JINJER: Wallflowers

JINJER festigen ihre Position im modernen Metal: “Wallflowers” lässt sich in keine Schublade drücken und bleibt bis zum Schluss fordernd und überraschend.

Ein wenig übertrieben ist der Hype um JINJER ja schon. Scrollt man anno 2021 durch die sozialen Medien, könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, die Ukrainer hätten zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Feuer gemacht. Dass das natürlich quatsch ist, zeigt selbst ein kurzer Blick auf die breitgefächerte Prog-Szene und dennoch ist die Manie nicht ganz unbegründet, wie sich anhand von zwei unumstößlichen Fakten darlegen lässt.

Zum einen sind JINJER allesamt wahnsinnig gute Musiker, zum anderen hat das Quartett aus ihrem individuellen Können einen markanten und ureigenen Sound geformt. „Wallflowers“ klingt dementsprechend zu 100% nach JINJER und sonst niemand anderem. Dabei sind die Osteuropäer sogar ein Stück unberechenbarer geworden: Nach dem Erfolg von „Macro“ (2019) wäre es ein Leichtes gewesen, auf die großen Massen zu schielen, doch davon will die neue Platte rein gar nichts wissen.

Produktion und Mix sind JINJER auf den Leib geschneidert

„Wallflowers“ ist furios, dynamisch und härter als sein direkter Vorgänger, lässt dabei trotz kompakter Songs keinen Raum für Leerlauf. Allein was der wahnsinnige Closer „Mediator“ in viereinhalb Minuten auffährt, braucht einige Durchläufe, um komplett erfasst zu werden: Tempowechsel zwischen entspannt und komplett durchgedreht, Blast-Attacken, Groove, verspielte Riffs sowie Sängerin Tatianas abwechslungsreiche Vocals fordern unsere komplette Aufmerksamkeit. Das ist nicht ungewöhnlich für JINJER, erfährt hier aber eine neue Wertigkeit.

Einen nicht unwesentlichen Anteil daran hat die druckvolle wie transparente Produktion Max Mortons, der dieser extremen Spielart des modernen Metals den perfekten Mix verpasst hat: „Wallflowers“ ist massiv, aber nicht erdrückend. Die Vocals sitzen perfekt zwischen Gitarre und Bass; der Tieftöner ist dabei mehr als nur Begleitinstrument, sondern gleichwertiger Protagonist neben Riffmaschine Roman Ibramkhalilov, der diesmal noch ein Stück technischer agiert als zuletzt. Dank des trockenen und authentischen Schlagzeugs behält sich die Produktion derweil eine gewisse Dynamik bei: Die Drums scheinen nicht getriggert, was sich Schlagzeuger Vlad nicht nur im teilweise angejazzten „Vortex“ durchaus zu Nutze macht.

Es ist schwer, “Wallflowers” in eine bestimmte Schublade zu drücken

Letztendlich zählt aber doch, was man aus reinem Talent macht und selbst hier legen JINJER nochmal nach. „Vortex“ ist ohnehin ein gutes Beispiel für die Wandelbarkeit des Vierers, der einen eigentlich unverkrampften und entspannten Track zum Ende hin mit Deathcore-Anleihen humorlos gegen die Wand laufen lässt. Mit voller Absicht versteht sich. „Colossus“ wildert zwischendurch etwas im modernen Progressive Death Metal, während „Disclosure!“ mit Sprechgesang Richtung Nu Metal schielt, bevor JINJER schließlich die Hardcore- / Sludge-Keule auspacken.

Es ist somit schwer, „Wallflowers“ in eine bestimmte Schublade zu drücken, solange sich (Death) Metal- / Hardcore, jazzige Einsprengsel und progressive Ausflüge die Klinke in die Hand geben. „Pearls And Swine“ etwa gibt sich zunächst ähnlich kantig und ungehobelt wie „Copycat“, offenbart dann aber schnell eine zerbrechliche und emotionale Seite. Diese füttern JINJER auch im Titeltrack, das nach zögerlichem Auftakt ein düster-doomiges Gesicht zeigt.

Auch auf “Wallflowers” bleiben JINJER fordernd und überraschend

Diese Kontraste, untermauert mit Harmonien und Disharmonien gleichermaßen, sind schon lange typisch für die Shooting Stars des Modern Metal, bleiben aber auch auf „Wallflowers“ noch fordernd und überraschend. Allein deshalb wäre es ein Fehler, den überbordenden Hype um die vier Musiker mit einem Lächeln abzutun: JINJER mögen das Feuer freilich nicht entdeckt haben, doch sie wissen durchaus, wie man es in einem langsam ermüdenden Genre neu entfacht.

Veröffentlichungstermin: 27.08.2021

Spielzeit: 47:37

Line-Up

Tatiana Shmailyuk – Vocals
Roman Ibramkhalilov – Guitars
Eugene Abdukhanov – Bass
Vladislav Ulasevish – Drums

Produziert von JINJER und Max Morton

Label: Napalm Records

Homepage: http://jinjer-metal.com/
Facebook: https://www.facebook.com/JinjerOfficial

JINJER “Wallflowers” Tracklist

1. Call Me a Symbol
2. Colossus
3. Vortex (Video bei YouTube)
4. Disclosure!
5. Copycat
6. Pearls and Swine
7. Sleep of the Righteous
8. Wallflower (Video bei YouTube)
9. Dead Hands Feel No Pain
10. As I Boil Ice
11. Mediator (Video bei YouTube)