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OPETH: My Arms, Your Hearse

OPETH: My Arms, Your Hearse

Es gibt Bands, bei denen hat jeder Fan eine andere Lieblingsscheibe, aber man kann nachvollziehen, wieso für den anderen exakt diese Scheibe die beste ist. My Arms, Your Hearse ist im Falle von OPETH mein Meilenstein, auch wenn mich auf das erste Hören andere Alben, wie Morningrise oder Still Life mehr überzeugt haben. Was ist der Grund, dass My Arms, Your Hearse, das heute auf den Tag genau zehn Jahre alt wird, in diese Rubrik aufgenommen wird, andere aber nicht?

Nun, das erste Konzeptalbum von OPETH geht einen gänzlich anderen Weg als die restlichen Alben. Hier wird wirklich eine Geschichte erzählt, von unheimlicher Schönheit, von Trauer, von Melancholie, aber auch von Verzweiflung und Hass. Das Kunststück, das OPETH in diesen 52 Minuten und 34 Sekunden vollbringen, ist, dass My Arms, Your Hearse keinen depressiven Hörer hinterlassen, sondern einen, der sich voll in der Musik gehen ließ und eine Stunde kreativer, intensiver Höchstleistungen erlebt hat und genau dadurch viel mehr glücklich wird. Keine Frage, hier gibt es mehr als nur Songs zu hören, hier wird eine Geistergeschichte erlebt, das ist spannender und wertvoller als jeder Arthaus-Film.

Mit Regenplätschern und einen Piano-Intro wird das Album eingeleitet, ein Novum in der Geschichte von OPETH, ein Zeichen, dass dies wirklich ein bislang einmaliges Album darstellt. Der beschwörende Gesang von Mikael Akerfeldt leitet über in den ersten wirklichen Song, April Ethereal, der mächtig und furios das Album einleitet. Aggressiver und brutaler als alles, was man bis dato von dieser Band gehört hat, aber in eine Sackgasse manövrieren sich OPETH nicht, da sie eben eine Geschichte als Leitfaden haben, die viele Stimmungen voraussetzt. Auch das anfangs geradezu gnadenlose When verwandelt sich in ein sprachlos machendes, wunderschönes Stück, das mit viel Liebe zum Detail ausgestattet wurde und das Hirn garantiert nicht verlässt.

Zum ersten Mal in ihrer Karriere agieren OPETH außerdem explizit songorientiert und erschaffen keine meterhohen Türme aus Riffs, die zu kippen drohen, was auf Morningrise und Orchid zum Glück auch nie passiert ist. Nein, auch durch das kurze Interlude Madrigal wird solches vermieden. Mit dem unendlich massiven Anfangsriff und den düster-epischen Momenten von The Amen Corner setzen OPETH ihre Reise fort, die im folgenden Demon of the Fall gipfelt. Dieses Stück wird zurecht als eine DER Sternstunden dieser Band gehandelt, denn es enthält schlicht und ergreifend alles, was diese Band so großartig macht, inklusive furiosem Beginn, Ohrwurm-Passagen, ruhigem Mittelteil und dem herrlichsten Ende, das nur irgendwie vorstellbar ist.

My Arms, Your Hearse versammelt nicht nur das kreativste Songwriting der Band, sondern bietet auch die bis dazu am beeindruckendste musikalische Darbietung. Die Riffs lassen erstmals den Einfluss von VOIVOD erkennen, wirken aber zu keiner Zeit geklaut. Die Soli sind herrlich harmonisch und schön, verleiten geradezu zum Fliegen, vor allem wenn sie zweistimmig gespielt werden. Hier wird auch nicht gefrickelt oder mit übertechnischem Können angegeben. Das Drumming ist endlich entsprechend der Gitarren, Martin Lopez´ erste Vorstellung ist großartig, auch wegen der beeindruckend schnellen Double-Bass. Einzig der Bass, der von Akerfeldt selbst eingespielt wurde, da Martin Mendez während der Aufnahmen noch nicht zur Band gehörte, ist ein wenig einfach gehalten. Dafür liefert Akerfeldt eine derartig tolle Gesangsperformance, inklusive bösen, extremen Vocals und hellem, schönem Gesang, dass die Gänsehaut quasi über die gesamte Spielzeit hinweg nicht zu weichen vermag. Erwähnenswert ist auch die großartige, warme und atmosphärisch dichte, aber sehr transparente Produktion von Fredrik Nordström, die deutlich besser ist als die von Dan Swanö auf den ersten beiden Alben.

Der Abschluss von My Arms, Your Hearse, beginnend mit der Ballade Credence, steht den ersten beiden Dritteln des Albums in nichts nach. Nachdem eigentlich auf jedem Werk, außer Orchid, mindestens ein komplett ruhiges Stück versteckt ist, gibt es genügend Vergleichsmöglichkeiten. Doch Credence ist dank der schön erzählten Geschichte und seinen wunderbaren Dynamiken und Gesangslinien das beste dieser Lieder und geht ganz tief unter die Haut. Furios endet das dritte Album von OPETH mit dem sträflich unterbewerteten Karma, das sich in die anderen heftigen Stücke des Albums würdig einreiht und die Geschichte hypotisch-brachial enden lässt. Den Epilog stellt ein langsames und ruhiges, von Hammondorgeln dominiertes Instrumentalstück dar, eine wunderschöne Hommage an die Siebziger, durch das der Hörer langsam aus dieser herrlichen Welt aufwacht.

Mehr Kreativität, Aufrichtigkeit, visionäres Songwriting, dichtere Arrangements haben OPETH nie abgeliefert, nie gab es von ihnen ein Album zu hören, das in sich geschlossener war und das dem Hörer so viel gegeben hat. Zehn Jahre sind vergangen, seitdem dieses Meisterwerk erschienen ist, von seiner Faszination hat es nichts verloren. OPETH sind für die progressive Death Metal-Szene enorm einflussreich, ergo gehört My Arms, Your Hearse in die Sammlung eines jeden, der anspruchsvollen, abwechslungsreichen Metal hört oder anfangen will, dies zu hören.

Veröffentlichungstermin: 18. August 1998

Spielzeit: 52:34 Min.

Line-Up:
Mikael Akerfeldt – Vocals, Guitar, Bass
Peter Lindgren – Guitar
Martin Lopez – Drums

Produziert von Fredrik Nordström, Anders Fridén und OPETH
Label: Candlelight Records

Homepage: http://www.opeth.com

MySpace: http://www.myspace.com/opeth

Tracklist:
1. Prologue
2. April Ethereal
3. When
4. Madrigal
5. The Amen Corner
6. Demon of the Fall
7. Credence
8. Karma
9. Epilogue