HELLOWEEN, STRATOVARIUS, PINK CREAM 69: Volksbankmesse, Balingen, 12.02.2011

HELLOWEEN, STRATOVARIUS, PINK CREAM 69: Volksbankmesse, Balingen, 12.02.2011

Gleich drei hochwertige Melodic-Metal-Bands standen an diesem Samstag Abend auf dem Programm. Interessanterweise hatten alle drei Bands in der Vergangenheit mit Besetzungswechseln zu kämpfen, wobei die internen Konflikte jeweils offensichtlich der Vergangenheit angehören. Für mich persönlich kam hinzu, dass dies mein erstes HELLOWEEN-Konzert war – satte 20 Jahre, nachdem mir mein Bruder erst seinen HELLOWEEN-Pulli und dann auch noch seine Live in the U.K.-MC vermacht hatte. Nun bin ich durchaus auch ein Fan von vielen Alben der Deris-Phase. Aber es fehlte irgendwie immer die Dringlichkeit, zumal die Band zwangsläufig nur einen Bruchteil meiner Setlist-Wünsche berücksichtigen kann.

Dass HELLOWEEN sich seit Beginn ihrer Karriere im Schwabenland großer Beliebtheit erfreuen, wurde schon deutlich, wenn ich mir die vereinzelt anwesenden T-Shirts der ersten Keeper-Tour anschaute: Tübingen, Esslingen, Tuttlingen, Biberach. So strömten auch anno 2011 etwa 2000 Leute in die BANG YOUR HEAD-erprobte Volksbankmesse. Die Masse füllte die Halle ordentlich, wobei aber immer reichlich Platz zum Herumlaufen bleibt. Selbst ein paar Meter vor der Bühne herrschten keinesfalls enge Verhältnisse. Ein Teil des Publikums war offenbar zusammen mit der Band gealtert und genehmigt sich einen gepflegten Konzertabend, der ohne verschüttetes Bier und Fremdschweiß auf den Klamotten verläuft.

Alfred
Vorprogramm auf höchstem Hardrock-Niveau: PINK CREAM 69 (im Bild Gitarrist Alfred Koffler)

Als PINK CREAM 69 kurz nach 20 Uhr die Bühne betraten, war die Stimmung im Handumdrehen gut. Schon der Opener Children Of The Dawn vom jüngsten Album In10sity rannte bei den meisten Anwesenden offene Türen ein. Weiter ging es mit Do You Like It Like That, bei dem sofort Erinnerungen an die Zeit wach wurden, als die Karlsruher Truppe mit One Size Fits All ihren kommerziellen (und vielleicht auch künstlerischen) Zenit erreicht hatte. Der Song hatte nichts von seiner Klasse verloren und erntete weit mehr als nur Höflichkeitsapplaus. Bei No Way Out ertappe ich mich bei der Überlegung, was wohl aus der Band geworden wäre, wenn sie solch einen Song Mitte der 90er am Start gehabt hätte. Klar, solche Musik wäre damals in der Grunge-Welle untergegangen. Aber gerade die beiden nachfolgenden Bands profitieren heute durchaus noch davon, dass sie seinerzeit abseits der Trends ihr Ding durchgezogen haben.

Mit Talk To The Moon und Shame schoben PINK CREAM 69 gleich noch zwei weitere Hochkaräter hinterher, sehr zur Freude des Publikums. Größten Respekt verdiente dabei Gitarrist Alfred Koffler, der seinen Bandkollegen in Sachen Spielfreude in nichts nachstand und trotz nervenkrankheitsbedingtem Ausfall von zwei Fingern an seiner linken Hand tolle Riffs und Links aufs Parkett legte. Unterstützt wurde er von Aushilfsgitarrist Marco Wriedt (AXXIS), der mit Bassist Dennis Ward zusammen überwiegend auf der linken Bühnenseite agierte und den Auftritt sichtlich genoss. Im Zentrum der Show stand freilich Sänger David Readman, der bestens bei Stimme war und altes wie neues Songmaterial kraftvoll und schön melodisch intonierte. Der Gesamtsound war erfreulich gut ausgesteuert, so dass auch etwas unbekanntere Stücke wie Lost In Illusions und Seas Of Madness sehr ansprechend klangen und mit reichlich Applaus quittiert wurden. Zum Abschluss stand noch Keep Your Eyes On The Twisted auf dem Programm. Wer einen Besuch von ex-Sänger Andi Deris erwartete hatte, wurde freilich enttäuscht. Doch bei aller Liebe zu den Frühwerken – der Auftritt von PINK CREAM 69 hatte nur sehr bedingt mit Nostalgie zu tun. Auf alle Fälle bekamen die Zuschauer eine absolut überzeugende Vorstellung für ihr Geld.

Matias
Was Matias Kupiainen und Lauri Porra (STRATOVARIUS) auf ihren Instrumenten abzogen, war erste Sahne.

Eine solche hatte ich mir auch von STRATOVARIUS erhofft, die mit Elysium zu alter Stärke zurückgefunden hatten. Doch gerade als Schlagzeuger Jörg Michael nach der Entfernung eines Krebsleidens Anfang des Jahres wieder zur Band gestoßen war, erlitt Sänger Timo Kotipelto eine Lebensmittelvergiftung, die seine Stimmbänder so kräftig in Mitleidenschaft zog, dass einige Auftritte ganz abgesagt werden mussten. Mittlerweile hatte sich sein Zustand wieder verbessert. Aber richtig fit war er noch nicht. Beim Opener Hunting High And Low und dem anschließenden Speed Of Light machte er noch eine gute Figur. Doch mit zunehmender Spieldauer blieben die hohen Töne weg, so dass gerade neuere Songs wie Deep Unknown und Darkest Hours stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das war im Prinzip aber auch schon der einzige Makel eines ansonsten überzeugenden Auftritts. Klar, auch STRATOVARIUS müssen bei der Songauswahl Kompromisse eingehen. Dass vermehrt ruhige Stücke wie Winter Skies und Move The Mountain auf dem Programm standen, dürfte dabei auf Timo Kotipeltos Stimmprobleme zurückzuführen sein.

Jens
Mit seinen typischen Lead-Sounds sorgte Jens Johansson dafür, dass auch die neueren Songs klar nach STRATOVARIUS klangen.

Die Stimmung war sowohl vor als auch auf der Bühne recht ausgelassen, ohne dabei allzu sehr über die Strenge zu schlagen. Stellenweise machte es einfach Laune, Könnern wie Jens Johansson (Keyboard), Matias Kupiainen (Gitarre) und Jörg Michael bei der Arbeit zuzuschauen. Zwischen den Songs suchte Timo Kotipelto immer wieder den Kontakt zum Publikum, das den Auftritt sehr wohlwollend aufnahm. Freilich durften einige Hits vom Visions-Album nicht fehlen. Mit Kiss Of Judas, Paradise und Black Diamond gab es derer gleich drei. Zudem bekamen Freunde etwas progressiverer Klänge noch den Song Phoenix serviert, der die Bandentwicklung in den letzten Jahren durchaus passend symbolisierte. Insgesamt gelang also auch STRATOVARIUS der Spagat zwischen Nostalgie und Neuerfindung des eigenen Stils, so dass es eine Freude war, dem Auftritt beizuwohnen.

Andi
HELLOWEEN-Frontmann Andi Deris war bestens bei Stimme und vom ersten bis zum letzten Ton voller Elan bei der Sache.

Angesichts der übermächtigen ersten drei Alben übersieht man bei HELLOWEEN gerne, dass die Band seit nunmehr 25 Jahren kontinuierlich auf Tour ist. Dass es sich dabei nicht einfach um einen Sachzwang des Berufsmusikertums handelt, konnte ich in Balingen erleben. Die Band, die da nach einem recht lang geratenen Intro auf die Bühne sprang, war frisch und spielfreudig. Von Ermüdungserscheinungen keine Spur! Andi Deris übertraf die hochprofessionellen Frontmänner der beiden Vorbands noch einmal deutlich in Sachen Publikumsnähe. Auch stimmlich war er erstaunlich gut aufgelegt; keine Spur von Stimmbandentzündung. Die Frage, ob man Metal sei (Are You Metal?), beantwortete sich ganz von selbst, selbst wenn die Musiker überwiegend Sakko trugen. Markus Grosskopf war ständig in Bewegung, während er grinsend seine herrlich eigenständige Bassläufe zockte. Das Gitarrenduo Michael Weikath und Sascha Gerstner ließ die Sache einen Tick relaxter angehen. Filigrane Soli waren hier wichtiger als ununterbrochenes Rumgerenne. Dafür trieb Schlagzeuger Dani Löble die Band ohne Unterlass an und wirkte hinter seiner Schlagzeugburg alles andere als statisch. Wie ein hyperaktiver Schmied dreschte er auf die Fälle und Becken. Bei aller Energie verstand er es, die Songs mit seinem Getrommel nicht vollzumüllen. Gerade bei den poppigeren Stücken spielte er lieber doppelt so schwungvolle Schläge statt doppelt so viele. Dieses Talent war in den hektischen Schnitten der Live-DVD seinerzeit völlig untergegangen.

Wie ich 2007 schon vermutet hatte, wurde das Gambling With The Devil-Album auf dieser Tour komplett ignoriert. Auch sonst nutzte die Band ihren umfangreichen Backkatalog nur selten. Das recht unbekannte (nichtsdestotrotz exzellente) A Handful Of Pain war zwischen alle den Uptempo-Stücken ein schöner Groover und das akustisch vorgetragene Forever And One (Neverland) fügte sich ebenfalls gut in die Setlist ein, auf der auch noch zwei weitere Song vom neuen Album 7 Sinners standen: Where The Sinners Go war vermutlich der schwächste Song des Abends, wurde aber trotzdem lautstark mitgesungen. Im direkten Vergleich bestach World Of Fantasy durch die schlüssigeren Melodien und einen lockeren Rhythmus, bei dem man unweigerlich mitwippte. Als Andi Deris sein Leid klagte, dass die Longtracks zwar immer gefordert würden, aber eben auch reichlich Spielzeit kosten, konterten die Fans unverblümt mit Ride The Sky-Sprechchören. Es folgte dann zwar erst einmal ein Medley aus Keeper Of The Seven Keys, King For A 1000 Years und Halloween, doch im Zugabenblock wurde das Programm spontan um besagtes Ride The Sky ergänzt. Die großen Hits wie Dr. Stein durften freilich auch nicht fehlen. Sie wurden ans Ende des Konzerts gestellt, wobei besonders I Want Out durch Mitsingspielchen mindestens auf die doppelte Länge gestreckt wurde. Das war insofern amüsant, als dass das Publikum viel lieber die Melodie vom Mittelteil weitersang, statt brav den Refrain nachzusingen. Diese Eigendynamik passte bestens ins Bild des hochmotivierten Auftritts von HELLOWEEN. Von den Keeper-Alben gab es ansonsten das fast schon obligatorische Eagle Fly Fee, das überraschend schlüssig gesungene March Of Time sowie das kurzweilige I´m Alive mit seinem mitreißenden Soloteil. Natürlich klangen die Stücke anders als im Original mit Michael Kiske. Aber die gute Stimmung in der Halle relativierte die gesanglichen Unzulänglichkeiten.

Sascha
Die Lichttechnik ließ die Musiker (wie hier rechts Sascha Gerstner von HELLOWEEN) trotz zahlreicher Scheinwerfer bisweilen leider im Dunkeln stehen.

Der Konzertabend war somit sowohl für langjährige Fans, als auch für Ersttäter eine lohnenswerte Angelegenheit. Mich erinnerte das Ganze öfters an meine ersten Metal-Konzerte Anfang der 90er mit Bands wie MAIDEN, GAMMA RAY oder RAGE, die damals bereits einen Mittelweg zwischen beliebten Frühwerken und aktuellem Material finden mussten (und für meinen Geschmack auch fanden). Auf alle Fälle wurde in Balingen deutlich, dass der Metal sein Haltbarkeitsdatum noch nicht überschritten hat. Sicher, statt der Publikumsanimationsteile hätte man auch noch ein, zwei weitere Songs spielen können. Aber hey, dafür stiftete Andi Deris Frieden zwischen Schwaben, Badensern und Norddeutschen!

Jutze
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