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„Twarsz“ – „Die Maske“ (Filmkritik)

„Twarsz“ – „Die Maske“ (Filmkritik)

Erneut wagt Małgorzata Szumowska einen tiefen Blick in die polnische Gesellschaft. Ihr jüngster Streich „Twarsz“ („Die Maske“) zeigt Mut zur Hässlichkeit – der inneren Hässlichkeit.

Jacek (super: Mateusz Kosciukiewicz) liebt seinen Hund, METALLICA (die hier auch üppig den Soundtrack bestücken) und vor allem seine Verlobte Dagmara (Małgorzata Gorol). Im Gegensatz zu den Schweinebauern in seinem Heimatdorf hat der stolze hübsche junge Mann Zukunftspläne und sich die Lebensfreude noch nicht aus dem Gesicht gesoffen. Doch dann verunglückt der Headbanger — ironischerweise auf der Baustelle der größten Jesus-Statue der Welt, die ausgerechnet hier im Nirgendwo errichtet werden soll. Den Ärzten gelingt es, sein Gesicht wieder herzustellen, doch nicht nur das Sprechen muss er neu lernen. Zurück im Dorf zeigen die Menschen um Jacek herum ihr wahres Gesicht und verwehren ihm die Rückkehr in sein altes Leben. Wenn unser Held jetzt nichts unternimmt, bleibt ihm nur noch die Rolle des Dorftrottels …

Die rustikale Tristesse der polnischen Diaspora

Regisseurin Małgorzata Szumowska ist eine kritische Chronistin ihres Heimatlandes, wie sie schon in der Vergangenheit mit Filmen wie „Im Namen des …“ bewiesen hat. Auch in ihrem jüngsten Beitrag leuchtet sie schonungslos die rustikale Tristesse in der polnischen Diaspora aus. Wo die Menschen in ihrem primitiven Glauben gefangen sind und Frömmelei auf Rassismus, Homophobie, Nationalstolz und harte Alkoholika trifft, wo der Festtagsbraten noch eigenhändig hinterm Haus erschlagen wird, der Discoabend im Gemeindezentrum das Wochenhighlight ist und der Pfarrer im Beichtstuhl ganz genau wissen will, wie es um die Keuschheit seiner jungen weiblichen Schäflein bestellt ist, finden Szumowska und ihr Kameramann Michał Englert starke Bilder, die schärfetechnisch ordentlich verfremdet wurden (Tilt-Shift-Verfahren). Geredet wird wenig, und wenn, dann wird entweder gestritten oder irgendwer will irgendwas von irgendwem.

„Die Maske“ startet und endet stark. Leider ist Małgorzata Szumowska zwischendurch nicht nur an ihrer Geschichte interessiert. Ihr geht es darum, der polnischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und sie vorzuführen – was in „Die Maske“ mit reichlich bitterem Humor, mitunter aber auch ganz schön hochnäsig erledigt wird. Schwer zu glauben, dass in Polen die Deppenquote so hoch ist. Dass es die monströse Jesus-Statue im Film — „noch höher als die in Rio!“ — tatsächlich gibt, zählt hingegen zu den Meta-Gags in dieser fiesen Satire. Dem Riesen-Erlöser aus Beton, der im westpolnischen Świebodzin steht, gehört dann auch der Schlussgag, der zusammen mit der schrägen Eröffnungssequenz zu den Höhepunkten des Films zählt. Sehenswert.

METALLICA sind nicht nur mit ihrem Bandlogo auf der Jeansjacke des Helden vertreten

Noch ein Wort zur Musik: METALLICA sind in „Die Maske“ nicht nur mit ihrem Bandlogo prominent auf der Jeansjacke des Helden vertreten, sondern stellen auch zu großen Teilen des Soundtrack. Und zwar mit Liedern aus der jüngeren und jüngsten Schaffensphase. Dass das allerbestens funktioniert, ist witzig vor allem angesichts der diversen äußerst bemühten gleichwohl vergeblichen Versuche von Lars Ulrich & Co., an die (Hoch)Kultur anzudocken – sei es mit Projekten wie „Lulu“ (zusammen mit LOU REED) oder dem brutal gefloppten Kinoabenteuer „Metallica Through the Never“.

Hier bei „Twarsz“ – vom fremder Hand gestrickt – gehen Sound und Geschichte hingegen geschmeidigst weil ungezwungen und ganz selbstverständlich zusammen, und für 91 Minuten ist es mit unserer ehemaligen Lieblingsband stimmungstechnisch noch einmal so wie 1983 auf dem Backcover von „Kill ’Em All“.

„Twarsz“ – „Die Maske“: Trailer bei vimeo

Kinostart: 14. März 2019

gnadiator
Stef (aka “gnadiator”) steuert seit 2002 immer wieder Konzertberichte, Interviews, Reviews oder Filmkritiken bei.