MUNICIPAL WASTE, VOMITORY, SIEGE, ABNORMALITY und SUPPRESSION am OBSCENE EXTREME, 6. Juli 2019 – Trutnov, Tschechien

Wenn die Normalität zu viel wird, dann schafft eine Stippvisite ans traditionelle OBSCENE EXTREME auf dem Battlefield in Trutnov rasch Abhilfe. Grindcore soweit das Gehör reicht und sympathische Sickfucks wohin man auch schauen mag. Dass das OBSCENE EXTREME nicht mehr in seinen Anfangstagen steckt, ist offensichtlich: Zahlreiche Grindcore-Familien sind inklusive Nachwuchs anwesend (für Kinder ist der Eintritt gratis), viele langjährige Festivalbesucher schlafen lieber im Hotel als auf dem Zeltplatz und das Essensangebot ist schlicht riesig – auch (oder vor allem) für Veganer. Zahlen kann der Besucher elegant mit einem Minichip, der Teil des Festivalbändchens ist – keine Jetons oder Geld, die beim Stagediven unpraktisch sein könnten. Und Stagediving hat beim OBSCENE Tradition – so gibt es keinen Photopit und auf der Bühne ist der erste Meter für die Stagediver reserviert. Nicht alle springen nach ihrem wilden Tanz auf die Hände des Publikums – manche steigen einfach wieder von der Bühne.

Mit GUTSLIT im Merchandise-Nirwana

In Sachen Merchandise gibt’s an diesem letzten Tag vor allem noch OBSCENE EXTREME-Festivalmerch, viele andere Bands sind nicht (mehr) mit Shirts oder CDs präsent. Eine Ausnahme sind die unermüdlichen Inder von GUTSLIT, die sich in Sachen Merchandise fantasievoll geben. So gibt es freche Hotpants mit pinkem GUTSLIT-Logoschriftzug auf dem Hintern und auch Truckerhats haben die GUTSLIT-Brutal Death Metaller im Angebot. Der einzige Schwachpunkt des Festivals macht sich bemerkbar, sobald man aufs Klo muss – Dixis, Dixis, Dixis. Und sagen wir es mal so – das bewährte Festival-Taschentücherpack in der Handtasche kommt wieder mal zum Einsatz, während man sein Bauch-Beine-Po-Fitnessprogramm im Klo durchführt.

SUPPRESSION

Zehn Minuten nach den gewohnt unerbittlichen DISAWOVED platzieren sich SUPPRESSION auf der Bühne. Das Drumkit des Duos steht seitwärts, so dass das Publikum auch garantiert Drummer Ryan Parrish (DEATHCROWN, DISINTERMENT, MAMMOTH GRINDER) bei seinen Ausbrüchen beobachten kann. Jason Hodges spielt Gitarre, brüllt und führt durch die Songs. Im Zentrum des Gigs steht ihr 2017er Album «Placebo Reality», dessen Trackliste sage und schreibe 73 Songs aufweist. Entsprechend kurz gehalten sind die einzelnen Songs der Noise Grinder aus dem Staate Virginia. Knapp und genreecht – SUPPRESSION machen an diesem frühen Abend eine gute Falle.

 

ABNORMALITY

Mit ABNORMALITY sind gleich nach SUPPRESSION nochmals Amerikaner auf der Bühne – dieses Mal aus Massachusetttes. Das Quintett um Sängerin Mallika zeigt sich energiegeladen und ihr Brutal Death Metal kann einige ganz starke SUFFOCATION-Momente für sich verbuchen. Mallika, zu deren Fans offenbar selbst KING DIAMOND himself gehört, grunzt und gurgelt, dass es eine wahre Freude ist. Sie ist – wie klar zu sehen ist – auch sehr schwanger und ihre Verkündung, dass dies das erste Konzert für das Baby sei, wird vom Publikum mit viel Applaus und Gejohle bedacht. Im Zentrum des Gigs ist das aktuelle Album «Sociopathic Constructs» und ABNORMALITY nutzen ihren Auftritt am OBSCENE EXTREME auch gleich dazu, die Mutterschaftsvertretung von Mallika vorzustellen: Daniela. So kommt es zum Frauenpower-Grunzduett und die Stagediver fliegen bei jeder Möglichkeit, auch wenn Daniela stimmlich weniger tief in die tiefsten Tiefen des Gurgelns vorstösst als Mallika. Geiler Gig!

 

SIEGE

Ebenfalls aus Massachusetts kommen die Grindpioniere SIEGE. Seit 1983 lärmen die Amis bereits durch die Szene und haben als Band sogar eine kurze Zusammenarbeit mit Seth Putnam (ANAL CUNT) überstanden. Mit Ben Barnett (DROPDEAD) haben SIEGE an diesem Abend einen zweiten Gitarristen mit an Bord und präsentieren abgeklärt ihren schroffen Grindcore ohne Spassfaktor. Der Drummer ist so routiniert, dass er seelenruhig eine Zigarette runterraucht während des Gigs – so abgebrüht muss man erst mal sein. Ausserdem bedienen sich SIEGE in einigen Songs dem atypischen Instrument des Saxofons – dieses wird allerdings klar Noise-orientierter eingesetzt als bei SIGH oder IHSAHN. Die Begeisterung des Publikums ist gross, der Circle Pit ist da, es wird getanzt, geschrien, gefeiert – oder einfach auf einem der Bänklein gesessen und genossen. SIEGE mögen zwar seit 1983 unterwegs sein – negative Alterserscheinungen gibt es bei Grindcore offebar nicht. Das beweist auch das DISCHARGE-Cover «It`s no TV sketch», da wird es dann den benieteten Crustcore-Punks im Publikum ganz warm ums Herz.

 

Setliste SIEGE

Walls
Sad But True
Cold War
Drop Dead
Conform
Life Of Hate
Starvation
Armageddon
Two-Faced
The Pentagon (Nightstick-Cover)
Shadow Government
Disregard
Grim Reaper
R.T.T.C.
It`S No Tv Sketch (DISCHARGE-Cover)

VOMITORY

Das VOMITORY-Motto «Like herpes, we always come back» passt zugegebenermassen ausgezeichnet zum „EXTREME“-Teil des OBSCENE EXTREME-Festivals. Item, die schwedischen Death Metaller lassen auch das Publikum des OBSCENE EXTREME nicht auf ihrer Wiedervereinigungskonzertreihe aus und beglücken es mit tongewordenen Oden an Innereien, reifen Kadavern und die blutigsten Ausgeburten vielschichtiger Horrorgeschichten. Das OBSCENE EXTREME-Publikum hat VOMITORY sehnsüchtig erwartet und die Bühnenstürmer lassen nicht lange auf sich warten. Auf auffälligsten ist sicherlich der VOMITORY-Shirt tragende Fan, der sich an die sechs Mal auf die Bühne hievt, um dann die Band regelrecht anzubeten. Verrückte Szenen, die weder Gitarrist Peter noch Bassist Erik aus der Ruhe bringen – die Ansagen sitzen und die Vocals ebenfalls. Gitarrist Urban zeigt überbordend viel Freude, klatscht teilweise euphorisch mit dem Publikum mit und wagt sich sogar auf eine Monitorbox rauf – angesichts seiner hünenhaften Gestalt wirkt er so beängstigend riesig. Drummer Tobias (CUT UP) fällt im Eifer des Gefechts einmal der Stick weg, doch er braucht weniger als eine Sekunde, um sich einen anderen aus dem Köcher zu krallen und souverän weiterzuspielen, als wäre nichts gewesen. „Madness prevails“ nimmt sich die OBSCENE EXTREME-Meute ausserdem zum Anlass, einen ausgedehnten, ins Ovale gehenden Circle Pit zu kreieren, in dem sich verrückte Einhörner, halbnackte Volltätowierte und zottelige Crustpunks tummeln. VOMITORY geniessen den Applaus und das Engagement des Publikums, selbst wenn es bedeutet, dass sie vom Bühnenrand gelegentlich mehr als einen Meter Abstand nehmen müssen. Nach „Chaos Fury“ ist Schluss und die Schweden machen ihre Die Hard-Fans mit Publikumsnähe extraglücklich – Picks für einige Fans, für den Setlistensammler seine Setliste und von Schlagzeuger Tobias gibt es High Fives für wirklich alle in der ersten Reihe. Schwer geiler Auftritt!

Setliste VOMITORY

The Voyage
Gore Apocalypse
Ripe Cadavers
Perdition
Revelation Nausea
Regorge in the Morgue
Madness prevails
Flesh passion
Serpents
Rotting hill
Terrorize Brutalize Sodomize
Chaos Fury

MUNICIPAL WASTE

Die Umbaupause zu MUNICIPAL WASTE dauert nicht lange. Die Ankunft der Amis aus Richmond in Virginia lässt sich indes schon vor deren ersten Tönen erahnen – die süsslichen Schwaden gerauchter Gräser verdichten sich, die Nieten-Dichte auf Jackets, Hosen und Gürteln nimmt eklatant zu. MUNICIPAL WASTE brechen schon von der ersten Sekunde an wie ein urplötzliches Sommergewitter über die Meute herein. Geballte Energie und Sprungkraft gibt es bei MUNICIPAL WASTE von der ersten bis zur letzten Sekunde und die Anzahl Leute auf der Bühne nimmt beängstigende Ausmaße an. Irgendwann fliegt ein Mikro durch die Luft, Musiker und Publikum stehen, tanzen und hüpfen wild durcheinander und die ganze Zeit ist die Mucke tight wie ein Kamelarsch im Sandsturm. Die Amis führen gekonnt durch ihre Diskographie und die Nieten werden krass durchgeschüttelt. MUNICIPAL WASTE scheinen keine Müdigkeit zu kennen und die hier und da aufblitzende Thrash-Kante schneidet messerscharf. Geiler Gig!

Setliste MUNICIPAL WASTE

Mind Eraser
The Thrashin` of the Christ
Poison the Preacher
Sadistic Magician
Beer Pressure /
Thrashing`s my business…and business is good
Terror Shark
Headbanger face rip
Intro / Slime & Punishment
Breathe Grease
Repossession
Under the waste command
You`re cut off
Wave of Death
Substitute Creature
Unleash the Bastards
Born to party

Arlette Huguenin Dumittan
Arlette ist seit 2000 bei vampster und unsere Schweizer Fachfrau für schwarze Musik und vegane Backrezepte. Lieblingsbands: DARKTHRONE, MAYHEM, HAIL OF BULLETS. Genres: Black Metal, Death Metal, Dark Metal/Rock.