TOTO: Stuttgart, Porsche-Arena, 17.03.2007

Ein schönes Konzert, bei dem TOTO zeigten, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören.

TOTO. Spielen die nicht aalglatten Hochglanz-Rock? Ja, ganz recht! Ich wage es trotzdem, einen Konzertbericht zu schreiben, weil die Band in den letzten Jahren über den ganzen Globus getourt ist und dabei eine beeindruckende Spielfreude entwickelt hat. Wenn man die alten Hits im Radio hört, kann man das nur schwerlich erahnen. Unter Musikern sieht die Sache schon anders aus. Hier sind TOTO schon immer eine feste Größe gewesen, die allen zeigte, wie man es besser macht. Mittlerweile verarbeitet die Band mehr denn je auch Progressive Rock-Einflüsse in ihren Songs, zum Beispiel beim Titeltrack ihres aktuellen Albums Falling In Between, der als Opener fungierte. Verschachtelte Rhythmen und leicht schräge Harmonien treffen auf ein solides Rockfundament und herausragenden Gesang.

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Mit 59 noch bestens bei Stimme: Bobby Kimball.

Das Stuttgarter Publikum empfing die sechs Musiker mit gebührendem Applaus. Keine Frage, die Leute waren nicht gekommen, um einem musikalischen Relikt zu gedenken. Die Fans waren ebenso wie die Musiker hungrig! Freilich gab es weder Moshpits noch Stagediver. Aber es herrschte eine ausgelassene Stimmung unter den etwa 4000 Zuschauern. Da die Band in einigen Nachbarländern noch wesentlich mehr Leute anzieht, gab es eine opulente Lichtshow mit drei Videoleinwänden und allerlei Effekten zu bestaunen, die definitiv Arena-Niveau hatte. Freilich haben TOTO das eigentlich überhaupt nicht nötig, weil das musikalische Geschehen auf der Bühne bereits faszinierend genug ist. Schon das zweite Stück, King Of The World, demonstrierte nachdrücklich, dass die Band immer noch erstklassige Songs schreiben kann. Greg Phillinganes (der sämtliche Parts des aus familiären Gründen nicht mehr tourenden David Paich übernahm), Steve Lukather und Bobby Kimball teilten sich hier den Gesang, was der Nummer zusätzliche Dynamik verlieh. Danach folgte mit Pamela der erste Höhepunkt des Abends.

Für fünf Minuten waren TOTO die Hitgiganten, die sie – in einer gerechteren und geschmackssichereren Welt – 1988 mit ihrem damaligen Album The Seventh One hätten werden können. Ich tauchte ein in ein akustisches Meer aus Licht, Harmonie, Glanz und Glitzer. Bobby Kimball gelang es mit traumwandlerischer Sicherheit, die Vorlage des damaligen Sängers Joseph Williams umzusetzen und mit eigenen Nuancen auszuschmücken. Schlagzeuger Simon Phillips (ex-JUDAS PRIEST!) und Aushilfsbasser Leland Sklar (der kurzfristig für den verletzten Mike Porcaro einsprang) spielten nicht einfach ihre Instrumente, sondern verwandelten die Luft in der Porsche-Arena in puren Groove. Besser geht´s nicht!

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Steve Lukather (49) und Leland Lee Sklar (59) waren trotz der kurzen Einarbeitungszeit des Aushilfsbassisten bestens eingespielt und fanden immer wieder Zeit für kleine Späße.

Mit ihrer aktuellen Single Bottom Of Your Soul schaltete die Band einen Gang zurück, fesselte die Anwesenden aber auch hier mit einer phänomenalen Gesangsleistung. Wer auf rockigere Töne stand, kam bei Caught In The Balance, Don´t Chain My Heart und dem inzwischen knapp 30 Jahre alten Klassiker Hold The Line auf seine Kosten. Tony Spinner als zweiter Gitarrist sorgte für zusätzlichen Druck und der – zumindest direkt vor der Bühne – glasklare Sound transportierte die Lieder direkt in das für Rockmusik zuständige Gehirnareal. Obwohl stimmlich Sänger Bobby Kimball meistens im Mittelpunkt stand, fungierte Gitarrist Steve Lukather als Moderator und Kapellmeister. Durch sein weißes Hemd war Lukather zudem eindeutig der Blickfang auf der Bühne.

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Tourmusiker Tony Spinner (43) übernahm bei Stop Loving You den Leadgesang, hielt sich ansonsten aber eher im Hintergrund.

Nach den pompösen Rocknummern wurden akustische Gitarren ausgepackt und Simon Phillips setzte sich an ein kleines Drumkit direkt zu den Füßen von Greg Phillinganes´ Keyboardburg. Es folgten abgespeckte Versionen von Stop Loving You (ordentlich von Tony Spinner gesungen), I´ll Be Over You und Cruel. Hier deutete sich bereits an, dass TOTO nicht an makelloser Selbstpräsentation interessiert waren, sondern ihre Lieder aus Freude am Musizieren frisch und unverbraucht angingen. So ließen sie es sich auch nicht nehmen, dem Anfang von Rosanna ein Jazz-Gewand zu verpassen. Nicht immer richtig ins Bild passte leider die Tatsache, dass bei einigen Stücken Bläser, Percussion und Keyboards vom Band kamen. Ich bin mir sicher, dass TOTO darauf problemlos verzichten können, ohne dass das Klangerlebnis merklich darunter leiden würde.

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Simon Phillips (50) über Steve Lukather: He´s a great guitar player and a great singer… and a great comedian. You can tell that by the shirt he´s wearing!

Nach gut einer Stunde Spielzeit sprach Lukather schließlich das aus, was sich bereits mehr und mehr angedeutet hatte: Es geht nicht darum, auf dem Rolling Stone-Cover zu sein oder auf MTV zu laufen. Es geht darum, mit ein paar Kumpels eine gute Zeit zu haben. Obwohl die Musiker auch weiterhin spieltechnische Perfektion zelebrierten, kam trotzdem das Gefühl auf, man befände sich in einer geselligen Runde und nicht in einer nagelneuen Multifunktionshalle. Im Verlauf eines ausufernden Medleys gab es eine Reise vom selbstbetitelten Debüt (I´ll Supply The Love) bis zur aktuellen CD (Taint Your World). Zwischendurch gab es noch diverse Soli, die bei den zahlreichen Musikern in der Halle Begeisterungsstürme auslösten. Für mich war der Höhepunkt jedoch Isolation mit Bobby Kimball am Gesang. Nach seiner Rückkehr in die Band war ich anfangs sehr skeptisch. Doch allerspätestens mit dieser Darbietung hat er mich endgültig überzeugt.

Bei der Vorstellung der Bandmitglieder kam einmal mehr Lukathers komödiantisches Talent zum Vorschein, inklusive Michael Jackson-Imitation – sehr zur Erheiterung des Publikums. Angesichts der vielen hochkarätigen Alben, die TOTO in ihrer Karriere produziert haben, ist es nicht verwunderlich, dass man mit der Wahl der beiden letzten Songs hadern muss. Einerseits waren das treibende Gypsy Train und das unerwartete Drag Him To The Roof durchaus unterhaltsam. Andererseits blieben Stücke wie Melanie, I Won´t Hold You Back, I Will Remember und Child´s Anthem ungespielt. Natürlich muss man der Band zugute halten, dass sie nicht immer nur ihre Singles als Standardprogramm abnudelte. Und immerhin war Africa (als einzige Zugabe) ein versöhnlicher Abschluss eines kurzweiligen Konzerts einer Band, die noch lange nicht zum alten Eisen gehört.

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Neuzugang Greg Phillinganes (50) übernahm die Parts von David Paich, der aus familiären Gründen nicht mehr tourt.

Setlist:

  1. Falling In Between
  2. King Of The World
  3. Pamela
  4. Bottom Of Your Soul
  5. Caught In The Balance
  6. Don´t Chain My Heart
  7. Hold The Line
  8. Akustikset
    • Stop Loving You
    • I´ll Be Over You
    • Cruel
  9. Keyboardsolo
  10. Rosanna
  11. Medley
    • I´ll Supply The Love
    • Isolation
    • Kingdom Of Desire
    • Gift Of Faith
    • Gitarrensolo
    • Hydra
    • Schlagzeugsolo
    • Taint Your World
  12. Gypsy Train
  13. Drag Him To The Roof
  14. Africa