Zusammenleben mit einem Gitarristen

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der gitarrist an sich ist eigentlich sehr nett, und wenn er ordentlich aufgeräumt auf der bühne (mit dem fuss auf der
monitorbox) steht, auch ein angenehmer anblick. allerdings entsteht ja kreativität bekanntlich aus dem chaos und eben dieses
verbreitet der gitarrist gerne akkustisch wie auch sonst in seiner unmittelbaren umgebung.

an allen möglichen und unmöglichen stellen der wohnung verteilt er seine mit därmen (ja, genau d-ä-r-m-e, eklig sowas) bespannten holzformen, um diese bei einen spontanen einfall auch sofort zur hand zu haben. dabei entwickelt er ein
untrügliches gespür für plätze, an denen das instrument totsicher im weg steht. bei einem solchen ausbruch von kreativität vergisst der gitarrist dann sofort alle zivilisierten verhaltensformen, er ergreift sein instrument und versucht die wirren tonfolgen, die in seinem kopf (oder wo auch immer) gerade entstehen, zu verwirklichen. dabei kann es durchaus vorkommen, dass er – angenommen er nimmt gerade eine mahlzeit zu sich – trotz vollem mund das kauen vergisst und – noch schlimmer – überhaupt
vergisst, dass er im begriff war, etwas zu sich zu nehmen und die zweite stimme, die er für gewöhnlich parallel zur ersten
entwickelt, mitsingt, um dann den erstaunten zuhörer zu fragen, wie er, erstens, den teil findet und, zweitens, woher denn die
speisereste auf gesicht und oberkörper eben jenes zuhöreres stammen.

gitarristen sind auch in ihrer berufswahl stark eingeschränkt, so ist es für einen gitarristen schlichtweg unmöglich,
den beruf des innenarchitekten auszuüben. dazu benötigt man nämlich ein gespür, wo dinge am richtigen platz
sind und ein gewisses ästhetisches empfinden. nicht nur, dass der gitarrist sein instrument niemals – wirklich niemals – in den
dafür vorgesehenen ständer stellt, sondern gerne zum beispiel vor die balkon- oder schranktür (natürlich genau
vor den schrank, in dem die dinge verstaut sind, die man tagtäglich benötigt) nein, er verschandelt gerne frisch getrichene
wände mittels zimmermannsnägeln, die er mitten in der wand einschlägt. und zwar genau an der stelle, an der ein
normaler mensch ein bild, poster oder ähnliches aufhängen würde. auf die frage, was er denn da bitteschön
machen würde gibt der gitarrist die antwort, dass seien haken an denen er seine gitarrenkabel aufzuhängen gedenke. wen
wundert es dass der leidgeprüfte mitbewohner viel lieber etwas ganz anderes dort aufhängen würde….

zu kabeln hat der gitarrist ein spezielles verhältnis: hüllt er ansonsten seinen astral-musiker-körper doch eher in
schwarz, können kabel gar nicht bunt genug sein… vermutlich, um das entwirren dieser kunsstoffummantelten drähte zu
erleichtern. gitarrenkabel treten nämlich nur rudel- bzw knäulweise auf. dieses kabelgewurschtel soll sogar schon musiker
dazu angeregt haben, das sogenannte gitarristen-mikado zu entwickeln: sobald sich zwei gitarristen treffen (zum musizieren) kann
man davon ausgehen, dass jeder ca. zehn kabel dabei hat. diese – in summe dann ca. zwanzig – kabel werden dann auf eine art und
weise, die dem nichtmusiker verschlossen ist, quer durch den raum gespannt und hier und da eingestöpselt. der gitarrist, der das
schnellere solo spielen kann, darf anfangen. er greift sich ein kabel und zieht daran, bewegt sich dann ein anderes, so hat er verloren,
fällt womögich das topteil von der box oder fliegt ein effektgerät durch die luft, hat er sogar einen freund verloren.

man mag sich fragen, warum hat der gitarrist denn soviele kabel? diese frage erscheint zunächst logisch, doch wenn man den
gitarristen näher kennt, weiss man um seine tiefsitzende abneigung gegenüber lötkolben. beim mikadospielen oder
auch beim musizieren kommt es vor, dass der musikus zu heftig an seinem kabel zieht, worauf sich der stecker vom rest
verabschiedet, oder ein mitbewohner stolpert über in der wohnung verlegte leitungen, dazu eine kleine bemerkung: es werden
grundsätzlich solche kabel verwendet, deren länge unwesentlich kürzer ist, als die strecke von den beiden
verbundenen geräten plus die strecke von den jeweiligen geräten zum fussboden. das kabel befindet sich also immer in ca.
zehn cm höhe über dem boden. so entstehen dann wackelkontakte. den gitarristen stört das an sich nicht, er nimmt
einfach ein anderes kabel. er sortiert aber nicht die defekten kabel aus, er verfährt vielmehr nach den try and error prizip. das sieht
folgendermassen aus: er nimmt ein kabel vom haken, steckt es ein (seltsamerweise scheint immer trotz den ungefähr dreissg
metern, die bereits irgendwo eingesteckt sind, ein kabel zu fehlen), und muss dann feststellen, dass er nichts hört. er wählt
dann ein neues kabel aus und ersetzt damit das defekte, dieser vorgang kann sich dann einige male wiederholen. im schlimmsten fall,
falls keines der kabel den gewünschten effekt erzeugt, fährt er ´mal kurz zu thomas/michael/frank/stephan´ um sich eins
auszuleihen. von eben jenem thomas/michael/frank/stephan bringt er dann nicht nur ein kabel sondern auch verstärker, boxen,
effektgeräte oder sonstwas mit. im schlimmsten fall kommt thomas/michael/frank/stephan gleich höchstpersönlich
mit, weil er ´nen geilen schlussteil für das lied, das wir am ende der letzten probe gespielt haben´, hat.

klappt das nicht, oder steht ein auftritt bevor, wagt sich der gitarrist an den lötkolben. dieser wird dann in die einzig noch nicht
belegte steckdose angeschlossen (genau, die in der küche neben dem herd) und der herr gitarrist lötet seine kabel, dabei
achtet er peinlich genau darauf, nur soviele kabel wie wirklich benötigt und keinesfalls mehr zu reparieren und den
reparaturvorgang zeitlich genau mit dem beginn der probe oder dem auftritt abzustimmen, er muss nach beendigung der reparatur
´sofort weg, bin sowieso schon zu spät´. er hinterlässt lötzinn auf dem küchentisch und drahtreste auf dem
fussboden (schon mal barfuss reingetreten?)

sein mangelndes talent für raumgestaltung lässt sich auch daran erkennen, dass er überall in der wohnung kleine
bunte plstikplättchen verteilt, deren benutzung eine wissenschaft für sich ist. so misst er bruchteile von milimetern,
fachsimpelt dann mit artgenossen über fabrikate ´quatsch, diesen sound hast du nur mit einem dunlop 0.6mm plek´. bisweilen –
wenn er einen guten tag hat – verschenkt er diese in fachkreisen auch plektren genannten plastikdinger an seine freundin mit der
bemerkung ´das ist von unseren letzten auftritt´ und erwartet dann, das sie es sich wie eine hundemarke um den hals bindet.

 

vampiria

andrea
Kümmere mich seit 1999 um Reviews, Interviews und den größten Teil der *Verwaltung*, Telefon-Dienst, Beschwerdestelle, Versandabteilung, Ansprechpartner für alles, Redaktionskonferenz-Köchin...