KIRK WINDSTEIN: Dream In Motion

KIRK WINDSTEIN: Dream In Motion

Was ist zu erwarten von Solo-Alben von Extrem-Metal-Musikern? Leider muss man sagen, dass es oftmals nicht viel ist. Häufig ist die „ persönliche Seite“, die man als Corpsepaint-tragender Wüterich offenbar nicht zeigen darf, leider nur prätentiöse Weinerlichkeit untermalt von belanglosem Akustik-Gitarren-Geklimper. Oder schlimmer noch: Man setzt sich einen Hut auf und macht ein Country Album. In jedem Fall höre ich dann lieber Neil Young.

Bei der Ankündigung eines Solo-Albums von CROWBAR-Chef Kirk Windstein hatte ich genau diese Assoziationen, weswegen ich fast Angst davor hatte, es anzuhören. Mit etwas Glück, dachte ich, ist es nicht ganz so schlimm und es ist nur ein weiteres verkifftes und langweiliges Down-Album. Immerhin würde dieses Mal nicht Phil „White Wine“ Anselmo schief darauf singen…

„Dream in Motion“ ist die schwermütige Ohrensessel-Version von CROWBAR

Allerdings ist nach wenigen Takten von „Dream in Motion“ trotz des etwas kitschigen Titels, klar, dass es sich hier nicht um einen der oben beschriebenen (Aus-)Fälle handelt, sondern quasi um eine Art „leise“ Variation des Crowbar-Sounds. Und das ist tatsächlich reizvoller als es zunächst klingt. Windstein beschreibt seine Solo-Aktivitäten selber als „doing something a little more mellow“ Und das trifft es ziemlich genau.

Windstein schafft es tatsächlich, die packende Melancholie seiner Hauptband in eine andere emotionale, eher schwermütige als depressive Ebene zu überführen, ohne sie zu verfälschen oder abzuschwächen. Die alters-milde, schwermütige Ohrensessel-Version von CROWBAR, wenn man so will. Passt also perfekt zu mir.
Es gibt überraschend viele verzerrte Gitarren im Crowbar-Stil auf dem Album, es gibt groovige, heavy Drums, es gibt aber auch viel cleane Gitarren mit Hall und Chorus, die wunderbar fragile Riffs zelebrieren und darüber singt Windstein melodiös und emotional, aber eben immer noch wie Windstein, nur eben „mellow“.

KIRK WINDSTEIN klingt fast zerbrechlich und sehr direkt

Beim besten Song „Enemy of Disguise“ mit fast schon THE CURE-artige Gitarren und unglaublich fragilem Gesang packt einen dann auch diese dunkle Schwere, die man von CROWBAR kennt und liebt, aber ohne die beißende Verzweiflung, sondern mit einer fast schon fatalistischen Gelassenheit.

Das gleich gilt für „The World you know“ mit unglaublicher emotionaler Tiefe und wunderbaren Gitarren-Melodien, über denen Windsteins Stimme fast schon dahinschwebt. Diese Stimme, die sich sonst wie eine Urgewalt durch die Crowbar Songs fräst, wirkt hier fast zerbrechlich und sehr direkt und persönlich.
Genau so packend, wenn auch etwas fragmentarisch wirkend ist das Instrumental „The Healing“, das durch flächige 80er Keyboards noch mehr The Cure-Assoziationen hervorruft, was in diesem Zusammenhang absolut positiv gemeint ist. Die meisten Crowbar-Vibes verströmt „Necropolis“, auch wenn es nahezu keine verzerrten Gitarren enthält.Es enthält aber die Essenz des Windsteinschen Schaffens, in Form von Tiefe, Schwere und dunkler Emotionalität,

Dass Mid-Tempo in der Strophe von Toxic wirkt dagegen schon fast deplatziert und unpassend hektisch. Da verschüttet man doch vor Schreck den schweren Rotwein auf die abgewetzte Armlehne des antiken Leder-Ohrensessels, in dem sitzend man das Album am besten genießen sollte. (Lebe das Klischee!)

Das passende Klangbild aus Fleisch und Blut

Positiv ist zudem, dass das Album hat eine sehr aufgeräumte und klare Produktion bekommen hat, die allen Instrumente genug Platz zur Entfaltung bietet und bei aller Heavyness, erdig und lebendig wirkt und damit den Songs das passende Klangbild aus Fleisch und Blut bietet, um die Emotionen, die Windstein in die Musik gesteckt hat, auch beim Hörer ankommen zu lassen.

Ich bin wirklich froh, sagen zu können, dass das Album echt gelungen, in weiten Teilen sogar wirklich packend ist und keinen CROWBAR-Fan vor den Kopf stoßen wird. Im Gegenteil, hier wird die Weiterentwicklung vollzogen, die unter dem Banner der Hauptband sicherlich nicht in dieser Freiheit möglich gewesen wäre. Insofern macht es durchaus Sinn, die Songs als Solo-Album zu veröffentlichen. Und es macht absolut Sinn das Album zu kaufen. Gott sei Dank auch ohne Cowboy-Hut.

Long live Kirk Windstein´s Beard!

Veröffentlichungs-Termin: 24.01.2020

Spielzeit: 44 Minuten

Line Up:
Kirk Windstein: Vocals, Guitar, Bass
Duane Simoneaux: Drums, Effects

Label: eOne / SPV
Mehr im Netz: www.facebook.com/kirk.windstein

Tracklist:

  1. Dream in Motion (Video auf YouTube)
  2. Hollow dying Man
  3. Once Again
  4. Enemy in Disguise
  5. The World you know
  6. Toxic
  7. The Healing
  8. Necropolis
  9. The Ugly Truth
  10. Aqualung (Jethro Tull Cover-Version)