CRADLE OF FILTH, ALCEST, NARAKA: Konzertbericht – Backstage Werk, München – 17.10.2022

Für Abwechslung ist gesorgt: Mit den Newcomern NARAKA und den Post Black Metal-Virtuosen ALCEST im Vorprogramm laden CRADLE OF FILTH auf ihrer “Dark Horses and Forces”-Tour ins Münchner Backstage. Spaß ist folglich vorprogrammiert, nicht zuletzt weil die Briten neben dem aktuellen Album “Existence Is Futile” (2021) auch eine ganze Reihe Klassiker mit im Gepäck haben.

Groß verknoten müssen wir unser Gehirn nicht, um das Tour-Motto „Dark Horses and Forces“ halbwegs aufzuschlüsseln. Die britischen Dark / Extreme Metal-Veteranen CRADLE OF FILTH bringen selbstverständlich die dunklen Mächte mit sich, während die Rolle der unbekannten Größe, des „dark horse“, wohl den Franzosen NARAKA zukommen dürfte. Irgendwo als Geheimtipp dazwischen sitzen ALCEST mit ihrem atmosphärischen Post Black Metal, der ein musikalisch abwechslungsreiches und doch stimmiges Gesamtpaket abrundet.

So attraktiv das Line-Up also sein mag, ganz rund läuft es auch auf dieser Tournee nicht. Inmitten einer schwierigen Konzertlandschaft wurde auch die heutige Show im Münchner Backstage erst vor einigen Wochen offiziell in die kleinere Halle verlegt. Dass CRADLE OF FILTH bei unserer Ankunft nun offenbar doch im größeren Werk auftreten dürfen, stimmt positiv, wenngleich die Räumlichkeiten durch Vorhänge, Aufsteller und weiteres Inventar etwas eingegrenzt wurden. So ist immer noch Platz für ein paar hundert Metalheads, für die selbst ein Montagabend kein Hindernis für einige kurzweilige Stunden harter Klänge darstellt.


NARAKA

Noch haben nicht alle davon den Weg ins Backstage gefunden, als um halb acht das Intro „In Tenebris“ des gleichnamigen Debütalbums (2021) erklingt. Entsprechend verhalten gestaltet sich der erste Kontakt mit der noch jungen Band, die jedoch alles daransetzt, dies schnellstmöglich zu ändern. NARAKA setzen im Opener „Cursed“ auf Doublebass und mächtige Riffs, während Frontmann Théodore Rondeau erst mit großen Gesten und bald mit freiem Oberkörper die Blicke auf sich zieht.

Ein wenig dauert es allerdings, bis die bayerische Landeshauptstadt auftaut, auch weil der massive Soundmix zunächst etwas basslastig ausfällt und die atmosphärischen Synthesizer komplett verschluckt. Mit fortschreitender Spielzeit schälen sich allerdings auch die feineren Elemente der Musik aus dem Hintergrund hervor: Dem ordentlich drückenden „The Black“ etwa spendiert Sänger Théodore durch stimmungsvollen Klargesang eine unheilvolle Note, welche einen angenehmen Kontrast zu den mächtigen Growls setzt.

Mit Einsatz und Bühnenpräsenz ziehen NARAKA das Publikum schließlich auf ihre Seite

Mit den stimmigen Synth-Tracks in „Darkbringer“ sowie „Mother of Shadows“ ziehen NARAKA im Anschluss das Publikum endgültig auf ihre Seite – Bewegung herrscht zwar kaum vor der Bühne, Applaus spendiert man im Backstage nach einem durchweg soliden Auftritt allerdings gerne.

NARAKA Setlist – ca. 30 Minuten

1. Cursed
2. The Black
3. Darkbringer
4. Mother Of Shadows
5. The Great Darkness

Fotogalerie: NARAKA


ALCEST

Der andächtige Chorgesang während des Changeovers lässt bereits einen Szenenwechsel vermuten. Nach dem donnernden Auftritt NARAKAs wirken ALCEST geradezu in sich gekehrt und zurückgezogen. Das liegt in Teilen natürlich an Mastermind Neiges stoischer Art: Der Frontmann sucht nicht das Rampenlicht, sondern überlässt weitestgehend der Musik das Wort. Im Gegenzug gilt die Liebe fürs Detail auch für die Lightshow. Eine Handvoll Scheinwerfer im Retro-Look taucht die Bühne bereits im Opener „Les Jardins De Minuit“ in orange-goldene Farben.

Die visuelle Untermalung ist auch im folgenden „Protection“ ein Augenschmaus und lenkt zumindest ein wenig vom unausgegorenen Mix ab, dessen dröhnender Bass die Leadgitarren immer wieder auf unangenehme Weise übertönt. Hier und da dringen dann doch mal ein paar filigrane Töne durch die Sound-Decke und offenbaren die Schönheit des Post Black Metals der Franzosen. Die schwarz eingefärbte ‚Wall of Sound“ wiederum macht im federleichten „Sapphire“ und dem entrückten Ende von „Écailles de Lune – Pt. II“ Platz für die zerbrechliche Seite ALCESTs, in welcher wir uns auch im Live-Format gerne verlieren.

ALCEST zelebrieren ein perfekt getaktetes Set mit vielen atmosphärischen Höhepunkten

Dem Großteil der angereisten Fans geht es augenscheinlich ähnlich – statt Circle Pit lassen sich die gebannt lauschenden Gäste treiben, um anschließend Stücke wie „Autre Temps“ mit gebührendem Beifall zu honorieren. Nicht ganz eine Stunde zelebrieren ALCEST auf diese Weise ihr perfekt getaktetes Set, das mit „Délivrance“ ein ähnlich stimmiges Ende nimmt, wie es begonnen hatte: Nach und nach verlassen die einzelnen Musiker auf der Zielgeraden des Stücks die Bühne, bis nur noch Bandkopf Neige zurückbleibt. Auf den Knien und den Rücken dem Publikum zugewandt umklammert er im goldenen Scheinwerferlicht seine Gitarre, bis auch der letzte Ton verklungen ist.

ALCEST Setlist – ca. 55 Minuten

1. Les Jardins De Minuit
2. Protection
3. Sapphire
4. Écaille de Lune – Part II
5. Autre Temps
6. Oiseaux De Proie
7. Délivrance

Fotogalerie: ALCEST


CRADLE OF FILTH

Während die Stagecrew gerade fleißig mit dem Umbau beschäftigt ist, studieren wir bereits die aufwändige Bühnendeko. Blickfang in der Mitte ist natürlich der im hölzernen Look gehaltene Mikroständer, der auf dem mehrstufigen Podest wie ein außerweltliches Rednerpult anmutet. Auch im Hintergrund führen zwischen Schlagzeug und Keyboard ein paar Schritte nach oben, während die wurzelbewehrte Stage zu beiden Seiten von dämonisch anmutenden Skelett-Figuren eingerahmt wird.

Wir sind jedenfalls froh, dass die Show nun doch im größeren Werk stattfinden kann, können wir uns doch kaum vorstellen, dass all diese Utensilien auf der Bühne der kleineren Halle überhaupt Platz gefunden hätten. Den Einmarsch zum Intro „The Fate Of The World On Our Shoulders” zelebrieren CRADLE OF FILTH schließlich in angemessener Weise: Die Kapuze tief über das Gesicht gezogen schreitet Frontmann Dani Filth erst dann auf die Bretter, als seine Kollegen bereits die Plätze eingenommen haben. Auf den dramatischen Auftakt mit „Existential Terror“ folgt jedoch gleich mal eine notgedrungene Unterbrechung aufgrund technischer Probleme mit dem Drumkit.

Neues wie altes Material werden vom Münchner Publikum mit Jubel quittiert

Die kurze Pause nutzt Sänger Dani, um die Bandmitglieder vorzustellen, hofft jedoch auch auf eine schnelle Fortsetzung des Konzerts: Auf sein Repertoire an ‚Dad Jokes‘ möchte er so früh am Abend noch nicht zurückgreifen müssen, lässt er uns wissen. Wir haben Glück, denn kurz darauf scheint die Panne behoben, woraufhin CRADLE OF FILTH den Müncher:innen ein recht abwechslungsreiches Set servieren können.

Wenngleich das aktuelle Werk „Existence Is Futile“ (2021) mit vier Songs im Zentrum steht, spielen sich die Briten ansonsten quer durch ihre Diskografie, wobei das Publikum altes wie neues Material gleichermaßen abfeiert. Zu „Summer Dying Fast“ schießen nebst sporadischen Funken-Fontänen auch die Fäuste nach oben, während die Ankündigung von „I Am The Thorn“ genauso wie die ersten Töne von „Nymphetamine (Fix)“ mit lautstarkem Jubel quittiert werden.

Nicht nur Dani Filth steht unter Strom – CRADLE OF FILTH zeigen eine vereinnahmende Bühnenpräsenz

Die hiesige Location mag nicht ausverkauft sein – genügend Platz ist in den hinteren Regionen reichlich vorhanden -, doch die Anwesenden ziehen CRADLE OF FILTH augenscheinlich schnell in den Bann. Der gut abgemischte Sound hilft dabei genauso wie die charismatische Performance der Formation selbst: Gitarrist Ashok im Pinhead-Makeup lässt keine Gelegenheit verstreichen, sich in Szene zu setzen, wohingegen Bassist Daniel Firth unentwegt die langen Haare kreisen lässt.

Frontmann Dani Filth wiederum steht sichtbar unter Strom, schlägt mit den Fäusten Löcher in die Luft, hüpft unermüdlich über die Bühne und geizt dabei nicht mit seinem Markenzeichen: Die unverkennbaren hohen Schreie gehen auch im Live-Setting durch Mark und Bein. Dass eine solche Präsenz über kurz oder lang ansteckend wirkt, ist fast schon selbsterklärend: In der zweiten Hälfte des Sets bildet sich während der schnellen Parts des ausladenden „A Gothic Romance (Red Roses For The Devil’s Whore)“ ein kleiner Moshpit in der Arena, woraufhin sich die Stimmung in „Scorched Earth Erotica“ oder dem live hervorragend funktionierenden „Us, Dark, Invincible“ noch weiter nach oben schraubt.

CRADLE OF FILTH zeigen über nahezu anderthalb Stunden viele Facetten ihres Repertoires

Dass CRADLE OF FILTH im Anschluss erstmal die Bühne verlassen, ist natürlich kalkuliert, sorgt aber nach der Rückkehr für eine geradezu frenetische Resonanz. Im vorderen Drittel wird zu „Desire In Violent Fantasies“ weiter gemosht, bis die Show nach rund 85 Minuten mit dem Klassiker „Gilded Cunt“ und dem Evergreen „Her Ghost In The Fog“ in stimmiger Weise zu Ende geht. Zugegeben, die Wertschätzung, welche man dem Sextett entgegenbringt, äußert sich an diesem Montagabend vornehmlich durch überschwänglichen Applaus zwischen den Stücken, was für ein traditionelles Münchner Metal-Publikum aber nicht unüblich ist.

Zufrieden sind wir dennoch, vor allem weil das abwechslungsreiche Line-Up jegliche Längen erfolgreich umschiffen konnte. CRADLE OF FILTH selbst zeigten über nahezu anderthalb Stunden wunderbar viele Facetten ihres Repertoires, wobei uns lediglich der etwas wahllose Einsatz der Sparkler-Effekte am Kopf kratzen ließ. Doch wenn das der größte Kritikpunkt sein soll, dann haben letzten Endes sowohl Headliner als auch das Support-Paket ALCEST und NARAKA in der bayerischen Landeshauptstadt alles richtig gemacht. Der umlagerte Merchandise-Stand im hinteren Hallenbereich dürfte dafür bester Beleg sein.

CRADLE OF FILTH Setlist – ca. 85 Minuten

1. Existential Terror
2. Nocturnal Supremacy
3. Summer Dying Fast
4. I Am The Thorn
5. Crawling King Chaos
6. Nymphetamine (Fix)
7. A Gothic Romance (Red Roses For The Devil’s Whore)
8. Scorched Earth Erotica
9. Us, Dark, Invincible
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10. Desire In Violent Overture
11. Necromantic Fantasies
12. Gilded Cunt
13. Her Ghost In The Fog

Fotogalerie: CRADLE OF FILTH

Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)