNS: Der Schmutz kommt aus dem Blues

Die Antwort lautet wie immer: Jein. Was auch überhaupt nichts macht. Ich rezensiere die neue L.A. GUNS nicht etwa, weil ich mich um ein Rezensions-Exemplar bei der Plattenfirma bemüht habe. Nein: Ich sah es zufällig im Plattenladen stehen. Und wie mich das Album so anlächelte, mit kaputten Zähnen und schiefem Pokerface, deutliche Altersflecken auf der Hülle, dachte ich gleich: NIMM ES MIT! Es wird dir mehr Spaß bereiten als viele zeitgenössische Releases. Gib den alten Knackern eine Chance. Damit habe ich mich vermutlich zugleich für diese Rezension hier disqualifiziert, denn Ihr merkt es ja selbst: Ich bin schon ein bisschen L.A. GUNS-Ultra. Ich saufe aus Pfützen, um diese Band gegen viel Kritik und viele Häme zu verteidigen.

Und Jupp!: Es funktioniert. Schon der Opener „Cannonball“ ist eine flotte, treibende Hardrock-Nummer. Sie groovt, sie fetzt: und Sänger Phil Lewis ist mittlerweile 64 Jahre alt. Kein Problem. Er spuckt immer noch sehr amtlichen Sleaze Rock auf die Straße. Seine Stimme klingt, kein Scheiß: irgendwie jugendlich. Nennt man das „junggeblieben“? Ist egal. Fette, sich überschlagende Hardrock-Gitarren von Tracii Guns. Der ist mittlerweile 65 Jahre alt. Teilweise gibt es dann sogar „New Wave of British Heavy Metal“-Leads. Klar, das ist jetzt auch nicht der neueste heiße Scheiß. Aber eine Komponente, die man im Sleaze Rock der L.A. GUNS jetzt nicht unbedingt erwartet hatte.

So wie die Texte, die eben nie mit Hair Metal verrechenbar waren. „Ich lasse dir keine Zeit zum Nachdenken/ Ich schieße auf dich mit meiner Kanonenkugel/ Und dein Schiff ist dabei zu sinken/ Wir nehmen Wasser auf/ Und gehen unter/ Meine Mannschaft ist in Panik/ Es gibt nichts mehr zu tun/ Das Logbuch meines Kapitäns wird zeigen: 40.000 Meilen unter dem Meer!“, singt Lewis. Mal ehrlich: Ist das ein „klassischer“ Hair-Metal-Text? Vergesst es! Die L.A. GUNS sind die Piraten, die dein Schiff kapern: um dann festzustellen, dass sie selbst mit am Sinken sind. Ist das jetzt ein Song, den man auf ihre eigene Karriere beziehen kann? Vielleicht.

Das folgende „Bad Luck Charm“ kommt dann mit hart groovenden Bluesrock-Riffs daher. Und stimmt ja: neben Hard Rock, Sleaze und Punk war auch der Blues immer eine Konstante im L.A. GUNS-Sound. Wenn hier einige Kritiker bemängeln, dass die Songs gar zu einfach gestrickt sind (muss man zugeben: Sie sind einfach!), dann resultiert das auch aus dem Blues. Die „Nanana“-Gesänge im Refrain wirken ein wenig kontraproduktiv. Als würde man sich nicht auf die Stärken des eigenen Songwritings verlassen, sondern müsste noch was obendrauf setzen. Einfach weglassen! Wenn du in die Eier treten willst, musst du doch vorher nicht noch Zucker und Zimt obendrauf streuen. Ähm. Der Text verdeutlicht, wofür die L.A. GUNS einst standen: Dreck. „Ich habe eine Frau gefunden/ Sie ist in Ordnung/ Aber sie ist nicht hübsch/ Ich habe einen bösen Hund gefunden/ Er wird mich beißen/ Warum nennt sie ihn „Lucky“?” Ey, ich will jetzt hier keinen Ehekrach beschwören, aber: Kamt Ihr mal auf die Idee, dass Eure Ehefrauen die Texte mitlesen könnten?

Die ruhigen Momente sind stark

Überraschenderweise sind gerade die ruhigen Momente auf diesem Album die stärksten. Die Ballade „Get Along“ kommt mit Led-Zep-meets-Country-Atmosphäre daher: eine unaufgeregte, melancholische Nummer, die zu MTV-Zeiten Ende der 80er sicher viel Airplay erhalten hätte. Stark! „Vielleicht wirst du eines Tages vom Rücken eines bockenden Pferdes abgeworfen werden/ Und vielleicht wirst du eines Tages diejenige sein, die es zu zähmen gilt/ Jeden Tag lerne ich ein bisschen mehr/ Aber du hast mich verlassen: und es geht mir okay!“, singt Lewis. Klar: Herzschmerz, das passt zum Hair Metal. “Okay” meint in diesem Fall natürlich: Ich leide, ich vermisse dich, es geht mir beschissen. Aber das alles doch mit originellen Metaphern eingefangen. Und wirklich ein schöner Song!

Die nächste Ballade kommt zugleich: „If It’s Over Now“. Und da könnte man jetzt fragen, ob eine Ballade nach einer Ballade dramaturgisch gut gewählt ist. Es ist halt – leider – wieder ein ziemlich geiles Teil. Klar: Kitschig, überkandidelt. Aber es wäre ein Highlight auf jedem Kuschelrock-Sampler! Mächtige Power-Balladen-Nummer. Die sehr gut funktioniert. Harte Gitarren im Refrain. Kann man machen! Jetzt lasst den alten Herren doch ihre Gefühligkeit!

Und dann ist da noch so eine Power-Ballade auf dem Album, Song Numero neun: „Let Me Down“. Wieder großes Gefühlskino, wieder funktioniert sie. Und vielleicht ist das eines der größten Komplimente, die man der Band machen kann: Alle Balladen hätten auch auf den ersten beiden Alben stehen können, ohne negativ aufzufallen. „Love me tonight/ Hate me tomorrow/ Gonna let you down!“, bärmelt Lewis. Man möchte ihm mit TON STEINE SCHERBEN zurufen: „Halt dich an deiner Liebe fest!“ Vielleicht wird sie dich schon bald pflegen müssen, wenn du mit dem Rollator nicht mehr die Treppe hochkommst. Damn, das habe ich jetzt echt nicht geschrieben.

Es gibt auch Rotz

Aber keine Sorge: Es gibt auch rotzige Nummern auf diesem Album, die an alte Zeiten anknüpfen. Hört Euch das flotte „Better Than You“ an, das mit hart groovenden Gitarren einsteigt: auch wenn hier eher in tiefen Stimmlagen gesungen wird, Lewis sich noch sehr zurück hält. Aber auf einem räudigen Song wie „Dog“ wird dann wieder ordentlich gespuckt, gegroovt und gekeifert. Die hohen Stimmlagen beherrscht er auch noch! Macht Spaß!

Ähnlich auch „That Ain’t Why“, bei dem die Band wieder in den Ring steigt: und ordentlich auf Krawall gebürstet ist. Klingt stark! Hier ist wieder ein wenig der alte Rotz spürbar: Der diese Band eben weit aus der Masse der Sleaze-Acts heraushob. Und, um das hervorzuheben: Mögen aktuelle Sleaze-Bands wie CRAZY LIXX auch angesagter und erfolgreicher sein: Sie haben nicht annähernd diese Attitüde, nicht den Schmutz, dieses sympathisch Straßenköter-Räudige. Für Sleaze braucht man auch einfach eine Handvoll Dreck unter den Fingernägeln.

Klar: Wenn man jetzt sagt, „die L.A. GUNS sind kaum gealtert“, liegt das auch daran, dass sie in ihrer Hochphase schon irgendwie super verbraucht aussahen. Kein Problem. Haben wir sie dafür nicht geliebt? Und auch „Checkered Past“ ist ein gutes, souveränes und aktuell konkurrenzfähiges Album. Es tönt bei Weitem nicht so überfallartig und enthusiastisch wie die beiden ersten Alben. Es ist kein Überalbum, kein Klassiker. Aber immer noch hungrig, immer noch gut. Und eben auch dreckig. Dafür schmeiße ich mich in jede Pfütze.

Dieses Album mögen acht von zehn Straßenköter!

Erscheinungstermin: 12.11.2021
Label: Frontiers Records

Line-Up:
Phil Lewis – Gesang
Tracii Guns – Gitarre, Keyboards
Johnny Martin – Bass
Ace von Johnson – Gitarre
Scot Coogan – Schlagzeug

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L.A. GUNS “Checkered Past” Tracklist

1 Cannonball (Video auf Youtube)
2 Bad luck charm
3 Living right now
4 Get along (Video auf Youtube)
5 If it’s over now (Audio auf Youtube)
6 Better than you
7 Knock me down
8 Dog
9 Let you down (Video auf Youtube)
10 That ain’t why
11 Physical itch