CHELSEA WOLFE: Abyss

CHELSEA WOLFE: Abyss

Träume, zumindest meine Träume, sind häufig furchterregend und zeigen mir abstrakte Bilder vom Fallen, von Katastrophen und Weltuntergangsszenarien. CHELSEA WOLFE scheint auch nur selten wirklich gut zu schlafen, Abyss ist ihre eigene Traumwelt, ihre Reise ins Unterbewusste, mit all ihren verstörenden Schrecken und betörenden Wundern. Das fünfte Album der kalifornischen Ausnahmekünstlerin will dabei zunächst nicht so wirklich zünden; zu Beginn zu heavy, zu abstrakt gegen Ende. Doch wollen wir Abyss nicht vorverurteilen. Denn wie einen intensiven, surrealen aber sehr wirklichen Traum, den man tagsüber immer wieder und wieder rekapitulieren muss, den man nach und nach nicht verstehen, aber immerhin interpretieren kann, frisst sich das knapp einstündige Album immer weiter ins Herz. CHELSEA WOLFE führt uns in ihre Welt, ihr Unterbewusstsein, ihre Intimität. Das übertrifft das katharsische Pain Is Beauty zwar nicht, ist aber zumindest ebenbürtig.

Zunächst ist da die Verwunderung, dass CHELSEA WOLFE ihre brachialen, lauten, ja Sludge-Orientierten Stücke an den Anfang des Albums packt. Eine brachiale Soundwand, die mit Ausnahme von Iron Moon die Dynamik vermissen lässt. Doch es ist wie im Schlaf: Wenn die Schwere der Müdigkeit uns überwältigt hat, können wir uns treiben lassen, ebenso wie die levitierende Protagonistin auf dem geheimnissvoll-schönen Cover. Und hier beginnt der eigentliche Zauber von Abyss, diesem düster-poetischen Album voller Mystik und Liebe: Wenn CHELSEA WOLFE, wie in Maw, Simple Death, Survive und Color Of Blood leise bleibt, wirkt sie unglaublich eindringlich. Und mehr noch, wenn CHELSEA WOLFE in diesen Stücken immer wieder wohl temperierte, verzerrte Gitarren und abstrakte Heaviness einsetzt, dann gelingt es ihr mehr als nur einmal, beim Hörer Gänsehaut hervorzurufen. Im Gegenteil: Diese Gänsehaut will partout nicht weichen.

Abwechslungsreich und stimmig ist das Songwriting auf diesem Album, CHELSEA WOLFE leitet mit ihrer entrückten, ätherischen Stimme durch das Album, das in jedem Stück ihre Handschrift erkennen lässt. Dennoch erleben wir intime Singer-Songwriter-Momente wie Crazy Love, das mit Drones und Viola aufgemotzt wurde, ebenso wie wavige, treibende Gothrock-Nummern – das fantastische Grey Days ist dabei hervorzuheben, das mit seinen tristen Gitarren eine unglaublich dichte Atmosphäre erzeugt. CHELSEA WOLFE, die mit ihrem kompositorischen Langzeitpartner Ben Chisholm erneut erfolgreich und sehr fruchtbar zusammenarbeitet, legt sich stilistisch erfreulich wenig fest – als Einfluss sind ebenso RADIOHEAD wie GODFLESH herauszuhören, und gerade deshalb ist auf Abyss zweifellos erneut völlig eigenständige Musik entstanden.

Surreal, traumhaft, geheimnisvoll, emotional, sinnlich, aber auch brutal und trist klingt CHELSEA WOLFE im Jahr 2015. Nach dem brachialen Start kommen unglaublich viele Facetten zum Vorschein, die erst nach und nach entdeckt werden können. Mit Hilfe einer Vielzahl von Musikern gelingt der Spagat aus Zärtlichkeit und Finsternis: Ezra Buchlas Einsätze an der Viola sind dabei ebenso essentiell wie die wuchtige Gitarre von RUSSIAN CIRCLES-Gitarrist Mike Sullivan oder das Drumming von Dylan Fujioka. Auch die organische Produktion von John Congleton passt exzellent zur Musik, es dröhnt unheilvoll an allen Ecken und Enden, aber auch die leisen Momente kommen perfekt zur Geltung. CHELSEA WOLFE, die sich abermals auch als talentierte Lyrikerin beweist, zeigt schon zum fünften Mal, wie verdammt gut sie ist. Auch wenn es keine Übersongs á la House Of Metal oder The Waves Have Come gibt, ist Abyss ebenso kostbar wie Pain Is Beauty. Alle, die dunkle Musik mögen, werden dieses Album lieben.

Veröffentlichungstermin: 7. August 2015

Spielzeit: 55:50 Min.

Line-Up:
CHELSEA WOLFE – Guitar, Vocals, Bass, Piano
Ben Chisholm – Guitar, Programming, Bass, Keys
Mike Sullivan – Guitar
Dylan Fujioka – Drums
Ezra Buchla – Viola, Vocals
D.H. Philips – Lap Steel

Produziert von John Congleton
Label: Sargent House

Homepage: http://www.chelseawolfe.net/

Mehr im Netz: https://www.facebook.com/cchelseawwolfe

Tracklist:
1. Carrion Flowers
2. Iron Moon
3. Dragged Out
4. Maw
5. Grey Days
6. After The Fall
7. Crazy Love
8. Simple Death
9. Survive
10. Color Of Blood
11. The Abyss

Teilen macht Freude: