FIDDLER’S GREEN: Wall Of Folk

FIDDLER’S GREEN: Wall Of Folk

Ohne Zweifel ist die „Wall of Folk“, die kinderfreundliche Variante der im Metalcore etablierten Wall of Death, ein energiegeladenes Konzertereignis. Dementsprechend mächtig ist die bildliche Ausdruckskraft einer Stampede, wie sie das Frontcover von FIDDLER’S GREENs neuestem Album schmückt. Ganz so urgewaltig wie der Donner tausender Hufe ist der eröffnende Titelsong dann zwar nicht, die tanzbare, jiglastige Nummer wirft den Hörer dennoch unmittelbar ins Geschehen. Pausen gab es bei FIDDLER’S GREEN seit den letzten beiden Alben ohnehin nur in Ausnahmefällen. Seit dem Weggang von Peter Pathos haben die Erlanger – man kann es nicht oft genug erwähnen – die Liebe zum garagigen, ungeschliffenen Irish Folk Rock neu entdeckt und fahren damit in künstlerischer Hinsicht ganz ausgezeichnet.

Das Banjo zieht sich wie ein roter Faden durch „Wall Of Folk“

Der unverkrampft rotzige Sound der letzten Werke könnte ohne Weiteres aus dem hintersten Hafenpub stammen, dessen Schild über der Eingangstür schon lange nur noch von einem rostigen Nagel an seinem Platz gehalten wird. An dieser grundlegenden Ausrichtung ändert Wall Of Folk mit ein paar nicht unwesentlichen Änderungen im Grunde nichts. Das Album wurde abermals live eingespielt, die Spielfreude der sechs Folk-Helden manifestiert sich regelmäßig in Jubelschreien und Ausrufen im Hintergrund. Nebenbei bemerkt ein netter Kniff, um die heimelige Pub-Atmosphäre auch zu Hause ins Gedächtnis zu rufen. Als neues Stilmittel zieht sich fernerhin das Banjo als begleitendes Instrument wie ein roter Faden durch „Wall Of Folk“. Klar, das Saiteninstrument war auch schon früher hin und wieder im Einsatz, aber diesmal finden sich die markanten Klänge im flotten „Walking High“ genauso wie im abschließenden Traditional „Dirty Old Town“.

FIDDLER’S GREEN rücken die Folk-Anteile wieder deutlicher in den Vordergrund

Die zweite große Änderung gegenüber dem direkten Vorgänger „Sports Day At Killaloe“ ist hingegen, dass der Rotzfaktor schlussendlich doch wieder minimal zurückgefahren wurde und im Gegenzug die Folk-Melodien besonderen Fokus genießen. Ein geradliniger Rocker wie „Victor And His Demons“ mag das auf den ersten Blick vielleicht widerlegen, die allesamt tanzbaren und dementsprechend livetauglichen „Scolding Wife“, „P Stands For Paddy“ sowie das unbeschwerte „Irish Rover“ werden instrumental jedoch primär von Geige, Akkordeon und Whistle getragen, während die Rhythmussektion vergleichsweise moderat agiert. Die teilweise auf deutsch gesungene Fußballhymne „Fields Of Green / Nie zu spät“, bei der Flex der Biegsame am Dudelsack und Michael Rhein (beide IN EXTREMO) am Gesang zu hören sind, wirkt gar etwas gestriegelt und hätte gerne einen Zacken dreckiger sein dürfen.

Ein Hauch Anarchie würde manchmal nicht schaden

In gewisser Weise kann dieser Kritikpunkt auf die komplette Platte ausgeweitet werden. Obwohl „Wall Of Folk“ im Großen und Ganzen ein hohes Tempo vorlegt und mit „Lost To The Moon“, „Dirty Old Town“ sowie der Schunkelnummer „Greens And Fellows“ lediglich drei langsame Stücke besitzt, ist die Platte als solche an mancher Stelle etwas zu brav geworden. Natürlich laden „Country Of Plenty“ und „Hangman’s Lullaby“ zum fröhlichen Trinkgelage ein, nur haben FIDDLER’S GREEN irgendwie das Guinness-Fass zu Hause vergessen. Live wird das selbstverständlich weniger ein Problem darstellen, der Studiofassung einiger Songs hätte ein Hauch Anarchie derweil sicher nicht geschadet, zumal die Jungs langsam an einem Punkt angekommen sind, an dem sich der eine oder andere Melodiebogen auch mal ähnelt.

Die limitierte Fassung von „Wall Of Folk“ enthält neben einer, uns leider nicht vorliegenden, Live-DVD mit dem Festivalauftritt vom SUMMER BREEZE 2011 ganze sieben Bonus-Tracks, von denen sich einzig „Scolding Wife Reprise“ als verzichtbar herauskristallisiert. Besonders hervorzuheben sind hingegen „Yindy“ sowie das traditionelle „I’ll Tell Me Ma“, welches schon seit vielen Jahren ein gern gespielter Live-Hit ist. Und für diejenigen, die sich zuvor am praktizierten Denglisch arg gestoßen haben, schieben FIDDLER’S GREEN mit „Fields Of Green“ sogar eine rein englischsprachige Version des Songs zur Versöhnung nach.

Für Fans trotzdem eine Pflichtinvestition

FIDDLER’S GREEN fiedeln sich auf „Wall Of Folk“ wieder mit schier unbändiger Spielfreude durch Eigenkompositionen und Traditionals gleichermaßen. Der erfrischend räudige Unterton von „Sports Day At Killaloe“ findet sich auf dem aktuellen Werk im Gegenzug nur noch in Auszügen. Das nimmt dem sonst gelungenen Album etwas von seiner Langlebigkeit, da die Energie des für gewöhnlich schweißtreibenden Live-Erlebnisses so nicht in seiner Gänze erfasst werden kann. Für Fans bleibt „Wall Of Folk“ dennoch eine Pflichtinvestition, denn auch wenn sich die Franken hier nicht selbst neu erfinden, so steht eines trotz allem außer Frage: Mit FIDDLER’S GREEN wird immer gefeiert – auch wenn man das Bierfass diesmal selbst mitbringen muss.

Veröffentlichungstermin: 16.09.2011

Spielzeit: 49:17 / 19:50 Min.

Line-Up:
Ralf Albi Albers: Vocals, Acoustic Guitar, Bouzouki, Mandolin, Banjo
Pat Prziwara: Vocals, Electric Guitars, Banjo
Tobias Heindl: Violin, Vocals
Stefan Klug: Accordion, Bodhrán
Rainer Schulz: Bass
Frank Jooss: Drums, Percussion

Produziert von Christoph Beyerlein
Label: Deaf Shepherd Recordings

Homepage: http://www.fiddlers.de
Mehr im Netz: http://www.facebook.com/Speedfolk

FIDDLER’S GREEN „Wall Of Folk“ Tracklist

01. Wall Of Folk
02. P Stands For Paddy
03. Country Of Plenty
04. Fields Of Green / Nie Zu Spät
05. Victor And His Demons (Video bei YouTube)
06. Irish Rover
07. Scolding Wife
08. Greens And Fellows
09. Lost To The Moon
10. Tam Lin
11. Walking High
12. Milk The Damn Cash Cow
13. Hangman’s Lullaby
14. Dirty Old Town

Bonus-Disc:

01. Jump
02. I Quit
03. I’ll Tell Me Ma
04. Yindy (Video bei YouTube)
05. Fields Of Green
06. Little Monsters
07. Scolding Wife Reprise

Florian Schaffer
Florian hat von 2008 bis 2015 Reviews und Live-Berichte für vampster geschrieben. Seit 2019 ist er wieder mit dabei. Lieblingsbands: AMORPHIS, ARCHITECTS, BARONESS, CULT OF LUNA, DARK TRANQUILLITY, GHOST BRIGADE, IN FLAMES, THE OCEAN. Genres: Black Metal, Death Metal, Melodic Death Metal, Metalcore, Post Metal, Progressive, Rock, Thrash Metal.