THE OCEAN: Keine Lust auf Luftmatratzen [brainstorming]

THE OCEAN: Keine Lust auf Luftmatratzen [brainstorming]

THE OCEAN sind 2010 in aller Munde. Nicht nur weil sie dieses Jahr ganze zwei Full-Length-Alben veröffentlicht haben, sondern auch weil sie nahezu pausenlos unterwegs sind und touren wie die Weltmeister. Das zweite 2010er-Album Anthropocentric schließt das Jahr für THE OCEAN ab, zeigt die Band als straffes, kreatives Gefüge, überraschend rockig und direkt, mit wenig Orchestration. Teil zwei der philosophischen Hetztirade gegen das Christentum hält den Qualitätsstandard von Heliocentric nicht ganz, ist aber für Fans der Berlin-Schweizer-Einheit wieder mehr als empfehlenswert. Weil wir Robin Staps schon oft genug für ein Interview aufgesucht haben, darf er dieses Mal ein wenig mit uns brainstormen. Zu Erzählen hat er trotzdem eine Menge Interessantes.

 

Spanische Wegelagerer?

Ich bin ja viel auf Reisen und eigentlich grundsätzlich sehr vorsichtig, besonders nach Erfahrungen in Marokko und Costa Rica, wo ich ein Messer an der Kehle hatte. Aber dass man auch in Europa vorsichtig sein muss, dass Dir so etwas auch hier passieren kann, damit hatte ich nicht wirklich gerechnet. Wir sind schon zig mal in Bayern von Zivil-Bullen kontrolliert worden, daher hab ich keinen Verdacht geschöpft, als uns diese zwei Typen mit ihrem schwarzen BMW raus gewunken haben. Dann ging alles sehr schnell, nach den Papieren fragten sie und ob wir Geld oder Fremdwährungen zu deklarieren hätten. Auch das ist normal, da man höhere Bargeldbeträge bei Grenzübertritten anmelden muss.

Schweiz?

Die Schweiz ist das Land, wo viele meiner aktuellen Lieblingsbands herkommen – KNUT, NEBRA, ABRAHAM, KRUGER – von denen ich ja einige auch auf meinem Label PELAGIC RECORDS veröffentliche. Und auch wegen THE OCEAN verbringe ich in diesem hübschen, aber viel zu teurem Land viel zu viel Zeit.

The Grand Inquisitor?

Das Kapitel Der Großinquisitor in Dostojewskis Die Brüder Karamasow haben wir als konzeptuellen Background für unser neues Album Anthropocentric verwurstet. Hier erzählt Ivan, der Philosoph und Atheist, seinem gläubigen Bruder Aljoscha eine Parabel von Jesus, der in das Sevilla des sechzehnten Jahrhunderts zur Erde zurückkehrt. Dort wird er von der katholischen Inquisition verhaftet. Der Großinquisitor verurteilt Jesus erneut zu Tode und wirft ihm vor, in seiner Mission versagt zu haben und nun die Ordnung, welche die Kirche geschaffen hat, zu stören. Er rückt die biblische Legende von der Versuchung Christi in ein anderes Licht: Jesus hätte sich vom Tempel stürzen und sich von den Engeln retten lassen sollen, sagt der Großinquisitor, dann wären ihm alle Menschen bis in alle Ewigkeit gefolgt. Darauf verzichtete Jesus aber und zog es stattdessen vor, den Menschen die Freiheit des Zweifels zu lassen. So hat er sie um die Erlösung betrogen. Desweiteren hätte er aus Stein Brot machen sollen, denn man muss den Menschen zunächst Brot geben, bevor man von ihnen Tugend verlangt. Der Großinquisitor wirft Jesus vor, zu viel Respekt vor dem Menschengeschlecht gezeigt zu haben und darin zu viel von den Menschen verlangt zu haben – denn der Mensch sei von Natur aus schwach. Wenn Jesus die Menschen tatsächlich geliebt hätte, dann hätte er sie weniger respektieren und ihnen nicht die Last der Freiheit aufbürden sollen, zugunsten ihrer Erlösung. Jesus habe also auf ganzer Linie versagt, die Kirche habe sein Werk korrigiert und verbessert.

PELAGIC RECORDS?

Mein Label macht Spaß aber ist ein Haufen Arbeit. Wir haben einige coole neue Releases in den Startlöchern: Die CD meines Seitenprojektes EARTHSHIP, zusammen mit dem ersten THE OCEAN-Drummer Jan Oberg zum Beispiel. Es liegt irgendwo im Dreieck zwischen CROWBAR, BARONESS und IRON MONKEY. Oder das Debüt der Schweizer ABRAHAM, was jeden CULT OF LUNA-Fan glücklich machen wird. Und natürlich unsere schicken Heliocentric / Anthropocentric 4-LP- und 4-CD-Boxen.

Heaven TV?

In Heaven TV geht es um die unsterbliche Seele und das christliche Versprechen auf ein Leben nach dem Tod, was nur dazu führt, dass gläubige Menschen ihr Leben im Diesseits oft vernachlässigen. Mir persönlich mutet es absurd an, freiwillig sein Streben nach Glück auf einen Zeitpunkt hin auszurichten, von dem niemand so genau weiß, ob er jemals eintreten wird. Ich habe allzu oft mit Christen zu tun gehabt, überwiegend schrecklichen, unglücklichen Menschen, die das Heilsversprechen als Entschuldigung für ihre eigene Trägheit benutzen. Wenn man nämlich glaubt, Gott werde es schon richten und sich mächtig auf den Himmel freut, dann braucht man eben keine großen Anstrengungen unternehmen, im Jetzt etwas am eigenen Elend zu verändern. So wirkt das Heilsversprechen als Beruhigungsmittel für die Massen. Das ist die ideelle Manipulation, die die Kirche über Jahrhunderte perfektioniert hat.

Loïc Rossetti?

Ein guter Freund aus Kindergartenzeiten… Ach nee, halt, kaum zu glauben, dass wir uns erst letztes Jahr kennengelernt haben! Das ist total surreal. Es fühlt sich an, als ob wir uns schon ewig kennen.

Martin Kvamme?

Gestaltet eigentlich das Innere von Flugzeugen für eine skandinavische Fluglinie. Ich möchte wetten, dass die ihn besser bezahlen als wir – dass er trotzdem unser Artwork macht spricht für den Mann. Ich hoffe wir werden nie wieder jemand Anderen ran lassen müssen!

Papst Benedikt XVI.?

An Ostern haben wir in Rom gespielt und wollten unbedingt zum Petersplatz und dort Bandfotos machen, mit dem Papst im Hintergrund – wie geil wäre das gewesen! Leider spielten wir aber in irgendeinem Vorort von Rom, 40 km außerhalb, und an Ostern mit Van und Anhänger in die Stadt rein zu fahren wäre sicherlich nicht die beste Idee gewesen.

THE DILLINGER ESCAPE PLAN?

Eine unglaubliche Band, da kommt einfach nichts an diese Energie ran, die sie live entfalten. Ich bin seit über 10 Jahren Fan von ihnen. Sehr nette, umgängliche Typen sind es obendrein. Die Tour war für uns das Beste überhaupt. Loïc hat die letzten 10 Shows während des Songs Sunshine, The Werewolf Gastauftritte mit THE DILLINGER ESCAPE PLAN gehabt, Ben Weinman hat dafür bei uns zu First Commandment of the Luminaries Klavier gespielt. Man findet beides auf youtube.

She Was The Universe?

Basiert auf einem Gedicht von Lord Byron mit Titel Darkness – und auf einem ziemlich fetten Riff. Ich freu mich drauf, das Ding live zu spielen.

Jona Nido?

Cunt-shaped asshole.

Bandgefüge?

Stabiler denn je zuvor. THE OCEAN 2010 ist eine Band und kein loser Zusammenschluss von Musikern mehr. Erstmalig haben sich auf Anthropocentric alle Mitglieder auch ins Songwriting eingebracht, ich mache nicht mehr alles selber. Das ist eine Herausforderung für mich gewesen, aber letztendlich ein Reifeprozess. Die Musik klingt organischer und es ist auch psychologisch ungeheuer wichtig, dass sich jeder ein Stück weit einbringt, denn nur so können sich Musiker mit dem großen Ganzen einer Band identifizieren und einhundert Prozent geben. Das jetzige Line-Up ist das Beste, das ich je hatte, und hoffentlich wird es mir, beziehungsweise uns, noch lange erhalten bleiben.

Julien Fehlmann?

Wir haben beim Mix von Anthropocentric sehr cool zusammen gearbeitet und beide viel gelernt. Julien ist ein Talent mit sehr guten Ohren, noch besseren Ideen und viel Ausdauer. Ein mindestens genauso schlimmer Perfektionist wie ich selbst!

Religion?

Viele Menschen haben ein religiöses Bedürfnis, sie wollen unbedingt irgendwas glauben und am Ende ist es gar nicht so entscheidend, was das eigentlich ist. Psychologisch ist das ein Fall von Selbsttäuschung: wir glauben etwas, weil wir es glauben wollen, der Wunsch verursacht gewissermaßen die mentale Disposition. Das ist dasselbe Prinzip wie bei dem Phänomen, das in der Philosophie unter dem Begriff der Willensschwäche diskutiert wird: Ich bin fett und will abnehmen und bin mir der Tatsache gewahr, dass Schokolade mich nicht gerade dünner macht, esse aber trotzdem Schokolade aufgrund eines spontanen Verlangens danach und rede mir dann ein, dass mich die eine Tafel auch nicht fetter machen wird. das lässt sich dann bis ins Unendliche wiederholen. Es ist faszinierend, wie wir uns selbst dazu bringen können etwas zu glauben, von dem wir wissen, dass es nicht wahr ist: Donald Davidson erklärt dies damit, dass unser Bewusstsein in semi-autonome Strukturen unterteilt sei; so könne ein Teil unseres Bewusstseins eine Meinung aufrecht erhalten, während ein anderer Teil einer völlig konträren Ansicht ist. Das verschiebt das Problem allerdings bloß, da das handelnde Subjekt am Ende ja integer sein und sich für eine Handlung entscheiden muss: Schokolade, oder nicht? Gott, oder nicht?

A Tiny Grain Of Faith?

Der neueste THE OCEAN-Song auf dem Album. Zu hören ist meine Ex-Freundin Sheila Aguinaldo. Die Kleine hat eine bezaubernde Stimme, und ich wollte schon immer mit ihr Musik machen, das hat aber zeitlich nie hingehauen. Als ich das Stück schrieb, dachte ich an Beth Gibbons. Die war aber nicht verfügbar, deshalb rief ich Sheila an, und wir nahmen das Ding in einer halben Stunde auf.

Box-Sets?

Heliocentric und Anthropocentric gehören zusammen, auch wenn wir sie getrennt veröffentlicht haben – die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Menschen ist eben recht gering heutzutage und wir dachten, dass wir unseren eigene Songs nichts gutes tun würden, wenn wir alles auf einmal veröffentlichen.

Die Box-Serie, die ich über PELAGIC RECORDS veröffentliche, stellt den Zusammenhang wieder her, beide Alben zusammen in einer hübschen, mit Silberfolie kaschierten Schachtel, 4 CDs oder 4 Vinyl… Das Ding ist trotz des relativ hohen Preises, der wiederum dem ultraaufwendigen Artwork geschuldet ist, ein Riesenerfolg gewesen. Wir hatten sehr viele Vorbesteller, aber es gibt noch ein paar Exemplare bei www.pelagic-records.com/shop.

Vinyl?

Das beste Format für Musik!

Wille zum Untergang?

Das ist ein Nietzsche-Zitat, Tugend ist Wille zum Untergang hat der gute Mann gesagt. Der Song an sich ist allerdings ein Instrumental.

FRICTION FEST?

Es war sehr geil, wir haben durchweg positives Feedback von Besuchern und Bands bekommen und deshalb wird es auch dieses Jahr eine zweite Auflage des Festivals geben: Vom 21.-23.4. im Berghain. Wir haben uns mit Berlins wohl bekanntestem Club für elektronische Musik verbündet und sind sehr froh, dass wir das Berghain von unserem Konzept begeistern konnten. Das Berghain nutzt den kommerziellen Erfolg seiner legendären Parties auch dafür, um experimentelle Konzerte durchzuführen. So haben bereits SUNN o))) im Berghain gespielt und im Dezember SHRINEBUILDER. Das Berghain ist die ideale Location für ein FRICTION FEST: Nicht bloß, weil wir diesmal auch Reibung zwischen Gitarrenmusik und elektronischer Musik erzeugen wollen, sondern auch, weil das dortige Soundsystem deutschlandweit seinesgleichen sucht. Die New York Times hat das Berghain vermutlich auch deshalb den besten Club der Welt genannt. Es gibt eine sehr positive Atmosphäre der Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Bands stehen derzeit noch keine fest, aber wir wollen bereits Ende des Jahres Tickets anbieten. Mehr auf www.frictionfest.com.

Live-Action?

Bei einer Show im Juni in der Slowakei habe ich mir zum dritten Mal eine Platzwunde am Kopf zugezogen, die anschließend genäht werden musste – mitten in der Nacht in einem slowakischen Krankenhaus. Ich bin von der Bühne gesprungen und dabei mit meinem Schädel am PA-Lautsprecher hängengeblieben.

Louis Jucker?

Wir nennen ihn den Juden, obwohl er kein Jude ist und wir natürlich auch kein Problem mit Juden haben. Ich weiß gar nicht wo das herkommt, glaube Jona fing irgendwann damit an und ich glaube, dass es sich auf seine lockige Haarpracht bezog, aber Sinn macht es nicht wirklich. Jedenfalls ist er seither der Sündenbock für alles und grundsätzlich Schuld an allem, bloß weil er der Jude ist 😉 Wir sind völlig un-PC und lieben latente rassistische Witze über Schwule, behinderte jüdische Rollstuhl fahrende Schwarze zum Beispiel.

ANATHEMA?

Wir wussten nicht was wir von der Tour mit ANATHEMA erwarten sollten: Die sind ja heute eine ganze Spur ruhiger und introvertierter. Wir dachten, dass deren Fans uns mit Tomaten bewerfen. Das war aber nicht so, die Tour lief überraschend gut für uns, wir sind super angekommen und es zeigte sich dass das Publikum sehr aufgeschlossen war für unseren Sound. Wir hatten uns gerade von THE DILLINGER ESCAPE PLAN einen Monat lang jeden Abend den Arsch versohlen lassen und plötzlich waren wir die harte Band auf dem Billing – das war sehr cool.

METAL BLADE?

Wir sind zufrieden mit ihrer Arbeit und haben unseren Vertrag mit ihnen verlängert.

Asslickers, Inc.?

Do you remember that certain afternoon
when you were a kid
and your dad put his hands on your shoulder and said:
Son, if you wanna make it big,
you´ll have to lick many asses…
be sure to pick the right ones,
but don´t be too picky
I don´t envy you, I have to say
most of those asses are not even shaved

Das ist ein Song über gewisse Leute in der Musikindustrie. Es war cool mal ein Lied ganz ohne Alben-Konzept-Kontext und einfach über ein Thema was uns als Menschen und als Band immer wieder betrifft zu schreiben.
Der Track ist auf der französischen Falling Down-Compilation veröffentlicht worden. Wir werden den Song voraussichtlich nächstes Jahr in irgendeiner Form zusammen mit The Grand Inquisitor IV: Exclusion From Redemption über PELAGIC RECORDS einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Ehemalige Bandmitglieder?

Die Spanne reicht von guten Freunden mit denen ich regelmäßig Bier trinke, wenn ich in Berlin bin und die zu jedem unserer Konzerte kommen, bis hin zu Arschlöchern mit denen ich nicht mehr rede. Letzteres beschränkt sich aber auf ein bis zwei Ausnahmen.

OPETH?

Gute Band. Die Tour mit ihnen war hart und anstrengend für uns, aber das lag weniger an der OPETH, als an der Crew und den Umständen für uns. Es waren die größten Shows, die wir bisher gespielt haben, und es ist schon cool, jeden Abend vor ein- bis zweitausend Leuten auf die Bühne zu gehen. Letztendlich sind mir aber etwas intimere Clubshows lieber.

Catchy Songs?

Why the fuck nicht auch mal… Einen guten, eingängigen Song zu schreiben ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Wenn es aber dann zu catchy ist, wird´s mir schnell zu langweilig.

Robin Staps?

Unter diesem Namen wurde ich geboren. Es gibt etwa 72 andere Staps in der Republik, die nicht zu meiner Familie gehören. Ich habe also keinerlei Illusionen, einzigartig zu sein.

Anthropocentric?

Mit Anthropocentric wollten wir ein Album machen, bei dem die neue Kernband im Vordergrund steht. Heliocentric war sehr ausufernd und orchestral, diesmal wollten wir darauf verzichten und sehen, wie THE OCEAN 2010 ohne all dies klingt, einfach als Rockband mit Schlagzeug, Bass, Gitarre und Gesang. Das lag auch daran, dass die Songs auf Anthropocentric nicht nach großen Instrumentierungen verlangten, das hätte aufgesetzt gewirkt. Das heißt nicht, dass wir uns von unserer orchestralen Seite künftig abwenden wollen, es ist einfach ein anderer Ansatz, und man muss es für sich selbst und seine Fans spannend halten und immer mal was anderes machen. Im Prinzip ist das, was wir jetzt gemacht haben, derselbe Ansatz, den wir schon mit Aeolian verfolgt haben: Reduktion aufs Wesentlichste. Dass Anthropocetric trotzdem völlig anders klingt als Aeolian zeigt, wie sehr sich diese Band in den letzten vier Jahren entwickelt hat.

Heliocentric?

Die Spanne der Reaktionen reicht von euphorischen Liebeserklärungen bis hin zu Briefbomben-Androhungen. Das Album polarisiert enorm, ich finde das gut. Wir haben auf der gegenwärtigen Tour viele Leute getroffen, deren erster Kontakt mit THE OCEAN Heliocentric war. Auf der anderen Seite konnten manche Fans unserer härteren Alben mit den Klavierstücken oder dem cleanen Gesang nichts anfangen, was ich auch durchaus verstehen kann. Das ist doch kein Metal mehr, habe ich hier und da gehört. Ist es auch nicht – so what? Wir haben uns nie als Metalband gesehen und haben uns seinerzeit bewusst einen Namen ausgesucht, der es uns ermöglichen würde, stilistisch machen zu können, worauf immer wir Bock haben. Wenn jemand nun ausschließlich Metal hört und alles andere Kacke findet, ist das sein gutes Recht, dann sind wir halt die falsche Band für ihn. Wenn man genau hinsieht, sind das immer dieselben Meckerköppe gewesen, die nichts Besseres zu tun haben, als den ganzen Tag in Foren abzuhängen und Scheiße zu labern. Das interessiert mich nicht. Live schlagen die Heliocentric Stücke jeden Abend ein wie die Bombe auf dieser Tour.

Klassische Instrumente?

Werden immer Bestandteil von THE OCEAN-Alben sein und bleiben, auch wenn es auf Anthropocentric weniger davon zu hören gibt.

Luc Hess?

Luc ist glaube ich der netteste Mensch, den ich kenne. Das ist total ätzend, besonders wenn man ihm auf die Fresse hauen will. Das kommt auch bei netten Menschen vor, muss wohl an mir liegen. Luc hat nur schlechte Laune, wenn er Auto fährt. Dann kann es allerdings passieren, dass er stundenlang flucht, bis alle im Bus sich die Ohrstöpsel tief ins Hirn gesteckt haben.

Dostojewski?

Bin großer Fan, habe mir sogar sein Geburtshaus in St. Petersburg angeschaut! Ich bewundere Dostojewskis Fähigkeit, mit sehr einfachen literarischen Mitteln ungeheuer komplexe Zusammenhänge zu erzählen und die verwobensten zwischenmenschlichen Beziehungen mit einfachstem Vokabular verständlich zu machen. Dabei gelingt es ihm stets, seine Charaktere in ihrer Verkorkstheit immer noch einfühlsam darzustellen. Das ist großes Kino.

Christentum?

Bin nicht so großer Fan. Anthropocentric setzt die Kritik am Christentum fort, die wir mit Heliocentric begonnen haben. Der Mensch im Zentrum des Universum, wie es viele Hardcore-Christen heute noch sehen wollen, ist das übergeordnete Thema. Wir sind bei den beiden Alben gewissermaßen anti-chronologisch vorgegangen: Eigentlich hätte ja Anthropocentric das erste Album sein müssen, gefolgt von der aufgeklärten heliozentrischen Sichtweise. Wir haben es umgekehrt gemacht, weil wir mit Anthropocentric darauf anspielen, dass es heute, über 400 Jahre nach der heliozentrischen Wende, immer noch weit verbreitete Glaubensströmungen gibt, die den Menschen im Zentrum des Universums sehen wollen und sich auch dementsprechend verhalten, beziehungsweise daraus die Rechtfertigung ableiten, mit der Erde umzugehen wie mit einem Wegwerfartikel. Ich sehe im Christentum die ursprüngliche und noch heute fortwirkende Ursache für diesen Anthropozentrismus. Das Christentum ist eine Handlungsanweisung zur Selbstzerstörung.

Songwriting 2010?

Ist immer noch ein sehr intimer Prozess für uns. Ich schreibe meine Songs, Jona und Louis schreiben ihre, dann spielen wir uns den ganzen Salat vor und zerreißen uns gegenseitig in der Luft oder fallen uns in die Arme. Aber jeder schreibt Songs für sich, im stillen Kämmerlein. Die Rohstrukturen zumindest, natürlich wird dann im Studio oder Proberaum noch mächtig daran gefeilt.

The Almightiness Contradiction?

Ein weiterer Song, der das Theodizee-Problem thematisiert: die Annahme, dass Gott existiert und die drei Eigenschaften in sich vereint, die Christen ihm gerne geben würden: Allmächtigkeit, Güte und Allwissenheit. Das führt zu einem unlösbaren Widerspruch, denn dann dürfte es kein Übel auf der Welt geben – denn wenn Gott gütig wäre, würde er alles Übel verhindern und wenn er gleichzeitig allmächtig wäre würde er das auch vermögen. Empirisch kann man aber wohl kaum leugnen, dass es Dinge gibt, die jeder Religiöse als Übel bezeichnen muss, Ivan gibt in Die Brüder Karamasow viele grausame Beispiele. Daran haben sich viele Philosophen und Theologen die Zähne ausgebissen.
Dawkins fügt ein weiteres Argument hinzu: Wenn Gott allwissend wäre, wüsste er immer, wie die Zukunft aussieht und was er als Nächstes tun müsste, um den Lauf der Dinge zu verändern – aber würde er tatsächlich eingreifen und den Lauf der Dinge verändern, dann würde das sein eigenes Wissen über die Zukunft unwahr machen. Sprich, seine Allmächtigkeit ist nicht mit seiner Allwissenheit vereinbar.

Übernachtungsmöglichkeiten?

Es ist ein ziemlicher Aufriss gewesen, für die beiden Support-Touren, die wir jetzt gespielt haben, die Übernachtungsmöglichkeiten zu klären. Wir hatten kein Budget für Hotels und mussten uns also was einfallen lassen. Wir haben dann überlegt, wen wir in welcher Stadt kennen und die Leute alle im Voraus angeschrieben. Dabei ist mir aufgefallen, dass wir nach all den Jahren wirklich in beinahe jeder europäischen Stadt Freunde haben. Wir haben in zwei Monaten Tour mit THE DILLINGER ESCAPE PLAN und ANATHEMA nur zweimal ein Hotel buchen müssen. Nach zwei Monaten reicht es dann aber auch: Jonas Rücken ist nach der Tour völlig im Arsch gewesen. Es gibt halt mal Betten für alle, meistens aber nur so zwei bis drei, um die sich dann alle prügeln. Der Rest pennt auf dem Boden oder auf Luftmatratzen, was nach zwei Monaten keinen Bock mehr macht.

Tätowierungen?

Finde ich offensichtlich ganz gut. Die meisten Tätowierungen sind hässlich. Ich habe mit meiner ersten Tätowierung gewartet bis ich sechsundzwanzig war, weil ich wirklich sicher sein wollte dass ich es nicht bereue werde und weil ich mir einen Künstler leisten wollte, bei dem ich wusste dass es gut wird. Total miese Tattoos können aber auch ihren Charme haben, wie bei meinem EARTHSHIP-Kollegen Jan, der lauter hässliche Flammen, Würfel, Noten, Herzen und Shout At The Devil auf seinen Unterarmen verewigt hat.

Letzte Worte?

Das klingt so nach Todesnähe. Soweit bin ich noch nicht.

Foto: (c) proghippie.com